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Jüdische Volksstimme · 1919-10-24 · Heft 31 (24.10.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 31 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fahr«. XX, Nummer 31 OL lldislhe Dlllksjtimme halbjährig ..Kronen 15 60 gan-iährig ... 1.. Kronen 30•— Deutschland, ganzjährig.. Mark 20 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12׳ — Balkan, Frankreich.. . , Frank» 24•-־ Herausgeber: Max Hickl< ■---—-------M Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse L Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Lcjpztß Inserate: der 6-spqltige Zentimstervaum 2 Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht.,ono» rtert. — Manuskripten ist.Rückporto beizufügen. v-—--־-* Wien—Brünn 24 Oktober 1919. 30. Tlschrl SOSO. Prag—Lemberg. Zur Teschnersrage. Seit Mitte April dieses Jahres datiert fye bereits chronisch gewordene Teschnerfrage. 8lls int Frühjahr die ersten, schütteren Nachrichten von den Pogromen aus Polen zu uns drangen, da empörten sich die jüdischen Gemüter und man schwor Rache dem neuen polnischen Staatsgebilde, bei dessen Gründung auch Juden leider unter den Lobsängern zu finden waren. Alles schaute nach Versailles, denn dorther soll doch das Heil der Menschheit kommen. Die Friedenskonferenz, so glaubten wir Juden oder zumindest ein Großteil unter uns, wird sicherlich Nemedur schaffen in dem von ihrer Gnade und Sanktion abhängigem Staate. Doch nichts dergleichen geschah; vielmehr ward den Polen zum Lohne und den Juden zum Hohne T e s ch e n ausgeliefert. ' Nun ging ein Entrüstungsschrei durch alle tschechoslovakischen Blätter. Nun ging es über die Polen her, als einige Tausend ״Wasserpolacken" .ihnen ausgeliefert' werden sollten; wenn kurzvorher Juden in die Zehntausende niedergemetzelt und gebrandschatzt wurden von einer blindwütigen und tollgewordenen polnischen Soldateska, der gegenüber die Greueltaten Hes Ataman Bogdan ^Chmielnicky ein Kinderspiel waren, da fand sich kein nichtjüdisches Blatt — die ״Juden- "Mtier" "nicht ausgeschlossen, das gegen polnische״ Wirtschaft aufzutreten, den Mut gehabt hätte. Jetzt aber beweint die ganze tschechoslovakische Presse den Verlust Teschens. Jetzt weinen die ״Lidove Noviny", es weint der tschechisch-jüdische ״Rozvoj", weil tschechische Brüder den Polen übermittelt werden. Wochenlang tagte in Teschen eine Entcntekommiffion, der polnische Stqtionskommandant von Teschen, der frühere Oberst Latinik, war zwar schon in österrcichischer Armee als Pole verschrieen, aber er hat trotzdem als Regimentskommandant des 100. Jnf.-Neg. .dem ״ancien regime" glänzende Dienste geleistet und der Infanterist war ihm ebenso ״Schweinehund", wie jedem anderen altösterreichischen Offizier, und dies!.׳ Oberst Latinik, der sich nach dem Umstürze als ״plukownik" in die polnische Armee rettete, ward plötzlich Feuilleton ״Der Rabbi von Senic." Von einem Rabbiner. Die unter obigem Titel gebotenen, interessanten Reminiszenzen an ״eine Begebenheit aus der Rcvolutionszeit" (1848)-' von Herrn Dr. ^yeodor Haas, Brünn, die mir erst dieser Tage zu Gesicht kamen (״Jüd. Bolksstimme" 1910, Nr. 26), erscheinen nach folgender Richtung hin ergänzungswürdig: Der besagte ״Rabbi von Senic" war der daseibsi Jahrzehntelang wirkende R. Fuda Aszod, Autor der Responsen ״Teschuwaus M'harja", Jehuda ja'leh, erschienen Lemberg 1873, der nachmals bis zu seinem Tode^in Duna-Szerdahely wirkte. Zahllose berühmte Männer, unter anderen der amerikanische Rabbiner Dr. Zsold, der Augsburger Dr. Groß, der Stuhlweißenburger Dr. Steinhardt, Dr. Ehrentheil, Horzitz und viele andere saßen ihm zu Füßen. Worin beruhte die Bedeutung dieses Großen in Israel? Zunächst in seiner