Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 28 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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0 Nr 28. s^MMGOM , WIWpllBBi 6f1t 3 Berliner Brief. Bon FabiuS Schach. Eine schwüle Pogrom ft immung herrscht in der nicht wehr königlichen aber noch lange nicht republikanischen Reichshauptstadt. Diese furchtbare Stimmung ztztgt sich überall da, wo das jüdische Empfinden noch nicht ganz durch Kriegswucherern und Hamstern verloren gegangen ist. Es ist wie vor einem Gewitter, man fürchtet etwas, man erwartet etwas, was man nicht abwenden kann. Noch vor einigen Jahren war nicht nur das Dort, sondern auch der Begriff Pogrom dem Berliner Juden fremd, und wenn man davon sprach, antwortete er von oben herab: »So etwas ist nur im barbarischen Rußland möglich, in einem wirklichen Kulturstaate ist das einfach undenkbar." Das kann schon stimmen, nur wird man sich fragen müssen, ob MM bei allem, was man in den letzten Jahren erlebt hat, Deutschland noch mit dem Epitheton Kulturstaat bzeeichnen wird. Denn die Kriterien einer Kultur, die diesen Namen verdient, sind nicht überladene KaffeehäusLr und protzige Denkmäler, blanke LeutnantS und aufgeputzte Frauen. Der alte L i e b i g sagte einmal, man könne die Kultur eines Landes nach dem Konsum an Seife bemessen. Uebertvundener Standpunkt! Heute kommen nur Parfüm, Schminke und Puder als Gradmesser der Kultur in Betracht. Gewiß, Kulturstaat und Pogrom' passen schlecht zusammen, nur wissen wir heute nicht mehr, wo. der Kulturstaat anfängt und wo er aufhört. Ja, die deutschen Juden betrachteten immer den Antisemitismus als harmlosen Sport und nicht als Gefahr und innerlich empfanden sie dunkel, daß Mo- -dejuden und Antisemiten einander bedürfen. Das ist kein Witz, sondern eine bittere Wahrheit. Nicht nur die Antisemiten, die vom Antisemitismus lebten, konnten die Juden nicht entbehren, sondern auch alle Konservativen, Alldeutsche und Uebernationale, hie im Antisemitismus lebten, brauchten die Juden, denn^ ihre ganze Weltanschachuung baute sich auf dem Gegensatz zwischen Judentum und Deutschtum auf, und Gegensätze werden erst anschaulich, wenn sie räumlich in die Nähe rücken. Die Juden waren die Schatten, ohne die die germanische Sonne ihre Kraft nicht demonstrieren konnte. Die Germanen sind natürlich die »Herrenraffe", da genügt es nicht, dem, Erzfeind hinter den Vogesen zu zeigen, man muß in der Nähe eine zweite niedrigere Rasse haben. Praktisch könnte man ohne die Juden schon garnicht fertig werden. Denn, wie wollte man all die mißglückten Aktionen, all die politischen Fehler entschuldigen, wenn es keine Juden gäbe, auf die man alles abwälzen kann? Wie wollte man die Schwächen des Heldenvolkes erklären, wenn die Juden dieses einzige Volk nicht verdarben hätten? Wie wäre die schlechte Moral und die zu. Morgens fuhr er weg und kam mit dem Nachtzug nach Hause zurück. ׳ Sara erzählte ihm, daß der Doktor nirgends sahren hieß, da sich der Krankheitszustand bedeutend ver- Wimmerte. — Was? — schrie Chaim auf. — Schon nicht mehr fahren. Rein. Man darf nicht. Nun, nun ist unsere Chana, wie Ruchele — brach er ab. Solche rapide, plötzliche Aendcrung, habe er nicht erwartet. Ist das nun unverhofft, oder vielleicht sogar au unnatürliche Weise geschehen?! Möge sich Gott unser erbarmen. Er straft uns sehr hart. Sehr hart, ja, aber — Weißt du — sagte nach einer Weile Sara — was bei uns im Städtchen vorgefallen ist? Eine unerhörte Sache! Chaim schweigt noch immer, verblüfft. MM hat eine Tora gestohlen. Chaim erzitterte. Eine Tora? — fragte er mit grabstillen Ton. Weiß «um wer, wird jemand verdächtigt? Ich Heiß nicht. Ein verfluchter Dieb! Möge — Schelte nicht! — schrie Chaim. Warum? MM darf nicht schelten, weil — Chaim?! Chaim näherte, sich dem Bette der Kranken, drückte das Kind M sich und fragte mit rührend , bebender Stimme: Chana, schmerzt dich? — V Papa, es tut mich so Weh ... — Ich werde dir schon viel Milch kMfen, wirst du trinken? — ein höhnisches Lächeln vibrierte feine Mundwinkel. Geldsucht, die doch garnicht zum Germanentum paffen, begreiflich, wenn nicht der mammonistische jüdische Geist diese Demoralisation herbeigeführt hätte! Der