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Jüdische Volksstimme · 1919-09-12 · Heft 27 (12.9.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 27 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrg. XX. Nummer 27״ .Jr ■י■״■1 ״״■״■ NMjlinme o----c 1 ^- ' •^׳V7' ■ ׳ Herausgeber: Max Hickl. W vez»,»Preise:! halbjährig .Kronen 15 60 ganz,ayrig'.Kronen 30•— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 20׳— Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12׳ — Balkan, Frankreich.. Frank» 24׳— ■-:---:---_ Redaktion und Administration: Brunst» Adlergasse t® Duchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig Inserate: dev 6-spaltige Zentimstervaum 2 K ünverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht »Mo« riert. — Manuskrivten ist Rückport» beizufügen. - n 0 -׳-- Wien—Brünn. 2י s־pt־mbor 1919. 17. Elul 5679 Prag—Lemberg. Einiges über die Schönheiten des Fünsbuches Mosis. Das Fünfbuch Mosis zerfällt in Bezug auf seinen Inhalt in einen belehrenden und einen erzählenden Teil. Die Betrachtung und Besprechung des belehrenden Teiles, in dem schon dem ästhetischen Bedarfnisse durch die nach gewissen Gesichtspunkten geordneten Gesetze Rechnung getragen wird, behalten wir uns für einen späteren Zeitpunkt vor. Was wir uns diesmal zur Aufgabe machten, ist lediglich die eingehende Behandlung des erzählenden Teiles des FünsviM׳...- Mosis. In diesem Teile ist dies dc^zu angetan, sowohl dem unbefangenen Leser als auch dein, dessen Geschmack durch klassische Lektüre geläutert wurde, alle Genüsse eines poetischen Meisterwerkes ersten Ranges zu verschaffen. Nicht nur Männer, wie Schiller und Herder, zeigen, daß sie sich viel und liebevoll mit dem Fünfbuche Mosis beschäftigt habensondern auch ein Philosoph, wie Nietzsche, dessen System doch die Moral dieses Buches bekämpft, ist von seinen dichterischen Schönheiten sy begeistert,, doch-erbsiBesprechrmg.der Bibel in Verzückung gerät, die in folgenden Worten ihren Ausdruck findet: ״Im jüdischen alten Testament, dem Buche vor? der göttlichen* Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schriftentum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheueren Ueberbleibseln dessen, was der Mensch einstmal war und wjrd dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa, das durchaus gegen Asien den Fortschritt des Menschen bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Das Gefallen oder Mißfallen am alten Testamente ist ein Maß, ein Prüfstein für die Größe oder Kleinheit des Menschen." Feuilleton. In den ersten Tagen der Pogrome. Von ScholemAsch. Die nachstehend abgedruckte packende und wuchtig wirkende Schilderung von leider noch immer unmittelbarster Gegenwärtigkeit entnehmen wir der im Verlag Kiepenheuer, Weimar, bereits in den ersten Kriegsjahren erschienenen Sammlung: «O st j ü d i s ch e Erzähler" (Perez — Schalem Alejchem — Schalem Asch), auf die bei dieser Gelegenheit von neuem empfehlend hingewiesen sei. Die Redaktion. Die uralte Schul ist bis zur Hälfte in den Erdboden eingebaut. Unsere Voreltern haben das mit Absicht getan, damit das Gebäude von außen nicht zu hoch auSsehe . .. von außen berühren die Fenster hart den Erdboden, doch von innen gesehen, liegen sie hpch oben unter der Decke. Von außen sieht die Schul armselig und verfallen aus; die Balken und Bretter sind morsch, und man hat den Eindruck, daß das HauS überhaupt nur noch darum dasteht, weil es eben ein Gotteshaus ist. Innen find die Bretter neu und kräftig, und an den Wänden kann man noch Reste der Bemalung sehen: kinks und rechts vom