Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 27 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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et«t 2. ״Jüdische Lvikssttmme" .««׳ 21 die Rebekka leiten, als auch das Ziel, das sie anstrebt, werden oft nicht richtig erfaßt. Die gewöhnliche Darftellung ist: Jsak fühlt fich dem Tode nahe und will seinen erstgeborenen Sohn segnen. Zuvor aber soll dieser auf die Jagd gehen und ihm ein schmackhaftes Gericht vorsehen. Rebekka erlauscht die Absicht Jsaks und maskiert ihren LiebliengSsohn Jakob, damit dieser seinem älteren Bruder den Segen wegschnappe. Gegen diese Auffassung werden von vielen Seiten Einwcndüngen erhoben. Diese Einwendungen fallen bei einer richtigen Darstellung weg. Wenn Jsak vor dem Rucktritte vom Patriarchat Esau beauftragt, auf die Jagd M gehen und für ihn ein Gericht zu bereiten, so folgt er der Sitte jener Zeit, wonach der neue Herrscher durch eine symbolische Handlung auszudrücken hat, er sei fähig, den-seiner Vormundschaft nun anvertrauten früheren Patriarchen, zu ernähren. Was endlich Rebekka betrifft, so verstehen wir ihre Handlungsweise, wenn wir die falsche Kapiteleinstellung mitberücksichtigen und die beiden letzten Verse des 26. Kapitels Anfangsversen des 27. Kapitels machen. Dort heißt eK> nämlich: Im Alter von 40 Jahren nahm Csau Jeyudith, die Tochter des Hethiters Beeris und Boßmath, die Tochter des Hethiters Elan, zur Frau (also Ka-- naanitherinnen); sie aber waren ein Aergernis für Jsak und Rebekka. Rebekka fürchtete sie für den Fall, daß Esau Herrscher werden sollte. Viel lieber sieht sie ihren Liebling Jakob als Nachfolger Jsaks. Wie dieser eine bloß passive Nolle bei dem Komplott spielt und den WrkNsch seiner Mutter ganz mechanisch erfüllt, kommt wunderschön zum Ausdruck in der Schilderung: Und er ging und nahm und brachte seiner Mutter — -und sie bekleidete ihren jüngeren Sohn. Trotzdem lädt Jakob seine Schuld auf sich, die er in der Folge sühnt. Esau, der aller Rechte beraubt war — schon früher hatte er mit dem Rechte der 'Erstgeburt die Priesterwürde an Jakob abgetreten — erhält nach heftigem Drängen von seinem Vater das Zugeständnis Waffen zu tragen und sich gegen seinen Bruder empören zu dürfen, falls er ihn bedrücken sollte. (Etwas Aehnlich'S enthält der Jnsurrektionsartikel der Goldenen Bulle Andreas H. von Ungarn). Nun fürchtet Rebekka für das Leben ihres jüngeren Sohnes und auf ihren und seines Vaters Ngt flieht Jakob aus seiner Heimat. Durch den tragischen Schicksalswechsel vom Herrscher zum Flüchtling, der auf freiem Felde mit einem Stet-' ne unter dem Haupte übernachten - muß, wird sein Herz geläutert, wie das Gelübde nach dem berühmten Traume mit der Himmelsleiter zeigt (überhaupt stellt Las Fünfbuch eine allmähliche Läuterung und Vervollkommnung im Charakter Jakobs dar), und so kommt er zu seinem Oheim Laban. Jeder kennt diesen Cha-!rakter. Welch eine Ironie des Schicksals liegt darin, daß der, welcher ehrlich war und die Nolle eines Betrügers spielen müßte, in die Hände eines Betrügers ausgeliefert ist, der sich den Anschein eines biederen -Ehrenmannes gibt! Bekannt ist, wie Laban die Liebe Jakobs zu Rahel für seinen Vorteil auszunützen weiß. In 20 Jahren des Elends und der Entbehrungen — ״bei Tag verzehrte mich die Hitze, bei Nacht die Kälte" — büßt Jakob sein Unrecht gegen Esau. Aber durch Ausdauer und klugen Selbstschutz gelingt es ihm, das durch eigene Tüchtigkeit zu erwerben, was ihm die einander an; doch sie fürchten, einander nicht nur ein Wort zu sagen, sondern auch bloß