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Jüdische Volksstimme · 1919-09-12 · Heft 27 (12.9.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 27 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nf 27. ״Attische BEsNmme* \ öitti 3 zwischen Polen und Czechen, und wenn man auch noch nicht von einer akuten Kriegsgefahr sprechen kann, so ist doch die Situation außerordentlich kritisch geworden und" bedroht den inneren Frieden der Czecho-Slovakei in einem solchen Grad, daß gas Kabinett Tusar sich i. der übelsten Lage befindet und sein politisches Dasein, das ihm ohnehin durch die Parteiverhältnisse und durch die schwere Wirtschaftskrise sauer gemacht wild, kaum noch lange zu fristen vermag. Die czecho-slovakischc Republik ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Staat nicht konstruiert werden darf. Das, was ihre Stärke ausmachen konnte, was ihü: Unüberwindlichkeit hätte feststellen und sichern können, nämlich die nationale Einheitlichkeit, ist durä die Unkenntnis der Pariser Staatsmänner einerseits, durch den Heißhunger der Prager Chauvinisten andererseits unterblieben und die Republik zählt ein halbes Dutzend Nationen, deren Lebensinteresse mit denen des Staates auszugleichen in einem durch deu Krieg erschütterten Gebiet zu einem unlösbaren Problem wird. Die Czecho-Slovakei ist nicht gesund. Das in die Augen springendste Symptom ist der alle Schranken politischen Taktes niederrsißende Parteien Kampf, der wilde Haß gegen alles Nichtczechische, der sich vielfach bis zur Gesinnungsschnüffelei und einem erschrecklichen politischen Spitzeltum versteigt und einer wirtschaftlichen Unsicherheit, die die Chancen des nächsten Augenblickes nicht berechnen kann. Die Czecho-Slovakei hat von der Entente viel Versprechungen, aber wenig tatsächliche Wirtschaftliche Hilfe erhalten und so kommt es, daß sie ׳in einer unaufhörlichen schleichenden Krise ihr Leben derbringt, deren Begleiterscheinungen Straßenkundgcbungen der ruinösesten Art und Streiks bilden, die bald hier, bald dort aufflammen und beweisen, daß die Not des Lebens stärker ist, als alle imperialistischen Doktrinen. Die Teschener Frage, die zu alledem daS politifckic Leben belastet,, ist für die Czechey nicht nur eine Angelegenheit des nationalen Prestiges, sondern vor allem eine wirtschaftliche Frage von höchster Bedeutung, da sie das Schicksal des Ostrau-Karwiner Kohlengebietes in sich begreift. Die reichsten Gruben dieses Gebietes liegen jenseits der Demarkationslinie und es ist verständlich,! wenn sowohl Bürger wie Arbeiter mit Sorgen die Ent- Wicklung dieser Frage verfolgen, die die Lebensinteressen d^r reich gegliederten industriellen Organisation der czechischen Republik an ihrer Wurzel׳ saßt. Die czechoslovakische Republik hat in den Kämpfen mit Ungarn viel Blut verloren und viel Geld geopfert. Ihr Militarismus, der den deutschen noch überbietet, zehrt an dem Mark des Staates, der zudem noch unter dem gleichen Ueberfluß an Beamten leidet wie Deutschösterreich. Das czechische Volk ist sehr ruhebedürftig und möchte gerne den wirtschaftlichen Aufbau mit gesammelter Kraft beginnen. Es wird daran durch die F ' ler der Entente und der national-demokratischen Im perialisten gehindert und die Koalition zwischen Arbeilern und Bauern scheint schon, heute untergraben. ]־־ 'גמלן־ hebräische Monatsschrift. dann immer lauter und