Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 30 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jayrg. XX. Nummer 30. HVf P fflV Pt4tVHvl^4 a-:-a ««»»,»»reifer tzuaMriD .«tonen 15*50 gangjührig.Kronen 30׳— Deutschland, ganzjährig.Mark 20*— Rußland, ganzjährig ...... Rudel 12׳ — «auan. Frankreich.. ....... Frank» 24—׳ י---׳-a Herausgeber: Max Hickl. W-.-:_____9 Redaktion und Administration: Brünn» Ldlergaffe - Buchhändlerische Vertretung: Vtt» Klem«, «etpzt- Inserate: der 6-spaltige ZentimsLerraum 2 K. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht ^ono. riert. — Manuskripten ist Rückporto deizusügen. v---» . Wien—Brünn. IS Oktot.r )918. 21. Titchrl 5880. Prag—Lemberg. Trenmng von Staat und Kirche und das Judentum. ' Von Fabius Schach. 8» den Flitter tagen der deutschen Revolution — Wochen waren es ja nicht — erwartete man als selbstverständliche Gäbe der neuen Aera. die Trennung von Staat und Kirche. Ich sage «selbstverständlich'^ denn demokratischer oder gar sozialer Staat und Kirchenschutz find schon im Wortklange Dissonanzen. Ein moderner Staat darf sich nicht um Dinge kümmern, die ihn nicht angehen, und einer tief-religiösen Natur ist eS geradezu unerträglich, wenn Behörden in sein innerstes Heiligtum eindringen, .um dort Ordnung zu schaffen, d. h. die bürokratische Schablone an Stelle des lebendigen Geistes zu setzen. Keine Frage war so reif zur Lösung wie diese, denn alle linken Parteien, vom radikalen Sozialismus bis zum gemäßigten LiberalismuS, stellten diese Forderung seit Jahrzehnten in ihrem Programm auf. Und schon die Erwartung der Trennung übte einen wohltuenden Einfluß auf die offiziellen Führer deS- Judentums in Deutschland aus. Die Mächtigen in der Gemeinde, die sich sonst höchstens vor der Repräsentantenwahl um die Gemeindcmitglieder bekümmerten, wurden plötzlich leutselig und freundlich und verkehrten sogar mit den Vertretern der Ostjudenhsit in jovialem Tone. Sie fürchteten, daß die unzufriedenen Elemente die Steuerzahlung verweigern und durchihren Austritt die Größe und Einheit der Gememde gefährden könnten. Freie Kunden, die zu jeder Zeit fortbleiben können, muß man eben gut behandeln. In Berlin machte man sogar den Angestellten der Gemeinde Konzessionen und cs bildete sich ein Be amt e n r a t, dem man einen bestimmten Einfluß auf manche Zweige der Verwaltung versprach. Feuilleton Vom Sukkothsest*) ' . . . . Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in die Laubhütte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des Vaters Leitung die Wände behängten. Man hotte Spiegel, brachte die Möbel aus dem Eßzimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewändcr an. Die Kerzen der großen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den jungen Frauen angezündet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes Gebet, worauf wir uns alle mit großem Behagen auf die. Stühle um den Tisch setzten und die geschmückte Sukke (Laubhütte) bewunderten. Ihre bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grüne Tännendecke und der nächtlich blaue Himmel, der mit' seinen silbernen, funkelnden Sternen sp freundlich durch die Zweige hereinblickte, verliehen dem Raum eine märchenhafte Pracht. Me Mutter, steflich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, saß mitten unter ihren verheirateten und unverheirateten Töchtern, die alle reich geschmückt waren, Dann kamen die Männer aus der Synagoge heim. *) Aus Pauline Wengeroffs ״Memorien einer Großmutter" (Verlag M. Poppelauer, Berlin). Ucrbreitet Nun ist leider die Lösung dieser Frage, wick alles Große, «ad calendas graecas" verschoben tvorden und die unnatürliche Verschwägerung -es Sozialismus mit dem Klerikalismus hat uns vorläufig einen Schutz der Kirche und keine Trennung gebracht. Unglaublich aber wahr, es gibt leider auch Juden, die sich darüber freuen. Vielleicht geschieht es in gutem Glauben, daß eine Trennung dem Judentum Abbruch tun könnte. Und doch ist es eine bedauerliche Verirrung. Denn es bedeutet eine Verkennung des jüdischen .Wesens, wenn man für es fremde Maßstäbe sucht und eS immer wieder mit den andern Religionen vergleicht. Das Judentum ist keine Kirche, und überall, wo der Versuch gemacht worden ist, aus ihm eine Kirche mit hirarchischen Ambitionen zu machen, ist dabei der jüdische Geist in die Brüche gegangen. Schon äußerlich braucht das Judentum keine Kirche, und selbst für den öffentlichen Gottesdienst genügt ein bescheidener Raum mit zehn Betenden. Wir Juden Hab e n keine Geistlichen und brauchen keine — weder zum Leben noch zum Sterben, denn jeder Mensch steht nach unserer. Weltanschauung seinem Gotte unmittelbar nMe.«.MseM RaMWepMud yur L ech r e^r, W eZweiser, — den. Weg müssen wrr^selbeir wandeln. Wir könnten zur Not die Synagoge ganz entbehren, denn das Ideal des Judentums ist, aus jedem Familienheim ein Heiligtum zu machen, und nicht der Glaube und das Gebet, sondern die Tat, die Reinheit dev Gesinnung, die gerechte Handlung heiligt das Leben. Der geistvolle Schöpfer der deutschen Neoorthodoxie ^samson Raphael Hirsch sagte 'einmal, man sollte sämtliche Synagogen fiir zehn Jahre schließen um zu sehen, wieviel lebendige Religion noch unter den Juden vorhanden ist. Das ist kein Paradoxon, sondern ein gesunder Gedanke. Ein Judentum, das nur durch die Synagoge noch existieren kann, ist bereits und es gab das köstliche patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasröcken (Kaftans), den breiten Atlasgürteln, den kostbaren, hohen Zobelmützen und ihren strahlenden jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus als die Jugend von heute im Frack ilnd weißer Binde mit den blasierten, gelangweiltcn Micneu. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen sich die Hände, beteten und nahmen ein Stück Barches, das in Honiggetaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen eröffnet und mit Gemüse beschlossen wurde, war beendet. Viele denen die herbstliche Abendluft zu kühl wurde, verließen die Sukke; einige blieben noch plaudernd sitzen. Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein besonders feierlicher Gottesdienst abgehaltev, und es war wieder ein imposanter Anblick, als die Männer, Reihe an Reihe auf ihren Plätzen stehend, mit. dem grünen, schlanken Palmzweig in der rechten und der duftenden, goldgelben Esrogfrucht in der linken Hand, den Lobgesang Hallel sangen und dann die Hakofes (Rundgang) der Kantor voran, in der Synagoge machten. Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurück, und nun kamen zum Festtag viele Gäste, denen man Wein und Süßigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen gingen spazieren. Aber keiner vergaß, daß man sich schon um fünf Uhr in der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mußte. Der zweite Tag unterschied sich fast gar nicht von dem ersten. Die folgenden vier Tage sind die «*sogenannten Cholhamoedtage (Halbfeiertage), an denen zu fahren, zu handeln w3> zu kaufen gestattet ist. Doch machten die ״liidiscbe üoll dem Untergänge geweiht. Ein wirklich lebendes Judentum läßt sich nicht in die Synagoge sperren, es will frei atmen und seinen Einfluß überall geltend machen. Gewiß ist die Erhaltung des Judentums das wichtigste aller jüdischen Probleme, und'der alte Leopold Z u n z hat recht, daß man erst dann den Juden achtet, wenn man das Judentum kennt. Aber — das Judentum gedeiht am besten, wenn die Behhörden es mit ihrer Protektion verschonen. Das Judentum ist zu groß angelegt, um sich in die Staatsschablone pressen zu lassen. Schutzbedürftig find häufig die Juden, das Judentum aber kann sich selber schützen. Es ist traurig, daß man diese Frage rein äußerlich vom Gesichtspunkt der Steuerkrüft erfaßt. Wo der Glaube an die Zukunft fehlt, da haftet man an kleinlichen Dingender Gegenwart. Ist das wirklich so wichtig, ob einige hundert Juden, die innerlich längst nicht mehr zu uns gehören, aus dem Judentum austreten? Biel wichtiger ist ös, daß diejenigen, die bei uns bleiben, ein gefundes kräftiges Judentum entwickeln. Abgestorbene Glieder können abgetrennt werden, der Körper gewinnt und verliert nicht dadurch. f Noch ein anderes Moment rein äußerlicher Natur ' spielt'VLi״ der ׳Deurkeiküng der' Irützb׳ das Ansehen des Judentums in der n i ch t j ü d i s ch e n Welt. Es ist immer ein Zeichen mangelhafter innerer Festigkeit,, wenn man nach Ansehen strebt. Haben die anderen Staatsreligionen durch ihr großes Ansehen wirklich an Tiefe, an ethischer Kraft gewonnen? Stand das schutzlose unansehnliche Christentum des ersten Jahrhunderts nicht viel höher als das heutige? Hat das machtgebietende Christentum nicht in diesem fürchterlichsten aller Kriege gänzlich versagt? Für die innere Entwicklung des Judentums war es ein Glück, daßi es kein Ansehen genoß, daß cs verkannt, .verfolgt und gehaßt war. Nur so konnte es die Juden von damals, von dieser Freiheit keinen Gebrauch und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werkstätten geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin. Am fünften Tage, Hauschono rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer Bolkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen, dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich *der Hinnnel teilen und öffnen, und der fromme, gottesfürchtige Jude kann seine Pracht sehen! Nur muß man schnell ״Kol tow!" (Alles Gute!) ausrufen, .und jeden Wunsch geht , dann in Erfüllung. In dieser Nacht bereitet auch der Schames (Synagogendiener) die Hauschanes vor (drei kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bündel vereinigt), die ein jeder während des Hauschano-Gebetes in der Morgenandacht in der Hand hält. Dieses Hauschano-Gebet wird mit großer Andacht und unter Tränen verrichtet. Am Schluffe werden die Blätter der Weidenzweige abgeschlagen. Das Weißbrot wird für diesen Tag in Form eines Vogels gebacken. Die Bolkssage erzählt, daß an diesem Tage im Himmel endgültig beschlossen wird, wer in diesem Jahre leben oder sterben soll, und daß dieser Vogel zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurückbringt. Den achten Feiertag des Laubhüttenfestes nennt man *Sch'mini azeres". Am Vorabend find alle wieder festlich geschmückt. Am nachsten Morgen beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr früh. Mau fleht den Himmel um Regen an in dem sogenannten ..Geschem"- (Regen-) Gebet» einer gedankenreichen, phantasievollen Dichtung. Dieses Gebet verlävgert den Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt erhebend auf die Shnagogenbesucher. sstimme“.