Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 30 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622062--4118-2625383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nf SO. . »Misch« 8*n«|nns«■ Sntr 3 schauung, die erlebt und gelebt werden mutz (Hamuffar halumi A7 P. D., 2. M) auffatzte, dem jüdischen Volke eine wenn nicht metaphysische, so doch historische Mission zu, — Kohen Wnawi A. P. D., 1. B. — welche Jdeologie eine gwße Oppoffition in der,hebräischen Literatur hervorgerufen hat. Der bedeutendste Wortführer dieses oppositionellen Flügels war Berdyczewski. In den letzten Jahren hat der berühmte.hebräische Essaiist Klatzkin, den! Berdyczewskis Uebermenschentum nicht als Ziel und Aufgäbe des Zionismus vor Augen schwebt, den Kampf lwgen den Achad Haamschen Zionismus von neuem ausgenommen. Der »Jüdische Verlag" Hai nunmehr die im ״Jude" erschienenen und einige neue Aufsätze Klatzkins unter dem Namen »Probleme des modernen Judentums" in Buchform herausgegeben und wir sollen ihm dafür grotzen Dank zollen, datz er hiedurch die grandiose Weltanschauung eines der tiefsten hebräischen Denker und radikalsten Verfechter der jüdischen Renaissanceidce dem jüdischen Leser vermittelt. Ich will nun versuchen, die tiefschürfenden" Gedanken Klatzkins, soweit es im Rahmen einer kurzen Besprechung möglich ist, wiederzugeben. Im Gegensätze zu Achad Haam, der das Reformjudentum auf »äutzere Freiheit in innerer Knechtschaft" zurückführt, sieht Klatzkin in demselben einen vom nationalen Selbsterhaltungstriebe eingegebenen Versuch: ein Jude-Sein ohne Judisch-Sein zu ermöglichen und schreibt dem liberalen Judentums das Verdienst zu, das jüdische Bewußtsein auch nach Erschütterung des jüdischen Seins erhalten und die Krise des Judentums hinausgcschoben zu haben. Der unbewüßte Willeeinen neuen Daseinsgrund für eine Weiterexistenz einer jüdischen Gemeinschaft nach Abschüttclung der Religion zu finden, mutzte im Zeitalter der ״Aufklärung" zu einer Ausschaltung der nationalen Farnen und Sat-' zungen aus dem Judentums und zu der uns bekannten Definition über das Wesen pes Judentums — MonotheiSmus, Sittlichkeitslehre, Optimismus usw. führen. Da aber ein Lchrinhalt keine nationale Bindung und Begrenzung hat und kein nationales Differenzicrungsmoment abgeben kann, mußte die Ideologie des liberalen Judentums den nationalen Willen aushöh len und die Assimilation begünstigen, ungeachtet dessen, datz diese Ideologie ׳ ursprünglich vom nationalen Selbsterhaltungstrieb diktiert war. In dem Achad Haamschen/Zionismus sieht Klatzkin die Ideologie des liberalen Judentums fortwuchern, da Achad Haam das Judesein an das Erleben und Le-, ben des prophetischen Judentums knüpft und bindet. Klatzkin lehnt es aber ab, eine nationale Wertung, wie es der jüdische Prophetismus zweifelsohne ist, zu einem nationalen Kriterium zu prägen, da man konsequenterweise das religiöse Judentum,' das in sich große nationale Werte birgt, zum nationalen Kriterium erheben 'müßte. Nicht das Nationalitätserleven eines Lehrinhaltes einer Ideologie — nationale Wertung — sondern das Erleben der historischen Nationalgüter wie Erez Israel und hebräische Sprache — historische Gebundenheit, — gepaart mit dem historischen Willen zur Gebundenheit und zur jüdischen Gemeinschaftsbildung für alle Zukunft, bestimmen unsere Nationalität und bilden das nationale Kriterium. Klatzkin zerstört sodann das Dogma von der Unassimilierbarkeit der Juden und ist einer der radikalsten Verneiner des Galutjudentums