lauter... ״ Plötzlich wird es wieder still. Die schwarze Masse ist wieder unbeweglich, wie in Erwartung erstarrt. Doch draußen, ist noch alles ruhig. Nicht das leiseste Geräusch ist zu hören, doch die Leute, können plötzlich nicht mehr beten. Die Stille würgt, die Stille macht Angst. Man wartet. . . Man lauscht hinaus . . . Und bald ertönt von weit, sehr weit her ein dumpfes Dröhnen, und es kommt immer näher. Was ist das? Das Dröhnew kommt immer näher, und man erkennt, was es ist... Sie kommen! . . . ״Herr der Welt! Herr der Welt..." Und plötzlich läßt sich wieder die schwache, tränenerstickte, doch seltsam sichere und feste Stimme des , Rabbi vernehmen: «Aw horachamon! Schma kojlejnuchuß werachejm ^.olejnu!" Und hie Gemeinde hat schon wieder alles, vergessen, und das Leid Hunderter Herzen ergießt sich in einer einzigen Stimme: »Aw horachamon! Schma kojlejnu, chuß werachejm olejnu!" Draußen vor der Schul ist es noch still, doch aus der Ferne kommt ׳ein Dröhnen, 'ein gewaltiges, wildes, freches Dröhnen. Weiß man de-1n nicht, was es bedeutet? Und eS kommt immer näher. . . Es klingt, als ob Tausende Stücke Eisen gegen Steine klopften. Ein wildes Tier hat eine ungeheure Kraft bekommen, und das Tier kommt näher. Es verhält sich noch still, dock alle fühlen, daß es gleich losbrechen wird... Hurra! Hurra! Das Tier hat hie stählerne Kette, Einzelheiten über den Pogrom in Minsk. Wilna, 28. August (Spezialber. d. K. f. d. C.1, Uebcr die von den polnischen Soldaten beim Einmarsch der polnischen Armee in Minsk veranstalteten bluti gen Ausschreitungen gegeMdie Juden werden folgende Einzelheiten von Augenzeugen berichtet: Um 12 Uhr mittags trafen die ersten Abteilungen des polnischen Heeres in Minsk ein. Der Bevölkerung bemächtigte sich eine namenlose Panik. Sämtliche Geschäftshäuser und Wohnungen wurden geschloffen. Alles erwartete in Todesangst die Wiederholung der W i l n a e r Ereignisse. Die polnischen Streifpostcn hielten alle Passanten in den Straßen an. Jeder, bei dem ein kommunistisches Dokument vorgefunden wurde, wurde auf der Stelle niedergemacht. Es wurden aber auch völlig unschuldige Menschen ermordet, darunter fünf Kinder; insgesamt wurden etwa 30 Personen erschossen. Bisher sind nur die Namen von 10 jüdischen Opfern bekannt geworden: Aba Lewin, Dr. Freido, Moses und Rahel Friedmann, Mosche Maliawitzki, Schulmann, Mordechai Lewinson, Lea Horwitz, Hinde Horwitz, Mosche Schefterwahl, Kopel Romanow, Leib Nosin, Feiwcl Oksenkruk, Perl Prikläd, Rahel Marschach, Schepsel Boguturski, Abraham Rubin, Jakob Lipmann, Lewin; außerdem noch etwa 12 Juden, deren Namen nicht festgestellt werden.konnten, darunter fünf Kinder. Der Pogrom dauerte einige Stunden. 500 jüdische Geschäfte wurden ausgeplündert. Geschäfte mit polnischen Schildern wurden verschont. Bewaffnete Gruppen drangen auch in die Privat- Häuser ein, wo sie unter dem Vorwand, Gewehre zu suchen, sämtliche Wertsachen, Schmuck, Wäsche und Kleidung raubten. Bei diesen Plünderungen wurden die Eigentümer und Bewohner schwer mißhandelt. Am Freitag nachmittag traf die amerikanische Kommission in Minsk ein, bestehend aus dem׳ General Jadwin, Kapitän Gotthard u. a. Mit ihnen kam auch ein Vertreter des polnischen Auswärtigen Amts, Graf Zultowski. Sonnabend, den 9. August, trafen in Minsk auch Vertreter der polnischen zentralen Militär- und Zivilbehörden ein. Diese