Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 27 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622059--4092-2625354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Stile 4. ' ״Mtztsche BsttSßkmkt- Hf. 27־ mente nicht ausgebant werden kann. Wir haben schon jetzt-im Zionismus eine starke Strömung, die für Nationalisierung und zum Teil für Sozialisierung in Palästina cintritt. So wird die Zeit vorbereitet, wo zwischen dem arbeitenden Judentum in Palästina und dem stark sozialistisch beeinflußten Judentum in den Galuth-Ländern ein harmonisches Zusammengcben durchaus möglich sein wird. Ueber die Stellung und das Verhältnis der Poalc Zion zur jüdischen Orthodoxie ließ sich KaplanSkg folgendermaßen aus: Wir wünschen keinen Kulturkampf mit der jüdischen Orthodoxie. Wir respektieren jedes religiöse Bekenntnis und erkennen das Recht der Eltern an, bis zu einem gewiffen Alter die Erziehung ihrer Kinder zu überwachen und zu leiten. Wir haben noch keine Beschlüsse in dieser Frage gefaßt, aber ich glaube, daß wir für eine weitgehende Autonomie der Schulverbände verschiedener. Richtung in Palästina eintreten werden. Aber wir werden in einen heftigen Konflikt nnt der jüdischen Orthodoxie gelangen, wenn sie die religiösen Traditionen zum Bestandteil der nationalen Erzichüng proklamieren wird, und wir werden noch heftiger aneinander geraten, wenn die Orthodoxie in Decken- י nung der Zeit und ihrer Umstände gar versuchen sollte, das Rechtsleben und die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas, auf eine theokratische Basis zu stellen. Ich bin ein großer Verehrer der jüdischen Rcchtswiffcnschqft, aber es ist nicht möglich, das jüdische Leben bloß auf det Weisheit alter Schriften aufzubguen, mögen sie noch so ehrwürdig sein, und es ist noch weniger möglich, die alten Gesetze mit dem modernen Wirtschaftsleben zu versöhnen. Religion oder Nation? , Von G. Kanter, Zwittau. .... Und höre Israel, an diesem Tage wardst du zur Nation des Herrn, deines Gottes und gehorche der Stimme deines Gottes und befolge seine Gebote und Rechte, die ich Dir heute gebiete. (5. B. M., Kap. 27, V. 9, 10.) Seit einiger Zeit tobt innerhalb des Judentums ein heftiger Kampf, der. zwar nicht mit Säbel und Bajonett im Schützengraben, dafür aber desto heftiger in Gemeinden und insbesonders.nt der Parteipresse ausgefochten wird. Ein Kampf, der von Juden gegen Juden geführt wird im Namen des Judentums. Und den Gegenstand des Streites bildet, was das wahre Judentum bedeute. Es ist dies der Kampf zwischen Religion und Nation, zwischen jüngerer und älterer Generation, zwischen Thora und Nationalfonds. Die einen behaupten, das wahre Judentum wurzle in der Religion, während die anderen das wahre Wesen in der Betonung und Bestätigung des jüdischnationalen Gedankens erblicken. ,Da nun die Trennung von Staat und Kirche in Aussicht genommen ist, läßt sich für die Zukunft das Prognostikon stellen, daß der jüdischnationale Gedanke die Oberhand gewinnen dürste. Wenn dies der Fall sein sollte, woran keiner zu zweifeln braucht, dann darf die Religion nicht in den Hintergrund treten, als nebensächlich verachtet und gleichsam als letztes Rad am Wagen des Judentums gewertet werden, sondern sie muß bis zu einem gewissen Grade sogar geehrt und geschätzt werden. Es kann nämlich in der Zukunft nur ein nationales Judentum auf religiöser Basis Bestand haben. Eine Eigentümlichkeit des Judentums ist cs eben, daß die Religion ein wichtiger Faktor für seine Existenz ist. Ohne Religion, also das rein nationale Judentum, gleicht das Judentum einem Rumpf ohne Glieder, einer Pyramide ohne Basis. Das Judentum hat sich so viele Jahrtausende nur durch die Religion erhalten und behaupten können, das moderne nationale Judentum, das die