Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 29 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«tue 2. ffäftliftyt BslkSstim«e* « . 29 Der jüdische Volkssozialismus des Hapoel Hazair. (Aus Hickls ״Jüdischen Volkskalender".i Von Ekigen Höflich, Wien. ן Wenn wir die politischen Bewegungen aller Völker und aller Zeiten betrachten, erkennen wir, daß sie alle letzten Endes ein Sieben nach größtmöglichster An- Näherung an einen Glückszustand ihrer Träger, sei es in ökonomischer, sei es in geistiger Beziehung zum Anlaß hatten. Stets waren Köpfe da, die eine Idee in die Masse warfen, die einen Weg wiesen, aus der täglichen Unlust zu irgendeiner Hoffnung und stets fanden sich Menschen, die diese Idee aufgriffen, sich zusammenschlossen, Mittel suchten, sie in Wirklichkeit umzuschen. Hinter diesem Drang einem augenblicklichen Glückszustand sich zu erzwingen, stand aber stets das dunkle Massengefühl, in allen Völkern und zu allen Zeiten, daß einmal ein immerwährender, allgemeiner Glüac zustand, ein ewiges goldenes Zeitalter der ganzen Menschheit eiutreten werde. Solange es eine Geschiclstsschrcibung gibt, kennt man Menschen, die Theorien ersannen, Menschen aber auch, die Taten setzten, um diese allgemeine Urschnsucht zu verwirklichen. Man nannte späterhin, als das mechanisierende Zeitalter einfiel, diese Sozialisten aller Zeiten, die ihrem ungeheuren Liebesgcfühl zur unbefriedigten angesklavten Menschheit Raum gaben, Utopisten, wobei der ehrende Begriff ״Idealisten" mitschwang. Als aber die Wissenschaft die Befreiung der Menschheit als ausschließlich ihre Domäne erklärte, nannte man sie offiziell Utopisten, wobei aber der Mitbegriff ״Idealist" nicht mehr ehrend, sondern geringschätzend gebraucht , wurde. Mit dem Auftreten von Karl Marx kam System in diese Bestrebungen. Man verließ den Boden des Jdealismus, begann auf Grund der ökonomischen Lage und in Maßgabe ihrer Veränderungen den Eintritt des glücklichen Zeitalters zu errechnen und nach dem napoleonischen ״C'est le ventre, qui fait les revolutions" wandte sich der neue, wissenschaftliche Sozialismus, auf dessen Basis die Sozialdemokratie erwuchs, ausschließlich den ökonomischen Grundlagen des Lebens einer Klasse, und zwar der Arbeiterklasse zu und erbaute das großartigste wissenschaftliche Gebäude, auf dem je stand: Die Herrschaft einer Klasse! Es wurden, gegen die marxistische Schule Einwendüngen gemacht, neue Schulen zweigten von ihr ab, durchaus neue sozialistische Theorien wurden aufgewerfen, warben und fanden Anhänger, ihnen Allen aber gemeinsam blieb, wenn inan von einigen Vertretern dieser oder jener Schule des theoretischen Anarchismus absieht, die Tendenz zur beinahe vollkommenen Ausschaltung des Idealistischen im Menschen aus dem Kreis ihrer Betrachtungen. Es läßt sich hier nicht untersuchen, ob diese Ausschaltung berechtigt ist, doch, wenn man rnit einer ihrem Wesen nach sich nicht ändernden Gesinnung der l >europäischen Menschheit rechnet, wenn man konsequent blei- Len will in der Diktatur der Materie, dürften die Ideen, kenstube, und bald wuchs das Murmeln zu ^einem gewattigen, wogenden und tosenden Gebet Hunderter von Menschen heraus, das von heißer, lechzender Glaubens- Wonne glühte und von weinendem Sturmeswehen durchflutet war. Da — wurde es plötzlich still und der Chafen ׳stimmte in Begleitung seines