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Jüdische Volksstimme · 1919-10-02 · Heft 29 (2.10.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 29 (2.10.1919)
Date
1919-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrg. XX, Nummer 29 »--:-B Ve,»,»preis er halbjährig .Kronen 15*50 gan-jährig.Kronen 30*— Deutschland, ganzjährig.Mark 20 — Rußland» ganzjährig.Rubel 12* — Balkan, Frankreich Frank» 24*— Herausgeber: Max Hickl< ^Redaktion und^ Administration: Brünn, Adlergaffe g^ Buchhändlerische Vertretung: Vtt» Klemm, Leipzig Inserate: dev 6-spaltige Zentimstermum 2 K. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht t-sno» rtert. — Manuskripten ist Rückport» bet,«fügen. Wien—Brünn 2. Oktober 1919. 8. Tischrl 5680. Prag—Lemberg. - AMI אחדגם לולובים הדסים in M. Hickls Jüdischer Buch- und Kunstverlag Brünn, Adlerg. 9, soeben eingetroffen. Telegraphische Bestellungen erforderlich. Feuilleton. 88» MW MS Nahum So k o l o w: Der letzte ״Kol-Nidre". Das trübe, rätselhafte Licht einer in einem fandgefüllten Mörser steckenden WachskerzL verschmolz sich mit den zitternden Strahlen der Flämmchen von viel Stearinkerzchen und dem Flimmer von sechs Talgkerzchen, -die im dreiarmigen, kupfernen Hängeleuchter über der Tür steckten, um die kleine, niedrige, aber äußerst saubere Wohnstube des blinden ״Meschores" Löbel zu beleuchten. In der Stube herrschte eine so wundersame majestatische und feierliche Stille, daß sogar die alte Hölzerne Wanduhr den Lauf ihrer Zeiger still stehen ließ, und das Röcheln, des auf seinem Bette, in Sterbensquäl hingestreckten Greises sich so still und furchtsam seiner siechen Brust entrang, als ob es sich scheute, die auch ohnedies kaum hörbaren Seufzer des jungen Jankiel, der am Bette seines alten Vaters saß. zu übertönen. Von einer unheilbaren Krankheit überwältigt und auf das Martyriumlager fürchterlicher unbändiger Schmerzen schon seit einem Jahre unbarmherzig geschleudert, lag er da und harrte des einzigen Erlösers — des Todes. Er harrte geduldig, denn er glaubte, er glaube unecschütterlich, daß der Tod eine Erlösung sei und daß er für die Gerechten und Tugendhaften die Morgenröte eines neuen Lebensfrühlings bedeute, eines Lebens voll Wahrheit, Sonne und ewigen Lichts. Und Jom hadin. Wiederum werden am nahenden Jomkippur die Juden von Nord und Süd, von Ost und West sich in prunkvollen Synagogen und einfachen Botemidraschim versammeln, um den großen Feiertags in einer Weise zu begehen, wie sonst kein zweites Volk, keine zweite Religion auf der Erdenrunde einen Festtag feiert. Judas Volk, mit wenigen Ausnahmen, nähert j sich an diesein Jomkodasch seinem Gotte. Wir kasteien unfern Leib um Vergebung bei unserem Gotte zu finden nicht nur für uns, .sondern auch für die Fremden, die in unserer Mitte weilen. Verfolgt, bedrängt vom Haß der Völker flüchtet sich Israel zn seinem Gotte und betet nm Frieden mnd Versöhnung.. Der, fürchterliche Weltkrieg ist zu Ende. Das jüdische Volk hat Wohl die allergrößten Opfer gebracht. Wo gibt es aber ein Land, dessen Bewohner dem Juden auch nur ein wenig Ruhe gönnen würden. Pogromme der fürchterlichsten Art sind auf der Tagesordnung. Die Bestie im Menschen ׳st erwacht..Der Sturmwind geht heute über die Erde. Juda bringt neuerdings Opfer. Die Straße, die die Geschicke der Nationen und Staaten leitet, ist von einer fänatisierten Masse in Bewegung gesetzt. Die Juden sind förmlich vogelfrei. Jeder glaubt an uns Juden sein׳ Mulchen kühlen zu können. Es ist für den Juden mit Lebensgefahr verbunden, sich frei zu bewegen. Jom hadin. Tag des Gerichtes. — In diesen T gen sammelt sich wiederum Israel um den Tag des Gerichtes, aber auch den Tag der Versöhnung zu bcgehen, Versöhnung mit Gott, Versöhnung mit seinem Nebenmenschen, Versöhnung im wahrsten Sinne des Wortes. Die Grundidee des Jomkippur ist: Die Verschon dreißig Jahre, dreißig wie die Jahrhunderte lange Jahre, hat er das Licht nicht mehr gesehen, denn er war kaum 25 Jahre alt, als es der immer gerechte Himmel gewollt hat, daß-er des Augenlichtes beraubt, in ewiges Grabesdunkel für das ganze Leben versenkt wurde. Während dieser langen Zeit sehnte sich seine Seele ,rach dem Licht, mit demselben brennenden Verlangen, mit dem seine Vaterherz nach dem Anblick seines jungstcn Sohnes schmachtete, den ihm der liebe Gott vor zwanzig Jahren zum Trost auf die asten Jahre gegeben hat. Und während er jetzt nüt dem Tode rang, dessen eisigen Hauch er schon in und um