Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1919-09-05 · Heft 26 (5.9.1919) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 26 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2622032-2622058--4083-2625344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seihe 4. ״Attische BsttSsti««e" Nf. 26. aber einfach nicht können. Die Kultusbeamten einer Großgemeindc — der ersten des Landes — sollen angeblich den Segen der fraglichen Aktion bereits genossen haben. ״Habeant sibi!" Sind aber die armen, sorgen-- und kummerbeladenen Kultusbeamten der Provinz vielleicht deshalb hievon ausgeschlossen, weil dort grötzere — Grasflächen wachsen zum Sattcffen für sic und ihre darbenden Kinder? — Wir können eine Kultusgcmeinde, deren in 56jährigem Dienst ergrauter Beamter seinen Sparpfennig in die verkrachte Kriegsanleihe anlegte, deren Lieberer einem der tückischen Kriegswinter erlag, dessen Witwe und Tochter einfach dasselbe Schicksal bedroht, ein anderer der nach jahrzehntelangem Dienst einen aussichtslosen Kampf ״ums Dasein" führt; nur ein Querschnitt durch ״die Not der Kultusbeamten". Es gibt in Mähren 60 Kultusgemeinden mit durchschnittlich je 6 Knltusbeamten. Mit zirka 1000 K pro Beamten, blso init höchstens 250.000 K könnte wenigstens der momentanen, krassesten Not gesteuert werden. Weiß Jemand einen anderen »moduS vivendi" für diese Aktion — in Gottes Namen. Aber jedenfalls sollte eine der berufenen Humanitären Körperschaften sich der Sache annehmen, das besagte ״Aoint distributiv Comitee" hiefür interessieren, zur Kontrolle der Qeffentlichkeit gegenüber, je einen Vertrauensmann der fraglichen Instanzen in die Hilfsaktion aufnehmen, vor allem aber dieselbe — beschleunigen. Denn wenn irgendwo, tut hier Eile not. Die Gemeinden behaupten zwar, daß noch nie ein Kultusbeamter W ihnen verhungert ist. Stimmt, weil er früher — auf und davon ist. Was aber einst im seeligen Frieden unmöglich war, kann, heute im saueren Frieden leicht möglich werden. Darumist es höchste Zeit, daß die berufenen Faktoren, ihrer Pflicht cingedenkt, wenn schon nicht aus eigenen Mitteln, so doch wenigstens im Rahmen des bezeichneten Vorschlages für Rettung sorgen, solange es noch Zeit ist. Die Kattowitzer Konferenz. Die Kattowtzer Konferenz 1884. Protokolle. Herausgegeben und eingeleitet von Dr. N. M. Gelber. Bei Max Hickl Verlag, Wien—Brünn. Ii 5.50. 1919. — Die zionistische Literatur wächst immer mehr an, die theoretischen Grundlagen des jüdischen Nationalismus, werden tief philosophisch, oft leider unverständlich, erörtert xmd das Historische wird, wie leider im ganzen Judentume, auch im Zionismus in den Hintergrund gestellt. Es tut wohl, wenn man wieder einmal etwas von den Vorläufern des Zionismus erfährt, wenn man die von vielen geschmähten Chowewe-Zionisten, bei ihrer stillen aber begeisterten Arbeit sieht. So fühlen wir uns unserem, heimischen Verlage Hickl, der ja der älteste jüdische Verlag im Westen ist, zu großem Danke verpflichtet, daß er, der ja viel Gutes und Herrliches in älterer zionistischer Literatur: Judenstaat, ״Sapier", Autoemanzipation, verlegt hat. wieder einmal das Gebiet des geschichtlichen Zionismus betritt. Dr. M. Gelber, der sich ja eines guten Namens als Historiker erfreut, hat uns hier die Protokolle der K a tt o w i tz e r Chowewezionistenkonferenz, die bislang nur als Manuskripte gedruckt, der breiten Oeffentlichfeit vorenthalten waren, zum erstenmale veröffentlicht. Namen wie Pinsker, Max Mandel st am m, Sch a pira, CH a s sanowitsch, Perez Smol e n s k i werden in uns wieder lebendig. Wir denken zurück an unsere zionistische Jugendzeit, in der diese Namen neben Herzl und Nordau die lebendigsten waren,. Lang, lang ist es her, das ich bei der Fuxenprüfung die Kattowitzer Konferenz prüfte und so mancher -Fux, der sie nicht kannte, mußte aufs Burschenband verzichten. Viele von Euch, ihr treuen und anhänglichen Seelen, sind nicht mehr, geopfert dem Moloch des Krieges. Wehmütig blättere ich in der ״Kattowitzer" Konferenz, denn jene Zeit wird wieder wach, in der Herzl noch lebte und, in der wir jungen Zionisten nicht auf Klaffen und nicht auf Kasten schauten, sondern alle verbrüdert waren durch den gemeinsamen Gedanken, durch das gemeinsame Streben nach der Errichtung einer Heimstätte der Juden in Palästina. Jahre sind verflossen- H e r z l s Jdealforderung nach einem Charter — wer spricht oder schreibt heute noch über Charterpolitik? — ward angefeindct von den sogenannten Praktikern; Marmorek, Nordau — und jetzt feierst Du Meister Deinen 70. Geburtstag bereits, und zum 60. konnte ich Dir mitteilen, das meine Verbindung Dich zum Ehrenmitgliede ernannte — waren als ״Politiker" angefeindet, und siehe da, alles wiederholt sich in der Weltgeschichte, denn die