Antisemitismus ist nicht, wie August Bebel ihn NMnte, der Sozialismus der Dummen, foaabetn der Klugen. Wozu den Kopf zerbrechen mit gelehrten Theorien? DaS ist ja garnicht germanische Art. Hier habt ihr 'die Juden, sie arbeiteten nicht und sind alle Millionäre, und hier die Gexmanen, die schwer arbeiten und nichts haben. Nun gibt eS auch wohl arme Juden, das sind aber keine eigentlichen Juden. Und es gibt auch reiche Germanen^ die ihren Reichtum auf nicht gerade ideale Art erworben worden ist, — die find aber wiederum keine echten Germanen, sind bereitS abgefärbt durch den verjudeten Zug des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Und wo gäbe es überhaüpt eine Regel ohne Ausnahme? Das ist der Kern der sozialen Frage, daS Problem der Probleme. Da ist natürlich nur eine Lösung möglich, die Juden bekämpfen, dann werdet ihr wieder kernig-germanisch, rein und sittlich, und es wird Euch gut gehen. Kann es ein bequemeres politisches und soziales Programm geben? DaS heißt, das ״Bekämpfen" braucht man sich nicht mit Blut und Schwert zu denken. Wir sind ja keine Russen, wir wollen nur das Volk aufklären, dann erfolgt die Lösung auf gesetzlichem Wege von selbst.! Vorläufig kommt in die antisemitischen Versammlung gen, leset die antisemitischen, Zeitungen und uüterstützt die antisemitischen Geschäfte, besucht die judenfreien Bäder, — dann wird es schon besser werden. — So ungefähr lauteten die Reden und Auseinandersetzungen unserer ganzen und halben Antisemiten. Und auch die Juden bedurften des Antisemitismus, denn er erinnerte in sanfter Weise daran, daß man doch noch nicht ganz assimiliert ist und daß auch die Taufe nicht viel helfen würde. Die Abwehr des Antisemitismus war noch das letzte Band, das viele Juden mit ihrer Gesamtheit vereinigte. Religiös war man nicht, national noch weniger, also war man Trotzjude, Abwehrjude. Man muß doch diesen kulturwidrigen, inhumanen Antisemitismus bekämpfen, das ist ritterliche Pflicht. Wie? Nun ja, man trat einem Vereine bei, zahlte seinen Beitrag, im übrigen aber ließ man sich in seinen Bequemlichkeiten nicht stören. Ich kenne in Deutschland viele Juden, die einzig und allein durch den Antisemitismus vom Taufbecken zurückgehalten wurden. Man kann doch eine Gemeinschaft, die zum Unrecht bekämpft wird, nicht im Stich lassen, auch wenn man innerlich picht mehr zu ihr gehört. So war es ein stillschweigendes Abkommen, baß MM äußerlich einander bekämpfte, in Wirklichkeit aber einander die Existenz gern gönnte. Als man Napoleon Ersten, fragte, wie er mit seinem Leibarzt zufrieden sei, antwortete er: ״Ausgezeichnet, er verschreibt mir Rezepte,' ich nehme sie nicht- und beide fahren dabei gut." . ' — Nun Väterlich will keine Milch, ich will gesund sein. f . — Du wirst, du wirst, du mußt gesund sein! — Was Chaim, was werden wir anfangen. Geh in die Synagoge, sage Psalmen her, öffne die heilige Bundeslade, begieße die Thorarollen mit Tränen! Schweig! Chaim, was ist dir? Ein Verhängnis waltet über uns, ein grollendes Gewitter, der Himmel hat sich aufgetan, die Donner rollen, die Erde fällt zusammen. . . Was ist.dir? Ja, ja die Gefahr ist nahe, sehr nah', über unsere Köpfe. Chaim! , Eine plötzliche Veränderung ist heute eingetrcten. Du hast eine plötzliche gesagt, das . ist etwas unnatürliches! Das kann so nicht sein! Nein, nein ich muß; ich habe ein anderes Mittel... Was denkst du denn nach? Was wirst du tun? Wir find sündige Leute und unsere Kinder ■un schuldig. So! So! Wir sind sündige Leute und diese unschul- Ligen Kinder büßen für uns. Aber Chana wird gesund sein, sie muß! Mich soll der Zorn des Herrn treffen! Mich den Sünder! Ich weiß wie . . . Chana, Chana! Du mußt gesund sein! — er küßte das Kind und lief hinaus. - — Papa! Papa! — rief Chana nach dem ausgehenden Vater mit schwacher abnehmender Stimme. Aber Chaim hörte nicht mehr die letzten Worte. Er lies durch die Straße, durch denselben gestrigen Weg in der Nacht, zu dem Hause mit den verrundeten Fenstern. Er fiel wie ein Rasender herein. Man beendigte eben das Abendgebet.. Er riß die heilige BundeSlade auf und begann laut mit verzweifelter Stimme Run hat sich aber das Bild sehr geändert. Die antisemitifchen Hetzer werden immer