Almemor, Tempelleuchter und Posaune». Die Ostwand ist mit Inschriften in Rot und In der Ärt wetteifern Sprache und Inhalt miteinander, um den Leser zu entzücken ünd einen -mächtigen und bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Vor allem die Sprache. Nach Herder ist die Sprache dieses Buches das Muster einer poetischen Sprache. Was Herder besonders an ihr lobt, ist die Handlung, die lebendige Bewegung, die sie zum Ausdruck bringt. Alles ist personifiziert und für die Sinne berechnet. Allein dieses Merkmal hat die Sprache des Fünfünches mit den poetischen Sprachen anderer Werke gemein. Was sie vor gnderen voraus hat, ist die für das Fünfbuch, so charakteristische Kürze der Ausdruttcw.:>> Oft genügt ein einziges Wort, um eine Situation zu schildern, einen Charakter scharf zu zeichnen oder die Gefühle, die das Herz bewegen, zum Ausdruck zu bringen. Ein Beispiel möge das beweisen. Wie die Söhne Jakobs ihrem Vater die Nachricht bringen, sein Lieblingssohn, den er als tot beweine, sei noch am Leben und herrsche über Aegypten, da ruft Jakob ein einziges Wort aus, das ganz den Eindruck wiedergibt, den die Kunde auf ihn macht. Alle seine Gefühle faßt er zusammen in dem Worte: ״Es ist zu viel!" Die einfache und erhabene Diktion des Fünfbuches wird allgemein gerühmt. Gin. französischer.^Denker beheuptet, er kenne in der ganzen Weltliteratur keinen erhaben'Ken Satz, als den ersten Satz der Bibel: ״Im Anfänge' schuf Gott Himmel und Erde." Stellen mit rein lyrischem Gehalte, wie die eingeflochtenen Lieder, fesseln durch ihre bilderreiche Sprache, durch die vielen anschaulichen Vergleiche. Ich verweise auf das wunderschöne Lied, daS MoseS vor dem Tode singt. Wie Herrlich ist die Stelle, die von der Fürsorge Gottes für das israelitische Volk handelt: Er findet ihn im Lande der, Wüste, , In der Einöde beim grausigen Geheul; er umkreist ihn, er gibt auf ihn acht, er behütet ihn, wie seinen Augapfel, Gold geschmückt, die man aber vor Alter kaum lesen kann; dazwischen kann man noch einen Hirschkopf erkennen. Ueber den beiden geschnitzten Löwen, die den Thoraschrein krönen, ist in der Wand ein kleines verstaubtes Fensterchen mit bunten Glasscheiben angebracht. Den Hängeleuchter hat man. einst gestohlen, und zur Erinnerung an ihn hängen noch lange schwarze Stricke von der Decke herab. Zwischen den beiden alten Nsessingleuchtern, die auf dem Tische ^des Almemors stehen, hängt eine runde Gedächtnis-Mappe. . . Draußen ist wohl jetzt Heller Tag; denn die Fenster unter der Decke schimmern, und die roten GlaSstückchchen יו kleinen Guckfensterchen über dem Thoraschreine leuchten. Ein Schleier von Spinngewebe schließt die Fenster dicht ab, damit die Leute draußen nicht erfahren, was in der Schul vorgeht ... In der kleinen Schul ist es halb dunkel. Kalte unbewegliche Schatten Men sie bis zur halben Höhe der Wände. Durch die kleinen Fenster oben in der Weiberabteilung dringen aber einige Lichtstrahlen herein und sie fallen durch die trennenden Vorhänge auch in die Männerschul. Aus der Weiberschul lassen sich leise Geräusche vernehmen: es, ist als ob dort die Toten umgingen.... Es ist Mittagszeit, also noch viel zu srüh für das Nachmittagsgebet. And doch ist die ganze Gemeinde in der Schul versammelt. Was hat das zu bedeuten? Es sind heute die verschiedensten Leute beisammen: HauSbescher, Geschäftsleute, Mitglieder von Brüderschaften, Chaffidim und Deutsche*), die man sonst das ganze *) Go nennt man in Polen freigeistige und auch voy auswärts eingewanderte' Juden, die sich «deutsch", also allgemein europäisch kleiden. Wie der Adler