Erbschaft, das heilige Vermächtnis der Väter antreten wird bezw. antreten soll, wird, soll etwas Heilsames geschaffen werden, gleichsam die Vorarbeiten für den kulturellen Aufbau Palästinas, unmöglich dieses wichtigen Faktors entraten können. Dies lehrt uns ja auch die heilige Schrift, indem sie uns die Worte zuruft: ..Und höre Israel! An diesem Tage wardst zu einer Nation des Herrn, deines Gottes, damit du der Stimme deines Gottes gehorchest und befolgest seine Rechte und Gebote, die ich -dir, heute gebe." Das heißt mit anderen Worten, daß das Judentum, wenn es, was heute schon zur Tatsache geworden ist, wieder eine Nation wird, der Religion nicht entraten soll und es seine Pflicht ist, die Gesetze und Gebote Gottes zu befolgen. Wünschenswert wäre es nur im Interesse der heiligen Sache, daß beide Parteien vom Streite ablassen und sich zu zielbewußter Arbeit vereinigen würden, wie ihnen dies ja schon, der große römische Geschichtsschreiber zurief: «concordia paroae res crescunt, discordia mascimae dilabuntur." (Durch Frieden erstarken kleine Staaten, durch Unfrieden gehen selbst sehr große zu Grunde.) Eine Plattform, auf der gemeinsam gearbeitet werden könnte, wäre nach meinen obigen Ausführungen unschwer zu finden-. Bei einigem guten Willen, per hüben und drüben hoffentlich vorhanden ist, wird sich dasDv zum Heile unseres Volkes unzweifelhaft verwirklichen. Auf die Frage: Religion oder Nation? kann es nur die eine Antwort geben: Religiour und Nation. Religion und Nation sind die beiden Rosse, die den Wagdn, der Judentum heißt und dem schwere Lasten aufgeladen sind, mit vereinten Kräften nur vorwärts ziehen könneu. Denn der Zionist ohne Religion ist nur ein halber Mensch, da ihm der Halt im Leben fehlt, den nur die Religion verleihen kann, und der Orthodoxe ohne Zionismus, ohne jüdischnationales Gefühl, muß Zionist werden, muß jüdischnational fühlen und denken, ha dies die Anfeindungen der ganzen, ihn umgebenden, nichtjüdischen Welt bewirken, wie auch unser leider so früh verstorbener Dr. Theodor Herzl, dessen 16. Todestag wir vor einigen Tagen gefeiert haben, nur durch die Hilfe seines Volkes zu seinem Volke zurückgeführt wurde,. Jüdische Aphorismen. Bon FabiuS Schach. In Westeuropa tragen die Assimilanten ihr Judentum wie einen Schönheitsfehler •*־ verstckckt, die Zionistcn wie einen Reiz — herausfordernd. Beides ist verkehrt. Man soll es tragen wie ein Stück innerer Natur — schlicht und würdig. Das tun die Ostjuden. Vom Idealismus zum Praktischen führt immer vom Praktischen zum Idealismus nur sehr selten ein Weg. Es geht der Judenheit wie manchem leichtsinnigen Kaufmann, der alles verliehen hat. Wir haben allen Parteien und Richtungen Führer gegeben, und nun brauchen wir sie selber und — haben keine. a Der Krieg ist wie jeder Sturm, er fördert zuerst das Ganzleichte an die Oberfläche. Hilel lehrte das Judentum auf einen Fuß.. Die heutigen Weisen machen es noch klüger, sie lehren ein Judentum ganz ohne Fuß — in der Luft. Unsere Zeit v erinnert manche an Zerstörung als an Ar fbau. Es mehren sich mit jedem Tage die Sekten und die sittlichen Charaktere werden immer weniger. Der Judenhaß ist ein markoptisches Gift, um die Kulturlüge zu betäuben. Diplomatie ist eine alte Lüge mit einem neuen Hut, jüdische Diplomatie eine neue Lüge mit einem alten Hut. . Wie mancher Patient erst gesundet, wenn er seine Aerzte verläßt, so wird Israel erst genesen, wenn seine ..Retter" von ihm weichen. Der Gedanke ist die schöpferische Kraft und nicht die sogenannte Realität. Das zeigt die jüdische Geschichte. Mußte die Menschheit solange bluten, um uns das Herrliche eines Völkerbundes zu bringen? Unsere Propheten kündeten ihn schon vor Tausenden von Jahren: Es ist d e r B u n d der Gottsucher. Nur wahre ' Religiösität kann den Krieg aus der Welt schaffen. Aus Mangel an Stoffen haben wir in den Kriegsfahren oft die Kleider gewendet —§ nur nicht öie Seelerl. Wahrscheinlich weil man wußte, was dabei herauskommen würde. Man haßt die Juden, wie die Menschen überhaupt: manchmal, weil man. sie gar nicht, manchmal wieder, weil man sie zu genau kennt. Man hat oft mit den jüdischen Ideen staat gemacht, und nun zweifelt man, ob man einen Judenstaat daraus machen kann. - Wo jeder Sinn unsichtbar ist, da sagen wir, wir arbeiten für die Zukunft. Merkwürdig, scviele sozialistische Juden unhoch kein sozialistisches Judentum! Nirgends genießt der Greis soviel Verehrung wie tut Judentum, weil nirgends so sehr alles Große in der Vergangenheit ruht. Wie man vor jeder Operation prüft, wie stark das Herz ist, so sollte man vor jeder jüdischen Aktion die Stärke des darin lebenden Judentums untersuchen. Das Geld hat den Krieg erzeugt, und nun wunder: ihr euch, daß viele aus dem Kriege Geld gemacht haben. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, sagt ihr? Nun, die Kinder sind auch danach. Wenn die öffentliche Diplomatie anfängt, sich mit der Judenfrage zu befassen, danu ist 'mmer ein Fragezeichen dahinter. Wann wird der Krieg der Menscheil aufhören? Wenn die.M e n s ch e n anfangen. Die alten Juden machten aus jedem Gedanken eine sittliche Tat, die heutigen — eine Aktiengesellschaft. Wie die Strapazen des Bergsteigers immer größer werden, je mehr er sich dem Gipfel nähert, so werden d*e zionistischen Probleme in Zion am schtversten sein. Führt der Weg zur Menschlichkeit über Zion oder der Weg nach Zion über die Menschlichkeit? Das muß erst die Geschichte zeigen. - Viele deutsche Juden lebten nur von der Zionistenfurcht und nun machen die Araber eine Politik daraus. Alle Völker scheinen an die Macht der Juden zu glauben, und die Juden selber nicht. Die Macht des Glaubens ist viel jüdischer als der Glaube an Macht. Die Juden haben im Laufe der Geschichte so viel herumgebummelt, daß sie das Nachhausegehen ganz vergessen haben. Alle Zeichen des messianischen Zeitalters sind nun da. Die Frechheit nimmt überhand, die Armut ist groß und die Moral ist dahin. Aber Messias kam nicht, wie der Talmud vorschreibt, auf einem Esel geritten kammen, denn die Esel sind alle Führer bei uns Juden geworden. Rundschau. y Verfolgung jüdischer Studenten in Ostgalizien. Der Senat der Lemberger Universität erließ eine Verordnung, der gemäß nur jene Studenten inskribiert werden können, die ihrer Dienstpflicht in der polnischen Armee nachgekommen sind. Diese Verordnung ist ausschließlich gegen die Juden gerichtet, denn bekanntlich wurden die Juden Ostgaliziens, die sich zur jüdischen?Nationalität bekennen, nicht in die polnische Armee ausgenommen. Infolge dieser Verordnung sind Hunderte jüdischer Stundenten vom Universitätsbesuch ausgeschlossen. Die Morgenthau-Kommission in Galizien. Nachdem die amerikanische Untersuchungskomission, geleitet vom Senator Morgenthau, Polen und die von Polen okkupierten Gebiete Litauens besucht hatte, traf sie am 26. August in KrakaU ein. Nach einem kurzen Aufenthalt in Krakau begab sie sich nach Przemysl. Die polnische Zeitung ״Czas" empfing die Deputation mit einem kraß ausgesprochenen antisemitischen Leitartikel. Die Zeitung pries den polnischen Antisemitismus, der wohl bestehe, aber «zart und kulturell" ist. Judenpogrome in West-Ungarn. Seit dem 23. August wüten in West-Ungarn starke Ausschreitungen gegen die Juden. An der Spitze der Hetze steht das Organ der magyarischen Partei ״Vas- Var Megye" redigiert von Albin Lingauer. In Kisczell wurden 8 Juden ermordet; in Jancshaca 5; iw Zalacgerszeg 10; in Szombathay 10 Juden. In all diesen Ortschaften wurde das jüdische Vermögen geplündert.