einen Wink zu geden. Und alle Äugen sind auf den alten Rabbi gerichtet, -er, in einen Schlafrock gehüllt, in einem Winkel, und nicht an seinem gewohnten Platz steht und in ein Buch starrt. Doch er scheint im Geiste wo anders zu sein und an etwas sehr Tiefes und Ernstes zu denken... So still ist es in der Schul, daß wenn sich einer schwachen Frauenbrust ein leiser Seufzer entringt, die ganze Gemeinde vor Schreck erstarrt. Und das Schweigen d> . Männer scheint sagen zu wollen, daß sie diesen Seufzer nicht nur nicht verurteilen, sondern׳in ihm ihren ״Chasen" sehen... Die ,vereinzelten Sonnenflecken an den Wänd<׳ gleiten immer höher zu der Decke hinauf, bis sie ganz verschwinden. Und ein dichter, dunkler Schatten יו■ in der halben Höhe des Raumes r;nd hüllt die letzten schwachen Umrisse der Weiber ein, die auf den Hinteren Bänken sitzen, so daß man die einzelnen Gestalten nicht mehr unterscheiden kann. Es ist, als ob eine große schwarze Masse sich von den Wänden losgelöst hätte. Sie ist tot und unbeweglich, zuweilen streckt sich aus ihr etwas Längliches hervor und schwankt langsam hin und her: zuweilen dringt aus ihr ein bitterer Seufzer heraus, und Hann ist es, als ob die ganze Masse seufzte... Es ist ganz dunkel. Man zündet keine Kerzen an, und die Finsternis senkt sich immer tiefer, bis die dunkle Masse, die vier Wände mit dem Thoraschreine und die Decke mit den gemalten Cherubim in eines zusammenfließen. Schul und Gemeinde sind eins. Und alle schweigen. Und das Schweigen bedeutet gespannte Erwar- Liebe seiner Mutter mühelos verschafft hat. Als mächtiger Patriarch über zwei Lager schickt er an seinen Bruder Boten um Versöhnung. ׳'Esau, dessen Charakter überhaupt viel anziehender erscheint, als sich ihn das jüdische Bott vorzustellen pflegt, hat alles vergessen und nun erfolgt die Versöhnung der feindlichen Brüder. Nicht minder dramatisch ist auch der Stoff, der Josef zum Helden hat. Im Bewußtsein, der Lieblingssohn Jakobs zu sein, strebt Josef darnach, das Patriarchat.zu usurpieren. Die Brüder hasten ein Gottesgericht über ihn — sie werfen ihn in eine Grube — beschließen aber bald, auf Vorschlag Judas, ihn an eine vorübetziehpnde Karawane zu verkaufen, nach dem Grundsätze: Pie Strafe sei dem Vergehen angemessen; da er herrschen wollte, soll er Sklave sein. Als solcher kommt er nach Aegypten. Hier wird er anfangs vom Glücke begünstigt, bald aber unschuldig in den Kerker geworfen. Den Kerker verläßt er, um einen Thron zu besteigen. Als Herrscher über Aegypten kommt er zur Ueberzeugung, daß seine Brüder nur Vollstrecker eines göttlichen Wlllens waren und versöhnt sich mit ihnen, nachdem er sie überzeugt hatte, daß sie Benjamin als wahren Bruder liebten. . Eine Sprache, die sich tief ins Herz gräbt, ein fesselnder Inhalt, *der einen rnächti^n Eindruck hinterlaßt, sind Wohl die Haupterfordernisse für ein poetisches Meisterwerk; sie sind unerläßlich für den Gelehrten, wie für den einfachen Mann aus dem Volke. Daneben gibt es eine Reihe von Anforderungen, die bloß Leser mit gebildetem Geschmack erheben. Wie kommt das Fünfbuch diesen nach? Eine Hauptforderung der Aesthetik ist, alles Chaotische zu vermeiden, zwar viel zu bringen, jedoch so, daß sich alles mit einem Blicke übersehen läßt. Diese Einheit in der Mannigfaltigkeit wird am besten durch eine klare, zielbewußte Disposition erreicht, die auf den ersten Blick das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Mittel vom Zweck unterscheiden läßt. Diese Aufgäbe löst das Fünfbuch so glänzend, daß man sogar äußerlich erkennt, was als-Ziel und