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Jüdische Volksstimme · 1919-09-12 · Heft 27 (12.9.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 27 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2? - ״Jüdische Seite 5. jüdische Geschäfte demolliert und eine Unmenge Juden verwundet und vertrieben. Der jüdische Nationalrat in Wien verfügt über Dokumente, die von barbarischen Mißhandlungen ungarischer und galizischer Juden in den ungarischen Eisenbahnzügen sprechen. Das Eingreifen der europäischen Öffentlichkeit tut Not. Indisch-pädagogische Kurse in Wien. Die im Vorjahre begründeten jüdisch-pädagogischen .Kurse (Jüdisches Pädagogium) in Wien, eröffnen Ende September ihr zweites Lehrjahr. Die während des ersten Jahres gesammelten Erfahrungen, die außerordentlichen Leistungen sowohl der Lehrer als auch der Schüler, berechtigen zur Annahme, daß sich:diese einzigartige Institution zu einer Stätte jüdischen Wissens und jüdischer Kultur entwickeln wird. Diese Hoffnung ist umso berechtigter, da Herr Oberrabbiner Prof. Dr. tz. P. Chajes nunmehr die Leitung des Institutes übernommen hat und außer den bisher am Pädagogium wirkenden Dozenten, noch einige hervorragende Lehrkräfte für die Anstalt gewonnen wurden. Es ist zu erwarten, daß sich das jüdische Pädagogium in Wien .zu einer Zentralstelle zur Heranbildung jüdischer Lehrer entwickeln und dem empfindlichen Mangel auf diesem Gebiete, in. erheblichem Maße abhelfen wird. Ausgenommen werden Hörer und Hörerinnen die das ' sechzehnte Lebensjahr überschritten haben, über allgemeine Kenntnisse die etwa einer Mädchen-Mittelschule (Lyzeum) gleichkämen, verfügen und etwas Hebräisch verstehen. Für solche Anwärter, die auf einem der vorgenannten Gebiete nicht ganz sicher sind, besteht, sowohl im Hebräischen als auch in allgemeinen Fächern, ein einjähriger Vorbereitungskurs. Hörer und Hörerinnen die in einen bereits bestehenden Kursus . eintreten wollen, müssen sich einer Prüfung aus den bisher am Pädagogium vorgetragenen Fächern unterziehen. Die Lehrdauer beträgt (außer dem eventuell erforderlichen Vorbereitungskurs) für hebr. Sprachlehrer, die nach Absolvierung der Kurse befähigt sind an einer bereits bestehenden Schule die hebräische Sprache mit Erfolg zu unterrichten, eventuell selbständig eine Schule zu leiten, vier Jahre; für Kindergärtnerinnen, die nach Beendigung der Kurse sich der Staatsprüfung an einer öffentlichen Kindergärtnerinnenbildungsanstatt unterziehen können und auch in allen jüdischen Fächern entsprechend vorgebildet sind, zwei Jahre und für jüdische Neligionslehrer, die nach Absolvierung der Kurse befähigt sind an Volks- und Bürgerschulen Religionsunterricht zu erteilen, vier Jahre. Das Schulgeld beträgt 30 K monatlich. In besonders berücksichtigungswerten Fällen wird dasselbe auf die Hälfte ermäßigt, eventuell ganz erlassen. Schulbeginn 1. Oktober 1919. Anmeldungen und Anfragen sind zu richten: an das Sekretariat deL Jüdischen Pädagogiums, Wien, 2. Bezirk, Taborstraße 20 a. (Jüdischer Nationalrat.) . Palästinas Zukunft. Auf einem Spezial-Meeting des Councils der englischen Zionisten-Federatiyn, die am letzten Donnerstag Abend im zionistischen Zentral Office in London stattfand, sprach Dr. W e i z m a n n über die politische Lage. Weizmann führte aus, »r würdige vollauf die offenbare Unruhe in jüdischen Kreisen, die ihren Grund darin hat, daß bezüglich der zu ergreifenden politischen und praktischen Maßnahmen für die Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina, noch nichts bekannt gegeben ist. Die Lage sei schwierig ge- Wesen, zufolge mangelnder Bestimmtheit in der Politik der- Friedenskonferenz bezüglich des ״nahen Ostens", aber er sei in der glücklichen Lage zu erklären, daß die Britische Regierung die jetztige Ahministrativ-Behörde in Palästina informiert habe, daß de Errichtung' einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina, wie sie in der denkwürdigen Erklärung Balfours angekündigt ist, als eine vollendete Tatsache zu betrachten sei. Die Lageder Juden in Europa ist seither schlim-- mer geworden als sie es je vorher gewesen ist und die Juden werden für ihr Werk in Palästina doppelte Energie aufweisen müssen. Die. Pläne waren auf der Grundlage normaler jüdischer Bedingungen entworfen, die immer eine gewisse Summe von Verfolgungen einschlossen, aber die-schrecklichen Verheerungen, die die Judenheit in Ost-Europa, besonders in Rußland, während der letzten 6 Monate erlitten hat, stellt uns vor eine beinahe unüberwindliche Aufgabe. Die zionistischen Führer werden gedrängt, fuhr Dr. Weizmann fqrt, eine Immigration von Millionen nach Palästina vorzubereiten, aber auf die Gefahr hin seine Popularität zu verlieren, müsse er seine Stimme warnend erheben, denn zufolge der Berichte der besten Experten sei es für Palästina unmöglich, selbst während der nächsten 5 Jahre, auch nur einen Teil der ungcheuren Zahl der Juden aüfzunehmen, die jetzt nach Palästina zu gehen wünschten. Er sei stets überzeugt gewesen, daß die Friedenskonferenz den Juden solche Bedingungen' einräumen werde, die es den Juden ermöglichen werden, Palästina allmählich zu einem jüdischen Gemeinwesen zu entwickeln. Man mußte darauf bestehen, daß Palästina eine definitive politische Einheit werde mit Grenzen, die dem Lande gehörig günstige Gelegenheit zur Ent- Wicklung bieten, und solche Bedingungen werden in dem Djaßstabe gewährt werden, in welchem das Land Immigranten aufnehmen kann. In Bezug auf die Ein- Wanderung würde denjenigen der Vorzug gegeben, die Arbeit, Geschicklichkeit und Kapital mit sich bringen. Der letzte Erfolg der zionistischen Bestrebungen würde nicht von Großbritanien, der Mandatar-Macht, sondern von der Arbeit und den persönlichen Opfern des jüdischen Volkes abhängen. Eine große Agndasitzung. Am Sonntag nachmittag fand im Agudalokal eine große Sitzung des polnischen Zentralkomitees der Agudas Jisroel statt^ an der sich Vertreter von über 60 Städten in Polen, Galizien und Litauen, sowie die berühmten Rebbes und Rabbiner im Lande beteiligten. Die Posener Delegierten mußten im letzten Augenblicke infolge von Paßschwicrigkeiten ihre Beteiligung telegraphisch absagen. Es hielten Begrüßungsreden der Vorsitzende, Rabbiner Perlmutter; im Namen des A. C. Herr I. M. Lewin; Rabbiner Halpcrn im Namen der orthodoxen Deputierten im polnischen Landtag; Herr Moses Schmelkes für Galizien; für Litauen der Rabbiner aus Radomsk. Nach weiteren Begrüßungen und Ansprachen erstattet Herr M. Kamincr ansfühclichen Bericht über die Arbeit der orthodoxen Delegation in Paris, London und in der Schweiz. Das Referat fand volle Aufmerksamkeit und rückhaltlose Zustimmung. In der Nachmittagsstyung wurde die Erziehungsfrage behandelt und Richtlinien für die orthodoxe Arbeit auf diesem Gebiete ausgestellt. Ein weiterer Bericht iiber die Verhandlungen und gefaßten Resolutionen folgt. Einbürgerung von polnischen Juden. Der' preußische Minister des Innerer führt in