Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 30 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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e<ntr 2. Attische 0י.י* in die Tiefe gehen, weil die Breite fehlte. -Nur so kannte es feine Eigenart, seinen reinen monotheistischen Geist erhalten. Hätte das Judentum Ansehen genossen, dann hätten sich vielleicht ganze Völker zu ihm bekehrt, und es wäre eine Machtpolitik, eine Kirche daraus ge« woirden, und der ethisch-religiöse Gehalt hätte sich vcrflüchtigt, und der feste Charakter hätte sich verwä"׳ Nur Paradejuden streben nach einem Paradejudentum, schCchtfromme Juden fühlen sich in einer wegen ihrer innern Grütze verkannten Religion am wohlsten, weil sie immer wieder^ für sie kämpfen nzüsscn und so der schlimmsten Gefahr der Erstarrung, entrinnen. Aber, selbst wenn man sich aus den Stand- Punkt stellt, daß das Ansehen eine angenehme Beigabe ist, so braucht wohl nicht erst bewiesen ßu werden. s man.sich dieses Ansehen, bei anständigen ernsten Menschon wenigstens, durch ein würdiges Verhalten und nicht durch dekorative Dinge, durch ״innere Größe und nicht durch staatlichen Schuh am sichersten erwirbt. Denken wrr uns, daß die Trennung von Staat und Kirche in Deutschland durchgeführt worden wäre, daß jeder staatliche Zwang in religiösen Dingön aufhört und die Steucrleistung/zur freiwilligen Sache wird, — so wäre das neue Bild mit seinen Folgen nicht schwer zu zeichnen. Die evangelische Kirche würde furchtbar leiden und ein großer Teil ihrer Anhänger, der׳ auch schon heute nur die Dienstboten in die Kirche schickt, würde ganz fern bleiben. Wäre das ein großes Unglück? Haben wir während des Krieges nicht zur Genüge gesehen, wie cs mit der wirklichen Religiosität dieser fürstlich geschützten Kirche aussieht? Willig fügten sich die Priester und Gottesdiener dieser Kirche den Wünschon eines größenwahnsinnigen Monarchen und sie segneten die blutigsten Orgien und die schamlosesten Lügen im Namen ihres Glaubens. Die wirklich frommen Protestanten, die meistens nur noch in den kleinen Sekten zu finden sind, würden froh sein, mit den offiziellen Vertretern der evangelischen Kirche - nichts mehr gemein zu haben. Der Katholizismus würde wohl äutzerlich verlieren, daß er als Machtfaktor im öffentlichen Leben und in der Politik nicht so stark in die Erscheinüng treten würde. Auch das würde sehr wohltuend auf seine Verinnerlichung wirken, denn die Verschmelzung von Religion und Politik hat den gesunden demokratischen Geist dieses Glaubens verscheucht und hat ihm geistig und ethisch nur geschadet. Eine so festgefügte Kirche, die so fein mit den Instinkten des Volkes vcrschmolzen ist und keine Keime innerer Zersetzung zeigt, kann sich —wie es Amerika zeigt — auch ohne mißern Zwang und Schuh erhalten. Die Stärke des Katholizismus ist nicht die. Steuerkraft, sondern seine großartige Psychologie, seine Wärme, sein Eindringen in die Mysterien Sinnen- und Geisteslebens. Im Judentum werden stur zwei Gruppen vom heutigen Staatsschutz Nutzen -ziehen, die hohle Schablone der Liberalen, die nur vergoldet wird durch Sch'mini azeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag. Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen veränderlich, oft schon empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar, und man mußte Pelze änlegen), hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in der Laubhütte bis zum letzten Tag. Alt und jung, selbst wir Kinder, hielten streng die religiösen Vorschriften ein, so gut verstanden es unsere Eltern, ihre Wünsche und ihren Willen im Hause aufrechtzuerhalten. Nachdem, das Pebet verrichtet, wurde, das nach der letzten Mahlzeit beim Verlassen der Sukke vorgeschrieben ist, wurden die Möbel, Stück für Stück, in^die Wohnung zurückgebracht, und die vor kurzem noch so herrlich geschmückte Laubhütte stand wieder leer und verlassen, ein treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. Jetzt kam der letzte Tag des Laubhüttenfestes ״Simchas-Thora" (Freude über die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzählte man: ״Als die Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie von ihrem Inhalt nur wenig: als sie aber die Heilige Schrift ganz in sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glück und ihre Freude/ Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschätz geworden für alle Zeiten, trotz der Unterdrückung, der Verfolgungen und Demütigungen, die sie erdulden mutzten. Am Simchas-Thora reißt diese Fxeude alle Schranken nieder. Wozu man. sonst nur selten Gelegenheit