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Jüdische Volksstimme · 1919-10-15 · Heft 30 (15.10.1919) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 30 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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0 ׳•«*.־»£ Nr.;0י sektion: Spb. Dr. Spitz. Für die Schwimmsektion: Otto Piovaty. Die Aufstellung von Hokey-, Lawn-TenniS- und Leichtathletiksektion wird beschlossen. Die Versammlung hatte einen würdigen Verlauf und wurde unter Absingung der Hatikwah und des Turnerliedes geschloffen. Einlaufstelle für Korrespondenzen an den 1. Schriftführer, und Preffereferenten: Tb. Otto Breda, Na ponavce Nr. 81. Gesinnungsgenossen Brünns! Der neugegründete jüdische Gesangsverein ..Esra״ hat sich die Pflege des Chorgesanges mit besonderer Berückfichtigung jüd. Kunst zur Pflicht gemacht 1׳ld obliegt feit mehreren Monaten eifrigen Proben. Am die Basis dieses Vereines zu vergrößern, werden stimmbegabte jüdische Männer und Jünglinge ersucht, demselben beizutreten. Freiwillige Mitgliedsbeiträge. Anmeldungen jeden Mittwoch und Samstag von halb 8 .bis 10 Uhr abends im Gebäude des lleir.en Tempels, Kolischtie 11, im Hofe links oder schriftlich an den Schriftführer des Vereines Herrn Oskar Hahn, Brünn, Krapfengaffe 10. Brünn. Der »Verein Theodor Herz!" veranstaltet am Sonntag, den 10. d., in der Schwechater Bierhalle eine SimchaSyo'/Xlfeier mit anschließendem Tanzkränzchen. Gäste willkommen. -Brünn. Bibelschule für Knaben und Mädchen Adlergasse 9. Die Einschreibungen finden täglich von 6—6 Uhr abends statt. Jüdische Eltern schicket Euere Kinder in die Bibelschule. Ayerespoackeazea. Karlsbad. Dem hier zur Kur weilenden bekannten Führer der Schweizerischen Agudas Israel Orgänisation!tz. E. Botschko aus Basel haben wir zu verdanken, daß auch hier ein Agudas-Jsräel-Beroin ins Leben pcrufen wurde. Trotzdem vor und während des Krieges eine beträchtliche Anzahl frommer Familien aus Galizien sich hier niedergelaffen haben, gelang es doch bis jetzt nicht, sie zu sammeln.und unter einer Fahne zu organisieren. Dagegen gibt es hier organisierte zionistische Vereine und ein Blauweiß, deren Strom auch manche von unserer frommen Jugend mitreißt. Dank der regen Agitation des Herrn Botschko gelang es uns, am 24. August die hier sich niedergelassenen Frommen Jehudim zu versammeln. Der hier wohnende Rabbi Moses Lifschitz eroffnete die Versammlung mit einer warmen Ansprache ׳ und begrüßte auch die zur Versammlung erschienenen vielen Rabbiner und Kurgäste. Alsdann hielt Herr Botschko ein ausgiebiges, formvollendetes Referat über das Thema »Was bedeutet und bezweckt Agudas Israel". Er gab uns einen interessca» ten Bericht über hie Konferenz in Zürich und über den neuen Umschwung, der seit der Konferenz zu Tage tritt, streifte die Gegensätze der Zionisten und Nguda, informierte uns über die neuesten Zustände in Palästina und an Hand von vielen Zitaten aus Talmud und Midraschim appellierte Herr Botschko an alle thoratreue gesinnten Juden, sich der Aguda anzuschließen. Dem hochinteressanten Vortrage folgte eine lebhafte Debatte, die Viesen gerichteten Fragen beantworteten der Referent meisterhaft. DiL' vom Vorsitzenden Rabbi Lifschitz vorgeschlagene Resolution, in Karlsbad einen Aguda-Jsrael-Vereiy zu gründen, wurde von den zahlreich Versammelten einstimmig