einem Erlaß an die Regierungspräsidenten aus, im Gegensatz zu der bisherigen, Praxis sei Einbürgcrungsanträgen von aus Polen und Galizien stammenden Juden regelmäßig stattzugeben, wenn sie in persönlicher Beziehung einwandfrei seien, bereits seit längerer Zeit in Preußen "ebten, und eine auskömmliche LebensstelluNg gefunden hätten. Zunächst gelte die Einbüraerung derjenigen Ausländer, die entweder selbst oder deren Söhne am Kriege im deutschen Heer teilgenommen hätten, als eine politische Selbstverständlichkeit. In Anbetracht der noch nicht geklärten äußeren und innerpolitischen Zustände seien zwar noch keine allgemeinen Einbürgerungsgrundsätze festgesetzt worden, doch solle in großzügiger" Weise Einbürgerungsanträgen von Ausländern und ehemaligen Deutschen stattgegeben werden. Ausschlaggebend solle allein der Umstand sein, ob die Antragsteller in sozialer, politischer und Wirtschaftlicher Beziehung als ein wünschenswerter Bevölkerungszuwachs angesehen werden könnten. Das Memorandum und die Beschlüsse des litauischen Judentums. Die Beratung jüdischer Politiker und Vertreter jübischer Gemeinden von Kowno, Rossijenni, Ponjeweb^ Schalei, Wilkomir und.Wladislawowo, die am 31. Juli bis 3. August in Kowno tagte, faßte ein eingehendes Memorandum ab, das der Negierung überreicht wurde und in dem die Wünsche des litauischen Judentums dargelegt sind. In diesem Memorandum ist u. a. gesagt: Das Judentum Litauens,das seit Jahrhunderten mit dem litauischen Volke verbunden ist, hat bereits wiederholt erklärt, daß es jn der Schaffung eines freien, unabhängigen litauischen Stäates ein«׳ r tie für seine eigene freie poliitsche und wirtschaftliche Entwicklung erblickt. Das Judentum Litauens, das mit dem litauischen Lande verwachsen ist, hat nicht aufgehört, sich^als Teil der einheitlichen historisch geschaffenen jüdischen Nation zu betrachten, die eigene nationale Interessen hat, und verlangt, daß ihm das Recht auf nationale Selbstbestimmung zugesichert wird. Die Hauptorgane der nationalen Selbstbestimmung sind die demokratisch gewählten Gemeinden, die aks juridische Personen anerkannt kverden müssen mit dem Rechte der Zwangsbesteuerung aller ihrer Mitglieder und der Vereinigung in einen Gemeindeveröand. Die Schaffung des Postens eines Ministers für jüdische Angelegenheiten ist ein Beweis, daß die Regierung dieser Forderung der modernen Demokratie entgegenkommt. Das Memo« randum begrüßt die Schaffung dieses Postens und er« wartet,-daß die Formtzn seiner Tätigkeit und der Umfang seiner Kompetenz in der allernächsten Zeit auf dem Wege der Gesetzgebung festgelegt werden wird. DaS Memorandum verlangt, die Heranziehung der Juden zur Beteiligung an der Verwaltung des Landes und verspricht, daß die Juden ihrerseits Mittel ergreifen werden, die litauische Sprache zu diesem Zwecke zu erlernen. Die einzige reale Garantie für die jüdische Gleichberechtigung sieht das Memorandum darin, daß die Juden auf allen Stufen der Administration und der Verwaltung zugleich mit den anderen Bürgern des Landes sich beteiligen. Ferner verlangt das Memoränldurn die Ausdehnung des Gesetzes der kommunalen Selbstverwaltung auch auf die kleinen jüdischen Stadtchen, die nur 1000 Seelen zählen! Mit Gefühl tiefer Empörung, heißt es zum Schlüsse im Memorandum, haben wir die Mitteilungen über, die Exzesse vernom« men, die in den verschiedenen Ortschaften Litauens vorgekommen sind und noch jetzt Vorkommen. Mit Schmerz konstatieren wir, daß sogar die direkten