dreister und rauben den Juden die Ruhe. Sie arbeiten jetzt mit stärkeren Mitteln, bedrohe^ jeden Juden, sprechen offen von Pogramen, und der Berliner Jude empfindet jetzt den Antisemitismus nicht als Schmach, sondern als Unglück. Schamlos verteilen die gutgezahlten Agitawren ihre blutigen Flugblätter, auf den Straßen werden die antisemitischen Zeitungen mit den abscheulichsten Schlagwörtern angepriesen und die Pogromstimmung greift immermehr um sich. Ueberraschend kam die Sache eigentlich nur für politische Kinder. Die Alldeutschen, Konservativen und Antisemiten haben eine große Schuld auf sich geladen. Sie waren es, die die Saat des Pölkerhaffes lange gesät haben, bis die blutige Ernte kammen mußte. Sie haben den Krieg begonnen und verlänger!, und nun, wo das große Unglück da ist, fürchten sie die Abrechnung und lenken den Hatz auf die Juden. An Geld fehlt es ihnen nicht, denn sie werden von der Großindustrie und wahrscheinlich auch von den Monarchisten, Fürsten und Prinzen reichlich unterstützt. Ihre mächtigste Stütze aber finden sie in der politischen Unreife des Volkes. Die reichen Juden wundern sich und sie sehen erst jetzt ein, daß das Geld keinen Schutz bietet. Hoffentlich gelingt es der Regierung doch noch, die Pogromschmach von Deutfchlanb abzuwenden. Die deutschen Juden abe^ sollten endlich einsehen, daß es keinen Schutz des Einzelnen gibt, wenn die Gesamtheit nicht beschützt ist. Nahuan Sokolow schrieb in seinen jungen nicht unministeriellen Jahren ein Buch, an dem. der Titel das Beste ist. Es heißt: Simath olam l'am olam — der ewige Haß gegen das ewige Volk. Ja, ewig ist dieser Hatz un d den besten Schutz gegen ahn bietet noch das Zusammenhalten der Juden, die Verteidigung der jüdischen Ehre. Leider gehören die deutschen Juden immer noch zu denen, die viel vergessen und 'nichts zugelernt haben, und selbst diese furchtbare Zeit des Krieges scheint ohne große Wirkung auf sie vorübergegangen'zu Sie befassen sich auch heute noch mit Spielereien und haben für ernste Dinge wenig Interesse. Vor einigen Monaten ist der. Plan eines?irdischen WeltFong r e s s e s auch in DeutschlMd aufgetaucht. Die Idee ist nacht neu, sie ist vor 6 Jahren von Dr. Nathan Birnbaum in ״Ost upd West" zuerst erörtert warden und das Problem ist von ihm sehr tief erfaßt worden. Inzwischen hat uns die traurige Lage der Juden namentlich am Osten gezeigt, wie sehr uns ein az"i o - nistischer alljüdischer Weltkongreß auf nationaler Grundlage not tut. Nun hat naan׳ in. Deutschland den Gedanken aufgegriffen, aber in verkrüppelter Gestalt. Es ist immer schlimm, wenn eine große Idee ein kleinliches Geschlecht findet. Der richtige Weg wäre, den Weltkongreß im großeaa Stile vorzubezu schreien: Brüder! Juden! Es fehlt Euch eine Tora, ach bin der Dieb, ich Hab' sie gestohlen. Alle standen wie erstarrt. NiemMd wollte daran glauben . . . Denn es ist ja doch Reb Chaim Sofer, der einzige in seinem Städtchen. Er sollte es garnicht haben. Und er setzte weiter fort: Ihr glaubt nicht? habt ihr das Geld, welches ich für sie empfangen habe. Woher kommt zu mir so viel Geld? Ihr glaubt noch immer nicht? Welche Beweise wollt ihr? Wisset, mir in der vergangenen Woche Ruchele gestorben, und das zweite Kind erkrankt ist? Ich konnte es retten, aber kein Ge—I— I ich will weiter nicht sprechen, ich will die Tatsache nicht rechtfertigen. Ich habe die Tora gestohlen und genug. Die Tora! Ein Healigenraub! Ich fiel über das Heiligtum hin, über das, wofüv-unsere Vorfahren geblutet haben. Ueber die Tora, die Gott allein dem Mose übergeben hat! Ich der Verscholtene, ich habe es getan. Warum schweigt Ihr?! Ihr Alten, warum legt ihr auf mich keinen Bannfluch? Steiniget mich! Grabesstille. Alle schweigen. Rollt in Eueren Adern kein jüdisches Blut mehr? Versteht Ihr es nicht, welch ein Verbrechen ich begMgen habe? Was ist denn mit Euch? Bedenkt nacht Hie Ursachen, die mich zu dieser Tat veranlaßt haben, sondern strafet die Tat! <?• das unschuldige Kind nicht büßen. Die Strafe will ich, die Strafe! Chaim! Chaim! —erscholl weithin eine kreischende Weibesstimme. CH—a—n—a—h st—i—r-b-^t. Chaim fiel kraftlos vor die Bundeslade zusammen. Uebertragen aus dem Jüdischen von Dr. Israel Hammer.