sein Nest bewacht, Ueber seinen Jungen schwebt er. Er breitet die Flügel aus, er hebt sie. Er trägt sie auf seiner Schwinge. Das beste Zeugnis für den tiefen Eindruck, den die Sprache des Fünfbuches macht, ist die große Anzahl von Bildern und Vorstellungen, die in fremde Sprachen Eingang gefunden haben. Namentlich die deutsche Sprache ist reich an Redewendungen, die der Bibel entlehnt, sind. Dieser wahrhaft dichterischen Sprache entspricht ein Inhalt, der wohl geeignet ist, Phantasie und Geist zu fesseln. Phantasievoll, originell, reich an bewegter Handlung, hat das Fünfbuch von jeher Dichter jüdischen Und christlichen Glaubens angeregt, seine Gestalten zu Helden ihrer Werke zu wählen, seinem Stoffe großes Interesse entgegenzubringen. Von Hans Sachs, der die Geschichte der Patriarchen dramatisierte, bis auf die jüngste Zeit, da Gerhard Hauptmann in seinem ״Hirtenlied" die Liebe Jakobs und.Rahels besingt, Arno Nadel, der in einem biblischen Dparna, Adam, den Ur- Vater der Menschheit behandelt, Richard Beer-Hoffmann, der den ״Traum Jakobs" dramatisiert. Die wechselvolle Geschichte Josefs findet im deutschen Drama des 16. Jahrhunderts ihre Würdigung. In dem Fünfbuche finden, wir die verschiedensten Motive vertreten: Hohes und Erhabenes neben Niedrigem und Verächtlichem, Tragisches neben Humoristischem, die Schöpfung der Welt, den Sturm der Völker gegen Gott neben, den Weiberintriguen im Hause Jsaks und den Streichen Labans, Schilderungen von patriarchalischen und idyllischen Zuständen neben solchen, von den verlotterten- Verhältnissen im. überkultivierten Aegypten. Am dramatischesten dürften Wohl die Stoffe sein, in deren Mittelpunkt Jakob und Josef stehen. Der eine beginnt mit einer Jntrigue im Hause Jsaks. Diese wird vielfach mißverstanden.Sowohl die Motive, Jahr nicht im Bethause sieht, halbwüchsige Burschen und Schuljungen, kleine Mädchen und Weiber sitzen auf den hintersten Bänken. Wie kommen Weiber in die Männerabteilung? Viele Weiber halten ganz kleine, in Bettzeug eingewickelte Kinder auf den Armen und geben ihnen die Brust, und aus ihren Augen fallen stille, stumme Tränen nieder... An ihren verzerrten Gesichtern mit den zusammengebiffenen Zähnen kann man erkennen, daß sie sich bemühen, keinen Ton von sich zu geben, damit man sie ja nicht hört. In der Nähe der Tür stehen Koffer und Truhen, liegen in weißen Laken zusammengebundene Haufen von Kleidern, Wäsche und Betten und in Tüchern eingeschlagenes Hausgerät. Ein Bündel ist aufgegangen und ein Paar Meffingleuchter ist herausgefallen; dazu einige zerfetzte Bücher ohne Einbanddecken, eist zerschlagener Teller und noch einige Kleinigkeiten ... In einer Ecke, auf dem »Sitze des Propheten Elias", liegt auf Kiffen und Bettdecken eine Frau. Ihr bleiches ׳Gesicht schaut aus dem Kopftuche heraus, und sie stöhnt so laut, als sie allein das Recht hätte, hier die Grabesstille zu stören. Klagende Schreie dringen ihr tief aus der Brust. Einige jüngere und ältere Weiber zachen sich um sie zu schaffen; eine Frau halt ihr den Kopf hoch, und ein schlanker Jude in kurzem Rock gibt ihr an einem Fläschchen zu riechen. Die übrigen Männer schauen mit Grauen nach dieser Ecke. . . Die Leute fitzen heute nicht in der strengen Ordnung wie sonst beim Gottesdienst. Die Männer sind zum Teil unbeweglich auf ihren Plätzen zusammengefunken, die Gesichter mit den Händen bedeckend, in Gedanken vertieft, als ob sie sich »Rechenschaft über ihr Leben" abgäben; andere stehen herum und schauen OerdreNet dfe ״Jüdische llvlhsrtimM".

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