Chors das «Kol-Nidre- Gebet" an, — anfangs still, aber im wachsenden Brausen immer lauter und machtvoller aufjauchzend. Löbel fühlte, daß nicht nur der Chor, nicht nur ein Teil der Juden dieser Stadt, nicht nur das jüdische Volk, sondern daß auch alle Völker der Erde, die ganze Natur, Tiere und Pflanzen, sogar Steine, das ganze Weltall, — alles, alles mit dem Chor den heiligen, großen, bis in die Unendlichkeit flutenden Gesang mitsingt. Und es schien ihm, als ob die ganze sonnenreiche Vergangenheit, die ganze Mühsal der düstern Gegenwart und die rätselhafte verklärte Zukunft mit ihren holden Wundern in diesem Gesänge zitterten. Löbel fuhr plötzlich auf, und ein fürchterlicher Schrei entrang sich seiner Brust, daß es schien, als ob der sterbende Greis den ganzen Rest seiner Kräfte jetzt ausgeschrieen hätte. Er setzte sich auf im Bette, bedeckte das Hohlwangige Leichengesicht mit den skelettdürren Fingern, und als sein Sohn in unsäglicher Angst stumm erbebend an ihn herantrat, rief er ihm mit kraftvoller Stimme zu: Sing mit mir! Er stimmt seinen letzten ״Kol-Nidre" an, und er sang ihn so wundersam schön, so entzückend, daß es schien, als ob mit dem letzten Ton dieses Gesanges die allen sozialistischen Parteien Europas (ausgenom-׳ men vielleicht die Fabian society Englands), von der kommunistischen bis zur offiziellen Mehrheitssozialdemokratie, für Europa, ich betone: für Europa das wirksamste evrntel darstcllen, um das entsetzliche u. recht der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu überwinden und durch die Erfüllung der Sozialiüerungs- Pläne der europäischen Menschheit eknen Glückszustand zu geben. Es ist aber fraglich, ob dieser Glückszustand mehr sein kann, als ein augenblicklicher. Ob nicht die Diktatur der Materie, die heute duröh die Machtinstrumente des Kapitalismus wirkt, exzedicrt, durch sozial!- stische Vollstrecker weiter, wenn auch in anderer Form, wirken wird, weiter die Menschheit an die Ruderbank der Materie sklaven wird. Es ist mehr als fraglich, ob eine Menschheit, die nur sozialistisch produziert, deren Gesinnung aber unverändert bleibt, deren Sozialismus .ausschließlich ein ökonomischer ist, niemals ein Sozialismus des Gefühls, des Herzens und des täglichen Denkens, ob diese europäische Menschheit je mehr als einen augenblicklichen Glückszustand erreichen kann. Die Mehrzahl der Gründer und Führer aller sozialistischen Parteien Europas waren Juden. Ihre jüdische Gcistcsbeschaffenheit,' Mitgefühl, revolutionäre Triebe und andrerseits Hang zum Abstrakten, Theoretischen führten sie zu Versuchen die ganze Menschheit zu erlösen. Die ganze Menschheit, ohne an ihr Volk zu denken, weil sie von ihrem Volke nichts wußten und sich von Laffalle bis zu den Sozialdemokraten dieser Tage den Umwohnenenden assimiliert hatten und — weil der ihnen als Menschen innewohnhende Sieges- Wille sie auf die breiteste Plattform wies, auf die der gesamten Menschheit. (Es wäre aber Wahnsinn, tvollte man ihnen ihren Wert für die Sache der Menschheit absprechen, wollte man einen Kurt Eisner oder gar dem edlen Menschen Landauer dieser Tage nicht die größte Ehre erweisen, die trotz ihrer Assimilation einer der größten und edelsten Vertreter jüdischen Geistes .waren.) Heute aber, da die Idee vom jüdischen Volkstum kein mystisches Phantom mehr ist, da VerwirklichungS- Möglichkeiten vorhanden sind, tritt eine Verschiebung dieser. Ausblicke ein. Nun, da zwei Wege dem Sozial!