sich spürte, dachte er darüber nach, ob er des Jenseitslebens teilhaftig werden könne, ob er es ihm das Licht oder noch grausigere Abgründe der Finsternis bringen würde. Vor einem Augenblick waren sie insgesammt hier, seine Kinder und die Enkel, und er küßte die unsichtbaren Gesichter und er segnete sie und sein Herz sagte ihm, daß er zum letztenmal ihre heißen Tränen auf seinen abgemagerten dürren Händen fühle, daß es sein letzter «Erew Jomkippur" sei. Jomkippur . . . Auch die kleinsten Kinder m׳^ schwächsten Greise eilen an diesem allerheiligsten der heiligen Tage nach der Synagoge um dem Schöpfer des Weltalls und dem Richter aller Wesen um Bergebung für die eigenen Sünden, für die Sünden der Nächsten und des ganzen Volkes Israel anzuflehen. Er ist aber schon so elend, daß nicht nur er selbst nicht mehr imstande ist, sich nach der alten, kaum 30 Schritte entfernten Synagoge Hinzuschleppen, sondern er hat auch seinen jüngsten und geliebtesten Sohn hier an sich gekettet. Seine schmerzerfüllte Seele weint und seufzt, sein söhnung, die Rückkehr, die Teschubo. In dieser Idee erhält die ethische Konzeption des Judentums ihrem erhabensten Ausdruck. Ja, Juda ist bereit alles zur Versöhnung der Menschen beizutragen. Das jüdische Volk erhebt für sich den Anspruch in seiner alten Heimat, in Erez Israel sein Ruheplätzchen zu finden. Werden die Völker diesem Wunsche Rechnung tragen? Wird endlich den Nationen zum Bewußtsein kommen, daß auch' das jüdische Volk das Recht hat, sich national ausleben zu können. Aber auch wir Juden müssen alles aufbieten, um unsere Position , zu festigen. Die Zerfahrenheit in unserer Mitte muß endlich ein Ende nehmen. Am Versöhnungstage, muß, es uns zum Bewußtsein, kommen, was wir im Jnteresie unserer Zukunft, im Interesse der Menschheit zu tun verpflichtet sind. Jom hadin! An diesem Tage müssen wir mit uns zu Gerichte sitzen und. neue Wege einschlagen. Es geht nicht weiter an, alles jüdische aus unseren Familien zu bannen, traditionelles und nationales Judentum mutz geeinigt werden. Die Familie muß wieder jüdisch, die Jugend in wahrhaft jüdischem Geiste erzogen werden. Wir dürfen uns nicht damit begnügen am Jomkippur die Synagoge zu besuchen, unsern Körper zu kasteien und nach dem Versöhnungstage das Judentum, Judentum sein lassen. Eine gründliche Arbeit-ist zu leisten. Haus, Schule, Synagoge müssen jüdisch im wahrsten Sinne des Wortes werden. Dann werden wir auch imstände sein, den Stürmen der Straße Widerstand zu leisten. Dann wird der Jomhadin ein Versöhnungstag für alle werden, die es mit dem Judentume ehrlich meinen und denen es um den Bestand des Judentums als Religion und Nation zu tun ist. Herz blutet und sein ganzes Wesen zerfließt in einem Jammerschluchzen, daß er nicht mehr wie ehemals, wie stets, sich dort am ״Omud" befinden kann, in der Mitte des Chors, in der heiligen Schul, Gott zu ehren und zu preisen und um Erbarmen für das auserkorene, unglückliche, leidende Volk Israel anzuflehen. In diesem Chor sahen die Frommen den blinden Löbel und horchten seiner schönen Baßstimme beinahe 50 Jahre lang, denn kaum 7 Jahre war er alt, als ihn seine Eltern der Obhut des alten Chasen Moscheh als ״kleinen Singer" anvertraut hatten, und so waren die Synagogenhallen — die süßen Auen seiner Kind-' heit. ' ׳ Seit jener Zeit kreiste des Schnitters Sichel schonungslos, schon war der dritte Chasen tot und Löbel stand noch immer am ״Omud", und seine mächtige, klangvolle Stimme schwang sich gn jedem Sabbat und Feiertag in heiß empfundenen Gebeten bis an den Thron des Königs der Könige und umspannte mit einem großen heiligen Schauer die Himmelsengel und die Menschenseelen. Schattenhaft glitt Abenddunkel nieder. Aber Löbel merkte davon nichts, er fühlte bloß eine schneidende, dürre Kälte, die bis in das innere Mark der Kiwchen und in die Tiefe des müden, schmerzgepeitschten und von Todesahnungen erbebenden Herzens drang. Das Licht aus der Synagoge, das aus einem gegenübertzegenden Fenster hervorquoll, blitzte hurch eine Scheibe dieser kleinen Wohnstube wie eine Feuerlilie. Sie strahlte purpurn in das Innere dieser Stube hinein und verdunkelte das Licht der Wachskerze und ihrer kleineren Stearin- und Talggefährtinnen. Ein leises Geräusch, ein sehnendes Geflüster flog aus der alten Synagoge heran, ein trauter Hauch wehmütiger Ehrfurcht schwebte und umwehte die Kran- Uerhreitet die jüdische üolksstimme“.

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