Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 28 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zatzr-. XX. promtnet «o» ® «s * f » P111 f e: |WW|B,.,״ .. . ftnnten 15*50 ganzjährig.Kronen 3d— Deutschland» ganzjährig.Mark 2V — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12׳— Balkan, Frankreich ........ Frank» 24׳— Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, SLlergaffe - Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, feitolf Inserate: der 6-spaltige Zentimotervaum 2 Unverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht ^ano» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Brünn. \\ U'W'1819 Prag—Lemberg. «»»»»»MNISIWIASSSSSIMSI Zum Jahreswechsel enlldieten unseren Freunden, Mitarbeitern, Abonnenten, Inserenten und Lesern die herzlichsten Glückwünsche כתיבה וחתימה טובה Redaktion und Administration ״Jüdische Bolksstimme." \r«r Rosch-Haschanah. ׳ Ein. Gefühl der Beklemmung und des Unbehagens beschleW uns, das Blut erstarrt in Unseren Lldern״ und ein Gruseln durchfröstelt unseren Rücken, wenn wir die Ereignisse des vergangenen Jahres vor unseren Augen Revue passieren lassen. Das jüdische Volk hat schon sehr oft traurige Jahresbilanzen, während der Zeit seiner Zerstreuung aufzuweisen gehabt. Es verging fast kein Jahr, in dem es der Brüder nicht zu gedenken hatte, die der Willkür des blutrünstigen muisemitischen Pöbels zum Opfer gefallen sind. Was uns aber das letzte Jahr brächte, übersteigt än Grausam- Feuilleton. M. Br ende r: Reb Chaim Soser. Ein niedriges, eingefallenes, von Armut strotzendes Stübchen mit zwei krummen, ausgebogenen Fenstern. In einem Winkel steht ein Ofen, im anderen hart beim Fenster ein altes zerbrochenes Tischlein, auf dem Gebetbücher, Pergamentstücke, Gänsefedern und Mesusoth in Unordnung aufliegen. In einem gegüberstehenden Bett ist ein schlafendes, bleiches Maochen zu sehen. Neben ihm am Sessel sitzt die Mutter, welche von Zeit zu Zeit mit der Hand bald die glühende Stirn des kranken Töchterchens' streichelt, bald die das Antlitz reichlich durchfließenden Tränen abwischt. Unweit der Mutter am Fußboden sitzt die jüngere Tochter, die sich mit dem Kleid und der bis zum Boden herunterhängenden Mutterhand spielt. Ins Zimmer tritt eben ein schon etwas gebeugter, wenn noch im mittleren Alter, Jude ein, mit einem Gebetbuch in der Hand. — Sara! Ich war am Friedhöfe und habe gebetet.׳ . — Ein wenig stiller! — Sara gibt ihm ein Zeichen mit der Hand, damit er nicht so laut spreche. — Ich habe gebetet — setzt er mit einer gedämpften Stimme fort — ich bat flehentlich, ich weinte, vielleicht wirb.mich Gott erhören, vielleicht wird er sich erbarmen.... — Bete noch, sage Psalmen her — spricht zu ihm Sara mit kaum hörbarer Stimme. — Gut, gut ich werde beten, Psalmen hersagen, ich werde fasten, Gott soll fich n u r unser erbarmen! Er setzte sich bei seinem Tische nieder und be.gann ״Thilim" zu sagen. keit und Bestialität all das, was am jüdischen Volke bis nun verübt wurde. Das Jahr, in dem der dröhnende Zusammenprall der Mordwaffen größtenteils zum Schweigen gebracht wurde, das Jahr, in welchem manchen reaktivnären Gewalten die Hydraköpfe heruntergenommen wurden, in welchem die Erbschaft des Jahres 1789: ,,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" mit bombastischem Schwulst, vom Areopage Europas ins Blas- Horn geschmettert wurde — brachte den Juden nur Unheil und Unglück, Pogrom nach Pogrom. Welch' großer Kontrast in der Spanne eines Jahres! In Paris wird «urbi et orbi" die Unantastbarkeit der primitibsten Menschenrechte mit lauter Stimme verkündet, in Polen, in der Ukraine und in Ungarn werden die Grundprinzipien der Menschlichkeit mit Füßen getreten. Vom Ural bis über die Weichsel, und die Donau dampfte jüdisches Blut. Jüdisches Hab und Gut wurde in ein wüstes Getrümmer von Schutt und Asche verwandelt. Die jüdischen Massen wälzen sich heim- und obdachlos, Nomaden gleich, auf einem von Banden und einer wilden Soldateska durchseuchten Boden, preisgegeben den Begriffen des «rasenden Edoms", schutzlos seinem entarteten wahnsinnigen Treiben, seimen Zörstörung?