- sten offen stehen, der vom *Volk und der zum Volke, tritt die Notwendigkeit der Entscheidung ein. . Es gab Juden, die sich entschieden. Es gab aber auch Juden, die einen Mittelweg einschlugen, Judentum und Palästina in ihre^r Gesichtskreis csnbezogen, trotzdem aber den Boden des europäischen Sozialismus nicht verließen und sich dennoch ״Arbeiter Zions' nannten. Sie konstruierten die Unmöglichkeit einer jüdischen Sozialdemokratie, indem sie versuchten, den Geist ihres Volkes dem Partcidogma untertan rm ״׳achen. So entstand aus den jüdischen Massen des Ostens die Organisation der Poale Zion, die es zuwege grbracht hat, eine Ideologie anzunchmcn, die auf Bcdingungen fußt, die weder im europäischen Osten, noch in Palästina gegeben sind. Man wird zugeben, daß die wirtschaftliche Struktur der osteuropäischen jüdischen Massen eine durchaus andere ist, als die des übrigen Europas. Die scharfe Trennung von produktionsmittellosem Lohnarbeiter alles, das ganze Weltall züsammenstürzezr und in nichts zerfallen müßte. Denn er goß in diesen Gesang all seine erstickten Tränen, all die Galle aus dem Schmerzenskelche, den er bis auf die Hefe geleert, das dreißigjährige bange Sehnen nach Licht, das endlose tausendjährige Leid des unglücklichen Volkes, das furchtbare Himmelsgericht schreckenbrüllend, — alles wälzte sich und brauste und tobte und stürmte mit gewaltigem Schwung: es glitten die Wolken und dis^Zeit schritt, die Kinderträume blühten und schwanden dahin, die Lenze und die Herbste lösten sich ab, die bunten Hoffnungen erwachten und vergingen, des Unglücks Speere klirrten, und der Glaube breitete seine weißen, tröstenden Flügel über die traurige Menschheit aus, sie zu der Heimat Strande nach dem Jenseits hinüberleitend . . . Schon lange hatte der Chor in der gegenüberliegenden Synagoge das Kolnidre-Gebet beendigt, aber Löbel sang, sang und sang. . . Die Kräfte begannen ihn zu verlassen und er sang immer stiller, stiller, stiller. . . Er fiel mit dem Gesang auf den Lippen aufs Bett und mit dem Ruf: ״Ich sehe . . ." schloß er für immer die blinden, nach Licht lechzenden Augen, — tvie ein sterbender Aar, der noch zur Sonne blickt. Der Sohn aber, der vom Strome des Gesanges ganz hingerissen war, bemerkte den L> nicht; er stand neben der Leiche seines Vaters und sang noch immer fort den wunderbar schönen, altheiligen Gesang ״Kol-Nidre". und produktionsmittelbesitzendem Unternehmer in den hochkapitalistischen Ländern Europas, in denen die Sozialdemokratie ihren Schwerpunkt hat, steht eine östliche Masse gegenüber, die wirtschaftlich beinahe gar nicht differenziert ist und durchaus andere Wirtschaft, liche und geistige Bewegungstendenzen aufweist. Welche großartige 'י Perspektiven der europäische Sozialismus auch in Jndustriopa hat, dort wo die Poalezionisten in sonderbarem Nichterkennen der vollkommen geänderten Grundlagen Wirker! wollen, dort muß er im Sande verlaufen, oder aber er muß das Aushängeschild für jede Art persönlicher individueller Unzufriedenheit werden. Soll nun did poalezionistische Tendenz, die blinde Annähme einer hier voraussetzungslosen Parteiideologie, sich nicht selbst ad absurdum führen, muß sie folgerichtig, um sich Existenzbedingungen zu schaffen, die östlichen Masten mit