Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 29 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 29. «Nnpnir •?*t 3 brätschen, auf der wahren unverfälschten spräche unseres Volkes? Haben wir das Recht, die einem uns durchaus fremden Sprachenkreis angehörige Notjpra,! einiger Jahrhunderte der Unterdrückung zur Sprache unseres palästinensischen Tages zu machen? Kann anders das wunderbare Ethos der Bibel wieder in uns lebendig werden, als in der Luft des Hebräischen, jcm•: Ethos, das hier in Europa ein von Bedingungen, Einflüffen und Kompromissen verfälschtes Scheinleben führt? Ich will nicht von Gefühlen sprechen, denn auf dieser Basis ist die Verständigung mit einer Partei, die auf materialistischem Boden steht, nicht möglich, aber ich möchte nur an das jüdische Gefühl erinnern, an die leisen Schwingungen, die den Juden sein lassen, auch wenn er noch so ferne von seinem Volke ist. Solche Schwingungen zittern auch in den Massen des Ostens, auch wenn sic heute nicht hebräisch sprechen. Die Gegnerschaft der Poale Zion gegen die hebr. Sprache rührt aus dem Umstande her, daß. ihnen Palästina ein Land ist, -wie jedes beliebige andere, nicht viel mehr, als Gelegenheit Klassenkämpfe durchzuführen, nicht viel mehr als eine ökonomische Angelegenheit. ES fehlt ihnen, oder besser: ihrem Programm jener Geist, dem Palästina mehr ist als ein Land, dem Palästina Zion ist, Zentrum einer unerhörten göttlichen Sehnsucht. Idee also, und mehr noch: Erfüllung einer Mission zwischen den Völkern. Jeder jüdische Sozialismus, "der nicht eindeutig auf Zion gerichtet ist, ist eine.Affimilationseine Krankheitserschemung und -trägt seinen Namen zu ünrecht. "׳ Wir müssen uns fragen: Kann es überhaupt einen jüdischen Sozialismus geben? Widerspricht nicht das Jüdische, also das auf die Unbedingtheit, auf das Voraussetzungs- und Nachsetzungslose gerichtete, dem Sozialismus, der von gewissen Voraussetzungen abhängt? Wir können darauf antworten: Ja, es kann einen jüdischen Sozialismus geben, einen Sozialismus aber, der das ganze Judentum als Basis hat, der also nicht Klaffensondern Volkssozialismus ist, dessen Existenz nicht vom Vorhandensein irgendwelcher Bedingungen abhängt, der unter jeder Bedingung wirkt. Der Sozialismus der aus dem Geiste des alten Judentums schwingt, der in der->Bibel seine großartigste Manifestierung findet, ist ein jüdischer, ein Volkssozialismus; jede jüdische Partei also, die nicht nur dem Namen nach jüdisch ist, muß volkssozialistisch sein, sie muß das jüdische Volk, das heißt alle Arbeitenden im Judentum vertreten. Betrachtet man von diesem Standpunkte aus die Parteien, die sich jüdisch nennen, ist im Programm jeder Einzelnen ein positivers oder ein negatives Element zu finden, das sie in irgendwelchen Belangen unjüdisch macht. Vom russisch-jüdischen ״Bund" über die Poale-Zion bis zur offiziellen zionistischen Partei •יי .sich das rote Band eines Mankos, wiewohl jede dieser Fraktionen im Judentum positive Effekte produziert hat. Bund und Poale Zion waren die ersten, die den jüdischen Aermsten LebensinterHse auch in der Diaspora gaben, der, alten zionistischen Partei wieder zun׳ Großteil ist die Existenz des politischen und auch des kulturellen Zionismus-in Europa zu danken. Mit einem aber, da die fortschreitende Erkenntnis und der sich klärende Zionidealismus nach einem schärfer umrissenen Bilde der Zukunft verlangte', das in allen Belangen eindeutig jüdisch zu sein hat, sah sie eine neue Gruppe in ihrem Schosse sich bildendie volkssozialistische Tendenz in der auf Zion geeichte-, ten Jugend verlangte stürmisch