^,'Brand-, Stehl-, Sauf-, Haß-, Verleumdungs- und Erniedrigungsgelüsten׳ ausgeliefert. Um das Martyrium des jüdischen Volkes in diesem Jahre, sein heldenhaftes Ringen mit dem erstickenden Alpdruck des Unheils, das über sein Haupt ergangen ist, schildern zu können, müßten wir eine in Blut getauchte, - wenn nicht die eiskalte, starre, aber geniale Feder eines JosephuS Flavins besitzen. Wir stehen wie zerknirscht von Gram vor den scheußlichen, abstoßenden Gräßlichkeiten, "cs bäumt sich in uns ein Mutter! Ich bin hungrig — ruft weinend die kleine Chana vom Boden sich erhebend und drückt das Köpfchen an den Busen der Mutter. Bald, bald Chana — beruhigt sie Sara. — Jetzt sitz still, spiel dich noch ein wenig, mein-Leben. Siehst du nicht, daß dein Schwesterlein krank.ist? Weine nicht Kindlein! — Gib mir Milch, ich bin hungrig — wiederholt Chana weinend die Hände nach dem bis zur Hülste mit Milch gefüllten Glase ausstreckend, das am Sessel bei der Kranken stand. Diese Milch ist nicht für Dich, Chana. Deine Schloester ist krank, sie muß sie haben, du wirst später trinken. Hast du, spiel dich noch ein bißchen — sie reichte ihr eiy leeres Arzneifläschchen und setzte sie neben sich auf den Fußboden nieder. Aber die hungrige׳ Chana ließ sich nicht beruhigen. Wieder stand sie vom Boden auf, ging zum Vater kstn und brach in ein lautes Weinen aus. Vater, Vater, die Mutter will mir keine Milch geben, ich bin hungrig, soll der Vater sagen- Der Vater erhob das Haupt, schaute auf seine Tochter nieder und eine große Träne zeigte sich in sei-' nem Auge. Es ist keine Milch da — sagte der Vater, ich werde in die Stadt gehen und dir bringen. Dort ist Milch, die Mutter will sie nicht geben. Sei still, schrei nicht so laut, ich habe es Dir doch gesagt, daß sie für Ruchale ist. , '׳־ Ruchale schläft — weinte Chana noch immer. — Sie wird bald erwachen, und trinken wollen. — Nein, nein, sie wird nicht erwachen ... Nun durchfröstelte ein mächtiger Schauer den Bater und die Mutter. Beide lenkten gleichzeitig ihre Blicke mit emer Angst, mit «inem Verzweiflungsausdrucke am Gesicht auf das schlafende bleiche Kind, vergeltungssüchtiger Zorn auf, wir möchten die in uns durch das Bewußtsein niedergehaltene Bestie, in das Fleisch der in Vertiertheit versunkenen Feinde dreinhauen, mit einer geballten Löwenpranke ihre unglückseligen todesdröhnenden Lanzesspitzen umdrehen und in das vollblütige Gesleisch dieser kannibalischen Metzger einjagen. Während aber einerseits unsere Feinde mit der Knute arbeiten und unsere, Herzen zu einem Haufen von Asche vermodern lassen wollen, geht schon, andererseits die Saat auf, die die ersten Pioniere des nationaljüdischen Gedankens in das noch mit einer dicken Eiskruste bedeckte Judenghetto streuten und die vor zwei und zwanzig Jahren mit Glutwärme, die vom ersten jüdischen Kongresse in Basel ausstrahlte, gedüngt wurde. Die Eisdecke schmolz schon - von längst zusammen, die Saat durchbrach den dürren Boden, die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne umfingen das Gewächs, mancher Sturmregen hat es gebeugt, aber auch erfrischt. Der Frühling ist schon, auch dahin, die Sommersonne glutete schon die Aehren aus, sie schossen schon hoch mit einer saftigen Frucht in die Höhe auf. Jetzt gilt es Schäfer zu blasen. Die Frucht soll gepflückt werden. Die Sehnsucht stach der Geburtsstättc des Glaubcns an die göttliche LeVens^inheit empfinden tojr schon nicht mehr bloß in den Scelcnstiefen des heutigen Geschlechts, sie durchrollt alle unsere Adern, sie übergoß sich schon in plastische Formen. Eine ganze Generation, die bis nun nur an der Peripherie des europäischen Lebens als ״Luftmenschen" dnhingekauert. die zusehen mußte, wie die Schöpfungsideale ihres Volkes: Freiheit und Völkerversöhnung in Europa wie exotische Pflanzen in der Treibhäuserluft dahindorrten, schreitet gleichwenn in den Worten der hungrigen Chana, furchtbare Prophezeiung enthalten wäre... y ״Adonaj Adonaj El Nachum wchanun . . ." begann der Vater mit zitternder Stimme zu beten und die Mutter ergriff unwillkürlich die Hand der kranken Ruchale. — Chaim, rief sie plötzlich. Chaim! 'Kindlein!... Chai^ erhob sich vom Sitze, aber er konnte keinen ' Schritt vorwärts machen. — Was ist, was ist geschehen? — Komm her, schau, das Kind... - Chaim sprang ans Bett heran und schaute das Kind, welches zum letzten Male die Augen breit aufmachte und mit einem verirrten Blicke auf die Eltern sah, an. ' — Gott! Gott! schrie die Mutter^verzweifelt. Sie ist kalt . . . Chaim fiel kraftlos aufs Bett, Sara fing das kalte Kind zu küssen an. Chana begann krampfhaft zu weinen. Noch am selben Tage kam ein Totengräber, legte Nuchele in einen kleinen Sarg und trug sie auf den Friedhof... Chaim und Sara fassen eine ganze Woche hindurch zu Hause Schywe.*) Chaim las bald manche Stellen im Buche Hiob, bald vertiefte er sich in Gedanken ohne eine Ahnung zu haben, was um ihn geschieht. Sara dagegen we.inte stets, jedesmal astdere Einzelheiten vom Leben der Verstorbenen ins Gedächtnis zurückrufend. Wie sie einst, als wenig Brot zu Hause war, selbst nichts gegessen hat, solches den Eltern überlassend, be- ' *) Schywe, ein Brauch bei den Juden, den Tod eines Familienmitgliedes acht Tage hindurch zu betrauern. OerdMst sie ״Wkche Os!1rr5Mme".