hat: man sah an diesem Tage betrunkene Juden in den Straßen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich bunt zu. Allerlei Getränke wurden bereitet, die besten Sveisen mutzte die gute jüdische Küche herhalten. Viele Gäste wurden'zu Mittag geladen, die Kinder, auch das Gesinde, erhielten volle Freiheit, und die strenge Disziplin war aufgehoben. Mein Vatersah es ebenso wie den galvanischen Strom der Behörden, und die s ü ddeu.tsche orthodox-blerikale Richtung, die aus der Religion eint: Politik macht. Die hyperliberale Richtung, die nicht leben und nicht sterben kann, weil sie ohne jüdische Wärme ist und sich nur von Rachahmungen und fremden Schablonen ernährt, glaubt, da» durch viel zu gewinnen, daß im Ministerium zwei Referenten für den jüdischen Kultus sitzen. Versteht man unter Gewinn eine Verlängerung der Agonie, dann mögen die Führer dieser Richtung recht haben. Für die Dauer, aber ist damit garnichts erreicht. Diese schlechten Psycholgen, die die Stärke des Judentums gar nicht kennen, sind gewiß nicht dazu berufen, der jüdischen Glaubensgemeinschaft Macht und Ansehen zu verschaffen. Sie haben aus Sport solange reformiert und am Judentum herumgedoktort, bis das Herz seine Tätigkeit versagte. Die stärksten Quellen des jüdischen Lebens, die Verbindung mit der Vergangenheit und der feste Glaube an die Zukunft, sind für sie bereits versiegt. Was soll da der Schein, wo das innere Sein fehlt? Und die klerikale Richtung verkennt, bei aller Opferfreudigkeit, die man gern bctvuudert, die seelische Eigenart-des Judentums. Sie lebt vom Separatismus und von kleinen politischen Künsten. Sie ist erstarrt in ihren neugeschaffenen-Dogmen und schützt häufig die Hülle, wo der Gehalt längst ent wichen ist. Sie mag' gewiß ihre großen Verdienste um das deutsche Judentum haben, aber eine Potenz der Zukunft bildet sie nicht. Solange sie nicht den Weg zum großen Strom des jüdischen Lebens findet, kann! sic kein großer Faktor des Lebens sein. Solange sie jegliche Entwicklung im Judentum negiert, kann sie keinen Einfluß auf die Entwicklung haben. Wo der Stoffivecbsei fehlt, da hilft der äußere Schuh nicht. Diese Nichtung entnimmt ihre Schablone der Zentrumspartei, genau wie die Hhperliberalen ihr Musterbild bei den Evangelischen suchen. Das Judentum aber kann keinen Klerikalismus vertragen, weil seine L.l!ensbcdingungen ganz anders geartet sind. Die schlichten Juden aber, denen ihr Judentum viel zu teuer ist, um damit Parade zu machen, oder mit ihm Politik zu treiben, sehnen sich nicht nach Be- Hörden und Verfassungen, sondern nach Vertiefung und innerer Harmonie. Daß man dieses nicht durch den Staat erlangen kann, braucht nicht erst gesagt zu werden. Das Unglück des westeuropäischen Judentums war, daß eh sich veräußerlichte, dätz es den Weg zum inneren Wesen des Glaubens verloren hat. Ein Judentum ohne Zwang und ohne Steuerpolitik könnte, wenn die richtigen Führer vorhanden wären, sehr wohltuend auf den Entwicklungsprozeß wirken. Wir tvürden bcscheidener werden müssen, würden keine Prachttempel bauen, würden keine Beamten mit Ministergehalt anstellcn und würden den Verwaltungsapparat vereinfachen müssen. Das kann-uns nur heilsam sein. Die Prachtentfaltnng war für uns nicht von Segen, das Judentum wurde im überladenen Luxus erstickt. Unsere Stärke ruht in alle Gäste für eine Mizwe (eine religiöse Handlung^ an, sich bei Tisch ein Räuschchen anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Männer nicht, wenn ' sie übermütig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar munter mit. Es fehlten nur die Klange einer Fiedel, da der Jude an den Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berühren darf. Es wurden auch viele religiöse Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag bezogen, im Chor gesungen. Für meinen Vater hatte der Simchas-Thora-Tag noch eine besondere Bedeutung. Wie ich bereits erwähnt habe, war die Hauptbeschäftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so eifriger betrieb, wenn er große Verluste in seinen Unternehmungen erlitten hatte. Er pflegte dang der Welt den Rücken zu kehren, flüchtete sich in sein Studierzimmer und lebte nur ״al hathaurow'al hoawaudo", wie der Jude sich kurz und bündig ausdrückt, d. h. nur in der Lehre der Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So machte er von Zeit zu Zeit ein Ssium (d. h. ein Werk vollenden); ein solches Ereignis wird im jüdischen Volke freudig gefeiert und bringt Ansehen und Ehre, besonders, wenn es ein Ssium auf ganz Schatz, d. i. ein Durchstudieren des ganzen Talmuds ist, dessen