an den Tag. Dieser Augenblick ist historisch: Eine Gruppe junger Leute trat auf, die nicht mehr um eine gesicherte Heimstätte in Palästina baten, sondern ein jüdisches Palästina, Zion sorderten. Aus der Erkenntnis, daß dieses Zion durch keine Staatenkonfernz der Welt, durch kein Gesetz, durch kein Versprechen errungen werden könne, sondern nur durch jüdische Arbeit, durch Hintansetzung des Ichtriebes hinter das Ideal der jüdischen Arbeit im jüdischen Lande, entstand Hapoel hazair. Als Partei, die eigentlich keine Partei im politischen Sinne des Wortes ist, als Gruppe vielmehr idealistischer Pioniere hat er kein feststehendes. Programm, sein jüdisches Gefühl ist ihm Programm genug. Aufopferung, Piöniertum ist sein Instrument. Die jüdische Idee aber ist die Idee des jüdischer» Volkes. Die Opferbereitschaft des Hapoel Hazair gilt dem ganzen jüdischen Volke, nicht einer Klasse. Er mutz sich also jederä Klaffeninteresse mit ganzer. Kraft entgegensetzen, will er nicht Wasser in ein Danaidenfatz schütten, seinen Schweitz, sein Blut und seine Liebe in eine Erde versenken, die nach ihm eine Klasse in Besitz nimmt, um die andern Teile des Volkes vom Nutzgenutz auszuschalten. So wird seine Stellungnähme gegen jede Partei, die die ökonomischen Interessen einer Klaffe vertritt, bestimmt, und in der ErkenntniS, datz die Klassenbildung Juden gegen Juden stellt, wird er diese Klassenbildung mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Das hauptsächlichste Mittel ist die Pergesellschaftung aller Produktion, die Nationalrstcrung des Bodens mit seinen Schätzen, .Handels und Verkehrs, wie überhaupt die Vergenossenschaftlichung des. ganzen jüdischen öffentlichen Lebens. Die Einschichtung des jüdischen Menschen in eine gesunde Wirt-, fchaftsweise, wo die Gesetze von Angebot und Nachfrage herrschen, die Reproduktivienmg des Juden hier und drüben, ist die erste Forderung des Hapoel hazair. Zwei Strömungen stellen sich ihm entgegen: Der jüdische Privat kapitalismus Europas fordert Einlaß in das Land, denn er hofft fruchtbares Brachland für merkantilistische Spekulationen zu finden und seine in merkantilistischen Angelegenheiten sehr große Phantasie sieht das Land schon überzogen von einem Netz kapitalistischer Einrichtungen, die zu Nutz und Frommen einiger Weniger hingestellt sind. Ginge es nach ihnen, dann hätten wir in zehn Jahren in Palästina die gleiche Klassenscheidung wie irr Europa, die gleichen Klaffenkämpfe und die gleichen Gegensätze zwischen Volksgenossen. Wenn also Hapoel hazair gegen den Privatkapitalismus kämpft, kämpft er für die selbstverständlichsten Forderungen jüdischer Men׳ck> keit und auch für das Aufleben des Landes, denn Wirtschaftliche Krisen sind nicht so sehr in der Produktion, wie in der Gesellschaftschichtung bedingt. Es wäre Heller Wahnsinn, in einem Lande, da die Gelegenheit geboten ist, von Grund aus neu zu beginnen, mit der entsetzlichen, unjüdischen, daher unmenschlichen Kaufmannskultur Europas zu beginnen, um dann erst, wie es das sozialdemokratische Prinzip verlangt, mit der Revolutionierung einzusetzen. Die nächste Konferenz der Hapoel hazair in Palästina, die in etwa drei Monaten stattfindet, wird sicherlich diese antikapitalistiscl׳»׳ Tendenz, die ihm immer innewohnte, genau so ״programmatisch" stefstellen, wie cs der deutsche Landesverband tat, denn die Gefahr, die von Europa her droht, ist eine ungeheuere. Der Zug des Sozialismus, der in seiner Sozialisierung einiger Industrien in Deutschland seinen schwächsten, im großzügigen Programm des russischen Bolschewismus feinen stärksten