und begründet seine Verneinung mit der Erschütterung der Grundfesten der jüdischen Religion und deren Satzungen, da einzig und allein die Satzungen und nicht die Ideologie der jüdischen Religion es wären, die die Juden als Hollektivum vor dem Untergänge in der Diaspora bewahrt haben. Klatzkin bricht ganz mit der Haskala-Jdeologic und sagt: wir sollender Geschichte Dank wissen, daß der Prophetismus von dem Rabbinismus abgelöst worden ist. Mit der Abbröckelung des rabbinischen Judentums vermindert sich der Antagonismus der Nichtjuden den Juden als Fremdkörper und der Wegfall dieses kulturell-nationalen Antisemitismus einerseits uyd der kulturelle Aufstieg der Nichtjuden andererseits, wird die Assimilation der Juden in der Diaspora, mit Ausnähme einer kleinen Elite, bewirken. Die Hoffnung, die man auf die Ausstrahlung des Zentrums in Palästina setzt, ist eine trügerische Jllufion, da Palästina nur in der ersten Periode des Wer-. denS und Erwachens, nicht aber in der Periode der Krystallisierung des neuen Lebens, eine belebende Wirkung auf die Peripherie ausüben wird. Allein auch in der Periode des Werdens wird sich der Einflutz Palästinas nur auf eine geringe Zahl voll Idealisten beschränkten, denn der Durchschnittsjude erliegt dem Einflüsse des Milieus, dem er lebt, und ist einer Beeinflußung eines Milieus antzerhalb seiner alltäglichen Lebenssphäre unzugänglich. Klatzkins Ansicht über die Wirkung des geistigen Zentrums in Palästina auf die Diaspora differiert von der allgemein üblichen soweit, datz er die etwas kühne Behauptung aufstellt, Palästina wird durch seine Normierung eines Jude-SeinS dem normlosen Scheinjudentum in der Diaspora den letzten Todesstoß versetzen und eine Vollaffimilation besiegeln. Trotz seiner radikalen Verneinung des Galutjudsntu ms und der strikten Ablehnung des Galutnationalismus bejaht Klatzkin in Hinblick und Hinziel auf die Wiedergeburt im Lande der Väter die Galutarbeit uidie Erhaltung eines national noch so gebrechlichen Judentums in der Diaspora. Er verlangt aber den heroischen Entschluß, sich im Galut als Fremdvolk mit allen damit verbundenen Nachteilen zu betrachten und fordert die Errichtung und Aufführung von Scheidewänden jeglicher Art, die uns ein nationales Ghetto in der fremden Umwelt erhalten können. Klatzkin ist sich wohl dessen bewußt, daß diesen Heroismus nicht die Allzuvielen der Viertel- und Halbziouisten aufbringen können, sondern daß dies die Sache einer kleinen Gemeinde von Idealisten und Fanatikern ist und an diese Elite appclliereen seine mit beispielloser Wärme und grenzenloser Liebe zum jüdischen Volke geschriebenen Aufsätze: .,Die nationale Rechtslage der Juden", ״Die Aufgabe des Unterwegs" und die ״heroische Existenzform" und es ist zu hoffen und zu wünschen, Paß diese Aufsätze einen neuen ״Bne Mosche" Bund aller Großen und Edlen im zionistischen Lager zum Zwecke der Wiedergeburt des jüdische Volkes und der Reinigung des Zionismus von den Schlakken des Pseudonationalismus der Missionszionisten aller Schattierungen ins Leben rufen werden. In Anbetracht des Umstandes, daß die Verwirklichung des Zionismus in nächste Nähe gerückt ist, welche Verwirklichung, um mit Bergmann zu sprechen. Triumph oder Untergang des Judentums bedeuten kann, ist es jetzt notwendiger als je, eine scharfe und unverwischbare Grenze zwischen einem Vollnationalismus von national verwurzelten Zionisten und einem Pscudouationalismus von entwurzelten und anation״'- MenschheitS- und Menschentumszionisten zu