immensen, talmudisch-halachischen Gelehrsamkeit. Er war Lieblingsschüler R. Mordechai Benets, mähr. Landesrabbiners, der, selbst ein Ungar, eine große Schaar ungarischer Talmuhjünger um sich vereinigte. Juda AsK)dZ galt schon in jungen Jahren als ״der größte Maßmid" dieses seines Mei- Oerbreitet Herr und Gebieter Teschens, aus dem er zu Kriegsbeginn als simpler Stabsoffizier gezogen war; als tschechische Legionäre in Teschen einzogen, als man noch hoffte, daß wenigstens Teschen gerettet würde, nachdern man bereits hat Bielitz aufgeben müssen, da verschwand Latinik, um dem Ententekommandanten Platz zu machen. Was tat nun die Kommission? Sie konferierte, intervenierte, untersuchte Straßentafeln, Firmenschilder, besuchte sogar den Friedhof, um sich zu überzeugen, ob tatsächlich mehr Tschechen denn Polen in Teschen wohnten und kam zu keinem Resultat. Denn das teschnerische Volk ist nicht polnilcs׳ nicht tschechisch. Nahe verwandt mit den slovakisch-.n Gorallen, würde ich sie ebenso als Abart des slawischen Stammes ethnographisch einschätzen, wie die »Valachen" in Mähren; noch zu Zeiten Maria Th er» s i a s und Jos e f s wurde Ostschlesien, als Böhmischschlesien von den Kanzleien bezeichnet. Die Bewohner des Teschner Gebietes sprechen einen Dialekt, der von Tschechischem ebenso weit entfernt ist, wie vom Polnischen. Es ist ״wasserpolakisch" auch ״ostrauerisch" genannt. Ethnisch genommen sind sie aber doch mehr den Tschechen wie den Polen verwandt. In Gewand, Tracht ähneln sie mehr dem Polen, wie dem ehemaligen ungarifchon ׳Slovaken, denn . ^verbliche. .!.Zsiszwen" ^fah. man in Csasza, aber nicht mehr in Jablunkau; ebenso entfällt der Hunyamantel,׳ die ״Halena", ein unentbehrliches'Kleidungsstück aller Slovaken. Die Lebensweise, die Bauart der Häuser, die Farbenzusammensteung nähert sich׳ jedoch mehr den schlesischen Tschechen Westschlesiens, wieja der Bewohner des Teschnergebictes mehr industrielle Arbeiter sind, denn agrarische, denn die ganze Frage dreht sich ja letzten Endes um das Kohlenrevier. ' Weil in sagenhaften Zeiten Teschen von polnischen Masten erbaut fein soll, von welcher Tat noch der Dreibrüderbrunnen in Teschen Kenntnis gibt, daraus will doch hoffentlich die Entente nicht den Anspruch auf Stadt und Gebiet den Polen zusprechen, denn das wäre doch kein Selbstbestimmungsrecht mehr. Sicherlich sters, was ihn auch der Empfehlung des Letzteren an die schon damals ansehnliche Gemeinde Senic (Szemniz) würdig erscheinen ließ. Wie oft hörte der Schreiber dieses den Wiedcrhall der Verehrung für diesen ״heiligen Mann" aus dem Munde greiser Männer, ehemaliger Schüler desselben! Wie auch anders? Verkörperte er (R. Juda ASz-.׳" doch das Ideal eines Priesters, wie es der Prophet Maleachi (Kap. 2, 6) zeichnet; ein Engel in Menschengestalt, ganz im Geiste und Sinne seiner ebenbürtigen Zeitgenossen: R. Moses Szoffer (Chassam Szoffer), R. Wolf Lewi (Schaare Torah). Die von Herrn Dr. Haas geschilderte Errettung der Senicer Gemeinde durch das Gebet ihres Rabbi iR. Juda Aszod) bietet gleichsam das getreue Echo der ehrfürchtigen Stimmung, das noch während meiner Knabenze^t in besagter Gemeinde nachhallte. Noch klingen mir die Worte im Gedächtnis, die jene zum Plündern bereiten Bauern der Umgebung den Leuten, auf deren Frage, warum sie (die Bauern) so plötzlich davongelaufen feien erwidert haben soollen: ״Stari Rabbin sme vidili", den alten Rabbi (nämlich den Vorgänger R. Juda Aszods: R. Gekev Sinnreich) haben wir "von seinem Grabe emporsteigen gesehen. Hingegen erfordert die Bezeichnung N. Juda Aszod als ״greisen Rabbi" einer Berichtigung. Sein ״wallendes Silberhaar und weißer Bart" als etwaige vorzeitige Alterserscheinung mag wohl gelten, keineswegs aber sein ״Greisenalter". R. Juda Aszod war in Aszod im Jahre die ..Wlrcbe 0s!