was als bloße Station auf dem Wege zu diesem Ziele betrachtet wird. So lehrt uns z. B. t>i׳c Komposition des ersten Buches, daß es das Fünfbuch auf eine Geschichte des israelitischen Volkes abgesehen habe. Zehn Stellen nämlich — abermals sehen wir die Zahl 10 als Grundlage für die Einteilung genommen — beginnen mit den Worten: Im Folgenden ist die Geschichte, und zwar: ״Im Folgenden ist die Geschichte des Himmels und der. Erde", »Im Folgenden ist die Geschichte Adapis", ״Im Folgenden ist die Geschichte Noahs", «Im Folgenden ist die Geschichte Sems" usw., an der 10. Stelle heißt es: »Im Folgenden ist die Geschichte Jakobs". Eine Reihe weiterer Forderungen erheben sich auf Grund folgender Betrachtungen. Die Poesie stellt sich die Aufgabe, vor unsere Phantasie eine eigene Welt Hinzuzaubern. Je mehr ihr die Täuschung gelingt, desto besser hat sie ihre Aufgabe gelöst. Diese Täuschung erreicht sie vor allem durch eine natürliche Darstellung, die jede liebertreibung, jede Verzerrung vermeidet. An diesem Grundsätze hält das Fünfbuch strenge fest. Um« die Wahrscheinlichkeit zu wahren, scheut es sich nicht, seine Helden, die doch moralische Muster sein sollen, mit menschlichen Gebrechen behaftet darzustellen. Selbst tung. Man kann erkennen, daß die große dunkle Masse aus einzelnen kleineren Flecken zusammengesetzt ist; bei der leisesten Bewegung zerfällt sie in ihre Bestandteile, und einzelne Schatten beginnen Dann an den Wänden, zu tanzen. Doch sie bleibt fast die ganze Zeit als eine zusammengeballte Masse bestehen, und sie wartet und schweigt... Und plötzlich — man weiß nicht, was den Anstoß dazu gab — zerplatzt die große schtoarze Masse, und ein jeder drängt sich vor zum Thoraschrein. Einige heben sich ihre Kinder auf die Schultern und drängen sich so zu den Stufen, die zum Schrein hinaufführen. Dip Bewegung wächst, doch alle bleiben noch immer stumm. Und wenn irgend ein Kind aus Angst zu weinen beginnt, gibt man sich die größte Mühe, es zum Schweigen zu bringen. Und au§ der Ecke, wo die blasse Frau in den Kissen liegt, hört man ihre weinerliche Stimme: »Mojsche, Mojsche, wo ist Chajiml? Wo ist Chajiml?" Die Erregung wächst. Weiber beginnen zu schluchzen, und wie die Kinder ihre Mütter weinen hören, beginnen auch sie zu weinen. ״Schweigt um Gottes willen! Man kann uns hören!" Die Weiber versuchen zu schweigen. Doch ihr verhaltenes, ersticktes Schluchzen klingt noch unheimlichcr. Einen Augenblick ist es still. Die Decke, die vier Wände und der Fußboden sind noch einmal zu einem einzigen dunklen Fleck zusammengeflossen. Und es ist wieder so still, als ob es ein Haufen von Toten wäre, mit einem einzigen schwarzen Leichentuch bedeckt. Ein schwacher Strahl des ״Ewigen Lichtes", das in der Wand eingemauert ist ,gleitet über all das Schwarze, und es ist als ob eine ^Lotenkerze zu Häupten einer Moses sündigt und darf nicht in das gelobte Land. Land. Ein weiteres Mittel, die Illusion zu erhöhen, ist, daß man alle Vorgänge zu motivieren sucht, jedem Zufalle, jedem ״deus ex machina" aus dem Wege geht. Wie kunstvoll ist hier das Fünfbuch! Wie genau wird z. B. der Haß der Aegypter gegen die Israeliten begründet, die Privilegien der,Israeliten im Lande Gosen gegenüber der drückenden Sklaverei der Aegypter, die scharfen Gegensätze in den Nationalitäten und Kulturen. Ein weiteres Mittel, die Täuschung zu vergrößern, ist die scharfe Charakteristik. Für die Kunst des Fünfbuches, Charaktere fast plastisch darzustellen, will ich bloß zwei Beispiele anführen. Abraham und Laban. Auf der einen Seite ein friedliebender, gastfreundlicher