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Jüdische Volksstimme · 1919-10-02 · Heft 29 (2.10.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 29 (2.10.1919)
Date
1919-10-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. ber^ und Gold, auch die Mitnahme eines bescheidenen Quantums von Lebensmitteln sollte durch die Bezirks- Hauptmannschaft bewilligt werden. Während die Hilfsstelle des Indischen Nationalrates auf Grund dieser Vereinbarungen den AbtranSpürt der seit Monaten gemeldeten Flüchtlinge aus den Bezirken Braunall, Eger, Pilgram usw. vorbereitete, erschien über das Betreiben des Finanzministeriums der Erlaß des Ministeriums, des Innern, dem zufolge die Flüchtlinge die Grenzorte in einer Zone bis zu 30 Kilometer in kaum 4—6 Tagen verlassen sollten. Der Referent des Jüdischen Nationalrates setzte, nachdem eine Aufhebung des Erlasses unmöglich war, zweierlei durch: 1. daß die Frist um 4—9 Wochen verlängert und 2. daß vertrauenswürdigen Personen der weitere Aufenthait im Grenzgebiet ermöglicht wurde. Es muß hervorgehoben werden, daß in anbetracht des vorliegenden Beweismateriales in Sachen des Geldschmuggels, gefälschter Stempel usw. nur die wirklich ordnungsliebenden Elemente geschützt werden konnten. Das Ministeriumshat in einer relativ großen Anzahl von Fallen den vom Jüdischen Nationalrät befürworteten Anträgen stattgegeben, sodaß in einzelnen Städten auch stattliche Gruppen zurückblieben. Auf Kranke und» Sieche wurde immer Rücksicht genommen. Da auch das Lager Nikolsburg geräumt, und die Insassen nach dem Lager in Chozen gebracht lverden sollten, begab sich der Referent nach Brünn und Nikolsburg und erwirkte unter der Bedingung, daß die Orte , des Bezirkes von Flüchtlingen geräumt und aus dem Lager alle des Geldschmuggels verdächtigen und überwiesenen Elemente entfernt werden, ein weiteres Verbleiben. Nicht in allen Grenzstädten wurde der Erlaß zu gleicher Zeit veröffentlicht und durch geführt, am spätestcns in Mähr.-Ostrau, wo gleichfalls eine kaum dreitägige Abreisefrist gewährt wurde. Der Referent des I. N. R. erwirkte eine allgemeine Frist von mehr als drei Wochen und setzte es durch, daß eine größere Anzahl von Gesuchen um Aufenthaltsbewilligung günstig erledigt wurde. Demonstrationen in Mähr.-Ostrau, unkluges Reden und Handeln einzelner Flüchtlinge daselbst und die Drohungen der Massendeputation, Welche im Ministerium des Innern erschien, hatten eine wesentliche Verschlimmerung der. Situation zur Folge. Prof. Engel war fast täglich im Interesse der Ostraucr Flüchtlinge tätig, konnte jedoch in Anbetracht der Umstände schließlich. nurmehr geringe Erfolge erzielen. ׳ Die Ausweisung sämtlicher Flüchtlinge in Brünn und Prag war schon im April l. I. mit Rücksicht auf die in den beiden Städten herrschende Wohnungsnot beschlossen. Immer wieder gelang es, den Ausweisungsbeseht zurückzuhaltey, bis endlich im August die Heimkehr der Flüchtlinge aus West- und Mittelgalizien an- .geordnet wurde. Die Tatsache, daß zahlreiche wohlhabende Personen aus Krakau, Bochnia, Tarnow, Rzeszow usw. nur aus kaufmännischen Gründen in Prag und Brünn zurückblieben und so die Wohnungsnot verschärften, während Beamte und Diener wohnungSloS bliebe׳ weiters die politischen Verhältnisse s— vom traurigen Verhalten einzelner Flüchtlinge abgesehen — haben diese Maßnahmen hervorgerufen. Auch in diesem Falle war der Flüchtlingsreferent des Jüdischen Nationalrates dahin tätig, eine weitere Aufenthaltsbewilligung in berücksichtigungswürdigen Fällen zu beschaffen, und es müß hervorgehoben werden! daß die Behörden nach Tunlichkeit Entgegenkommen bewiesen. Die in Brünn soeben erfolgte allgemeine Ausweisung ist^durch das beklagenswerte Verhalten der westgalizischen Flüchtlinge hervorgerufen worden, die auf ihre ostgalizischen Brüder nicht die geringste Rücksicht nahmen und der wiederholten Aufforderung zur Heimreise keine Folge leisteten. Die Lundenburger Flüchtlinge, deren bedauernswertes Schicksal die Zeitungen beschäftigte, haben cs zu ihrem eigenen Schaden Unterlasten, sich an die berufene Vertretung, die Hilfsstelle des Jüdischen Nationalrates in Prag, zu wenden, welche in allen Fällen, selbst unter den schwierigsten Verhältnissen, das Verbleiben der Flüchtlinge am jeweiligen Unterkunftsorte bis zur Ordnung ihrer Angelegenheiten ermöglichte und überall einzelnen Familien Aufenthaltsbewilligung beschaffte. Auch in der Slovakei waren der Flüchtlingsref׳- rent des Jüdischen Nationalrates Prof. Dr. Engel und der Sekretär des Nationalrates Herr Waldstein, für die Flüchtlingssache wiederholt tätig. Der Referent erwirkte zweimal durch persönlich geführte Verhandlvngen in Preßburg einen Aufschub der drohenden Aus- Weisung und setzte vor wenigen Wochen durch, daß die Flüchtlinge erst dann abzureisen brauchen, wenn die Prager Hilfsstelle ihre gesamten Angelegenheiten geregelt habe und daß Flüchtlinge und Ausländer, die die Zusicherung der Aufnahme in den Heimatsverband erhalten haben, bis zur Erwerbung der Staatsbürgerschaft im Staatsgebiete verbleiben dürfen. Schließlich erübrigt es noch, auf den Umstand zu verweisen, daß einzelne Flüchtlinge durch Mißbrauch von Pässen, Devisen-Finanzbogen, Transporten usw. die Aktion des Jüdischen Nationalrates in erheblichem Maße stören und durch aller Art Denunzigtinen bei den Behörden, nicht nicht zuletzt durch lügnerische Zeitungsartikel das Schicksal der Zurückgebliebenen, aber auch die Vertrauensstellung des Nationalrates bei. der Negierung zu beeinträchtigen suchen. So ist es unwahr, daß Flüchtlinge zur dkbreise am Freitag oder Samstag gezwungen wurden, wahr ist vielmehr, daß alle Transporte a ndenersten Tagen der Woche abgehen und daß nur im Ausnahmsfalle der Donnerstag, niemals aber der Freitag oder Samstag als Reisetermin festgesetzt werden. Die Flüchtlinge kennen den Tag der Abreise schon eine Woche vorher, oft aber auch länger und haben so genügend Zeit zur Vorbereitung. Daß die Hilfsstelle des Jüdischen Nationalrates nicht?lusfuhrgesuche für Lebensmittel in dem Umfange wie 100 Kg. Mehl, 40 Kg. Zucker usw. übernehmen kann, ist jedem objektiv Denkenden selbstverständlich. Die für einen bestimmten Tag bestellten Wagen können auch nicht tagelang leer stehen und das Eisenbahnministerium hat mit Rücksicht auf die Vorfälle in Elbogen, Teplitz u. a. mit dem Entzüge der Vergünstigung vorzugehen angekündigt. Die verleumderische Verdächtigung, daß di>׳ stelle des Jüdischen Nationalrates in Prag die Flücl linge aus der tschechoslovakischen Republik fortjagc, während Gemeinde- und Bezirkshehörden weiteres Wohnrecht gewähren!vollen, gehört zu den seltsamsten, aber