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Jüdische Volksstimme · 1919-09-24 · Heft 28 (24.9.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 28 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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* ttte L 28 gewappnet mit einem unverwüstlichen Arbeitswillen zum Aufbau des Landes ihrer Väter, getragen schon nicht mehr auf den Flügeln des ihr bis heute als Ansporn dienenden Ideals, sondern eines Worte entbehrenden, aber Taten verkörperten ungebeugten RealisterungSwillens. Sie, die Blutzeugin, des mit Blut gewusen europäischen Festes, eckelt das verhaßte Europa, sie geht schon den eigenen Boden mit ihren Fußspitzen berühren, seine Natursäfte in sich einsickern, um seine Riesenkräfte wieder zu erlangen, ihre traditionelle Kultur, die in Europa ihre Wurzeln nicht versenken konnte, ans eigenem Boden zu verpflanzen und pflegen. Jetzt blasen wir Schofer. Die Posaunen dröhnen mahnend, -aß es noch Zeit ist, sich zu läutern, dem, wenn der Hörende den Schall des Schofer hört und sich dennoch"nicht warnen läßt, und das Schwert bricht herein und rafft ihn weg, dann ist er selbst an seinem Unglück schuld (Hesekiel 33, 4). Völker! Erbebt unter der Angst und dem Schrecken einflößendem Schall des Schofars, schaudert zusammen, denn, er kündet den großen Gerichtstag an, den Tag, an welchem die Wahrheit ihr verschleiertes Gesicht enthüllen und den gemeinen Verbrechern den dränenden Rachespieß entgegenstellen wird. Uns aber, die greulich Verstoßenen und Herumirrenden, die Gebeugten und Geknickten ruft der mächtige Schofer zu: Wir sollen uns fammeln, einigen nud kräftigen und das Panier des etvigen Volkes auf dem Berge der ewigen Stadt aufwerfen. Bernard Ewingcr. Heldenmut. Bon Siegmund, U r a b i n, Gablonz a. N. Das Wort mit dem ich meine heutigen Ausführungen betitle, imponiert. Die Welt beugt sich anerkennend vor jenem Begriffe, und Antisemiten sprechen uns Juden jede Spur desselben ab. In den folgenden Zeilen will ich nun versuchen, frei, von jedem Vorurteil mich mit der Psychologie des jüdischen Charakters in Bezug auf jene Eigenschaft zu beschäftigen. Der NationaliSmuS der Völker ist in maßloser Selbstverherrlichüng verdummt, .der jüdische Nationalismus niemals. Wir leugnen und beschönigen jüdische Fehler nicht, sondern suchen sie zu bekämpfen. So erheben denn auch die folgenden Zeilen den Anspruch, völlig objektiv und wahr zu. sein. «Wir wollen objektiv und ehrlich sein". Man hört das sehr oft sagen; aber die die es sprechen, bedenken nicht, wie schwer dies ist. Die große Masse der Menschen folgt dem Herdentrieb, steht völlig unter, der Sugestion der TageSpresse, .und Literatur. Nur einigen Wenigen, die weit über dem Niveau jener Dutzend- Menschen stehen, ist es Vorbehalten, sich aus dem Banne der Maffensugestion -zu reißen, und eigene Ideen zu schaffen. Auch Durchschnitts- und Alltagsmenschen glauben oöjektiv sein, zu können; aber wenn sie es versuchen so vertauschen sie nur ein Vorurteil mit eihauptend, daß sie nicht hungrig sei. Während ihrer Krankheit wollte sie nicht öinmal viel Milch trinken, damit auch noch etwas für die Mutter übrig bleibe. Ach, es lvar ein süsses Kind, ein teueres Kind, ein Engelchen, meine unschuldige Ruchele, endete Sara gewohnlich mit einem bitteren Seufzer — wjr Sündige waren unwürdig so ein Kind zu