> wünscht die Teschner Bevölkerung, die deutsche, die jüdische eher den Anschluß an die tschechoslovakische Republik, denn, an Polen, weil ja verkehrstechnisch, handelspolitisch dieses Gebiet mehr zur Tfchechoflovakei gehört, als zu Polen. Schon der Umstand, daß tzie Kaschau-Oderbergerbahn bei Lonkau tschechisches Gebiet verlassen muß, um es hinter Jablunkau wieder zu ge- Winnen, eine Strecke die in Friedenszeiten 1 bis 2 Stunden lang war, gemessen an der Schnelligkeit und er Art der verkehrenden Züge, ist solch' Ungeheur, solcher Faustschlag jedem Verkehr ins Antlitz, wie es nur vorgekommen ist im heiligen römischen Reiche der deutschen Nation von anno da zumal. Wie kommt es denn aber dpch dazu, daß dies Gebiet die Polen für sich reklamieren? Ein Ueberbleibscl der altösterreichischcn Sprachenstreitigkeiten. In Kar- Win, Dombrau, Orlau — von Hruschau, Michalkowitz Herzmanitz nicht zu sprechen — war feit zwei Jahrzehnten ein Schulstreit entstanden, der zu "Gunsten der Polen oft entschieden wurde, weil sich Mähr.» Ostrauer Polen, mit Dr. Wladimir Seidl, bei den Wahlen für die Deutschen einsetzten. Die Polenführer Pater L o n d z i n. und Konsorten sorgten mit der allpolnischen und polnischen Volkspartei dafür, daß fleitzig polonisiert wurde. Es ist eine Fabel, daß polnische Arbeiter, angestellt wurden. Weil sie kleinere Bedürfnisse hätten, denn der Arbeiter war aukochthon, und arbeitete beim Grafen Larisch und dem ״glorreichen" Erzherzog Friedrich, der sich zu Kriegszeiten Herzog von Teschen nannte — dem Erzherzog, der unter dem Namen Marquis Gero berüchtigt wurde, als vdr zirka 16 Jahren der Postbeamte Vaschek (unter dem Pseudonym Petr Bezrucz bekannt) die Leiden des Teschner Volkes schilderte. Bezrucz weinte sich förmlich die Augen aus dem Antlitz, wies in allen Gedichten auf die gefährliche Polonisierung hin, aber die damaligen Tschechenführer hatten nur Interesse für. Straßontafeln in Czaslau, und für den Nqchtwächterposten in ׳N a ch o d. So blieb dqs Teschner Volk den Tschechen^ ebenso wie ihr Sänger Peter Bezrucz eine ״terra incognita". Man schaute ruhig zu, wie eirt Zweig des 1741 geboren und starb in Duna-Szerdahely 1866 (1. Leop. Grünwald: Peere Chachme Medinoffenu, M. Sziget 1016). R. Juda Aszod war darum zur Zeit unserer Begebenheit höchstens 67 Jahre alt. Eine ganze Reihe von Legenden knüpfen sich noch ab seine Senicer Wirksamkeit, namentlich während des sturmbewegten 48. Jahres; so das Faktum des Bäcker- Meisters Reich, der an einem jener schreckensvollen Tage ins Zimmer unseres Rabbi eindrang, dort mit der Hand auf den Tisch aufschlug, die Worte ausrufend: ״Die Juden müssen hinaus!" Der Rabbi beruhigte seine zagende Umgebung mit den vertrauensvollen Worten: ״Ich bin Muvtach, er wird mit der Hand nicht mehr auf den Tisch aufschlagen." Der Mann büßte tatsächlich nachmals seine rechte Hand ein. Und so sah ihn der Referent noch nach Jcchren, den, Armstumpf im Rockärmel, menschenscheu dahinschleichen. Bon dem klugen Humor unseres Rabbi spricht aber dessen ׳ Abschiedsrede vor seinem Scheiden aus Senic, deren Gegenstand die sich regende Reformsucht in der zu verlassenden Gemeinde bildete und welche, namentlich von einem der angesehensten Männer inszeniert wurde. In der damals üblichen urbanen Predigermanier erzählte er seinen bewegten Zuhörern: Es war einmal ein Hirte, der liebte seine Herde. Als er sie verlassen sollte, da weinte diese. Er aber tröstete sie: Ich gehe wohl fort von Euch, aber ich hinterlafse Euch einen — Hund und wenn Euch Gefahr drohen sollte, dann wird er — bellen und ich werde es hören und Euch reiten.

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