mit Begeisterung angenommen. Es wurde ein Vorstand von folgenden Herren gewählt: M. Passenbaum, Präsident, H. Willenfelh, Vizepräsident, M. Fakler, Kassier, P. Nab, Aktuar, M. Berdfeld, Protokollführer. Rabbi Moses Lifschitz beantragte alsdann eine Talmud Thora nach dem Muster der Schlome Emune Israel in Polen zu gründen. Nach einer lebhaften kurzen DiSkuffion wurde die sofortige Gründung der Talmud Thora beschloffen und eine ansehnliche Summe wurde an Ort und Stelle hiefür ge- 'zeichnet. Die Herren H. Witelson, E. Heller und CH. Fakler wurden in die Talmud Thora-Kommission gewählt. Die Talmud Thora ist nun bereits ins Leben gerufen, die von zwei guten Lehrern geleitet wird und in welcher zahlreiche Kinder von 2!'# bis Gemore Unterricht bekommen. Das ist der schönste Erfolg, den unsere Aguda in ihrer Anfangstätigkeit zu verzeichnen hat. ״ . P. Rab. Genf. Eine Anzahl französischer Gelehrter und Schriftsteller, darunter Anatole France und Ernest Lasitte, erlaffen einen Aufruf att alle Parlamente der Wett zu einem Protest gegen die Judenverfolgungen in Osteuropa, die alles überträfen, was zur Zeit des Zarentums in Rußland verübt worden ist. L-nd-n. Chacham'Dr. Gaster protestierte anläßlich der Seffion der »Königlichen Asiatischen Gesellschaft" h, London gegen die Fortschaffung irgendwelcher Altertümer aus Palästina. Er führte aus, daß alles, was sich im Boden des heiligen Landes befindet, heilig sei und mit Achtung behandelt werden muß. Er findet es auffallend, daß während von Kleinasien so gut wie keine Altertümer fortgeschafft werden, die Ausgrabungen in Palästina dauernd nach Europa oder Amerika Ivandern. Er fordert, daß diese für die Geschichte des La und des jüdischen Volkes wichtigen Fundgegcnstände in palästinensischen Museen aufbewahrt werden müssen. London. Der ״Jewish Chronicle" bringt in seiner ״Roch-Haschanoh-Nummer" ein Jnterwiev mit Herrn Dr. Leo Jung, dem Sohne des Oberrabbiners Dr. Jung in London. Dr. Leo Jung weist auf die großar- Ligen Erfolge der von seinem Vater gegründeten Sinai Bewegung hin, die darauf abzieht, das traditionelle Judentum in England zu stärken. Der Londoner Zweigverein hat aber ein imposantes Gebäude als ״Sinai House" erworben, das als Zentrum des jüdischen Lebens im East End bedeutenden Einfluß auf das kommunale Leben ausüben wird. Zu den Mitgliedern der Sinai-Bewegung gehören u. a. Chief Rabbi Dr. Herz, Hohem Dr. Gustav, Rabbiner Kuk aus Jaffa usw. Die Bewegung verfiigt über sin eigenes Organ ״Jtesinaist", das reichhaltiges Material über alle jüdischon Probleme enthält. London. Herr Dr. Leo Jung und Herr Dr. M. Jung Ir., Söhne des Oberrabbiners Dr. Jung, werden in kurzem nach Amerika reisen. Bekanntlich wurde dem Herrn Oberrabbiner die Stelle eines Chief Rabbi in Cteveland, B. S. A., angeboten. Es verlautet, daß die Reise seiner Söhnhe damit in Zusamenhang steht. Jerusalem. Rabbiner Kuk ist hier zum Oberrabbiner der Aschkenasim gewählt worden. Er befindet sich bereits hier. Literatur. Hickls jüdischer Bolkskalenfser für das Jahr 5680 (1919—1920). Jüdischer Buch- und Kunstverlag Max Hickl, Brünn—Wien, 19.-20. Jahrgang. 