Ausdruckfindet, wird nicht Halt machen, auch nicht vor dem Machtworte eines englischen oder französischen Ministeriums. Europa wird sozialistisch produzieren. In einer prägnanteren oder minder prägnanten Form. Das europäische HZrivatkapital aber erzittert in seinen Grnudfesten. Es ist daher naheliegend, daß d?r jüdische Kapitalist plötzlich seine Sehnsucht nach Zion entdeckt und seine Tätigkeit in das Land, das ihm ferne von solchen gegen seine Existenz gerichteten Erschütterungen zu liegen scheint, verlegt. Es steht daher die Zuwanderung einer großen Anzahl, ihrem innersten Wesen nach unsozialen Elemente bevor und was der Versus, in einem sozialistischen Wirtschaftsmeere ein hochkapitalistisches Eiland zu gründen heißt, werden Die leick׳' ermessen können, die eine kleine Vorstellung von den Wechselwirkungen dev Weltwirtschaftskräfte haben: Zusammenbruch, Revolution, Blut, Elend. Diese Furcht der jüdischen Geldbesitzer in Europa, die sich aber dennoch nicht entschließen können, nach Pglästina zu gehen, hat ein Gutes für uns. Sie werden die jüdische Volksanleihe zeichnen, weil der Idealismus des jüdischen Arbeiters selbst den materiellsten Kapitalisten eine verhältnismäßig hohe Gewähr von der Sicherheit seines Geldes geben wird. Auf diese'Weise wird das jüdische Kapital im Lande wirken, und doch wird sein verderblicher antisozialer Wer^ville ausgeschaltet sein. Die Gegner des Hapoel hazair aus den Arbeiterkreisen, die Poale Zion können dem allen nicht Widersprechen, ihre Parteidogmatik aber verlangt Methoden des sozialen Kampfes, die Wohl in Europa ihre Billigkeit haben, in Palästina aber Verbrechen an der jüdischen Sache wären. Streik ist ein Machtmittel jenes Arbeiters, der nichts verlieren kann, den kein Streik vom Boden vertreiben kann. Der gelernte Arbeiter in einer Industrie, die aus irgendwelchen Gründen in ihren zartesten Ansängen noch steckt oder ihrem Niederbruch entgegenfieht, wird sich wohl überlegen zu streiken, denn eL weiß, daß seine Fabrik zugrunde geht, und daß er, der in keiner andern Branche bewandert ist, als minderbezahlter ungelernter Arbeiter in einem andern Fache sich verdingen müßte oder aber brotlos würde. Wenn wir uns für einen Augenblick mit den Sozialdemokraten aufs materielle Programm stellen, wenn wir von unserem Urgrund von unserem Pioniertum absehen tourden, stünden wir in derselben Lage wie dieser Arbeiter. Die Kolonien gingen durch Streiks zugrunde und Niemand würde es wagen, mit diesen Arbeitern, deren Streiklust bewiesen ist, neue Arbeit zu beginnen. Man würde Araber, Kuli oder sonst Irgendwelche bringen und der Traum von. der jüdischen Arbeit wäre ausgeträumt und wir könnten nach Europa zurückwandern. Die jüdische Arbeit kann für uns heute nicht die Frage nach höheren Löhnen sein, sondern eben die Frage der ausschließlich jüdr,u,en vm'cit. Uns verbindet mit ihr unsere Arbeitsgesinnung, während den europäischen Arbeiter, nach dessen Maximen sich ja die (jüdischen) sozialdemokratischen Poalczionisten richten, die Not des Tages an seine Arbeit .. .׳ die er leicht wegwirft, wenn er Besseres findet. ו'; : sehen daher im Sozialismus nicht eine materielle Angelegenheit sondern eine Sache der Idee und des Idealismus. Uns ist daher das Wesentlichste die Gemeinschaftsgefinnung, der ehrliche Wille zu arbeiten» um der Arbeit, also um der Gemeinschaft willen. Wenn wir nun heute darangehen uns äüch hier zu sammeln, sind wir uns Wohl bewußt, daß unsere große Arbeit erst drüben anheben wird. Wir sind uns aber auch bewußt, daß wir die Pflicht haben, schon hier auf die Gesinnung des auf Zion gerichteten