haben... Und so verging ein Tag nach dem anderen und die Schywe näherte sich' schon ihrem Ende; aber am achten Tage begann plötzlich die kleine Chana zu fiebern. Man rief den Doktor, der nach ^er Untersuchung, leicht den Kopf schüttelnd, den Eltern erklärte, daß Chana in die Krankheit der seligen Ruchele verfällt... Gut pflegen, und wenn es besser wird, sofort hinausfahren. Die armen Eltern waren ganz entsetzt. Kalter Schweiß begoH ihre Stirne. Sie empfanden, daß ein Unglück über sie verhängt ist, wußten aber nicht, was anzufangen wäre, wohin sie sich zu begeben hätten, wen'um Hilfe anzuflehen. Die Einkünfte eines Sofecs sind doch nicht groß. Schwer, mit großer Mühe konnte Chaim s^ine Familie ernähren. Denn Thöras schreibt man nicht so oft, und das »Tefilim-" und Mesusott"- Schreiben bringt auch nicht viel ein. Indessen erkrankte Ruchele. Man mutzte sie retten. Dem Doktor; bezahlen, Arzneien kaufen. In der letzten Zeit nahm der Dökwr für die Besuche überhaupt kein Geld. Im Gegenteil. Gehr oft ließ er für das Rezept Geld noch zurück. Und jetzt soll man auch noch hinausfahren. Woher das Geld nehmen: Chana müssen sie retten. Sie ist doch ihre einzige letzte Tochter... So nachdenkend, saßen Chaim und Sara beim frisch׳ gemachten Bette der Chana. Derweil brach die Abenddämmerung ein. Im Zimmer ward es allmählich finsterer. nem anderen. «Wir wollen objektiv sein, und über die Fähigkeiten der Juden zum Heldenmute reden", so sprayen oft Juden in jüdischen Kreisen, ohne zu merken, daß sie sich im Augenblicke, da sie sich von der Sugestion ihrer Eigenliebe zum Judentum losreißcn, sich der Sugestion antisemitischer Schlckgworte in die Arme geworfen haben. Wenn ich daher heute objektiv zu sein versuche, so folge ich weder der einen noch der anderen Sugestion, sondern gehe ganz meiner eigenen Wege. Versuchen wir einmal den Begriff des Heldenmuts zu betrachten, und zu ergründen, woher die allgemeine Hochachtung vor demselben resultiert. Die Helden des Altertums und Mittelalters besaßen große Körperkraft und Gewandtheit, brauchten sich daher vor einer größeren Anzahl Feinde nicht zu fürchten, und konnten vermöge dieser Fähigkeiten ihrer Nation oder ihrem Stamm von Nutzen sein. Es ist daher ganz natürlich, daß solche Individuen bei einer Nation gern gesehen und daher verehrt wurden, und dieser Brauch hat sich bis auf unsere heutige Zeit vererbt. Heute aber haben körperliche^ Fähigkeiten und physischer Mut, den grüßten Teil ihrer Bedeutung verloren, und die geistige Kraft hat ähre Rolle übernommen. Die modernen Helden unseres Zeitalters brauchen nicht mehr ihre Knochen zu riskiren, sondern sie enthüllen neue Gedanken und Ideen. Aber es gehört nicht minderer Mut dazu, mit gebräuchlichen Anschauungen zu brechen, und ehrlich das zu sagen was man denkt. Die Dutzendmenschen des Alltags aber, deren Geist nach Art der Karuffel- Pferdchen, nur in alten ausgefahrenen Geleisen läuft, Pflegen jene modernen Helden des» Geistes geringschätzig als Federfuchser zu bezeichnen, und huldigen noch immer. dem veralterten Heldenmut brutaler Körperkraft. Man wird mir vielleicht entgegnen, daß auch jenen veralterten Helden menschliche Ideale verkörpern, und daher bewunderungswürdig seien. So will ich nun versuchen auch dieses Argument auf seinen inneren Wert zu prüfen. Betrachten wir einmal die körperlichen Helden vom psichologischen