20 Jahre werden des nun, seitdemder Hickl'sche Volkskalender erscheint. Ein stets gern gesehener Gast. Er bringt jedem etwas. Die Mitarbeiter lauter bewährte, bekannte Gesinnungsgenossen sind Gewahr dafür, daß man dieses Büchlein nicht umsonst liest. Aus der Fülle des Materials seien hervorgehobcn: Prof. Dr. A. Kurrein: ״Ein 1700jähriger Gedenktag." Vor 1700 Jahren wurde in Sura in Babylon die bedeutendste talmudische Hochschule begründet. (219 vor der gew. Zeitrechn.) Begründer der Schule — aus welcher der Talmud babli nach 300jähriger Geistesarbeit hervorgegangen ist — war Rab, einer der letzten Leuchten der Gaon Saadja, des durch sein religionsphilosophisches Werk Emenaus we deaus die jüdische Religionsphilosophie ins Leben rief. Nach 700jährigem Bestände wurde das Lehrhaus im Jahre 942 geschlossen. Dr. Chajim Tartakower beantwortet seinen Aufsatz betitelt: ..Werden wir Palästina bekommen" mit Herzls ״Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen." — Ein ganz besonders interessanter Beitrag stammt aus der Feder Prof. Dr. Max Neuburger: ״Medizinisches aus den Werken des Flavius JosephuS". — Eu-' gen Höflich (Wien) schreibt über.den neu aufstrebenden Volkssozialismus eds Hapoel hazair. — Rabbiner Dr. I. Günzig (Loschitz), der beste Kenner des Chassidismus in der Tschechoslovakei behandelt in einem grundlegendem Aufsatze: ״Israel Baal-Schem der Zweite und Dritte" die Dynastien der chaffidischen Rabbis, von denen besonders der Riziner R.. Israel Friedmann — der dritte Baal-Schem genannt — einnimmt. Rabbi Israel wurde nämlich wegen des Verdachtes, daß er am polnischen Aufstande des Jahres 1831 mitbeteiligt gewesen wäre vom Zaren Nikolaus eingesperrt, unh wollte ihn, entweder in den Kaukasus oder nach Sibirien verbannen. Doch erwirkte dem Rabbi der Fürst Woronzow-Daschkow am Schuschanpurim 1841 die Freiheit. (An diese Begebenheit des Rebbe schließt sich ein jüdisches Volkslied: 2״ Chaffidim", das nach den Hineschen 2 Grenadieren gedichtet und eine Parodie darauf bildet, an. Sollte dem gelehrten Berfaffer dies Gedicht unbekannt sein?) Israel Friedmann übersiedelte post tot diserimina rerum nach Sadagora und ist Begründer der hochberühmten Rabbis von' Sadagora. — Zur jüdischen Geschichte, dem Stiefkinde der rnodernen jüdischen Wiffenschaften, sind 2 Arbeiten gewidmet: ״Jüdische Landtage" von D. Weinbaum (Zürich) (aus einer noch unveröffentlichten Arbeit «Die Lage der Inden in Polen in Vergangenheit und Gegenwart") und von Dr. Nathan M. Gelber (Wien) »Aus dem innerere Leben der jüdischen Gemeinden in Polen um die Wende des 18. Jahrhunderts". Wir hatten Gelegenheit Gelbes »Kattowitzer Konferenz" erst kürzlich zu besprechen und sind diesem Autor dankbar, daß er die stark vernachlässigte jüdische Historie auch diesmal behandelt.- Der Aufsatz stützt sich auf das Aktcnmaterial, das in den »Akti wilenskajo koMisiji dla razbora drcwnych aktow" Publiziert ist, und der Memorials der Wilnacr Judengrmeinde an den König S. PoniatowSky vom 12. Feber׳ 1788, das er im Czartoryski Archiv (Krakau) vorgefunden hat. Wir sehen mit^ Vergnügen den Arbeiten Weinbaums und Gelbers entgegen. Denn die Vicrländersynode ״Waadarba arazoth" ist, trotz der Arbeiten: Dembiher, Wettstein, Levin, Dubnow, Buber, noch immernicht in das nötige Licht gestellt,' wenn auch Dr. Levin Kempens ״Neue Materialien zur Geschichte der Bierländersynode" das beste sind, das auf diesem Gebiete erschienen ist. ״Die Kupferne Schlange", ein Märchen von David Frischmann: aus der Serie: ״In der Wüsie. Biblische Märchen", zeigt uns unseren