bedauerlichsten Erfindungen skrupelloser Elemente, die es nicht verwinden können, daß Porzellan-, Textil.! und andere Waren auszuführen, doppelte Deviscn-Finanzbogen, zweifache Päffe zu erlangen, hierorts un-j möglich gemacht wird. j Ferner sei noch darauf hingewicsen, daß das! Hilfskomitee für die Juden im tschechoslovakischen j t Staate, das aus Angehörigen aller Parteien znsam-!! mengcsetzt ist, fast fünf Sechstel des gesamten zur Ver-! fügung stehenden Fondes von einer Million Kronen der! ^Flüchtlingsfürsorge zugeführt hat. Daß diese Summe! ]mit über Betreiben des Flüchtlingsreferenten des Iü-? dischen Nationalrates Prof. Engel aus Paris einlief, \ daß weitere Hilfsgelder oftmals erbeten, aber bislang! nicht eingelangt sind, ist eine allseits bekannte Tatsache. Der Jüdische Nationalrat wird die Flüchtlingsfürsorge unbekümmert um gehässige Angriffe bis zu! ihrem gedeihlichen Ende führen und im Geiste der jü-' dischen Gemeinbürgschaft wie bisher alles tun, was nach Maßgabe der politischen Zwangslage für die1 Flüchtlinge angestrebt werden kann. Jakob Dineson. Freitag, den 29. August verschied in Warschau im Alter von 68 Jahren der berühmte jüdische Romanschriftsteller Jacob Dinesohn. Der Verstorbene gehörte zu den ältesten Schöpfern der modernen jiddischen Literatur. Seine Romane »Der schwarzer junger ׳Manschik", ״Ewen Negef", ״Jossele", ״Herschele" gehören zu den beliebtesten und populärsten Werken der jüdischen Volksliteratur. Zusammen mit seinen intimen Freunden, dem verstorbenen I. L. Perez entfaltete der da- Hingeschiedene Dichter während des Krieges eine unermüdliche Tätigkeit auf dem Gebiete des Schulwesens für die Glüchtlinge. Seine jüdischen Volksschulen, die den Namen Dinensohnthpus trugen, erfreuten sich der Beliebtheit der jüdischen nationalradikalen Welt auch jenseits Polens. Der Tod des Schriftstellers rief in der jüdischen Oeffentlichkeit Warschaus eine tiefe Trauer hervor. An der Beerdigungsprozesiion nahmen 80.000 Juden teil. Sämtliche jüdische politische Parteien, Kulturinstitutionen und nationalen- und Arbeiterschulen sandten ihre Delegationen. An der Bahre sprach der Vorsitzende des jüdischen Literatenvereines in Warschau A. L. Schalkywitz (Ben Awigdor) und S. A. An—skh. Inserate von «erlasSanstalten. und Buchhandlungen haben den größten Erfolg, wenn fie in der ״Jüdische» «,»»stimme", Rubrtt ״Bücher", erscheine«. ״Hickl's Jüdischer Bolkskalender". ___ Nr. üundfc&au. Die jüdischen Rechte in Serbien. Einer Delegation der Belgrader jüd. Gemeinde erklärte der serbische Ministerpräsident, daß die serbische Regierung mit ihrem Proteste gegenüber der Klausel über den Schutz der nationalen Minderheiten keines- Wegs die Juden im Auge habe. Serbien habe die Juden stets als treue Bürger anerkannt, ihnen alle Rechte gegeben und auch Zutritt zu. den Regierungsstellen gewährt. Die Negierung wird nichts dagegen hqben, daß die Juden׳ in ihren Schulen ihre Sprache lernen. Sie hat der Religion gegenüber stets vollste Toleranz und gehörige Beachtung bewiesen'. Die Regierung könne jedoch die Minoritätsklüusel nicht annehmen, weil in Neu-Serbien viele Bulgaren wohnen, die diese Klausel zum Zwecke einer großbulgarischen Agitation ausnützen könnten, was für Serbien eine große Gefahr bedeuten würde. Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Jnsden. Auf den 30. November 1919 ist nach Berlin die sechste öffentliche Hauptversammlung des Verbau, der deutschen Juden einberufen worden. Die letzte Versammlung fand 1913 in Hamburg statt. Tagesordnung und Ort der Verhandlungen werden noch bekanntge-, geben. Die Pogromwelle in Westungarn., Trotz des offiziellen Dementis der ungarischen Negierung über die Pogrome in Westungarn liegen authentische Nachrichten über die weitere Ausdehnung der Pogromwelle vor. In Czeldemelk wurde der 73jährigc greise Max Hoffmann in barbarischer Weise ermordet. Sein Schwiegersohn Wilhelm Glück, der ihm zu Hilfe kommen wollte, wurde tätlich verwundet. Hauptmann Fleischer wurde mit einem Beil zerstückelt. Mit einer Eisenstange wurde der Leutnant Weiß ermordet. Der Eierhändler Schöntach wurde in Anwesenheit seiner Frau und seiner sechs Kinder ermordet. Ihren Wunden erlagen Karl Ungar, Mordochai Nemet, Fähnrich Girgel, Gebrüder Haimler u. a. In Janasch-Hasa wurde derApotheker Alexander Salzberger erschossen und der Lehrer Simon Remeki ermordet. Der Mob überfiel den Bahnhof, wo die Juden der Stadt Rettung gesucht hat- -ten. Der Bahnbeamte öffnete eigenhändig den Wartesaal und lieferte die jüdischen Flüchtlinge den Pogrom- Horden aus. In beiden Ortschaften drang der Pöbel in die jüdischen Häuser ein mit der Erklärung, sie kämen auf Befehl der Polizei.. * Der Pogromhetzer Redakteur Lingauer setzt seine verbrecherische Pogromagitation nach wie vor fort. In einer der letzten Nummern seiner Zeitung, die in Sombatelli erscheint, ruft er die christliche Bevölkerung ganz offen zum Judenpogrom auf. ״Christen", heißt es in dem Aufsatz, »vereinigt Euch und gestattet nicht den Juden, das Land unglücklich zu machen. Rächt Euch an dieser Bande, denn sonst sind wir für alle Ewigkeit verloren". Das wird unter Vorzensur gedruckt, zur gleichen Zeit, in der die ungarische Regierung offiziell ein Dementi über die Judenhetze veröffentlicht und Mittel anzunehmen verspricht, die Pogromagitation zu unterdrücken. W* ■ Eine Gesamtorganisation der jiid. KultnSbeamten im tschechoslovakischen Staate ist in der am 26. August a. c. abgehaltenen Generalversammlung einstimmig beschlossen worden. Die eminente Notwendigkeit einer solchen ergibt sich schon aus der Tatsache, daß die wirtschaftlichen und sozialen Stellungsverhältnisse gerade in dieser Berufskategorie ungemein triste und unhaltbare geworden find und gerndezu eine Besserung in diesem idealen Berufzweige zu einer Existenz- und Lebensfrage geworden ist. Die Bestrebungen der jüd. Kultusbeamten und deren Zusam« menschluß wird und muß jeder billigen, der auch nur einigermaßen ^in Rechtsempfinden sich bewahrt hat. Aber auch die^idealen Bestrebungen sollen und werden durch diese Organisation eine Förderung erfahren, wenn eine Remedur in wirtschaftlicher Beziehung seitens der Kultusgemeinden eingetreten sein wird. Die Organisation erhofft daher von' der Einsicht und Erkenntnis seiner Arbeitgeber, daß sie sich dieser berechtigten Forderung nicht verschließen wird, da ja dieselbe durch diesen Zusammenschluß auch ein friedliches Zusammenarbeiten auf dem Gebiete der Religion und der Kultur herbeiführen will. Von der Kultusbeamtenschaft jedweder Kategorie, ob hoch oder niedrig, erwarten wir

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