hielten gleich nach ihrer Ankunft Beratungen mit den führenden Persönlichkeiten der weißrussischen und jüdischen Bevölkerung ab, an denen von jüdischer Seite der bekannte zionistische FLH׳ rer Dr. Churgin teilnahm. Er wurde aufgefordert, eine Sitzung der jüdischen Gemeindeverwaltung anzuberaumen, die während der ganzen Zeit der Bolschewisten- Herrschaft nicht stattgefunden hat. Diese Sitzung fand am folgenden Tage, Samstag, statt, und zwar in An- Wesenheit der amerikanischen Herren und des Grafen Zultowski. Letzterer, wie auch General Jadwin und Kapitän Gotthard hielten bei dieser Gelegenheit Ansprachen, in denen sie den Juden von Minsk die Ifeberzeugung beizubringen suchten, daß sie gute polnische Bürger sein müssen. Es gelangte darauf die Frage zur Erörterung, ob die jüdische Gemeinde an der von den Polen eingesetzten provisorischen Verwaltung Anteil nehmen solle. Diese Frckge wurde nach längeren Debatmit der es gefeffelt war, gesprengt und-wird nun die ganze Welt verwüsten... Die Leute in der Schul haben sich eng zusammengedrängt. Niemand rührt sich vom Fleck. Alle wiegen sich im Gebet. Die Väter haben sich ihre Kinder auf die Schultern gesetzt, und die Frauen erheben ein wildes Angstgeschrei, ein Geschrei ohne Worte und Ausdruck. Und die Stimmen der Betepden werden immer lauter, und durch alle Stimmen hindurch klingt die ernste und alle andern mitreißende Stimme des Rabbi, der in den Worten des Gebetes die einzige Hilfe faucht: ״Aw horachamon! Schma koj-lej-nu!" Und die ganze Gemeinde ist ein Herz und eine Stimme: «Aw horachamon! Schma koj-lej-nu!" Und das wilde Tier steht schon vor der Schul. Man spürt seinen heißen, durstigen Atem.... Ungeheure Tatzen klopfen an die Wände, sie suchen, sie betasten die Türe... Innen in der Schul ist alles eine einzige Stimme, und die einzige Hilfe ist in den Worten: ״Aw horachamon! Schma koj-lej-nu!" Und draußen brüllt das durstige Tier: «Hurra! Hurra!" Die Stimme draußen und die Stimme drinnen kämpfen miteinander. Wer wird unterliegen? Für einen Augenblick wird die Gemeinde wieder still . . . Sie wartet ... Und plötzlich ist die Tür zerschmettert. «Hurra! Hurra!" ten im bejahenden Sinne entschieden; es wurden darauf jüdische Vertreter in die neugebildeten - Versorgungskommissionen für Minsk gewählt. Es wurde auch eine jüridische Kommission eingesetzt mit der Aufgabe, die beim Einmarsch gegen die jüdische Bevölkerung begangcnen Mordtaten und Räubereien zum Protokoll zu bringen und die weiteren Schritte in die Wege zu leiten. Montag traf eine verhältnismäßig ruhigere Stimmung in der Stadt ein. Die jüdische Bevölkerung lebtindessen noch weiter in Angst vor weiteren Exzessen. * * * Die jüdische Presse Warschaus betont, daß der Umstand, daß der Pogrom in Minsk in ״mildereren Forrncn" (!) vor sich ging, auf zwei Gründe zurückzuführen ist: weil nämlich infolge Rückzug der Bolschewisten cs zu eigentlichen Kämpfen in der Stadt selbst nicht kam, wodurch die bekannten ״Provokationen" durch ״Schüsse aus den Fenstern" und ״Begießen der polnischen Soldaten mit kochendem Wasser" nicht mehr den üblichen Vorwand für Ausschreitungen - abgeben konnten. Außerdem ״müsse zugegeben werden, daß die Militärmacht gewisse Schritte unternommen habe, um großen Exzessen vorzubeugen." Auch ein Trost! Bon den Poale Zion. Stellungnahme zun! Kommunismus. — Das Verhältnis zur zionistischen