Unkfang und unergründliche Tiefe unsere Gelehrten mit dem Meere vergleichen! Mein Vater pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Das bunte Treiben an diesem Tage dauerte bis zum Abend, beim Borabendgebet aber waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder Hawdolo und jetzt hieß es S'Miraus, d. h. fromme Lieder singen. Der große Samowar brodelte und dampfte bereits auf dem Teetisch, und bis spät in die Nacht saßen die fleißigen Trinker gemütlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die hohen Festtags zu Ende, wenn auch schon der nächste Schabbes Bereischis vor einer^ gewöhnlichen der Schlichtbeit, in der Freiheit des Seelenlebens, in der ungehemmten Entfaltung der ethisch^religiösen Potenzen. Gewiß bilden die Atome erst ein Ganzes, wenn sie vereinigt sind, und das Judentum bedarf zur Verwirklichung seiner Ideale einer großzügigen Organisation. Aber diese Organisation soll auf freier Grundlage ruhen, sie soll ihre Kraft aus dem wahren Leben des Glaubens, und nicht aus den töten Paragraphen schöpfen. Je freier die Organisation ist, je mehr Raum sie für die Entfaltung aller jüdischen Kräfte hat, desto segensreicher wird sie fein. Diese Organisation mutz alle umfaffert, die innerlich im Judentum leben, muß alles fördern, was im Judentum grotz und erhaben ist. Nicht der Steuerzwang. sondern die große jüdische Sehnsucht soll alle Mitglieder verbinden. Das Experiment braucht nicht erst gemacht zu werden. Eine Geschichte von Jahrhunderten verkündet es, daß das Judentum ohne Zwangsorganisation fertig werden kann. Unsere Väter haben in den schwersten Zeiten das Judentum zu erhalten und weiter auszubauen verstanden. Sie hatten große Organisationen, 'die meistens über die Grenzen der Länder ihres Aufent- Haltes binausgingen. Aber — diese Organisationen waren getragen von der Liebe zum Judentum, von einem Gefühle wahrer Brüderlichkeit. Sie tvaren frei von jedem äußeren Zwang, und selbst da,, wo fie auck staatliche Rechte besaßen, war dieses beinahe unsichtbar. Ihre große Autorität war die Autorität, des jüdischen Gesetzes, die ewige sittliche Kraft, die aus dem Judentum floß. Die Formen wandelten im Laufe der Geschichte, der Geist aber blieb und er überwand alle Zeiter! und alle Schicksale. ' Es wäre traurig, wenn wir heute, wo die Zeichen der Zeit eine so deutliche Spräche sprechen, aus der Geschichte nichts lernen wollten. Wenn es eine Religion gibt, die die demokratischen und sozialen Strömungen nicht zu fürchten braucht, so ist es die jüdische, weil sie eben durch und durch demokratisch und sozial ist. Wir Juden können alle Errungenschaften wirklicher Freiheit vertragen, weil fie nn« wesensverwandt sind. Nicht nach Schein und nach außcrcr Prachtentfaltung strebt das echte Judentum, sondern, nach ethischer Höhe. Wir lieben nicht nur di«׳ Freiheit — fie ist geradezu unser Lebenselement. Das Judentum trägt die Gesetze seiner Entwicklung in sich, und je weniger es mit fremden Fesseln belastet wird, desto schöner nnd> herrlicher wird sich seine Zukunft gestalten. Probleme des modernen Judentums. Von Chune Händel, Olmütz. Nchad-Haam, der in seinem Aufsatze ״Awdut Ltoch cherut" das Missionsjudentum bekämpfte, wies nachher, als er das Judentum als eine ethische Weltan- Sabbat ausgezeichnet ist, da jetzt wieder der Anfang der Bibel, der erste Abschnitt »Bereischis" vorgclesen wird. Der nächste Tag nach Simchas-Thora heißt Ißruchag und gilt auch noch als Feiertag. Der Tisch, der volle acht Tage festlich geschmückt war, blieb auch heute bedeckt, was am Werktage sonst nach dem rituellen Gcbrauch nicht geschieht. Das Mittagbrot wurde zu srüher Stunde eingenommen und bestand aus kalten Sveisen, die vom Vortag zurückgeblieben waren, eine Menge von guten, schmackhaften Sachen: kalte Pfefferst׳'he, kalter Putenbraten ustv יי; Lanbhüttenfest. Du Freudenbringer, Fest der trauten Hütten Ziehst wieder ein, geschmückt mit Blumenglanz, Und läßt aus vollem, buntem Erntekranz, Mit gokd'nen Früchten reich uns überschütten. Berauschend ״׳ht der lieblichen Reseden, Der letzten, roten Rasen heißer Duft, Und scherzend spinnt in kühler, blauer Lust Svätsommerabend seine Weißen. Fäden. . - Und in der Hütte dunkelgrünen Zweigen Wiegt leise grüßend sich der Wind und singt Ein frommes Liedchen. Silbern lockt und klingt Ein Harfynton durch traumverlornes Schweigen... Zünd' an jetzt und geschwind die heil'gen Kerzen! Gieß in des Bechers Rund den Purpurwein: Gepriesen Gott mit freud'gem Benedei'n! Versöhnung war; gestillt sei'n unsere Schmerzen?».. * Felix FaN. ״Hickl's Jüdischer Bolkskalender".