Standpunkte, so sehen wir bald, daß tpir drei Arten des Heldentums unterscheiden können. Erstens der Held aus roher Kraft. Dieser vertraut auf seine Muskulatur, und tappt schwerfällig in die Gefahr, ohne die Größe des eventuellen II״ erfassen zu können. Wir könnten ihn noch anders bezeichneü, als den Helden aus Unverstand, und dieser wird uns Wohl nicht sympathisch erscheinen können. Die zweite Art des Helden ist der Held aus Leichtsinn. Man sah ihn häufig genug während des Krieges. Ein junger Offizier, der sich leichtsinnigerweise ins größte Feuer begab, blind auf sein Glück vertrauend, 'um spätereinmal mit Auszeichnungen geschmückt, den Backfischen und Gänschen seines Heimatstädte״״-" imponieren. Auch diese Art des Helden, wird höchstens die Begeisterung unserer modernen, geistloser: Zierpuppen erwecken. Die dritte Art des Helden wird verkörpert, durch den Helden aus Heroismus. Dieser begibt sich in die — Mutter, Mutter! sprang plötzlich mit einem Schrecken Chana auf — Ruchele, schau, Ruchele. . .! — Kind fürchte nicht. Es ist niemand hier. — Chaim, zünde die Kerze an. Schweigend führt Chaim den Befehl aus. — Vater, Vater es tut mir etwas so weh — sagte Chana, mit dem Gesichte zum Vater, der eine Kerze in der Hand hielt, gewendet. —. Ich weiß eS, weiß eS, liebes Kind, es wird Vorbeigehen. Du bist ein wenig krank! Weiß der Papa, was mir fehlt? — Nichts, nichts, es' wird weichen. Du hast Dich ein wenig verkühlt. Siehst, man soll immer gehorsam sein.! — Bin ich denn unartig? Ich höre immer Vater urch Mutter. — Ja, Kind. Du bist immer artig. — Und warum, Papa, schmerzt es, brennt es mich so . . . Der Vater schwieg. Warum weinst du Mutti? Mutter weine nicht. Sara wischte mit der Hand die Tränere ab; ging an die Seite, setzte sich in einem Winkel nieder, still Weinend. — Lieber Vater — Chana küßte die Hand d-.׳S Vaters. — Mutti weint, weil ich krank bin. Möae V pa den Doktor firagen, was mir fehlt. Ich will gesund sein. Gut Papa? Ich werde schon immer artig sein. Der Vater streichelte mit der Hand das Kind, k" seine Stirn und schwieg... So saß er eine längere Zeit hindurch, dachte nach und siptz keinen Blick von der kranken Chana ab. Plötzlich sprang er auf, wie wenn ein ungewöhnlicher wilder Gedanke ihm in den Kopf gestiegen wäre. — Sara! rief er mit bebender Stimme — sitz' ein wenig selbst bei Chana, ich werde bald kommen. ' ■ ~ s Jüdischer Bolkskalender" Gefahr weil er es für unumgänglich notwendig findet, sei eS aus idealen oder realen Gründen. Er weih die Tragweite seines Entschlusses wohl atzufchS-en, und geht daher nicht kühl lächelnd in sein BerdrÄrn, sondern leichenblaß mit unmerklich schlotternden Knien, aber von rücksichtsloser Energie beseelt. Er ist kein Held mehr in dem gebräuchlichen Sinne dieses Wortes, sondern der Heros. Zriny in Sziget hat sich als er seinen verzweifelt, heroischen Entschluß faßte, wohl nicht so heldenhaft gebläht, wie der Körnersche Zriny bei seinem berühmten Monolog auf den Brettern unserer Provinzbührten. Diese Art des Helden, kommt dem modernen Geisteshelden am nächsten, und sie ist auch die seltenste. Diesem Helden können wir unsere Bewundcrung nicht versagen» und müssen uns anerkennend vor ihm beugen. Wenn wir nun so das Wesen des Heldentums erkannt haben, so sehen wir, daß die Bewunderung des ^Helden, im heutigen Sinne dieses Wortes meißt ganz