hebräischen Dichter in aufsteigender Richtung. — Dr. Felix Kanter, der geistreiche Rabbiner aus Zwittau, führt uns in launiger Weise eine ״Unterredung mit' Hamän" vor- Nicht ganz ohne Nutzen legt man den Volkskalender aus der Hand, man gewinnt nur stets die Ucberzeugung, wie wichtig noch viele unter uns selbst Volkskalender lesen sollten, denn es findet sich somancheS Lesenswertes darinnen und auch wir Zionisten haben noch viel zu lesen. Dr. Gustav Kahn., Die Sukkah: Von Mr. K o h a n e, Wien. Die Sukkah soll laut den Vorschriften unserer Weisen so gedeckt sein, daß der Schatten in ihr, mehr sein soll als die Sonne bezw. das Licht. Was die Sukkah symbolisiert? Verschieden sind die Ansichten unserer. Weisen. Die einen sehen darin, ein Abbild des ver! gänglichen Diesseits und seiner Wechsel. Allein würde es nicht besser paffen, wenn wir darin ein Sinnbild des Golus der Wanderung eines Volkes sehen? Woran erinnert sie denn mit ihrem schlechten Bau, aus dünnen unhaltbaren Brettchen zusammengezimmert, welche von jedem ״ruach mezuja", von jedem leiden Windchen erschüttert, wenn nicht zusammengestürzt wird! War cs nicht auch immer so in unserer Geschichte, mit den jeweiligen Aufenthalten unseres Volkes? Wo waren sie bon Dauer? Nirgends! Es hat eines leisen gehässigen Windes gebraucht, und schon war die ״wankende Hütte Dawids", bedroht, wenn nicht völlig zerstört! Viel Schatten' und wenig Sonne! Das ist wiederum ein- Merkmal unserer eigentümlichen Historie! Es ging uns zuweilen auch gut! Wir hatten schon in der Fremde das sogenannte goldene Zeitalter der spanisch-portugifischen Epoche mit ihren Schöpfungen, die beredtes- Zeugnis davon ablegen wie. wohl sich einst unsere Ahnen dort fühlen mußten, wenn sie eine solche Prachtdichtung, eine so produktive Philosophie, welche das ganze zeitgenössische und spätere jüdische und nichtjüdische Mittelalter so nutzbringend befruchtete, hervorbringen konnten. Und wie weit haben Sie es sonst bei Hof und Staat gebracht? Was wurde ihnen nicht andertraut? Das ganze Geschick ihrer Länder! Allein wielange hats gewährt? Und was folgte nach dieser so herrlichen Blütezeit? Furchtbare Verfolgungen, wie sie die Geschichte noch nicht gesehen hat. Die. berüchtigten Autodafes, die 100.000 von unschuldigen Opfern forderten und marterten! Ja all dieses Ungemach unserer Wanderung führt uns die Sukkah vor Augen. Auch die ersten Sukkos waren die Wanderhütten zur Zeit des Auszuges unserer Ahnen aus Aegypten. ״Ki baffukot hoschawti eß bene Jißrael behozii ossam meerez mizraim" (In Sukkot habe ich Eure Ahnen sitzen lassen zur Zeit ihres Auszuges aus Aegypten!)!Pohl saßen unsere Väter in ihrer Heimat eingedenk dieses Wanderlebens in ״Sukkot". Das waren aber nicht ״Sukkot" auf fremden Boden, und aus fremden Material gebaut, sondern * wie es im Talmud heißt «mipssolet goren wajekow" aus Abfällen von Scheune und Kellern. Also zu einer Zeit, wo wir auch, ein glückliches Naturleben führten. Ein solches Leben wieder beginnen zu können, muß unser höchstes Streben sein. Dann wird der Sukkot wieder was er einst w'aik, der wahre ״Zman simchassenu" die Zeit unserer Freude ob unserer Freiheit und unseres mülrraten Glückes! Urieffcaftcn. An unsere Mitarbeiter in Wien. Redakteur Hickk fährt anfangs nächster Woche nach Wien.

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