allen Mitteln proletarisieren, also auch durch die Unterstützung der Unternehmer und der Ausbeuter, die zu bekämpfen ja ihre Aufgabe ist. Hier schließt ein wahnsinniger Kreis. Eine Proletarifierung im gebräulichen Sinne, wird aber die jüdische Maste nie auf sich nehmen, deren Psychologie eine solche sti, daß sie lieber in scheinbarer Selbständigkeit hungert, denn aNhängig besser lebt. Wie also in den ökonomischen Verhältnissen des jüdischen Ostens, trotz des ganzen unmenschlichen Jammn•״׳. die sozialdemokratischen Parteivoraussetzungen nicht verankert sind, ebensowenig, weniger noch, sind sie es in Palästina, einem Lande, mit durchaus anders laufenden Tendenzen und Bedingungen, sowohl im Oekonomischen als auch im Geistigen. Hier, in Palästina, wird die ganze Größe, der in•׳ nercn Desorientierung der jüdischen Sozialdemokratie l jüdisch, v׳cil ihre Mitglieder zufällig Juden find) fichtbar. Kritiklos, parteifanatisch, impotent, sich aus dem Parteikäfig zu erheben, fordert sie das, was sie auch unter anedren Voraussetzungen fordern würde, setzt das Prinzip höher, als die Verwirklichung des wunderbaren Traumes Jude auf jüdischem Boden zu werden, und,!viewohl sie historisch orientiert zu sein behauptet, knüpft sie nickt an die Geschichte des freien, wirklichen Judentums im jüdischen Lande, sondern an die Tagesgeschichte des verfälschten, geknechteten, mit fremden Einflüssen durchsetzten Galuthjudentums an. ״Wenn dein starker Arm es will, stehen alle Räder still!" Gewiß ein schönes Lied, wenn man es hört, da der ausgesaugte deutsche Arbeiter, der keine Hoffnung im Leben hat, als die Erhöhung des Lohnes, dem Kapitalisten den Fehdehandschuh hinwirft. Ist es aber nicht kindlich, im Lande Israel, wohin wahrlich bis nun noch wenige Arbeiter die Aussicht auf Gewinn ge» trieben hat, ist es nicht größenwahnsinnig, in dem kleincn unkultuvierten Lande die furchtbarste Waffe aus der Rüstkammer der höchstentwickelten Industrieländer anzuwenden, und so ieniger Prinzipien halber, und mitunter nur um der Streiklust willen, die Existenz der jüdischen Arbeit überhaupt auf das Spiel zu setzen? < Und zuletzt, doch nicht als Letztes: Kön4>t ׳" vorstellen, daß in einem orientalischen Lande, im geschichtlichen Lande des Hebräischen eine jüdische Ku!׳ ׳ anders entstehen könne, denn auf der Basis des He- Neiloh. Von David Pincas, Lehrer in Frankfurt a. M. In Ssrgenes und Tallis eingehüllt. So stehn sie in der Synagoge, Und ab und zu ihr leises Murmeln schwillt Zum hocherbrausenden Stimmengewoge. Der Himmel strahlt in letzten Abendgluten, Der Bäume Spitzen glühen fern und nah — Von Mund zu Mund die Trostesworte fluten: Die Stunde der Neiloh, sie ist da! O sel'ge Stunde, wo aus heil'ger Höhe Die Brücke der Versöhnung still sich sennkt, Und Gott den reuigen Seelen seine Nähe, Wenn ^sie sie wahrwaft suchen, gnädig schenkt: Wo frei aus Herzens Kammern wir enthafte» Jedwede Sünde, die darin gelebt, Und aus dem Schlingengewächs der Leidenschaften Der Reinheit Lilie farbenleuchtend strebt. Im Zwiegesang von Chason und. Gemeine Die heil'ge Zeit sich nun dem Ende naht. Jnbrünst'ger noch, im spornenden Vereine, Wird ausgestreut der Bittgebete Saat —: Daß keim' und sprieße himmlische Erhöhung. Kaporoh, Tah'roh werd' der Beter Schar, Daß guten Wünschen werde bald Gewährung Und heimgebracht zu Gott, der fern Ihm ttKM