Organisation. Der jüdisch-sozialistische Weltverband ״Poale Zion", der eine besondere Förderation innerhalb der zionistischen Weltorganisation' bildet, hielt kürzlich in Stockholm eine Konferenz der Verbandsleitung ab. Anwesend waren Vertreter der Landesparteien aus Polen, der Ukraine, Deutschland, Deutschösterreich, der Czecho- Slovakei und die Mitglieder des Verbandsbüros. Der Antrag der auf dem Boden des Kommunismus stehenden Wiener Delegation, aus der zweiten Internationale auszutreten und sich der gritten Internationale anzuschließen, wurde von der Versammlung einstimmig abgelehnt. Die Beratung erklärte, daß sie nach wie vor auf dem Boden der zweiten Internationale stehe. Nach einem eingehenden Vortrag über die Aufgaben eines jüdischen Arbeiterkongresses beauftragte die' Konferenz das Verbandsbureau, entsprechende Schritte einzuleiten, die die Einberufung dieses Kongresses ermöglichen. Die letzten zwei Tage der Konferenz waren den Fragen der Palästinatätigkeit in allernächster Zeit gewidmet. Die Frage der Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation rief eine heftige Debatte hervor. Zum Schluffe wurde mit fünf gegen vier Stimmen beschlosscn, in der zionistischen Organisation zu verbleiben. Dafür stimmten Chasanowitsch, Locker, Kaplanski, Jahrblum und Rubaschow, dagegen die drei Vertreter der Wiener Partei und Rewuski. , Mit erfreulicher Entschiedenheit hat, wie aus dem obigen Bericht hervorgehr, die Leitung der Poale Zion gegen den Gedanken des Beitritts zur dritten Internationale Stellung genommen und damit die bolschewistische österreichische Landes-Organisation in den Zustand einer splendid isolation versetzt. Der nationale Sinn der Poale Zion hat sie die Versuchungen der kammunistischen Idee überwinden lassen und hat auch den Plan des Austrittes aus der Zionistischen Weltorganisation zum Scheitern gebracht. Das Ergebnis der Abstimmung über den letzten Punkt weist jedoch in eine ganz bestimmte Richtung der Entwicklung innerhalb der Poale Zion und läßt verschiedene Annahmen und Schlüsse für die Zukunft zu. D. Red.) Ueber die Auffassung leitender Kreise der Poale Zion von verschiedenen jüdischen Fragen der Gegenwart und nahen Zukunft geben Aeußerungen des bekannten Poale-Zionisten, Ing. S. Kaplansky, in einem Gespräch mit dem Herausgeber der ״I. P. Z." manchen interessanten Aufschluß. Auf die Frage, wie sich die Poale Zion ihre Stellung und Wirksamkeit im zukünftigen jüdischen Palästina denken, antwortete Kaplansky u. a.: * , Wenn die Arbeiterschaft in der Palästina-Einwanderung zahlenmäßig überwiegt, würde naturgemäß die sozialistische Bewegung eine führende Rolle in Palqstina erhalten. Gewiß wird in Palästina, wenn es aus der Grundlage der jüdischen Arbeit aufgebaut wird, die jüdische Arbeiterschaft sehr rasch wachsen, wahrscheinlich rascher als in den Ländern der Auswanderung. Doch befürchte ich keine Widersprüche in dieser Beziehung. Denn zunächst bin ich überzeugt, daß auch bei den Juden außerhalb Palästinas der Uebergang zu produktideren Berufen sich sehr verstärken und auch im Galuth die Arbeiterklasse immer mehr die Führhung der jüdischen Politik übernehmen wird. Weiter sehen auch viele bürgerliche Zionisten ein, daß ein jüdisches Palästina ohne starken Einschlag sozialistischer Wirtschaftsele- ״HMs jüdischer Bolkskalender".

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