Schul« digen des Verbrechens bis jetzt noch nicht bestraft worden sind und die Macht über die Ehre, Freiheit, daS Leben und Vermögen der Bürger nicht aus ihren verbrecherischen Händen genommen wurde. Noch jetzt befinden sich auf ihren verantwortungsvollen Posten die Schuldigen der kriminellen Verbrechen, die in Ponewsh, Wilkomir, Anikst und Utjan vorgekommen sind. — Das Memorandum verlangt die Einsetzung eines öffentlichen Gerichtes und die sofortige Entlassung all derer, dessen Schuld und Teilnahme an dem Verbrechen bereits festgestellt ist. In der Ueberzeugung, daß die Negierung in allen nationalen Schichten eine Stütze haben wird, drückt das Memorandum seine feste Hoffnung aus, daß die Regierung aufmerksam auf die Stimme des jüdischen Volkes in Litauen hören wird. - * Die Konferenz hat sich mit den politischen, Wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben der jüdischen Autonomie befaßt. U. a. beschloß sie einen, ״wirtschaftlichen Rat" am Büro des Ministers für jüdische Angelegenheiten einzusetzen, der die Projekte zur Hebung des jüdischen wirtschaftlichen Standes für den bevorstehenden jüdischen Kongreß in Litauen ,auszuarbeiten hat. 'Bis zur Einberufung des Kongresses ist einzig und allein die auf demokratischen Grundlagen gewählte jüdisa-, Gemeinde berechtigt, jüdische Schulen auf Kosten des Staates zu errichten. Ein Zentralbttro der orthodoxen Gemeinden in der Slovakei. Am 29. Juli versammelten sich die Rabbiner und Vorsteher der größeren orth. Gemeinden der Slovakei in Preßburg, um die Organisierung der orthodoxen Juden in der Slovakei durchzuführen und ein Forum zu schaffen, dessen Aufgabe es sein soll, die Interessen der Juden in der Slovakei der Regierung und den Be- Hörden gegenüber zu vertreten. Bei dieser Gelegenheit _ wurde ein achtgliedriger Vollzugs-Ausschuß, bestehend aus drei rabbinischen und fünf weltlichen Persönlichleiten, getoählt, der beauftragt wurde, die Vorbereitungen zu dem am 9. September stattzufindenden Delegiertentag der Gesamt-Orthodoxie der Slovakei zu treffen. Gleichzeitig wurde in Preßburg ein Büro unter provisorischer Leitung des Herrn Oberrabbiners S. Hirschler aus Modor errichtet. Ein tägliches Martyrium. Unter diesem Titel veröffentlicht der ״Manchester Guardian" eine anschauliche Darstellung der jetzigen Lage der Juden in Polen. Nach ausführlicher Beschxeibung der ganzen Genesis der antisemitischen Hetze, wobei besonders scharf gegen die derzeit herrschende national-demokratische Partei Stellung genommen wird, geht der Artikel auch auf die gegen die Juden erhöbenen Beschuldigungen über, die im einzelnen widerlegt werden. Betreffs der hohen Nahrungsmittelpreise und der Bezichtigung, des Wuchers heißt es u. a.: Tatsächlich ist der wahre Grund des Zornes der polnischen Handelsklasse gegen die Juden der, daß der Gewinn, mit dem sie sich begnügen, ein so geringer ist, daß sogar die kooperativen Gesellschaften schwer mit ihnen konkurrieren können. Kein Zweifel, die Verkäufer, einschließlich der jüdischen, ׳haben gehamstert und spekuliert, aber der schuldigere Profitmacher war wahrscheinlich der polnische Grundherr und Pächter. Für diese, die die Löhne nicht erhöhen wollen, ist es ein bequemer Ausweg, die Juden wegen der hohen Lebenskosten anzuklagen. Was den Vorwurf der Deutschfreundlichkeit anbelangt, so darf man nicht vergessen, daß die halbe polnische Gesellschaft bis zum Zusammenbruch proger«

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