ziehen und die durch die Haskala eingeleitete und vom Zionismus fortgesetzte Verweltlichung des Judentums mit Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit zu verteidigen und hochzuhalten, denn das Judentum wird entweder weltlich sein oder nicht sein. Von allen bis nun erschienenen.und mir bekannten Auseinandersetzungen mit Klatzkins Ideologie verdient die tieffundierte Arbeit Schlesingers «Zur Bestimmung des Nationaljudentüms" (״Jude" Juli 1919) bei all ihrer Einseitigkeit und Subjektivität, die größte Beachtung und ohne mich diesmal mit derselben eingehend und ausführlich.auseinanderzusetzen, kann ich nicht umhin folgendes zu bemerken. Der Unterschied zwischen dem ״materiellen" und ״formalen" Nationalismus besteht nicht allein, wie Schlesinger meint, in dem Glauben an die Konstanz, sondern hauptsächlich in dem verschiedenen Wollen, und zwar nicht im Wollen der Wiedergeburt und der Neuschöpfung, sondern in bedingter Und unbedingter Bejahung des Zionismus in Hinsicht nationaler und allgemein menschlicher Werte. Bei den Vertretern des sogenannten formalen Nationalismus, ist das Nationale primär und vorherrschend und mögen sie als Einzelindipiduein nach einem Höheren Menschentum streben, als Kollektivindividuen sehen sie in der Existenz des jüdischen Volkes Selbstzweck, auch wenn es nicht Uebervolk und Leuchte der Menschheit sein und werden könnte und bejahen die Verwirklichung des Zionismus auch dann Vorbehalt- und bedingungslos, wenn das ״höhere Menschentum" in Palästina nicht auf seine Rechnung"kommen sollte. Nur die von einer solchen bediügungslosen Unbedingtheit durchdrungenen Zionisten, werden dem Judentume und dem Zionismus für alle Ewigkeit Treue halten, während sehr viele MenschheitS- und Menschentumszionisten dem Judentums und Zionismus früher oder später den Rücken kehren werden, sobald in Palästina zur Verwirklichung ihrer persönlichen Ideale kein Raum sein und das hebräische Volk dort ein nur irdisches Dasein, gleich allen anderen Völkern, fristen wird. Die Stärkung und Züchtigung einer bedingungslosen Bejahung der Wiedergeburt unseres Volkes und dessen Sprache im Lande der Väter, muss minimale, aber zugleich maximale Forderung und Aufgabe des Zionismus sein und diese Aufgabe uns zum Bewußtdes grandiosen Buches von Klatzkin, das dem «al Paraschat drachim" an die Seite gestellt werden kann. Es ist zu hoffen und zu wünschen, datz unserem Volke in Klatzkin ein zweiter Achad Haam erstehen und das er die Gründung eines zweiten ״Bne Mosche"- Blindes raschest in Angriff nehmen wird. _ י ״Morenu wrabenn! Hinnu ki karata Lanul" Lehrer und Meister! Wir haben deinen Ruf erhört und folgen ׳ dir. Berliner Brief. Bon FabiuS Schach. Die Hochsaison des Judentums ist vorüber. Das klingt wie ein frivoler Börsenwitz, ist aber eine bittere Wahrheit. Das Judentum in Deutschland und wohl auch in ganz Westeuropa ist zum Saisonartikel geworden, — mit allen Schattenseiten dieses Be-, griffes. Das. ganze ״Jahr kann man die Juden eher im Theater oder im Konzert zählen, aber nicht in der Synagoge. Nur am Neujahr und Bersöhnungstage merkt man auch im Tempel, wie viel Juden wir haben. Das naheliegende Lachen erstirbt einem auf der Lippe, wenn man bedenkt, wieernst die Sache ist. Nicht, datz man nur, dreimal jährlich das Gotteshaus besucht, ist das Schlimme, sondern die Art, wie man es tut. Man betrachtet das Judentum als eine Last, die doch einmal getragen werden muß, und man sucht, sich diese Last so leicht wie möglich zu mamachen. Die