Scheikh, der zu jeder Zeit hilfsbereit ist und bei jeder Gelegenheit seine Herzensgüte und seinen Grotzmuth offenbart, auf der anderen Seite — die Schilderung dieses Charakters entbehrt nicht des Humors — ein gewissenloser, hcuchlerischer, frömmelnder Betrüger, dessen Schlauheit ihn nicht davor schützt, von einem Schlauen überlistet zu werden. Wenn wir noch den Umstand in Betracht ziehen, daß zur Zeit, als der Pentateuch abgefaßt wurde, das Schreiben große Schwierigkeiten bereitete, müssen wir nolens^ volens zugeben, daß die in ihm enthaltenen Schönheiten jedes Matz übertreffen. Das Fünfbuch Mosis befriedigt alle ästhetischen Forderungen, die vom geschulten Beobachter gestellt werden können. Dr. Israel Hammer. Czechische Sorgen. Der ״Wiener Morgenzeitung" entnehmen wir folgenden Artikel: Die Ahnungslosigkeit, mit der die Entente an die Lösung der europäischen Liquidationsprobleme herangetreten ist, hat schon in den Friedensbestimmungen, wie sie Deutschland und Deutschösterreich diktiert wurden, den Keim zu schweren Konflikten gelegt, die die Ruhe Europas bedrohhen. Sie hat sich aber auch bei der Abgrenzung und Behandlung der neuen Nationalstaaten gegeneinander gezeigt und auch hier Verhältnisse geschaffen, die an Verwirrung das äußerste leisten. Der Staatskanzler Dr. Renner hat schon in seiner Rede vor dev Nationalversammlung, in der er sich die Ermächtigung zur Unterfertigung des Friedensvertrages erbat, hervorgehoben, daß in der Bestimmung der Grenzen bald das historische, bald das ethnische Prinzip angewendet werde, jedesmal aber zu Unrecht. Diese Klage wird ja nicht zum erstenmal erhoben und sie gründet sich eben darauf, daß Deutschösterreich ein besiegter Staat ist und sein Unglück tragen muß und׳ daß leider in Paris unterlassen Wörden war, mit der Wie- ' ner Friedensdelegation in mündliche Besprechungen über alle Gebiets- und Wirtschaftsfragen einzutreten. Es muß aber sehr wundernehmen, daß die Entente bei der Regelung des Verhältnisses der neuen Nationalstaaten zueinander, obzwar überall die Fiktion der Bundesgenossenschaft aufrecht erhalten wurde, schwere Fehler begangen hat, deren Wirkungen sich schon heute zeigen. Die Teschener Frage vergiftet die Beziehungen sssm^susssBamssaa₪miB₪Baa^mSSB^mS₪m!₪i ganzen jüdischen Gemeinde brenne . . . Und alle schweigen ... Plötzlich, man weiß nicht aus wessen Munde, dringt mitten aus der Gemeinde eine tränenerstickte Greifenstimme. Und die Stimme steigt empor über den Köpfen der Gemeinde in die Finsternis: ״Asch-rej jojsch-wej bejs-secho" . . . Der Rabbi betet das Nachmittagsgebet vor. . . Und die Stimmen der Gemeinde fließen zu einer einzigen Stimme zusammen. Und es ist keine weinende und keine flehende Stimme, sondern eine stille Stimme, gleichsam an sich selbst gerichtet: «Asch-rej jojsch-wej bejs-secho" . . . Und aus dieser Stimme heraus läßt sich die einzelne schluchzende Stimme einer schwachen Frau vernehmen: ״Asch-rej jojsch-wej bejs-secho" ... Und die Decke, und der Fußboden und alle vier . Wände sind wieder ein Stück, ein schwarzer Fleck, und alle Stimmen zusammen eine einzige tief traurige Stimme... - Es ist das Sterbegebet der ganzen Gemeinde... Und finster ist es in der Schul, und der schwache Schein des Ewigen Lichts gleitet über' die schwarze Masse . . . Und die zusammengeballte schwarze Masse wiegt sich hin und her, und die Stimmen, die die Gebete eines einzigen Herzens*) sind, klingen zuerst leise und *) Barmherziger Vater! Höre unsere Stimmen, schone und erbarme dich unser! . . ." ״Hickl's Jüdischer Bplkskalender 44