Judentums zu wirken, sein Gerechtigkeitsgefühl und die Erkenntnisfqhigkeit dessen was Not tut aufzurufen, es zur Enischeidung zu zwingen. Aus diesem folgert, daß wir auch in die jüdische Galuthpolitik eingreifen müssen, unsere vclksfozialiftischen Ideale auch in jene Körperschaften tragen müssen, die sich eben zu verknöchern beginnen. Unsere Pflicht wird es sein, jene Elemente, denen Zionismus nichts weiter ist als eine Beschäftigung leerer Stunden, politischer Sport vielleicht, zu entfernen und unsere Leute an ihre Stelle zu setzen, damit endlich der frische Ruf der radikalen Jugend die jüdische Politik zu einer Volkspolitik mache. Mit unserem geschlossenen Auftrcten in Europa muß die Zionistik ein Ende haben. Unsrer Fahne mögen Die folgen, die ein wirklich gerechtes, also volkssozialistisches Palästina ersehnen, deren Sozialismus keine kalt überlegte Opportunitäts- Politik sondern rotes heißes Herzblut ist. Die Flüchtlingsfürsorge des Jüdischen Nationalrates für den tschechoslovakischen Staat. - Mit dem 28. Oktober 1918 setzte die Flüchtlingsfürsorge des Jüdischen Nationalrates ein. Die erste Tätigkeit war darauf gerichtet, den gewaltsamen Abtrans- Port der Flüchtlinge zu hindern, die Statthalterei und Bezirkshauptmannschaften für den Schutz der Bedrohten zu interessieren und die vornehmlich den Prager Flüchtlingen abgenommenen Habseligkeiten wieder aufzubringen. Fast sämtliche Mitglieder des Nationalrates waren wochenlang in der Flüchtlingsfrage tätig und dank vielfacher Bemühungen beschloß der Ministerrat am 12. Dezember 1918, die weiteren Flüchtlingstrans- Porte bis zur Herstellung geeigneter Reisemöglichkcitcn einzustellen. Aber ^schon Mitte Jänner begann die nur kurze Zeit unterbrochene Pretzhetze in tschechischen und deutschen Zeitungen und schon im Februar mußte der Flüchtlingsreferent des Prager Jüdischen Nationalrates Prof. Dr. Alfred Engel mehrmals im Ministerium des Innern und in der Statthaltersi intervenieren, um Ausweisungen zu verhindern. In diese Zeit fallen die Massenverhaftungen in Prag, die erst durch das energische Eingreifen des Nationalrates und durch eine Audienz bei dem Präsidenten der Republik ihr Ende und zum Teil auch ׳ihre Sühne fanden. In dieser Audienz erklärte jedoch der Präsident, es sei nicht Antisemitismus, sondern nur notwendige Folge der wachsenden Wohnungsnot, datz die Flüchtlinge ehestens in ihre Heimat zurückkehren.müssen. Mit Rücksicht auf das Peffachfest wurde die Zeit nach dem 25. April als Zeitpunkt der Heimkehr bestimmt. Auch die Delegierten des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien besprachen gemeinsam mit den Herren Dr. Singer, Präs, des Prager Jüd. Nationalrates, Prof. Dr. Engel und dem Delegierten des Joint Distribution Committee Mr. Alsberg in den verschiedensten Ressortministerien die Modalitäten der Heimreiseaktion. Die Verhandlungen, die den Zweck hatten, freien Transports Ausfuhrbewilligung für Habseligkeiten, Geld, Wertpapiere, Schmuckgegenstände zu erwirken, wurden vom Flüchtlingsreferenten monatelang mündlich und schriftlich geführt und hatten vollen Erfolg. Der Erlaß des Ministeriums des Innern vom 89. April 1919, Z. 6975, wonach nur armen Flüchtlingen freie Reise, doch nicht in geschlosstnen Transporten gewährt werden sollte, wurde dahin abgeändert, daß den Flüchtlingen freie Heimreise in Transporten, oder auf Grund von Freifahrtempfehlungen bewilligt wurde, das Finanzministerium gab ausnahmsweise den Gesamtbetrag, der bei der BanknoteNÜostempelung zurückbehalten wurde, frei, gestattete die Ausfuhr sämtllicher Wertgegenstände aus Sil-