ungerechtfertigt, und auf eine veralterte GeisteSauffassung zurückzuführen ist. Wenn wir dies alles erfaßt haben, so werden wir einsehen, daß wir Juden es nicht zu bedauern brauchen, wenn es in unserer Ritte we- Niger Helden aus Unverstand und Leichtsinn gibt, wie bei anderen Völkern. Der Jude ist meist intelligenter wie seine Wirtsvölker, und sehr selten leichtsinnig. Er pflegt alles was er tut vielmehr zu durchdenken, und folgt nicht blind einer modernen Zeitströmung. Daraus erklärt es sich, daß Juden während des Krieges seltener bestrebt waren, in die Gefahren des Schlachtfeldes z.> kommen. Darin mögen die Antisemiten recht haben. Wenn sie uns Juden jedoch die Fähigkeiten zum' Heroismus äbstreiten wollen, so bedienen sie sich ein.״ krassen Entstellung von Tatsachen. Der aufopferungsfreudige Heros der Märtyrer ist im Judentüme nichts Seltenes. Wir brauchen nur auf die jüdischen Legion-׳.! in Palästina zu verweisen, deren Mut der englisch׳.׳ General Alembh gerühmt hat, und die sich fast durch- Wegs aus polnischen Juden rekrutierten, jenen Juden, denen selbst unsere ״jüdischen Antisemiten" Mut und Kouragc absprechen wollen. — In -Polen bildet das Tragen altjüdischer Tracht eine nicht unbedeutende Gefahr, indem sie ihren Träger oft "Mißhandlungen aussetzt. Und dennoch halten diese Juden an ihr fest. Sie brüsten sich nicht damit, und klopfen sich nicht mir theatralischer Geste auf die Brust; aber in diesem stillschweigenden seine Wege gehen, liegt ein Heroismus, dem der Denker seine Bewunderung nicht versagen kany. Die Welt beugt sich noch heute vor dem alten Gespenst des Heldentums, und es werden noch viele Jahre vergehen- bis sie von dieser alten, heute völlig unbegründeten Sitte lassen wird. Die modernen Geistes- Helden dieser Welt, die Helden der Zukunft aber, gehen ihren eigenen Weg. Sie entsprangen zum Großteil unserem jüdischen Volke. In unserer jüdischen Jugend aber, schlummern ihrer noch viele, und dessen wollen wir uns bewußt sein. — Chaim wohin denn? Chaim war schon nicht mehr im Zimmer. Er ging geradewegs gesenkten Hauptes in eine Richtung zielend. Es war schon späte Abendstunde, alle Lichter waren schon ausgelöscht. Nur ein blasser Mondschein beleuchtete ihm den Weg. Endlich blieb er vor einem Hause mit verrundeten Fenstern stehen, auf dessen Scheiben dex Mond wunderliche geheimnisvolle Bilder malte. Er stand eine Weile in Gedanken versunken, erzitterte dann und einige Male um sich hin und her schauend,. verschwand er . . . Als Chaim nach Hause zurückkam, war schon spät nach Mitternacht, Sara saß bei Chana's Bett, nachdeükend, in einen Punkt hinstarrend. — Papa — rief das Kind, welches gleichfalls nicht geschlafen hat — wo war denn der Papa? Chaim schwieg. — Was hat mir der Papa gebracht? — Ich habe Dir gebracht . . . Sei ruhig . . . Du wirst gesund sein... . Chana lächelte süß und gab dem Vater einen Kuß. — Wo warst du, Chaim? — fragte Sara «it einem ernsten Ton. Chaim schwieg. Warst du in der Synagoge? Hast du dort Thilim gesagt, was? y Jetzt, so spät? Wo warst du denn? Ich war am Bahnhofe. Ich dachte, daß ich den Bruder dort antreffen werde. Morgen früh werde ich zu ihm fahren. Er wird mir Geld borgen. Kannst ja schreiben. Nein! — Ich muß fahren. So wird er eher borgen. Die ganze Nacht hindurch drückte Chaim kein Auge

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