modernen Synagogen Berlins strömen trotz aller Kunst des Architekten, trotz der wunder-- vollen Chöre eine furchtbare Kälte aus. Passiv toie der Tod ist hier alles, und die schöne Ordnung kann das Leben nicht ersetzen. Die Besucher finden sich darin, nicht recht heimisch, sie lassen den Kantor singen und den Rabbiner predigen, — das nennen sie Andacht. Die alte hebräische Spräche besitzt keinen Ausdruck für Andacht, die chaffidische Therminologie schuf das Wort Hitlahawuth, — und die sah anders aus als die heutige Andacht. Es war eine Entflammung der Seele, ein wirkliches Aufgehen, man war ver, eint mit Gott. Diese große religiöse Harmonie läßt sich künstlich nicht hervorzaubern.. Ohne innere Wärme ist eine Andacht nicht möglich. Schlimm ist es, datz es den »aufgeklärten" Juden häufig auch an Taktgefühl in religiösen Dingen fehlt. So haben die Konditoreien in der Nähe der Tempel am Jom Kippur ihren großen Tag und sie sind vön Mittag ab überfüllt. Ja, man darf nicht zuviel verlangen, man fastet einen halben Tag, das genügt. Es fehlt diesen Leuten an Verständnis dafür, datz sie die Gefühle der wirklich Frommen verletzen, wenn sie vom Gotteshause sich in die benachbarte Konditorei flüchten. Manche ganz große. Herren fahren mit ihrem Puto am Rasch Haschana oder Jom Kippur direkt vor der Synagoge vor. Man erweist eben dem lieben Gott die Ehre des seltenen Besuches, genau in derselben Weise, wie man sonst einen hohen Besuch abstattet. Was hilft da, wo das Seelische fehlt, alle tut* Aenderung? Wir haben es erreicht, datz im Ministerium auch der jüdische Kultus durch zwei Referent en vertreten ist. Der eine ist der Rabbiner der separierten orthodoxen Gemeinde in Berlin und der andere der Syndikus der großen Berliner Gemeinde. Gegen, den Rabbiner ist gewiß nichts einzuwenden. Es ist nie ein Fehler, wenn ein Theologe zu fromm ist. Daß aber die Regierung den Rabbiner einer Richtung wählt, die höchstens zehn Prozent der Judenheit zu ihren Anhängern zählt, beweist wieder einmal, wie lässig und unklug die Vertretung der großen jüdischen Majorität arbeitet. Sie tritt bei wichtigen Dingen des Judentums garnicht in die Erscheinung, und ein Nichtjude schließt daraus, daß die eigentlichen Juden doch die Orthodoxen sein müssen. Wer hat sich um die rituelle Verpflegung der jüdischen Krieger im Felde bekümmert? Die Orthodoxie. Wer hat die rituelle Speisung der jüdischen Zivil- und Kriegsgefangenen organisiert? Die Orthodoxie. Wer hat für die Mazzot- Versorgung der deutschen Juden in den letzten vier Jahren sich eingesetzt? Wiederum die Orthodoxie. Es ist also begreiflich, datz ihre Vertreter bei den Behörden das höchste Ansehen genießen. Der zweite Referent im Ministerium ist ein tüchtiger Jurist und hervorragender Verwaltungsbeamter, versieht aber von inneren jüdischen Dingen herzlich wenig, und man fragt sich unwillkürlich: hatte die deutsche Judenheit, der es an Intelligenz doch wahrlich nicht fehlt, keinen Rabbiner oder jüdischen Gelehrten für dieses Amt vorzuschlagen? Npch schlimmer aber als diese Wahl selbst ist die Auffassung des Judentums als Kultus, was es in Wirk- , lichkeit nicht ist, und als Berwaltungssache, was es noch weniger ist. Wann endlich wird sich die Erkenntnis durchringen, daß das Judentum eine große Weltanschauung ist, die das ganze Lebem umfaßt? Untersucht man die Krankheit tiefer, dann erblickt man den Krankheitserzeuger.in der Mnterialisierung des jüdischen Lebens. Man legt überall den Matzstab der Nützlichkeit an, fragt in erster