Chartergegner H e r z l S, sitzen zum Großteile heute in Paris beim grünen Tisch und verhandeln über einen — wenn Sie Wollen — Generalcharter für Palästina. So ruft in mir G e l b e r s ״Kattowitzer Konrerenz" wieder jene Zeit zurück, in der man viel, viel idealer vovm Zionismus sprach; in der dieses Wort wirklich noch Heiligtum war einiger weniger, treuer Anhänger und nicht Schlagwort vieler Nachläufer, die unzufrieden und störrisch werden, wenn nicht alles sofort verwirklicht wird, wenn nicht überall gleich ״Tael׳- liß" herausschaut. Mühsam, langsam im Schweiße seines Angesickc arbeitete Cbowcwezian, nicht ״Tackliß" war sein Motto sondern ״Lischmob". P i n s k e r S Autoemanzipation, nach H c s s c n s ״Rom und Jerusalem" — o Du alter ״Kommunistenrabbi", der Du Mitarbeiter Karl Marxens war, wie tief griffst Du ein in unsere Entwicklung — eine der besten Frührcnaiffanceschriften des JungjudenturnS war erschienen, veranlaßt durch russische Pogrome und batte lauten Widerhall gefunden in Ost und West. Pinsker will nun seine Freunde beisammen babcn und beruft sie in das kleine schlesische Städtchen M a i t o w i tz, wo ihnen die Loge ״Bnei-Berith", das Lokal zur Verfügung stellt. Unbeirrt um alles Getriebe der Welt, nicht beengt durch engen Gesichtskreis, als freier und aufrechter Mensch eröffnet Pinsker und sagt: ״Bis auf den' heutigen Tag leisteten wir Dienstboten — und Vermittlungsarbeit, indem wir allerhand Produkte von einem zum anderen, von Land zu Land trugen. Kehren wir nun zurück zu unserem alten Mütterchen, unserem Lande, das mit großer Sehnsucht nnser harrt. Ergreifen wir heute Pflug und Spaten au Stelle der bis nun zu handgehabten Meßelle und Wagschale und seien wir wiederum das, was wir ehemals waren, bevor wir ins üble Gerede der Völker kamen." ..Legen wir den Grundstein zu einem monumentalen Bau, zur Erneuerung des geraden Geistes innerhalb unseres Volkes, indem wir es aus der Sklaverei befreien und so das Schandmal tilgen, das uns die Nationen ringsherum aufgedrückt haben." 1 Allen Freunden Zions, die Interesse haben mich für jene kleine und kleinliche Arbeit an unseren «Iischaw". sei daS Büchlein wärmsten?׳ empfohlen. Dr. Gustav Kohu. Die Bolksnahrung des biblischen Judentums. Bon Nathan C h a v k i n, München. Beim Studium der.Bibel ersehen wir, daß das vegetarisch gelebt Hot und daß das Fleisch nur ausnahmsweise, besonders bei Festlichkeiten mit Opferdarbringungen genossen wurde. Für die Volksernährung der Juden in Palästina wurde außer Brot sehr viel Obst und geröstete Körner verwendet. Die Baumfruchte, wie Feigen, Rosinen, Mandeln u. dtzl. wurden ähnlich dem Brote zu Kuchen gefertigt und > bildeten nebst Most die Hauptnahrung und den Trank der niederen, wie auch der angeseheneren Klaffen der jüdischen Bevölkerung. An zweiter Stelle verwendete man Oel, Honig und Milchprodukte für Nahrungszwecke. So begegnen wir in der Bibel der fast auSschlietzlichen Pflanzennahrung bei den Juden zur Zeit Davids, da der verderbliche Luxuß der jüdischen Könige noch nicht um sich gegriffen hat. Jischai sendet den Hirtenknaben David zu seinem im Heeresdienste bei Saul sich befindlichen Söhnen und gibt ihm für sie mit auf den Weg: 1 Maß geröstete Körner und 10 Brote. Für den obersten Heeresführer sendet er jedoch al- Geschenke zehn Milchkäse (1. Sam. 17. 17—18). Als sich David mit seinen Leuten auf der Flucht vor Absolom befand, bekam er von seinem treuen Diener Ziba auf einem Paar gesattelter Esel folgende Nahrungsmittel: 200 Brote, 100 Rosinenkuchen, 100 Kuchen aus getrockneten Früchten**) und einen Schlauch Wein (2. Sam. 16, 1). Hier deckt sich die Zahl der Brote genau mit der Menge der Fruchtkuchen. Von Fleischsendungen ist hier ebeysowenig wie im vorigen Fall die Rede. Als freiwilliger Beschützer der Viehherden des Großgrundbesitzers Nabal bekam David mit seinen. Angehörigen von Nabals Frau Abigail: 200 Brote, 2 Schläuche Wein, 5 zubereitete Schafe, 8 Maß geröstete Körner, 100 Rosinenkuchen und 300 Feigenkuchen (1. Sam. 28. *) Aus den! 1. Flugblatt des Daniel-Bundes. DieseS sowie die weiteren Flugblätter sind durch den 1. Schriftführer des Bundes Herrn Nathan Chavkin, München, Bergmannstraße 7, unentgeltlich zu beziehen. ••) מאד* קיץ kann auch 100 Maß oder Bündel Früchte heißen (Bergl. Jes. 16, S; Jer. 40, 10-12), Jedenfalls haben die alten Israeliten verschiedene Verfahren für die Herstellung von haltbarem Fruchtbrot angewendet, wie sie neuerdings von einigen Spezialgeschäften auSgeübt werden. 18). Hier befanden sich also Fruchtbrote noch mehr an der Zahl als gewöhnliche Brote. Daß die Obstkuchen nicht zu klein dem Umfange nach waren, geht aus der Bibelstelle hervor, wonach ein ägyptischer Knabe als Belohnung für seine Spionagedienste von den Leuten Davids u. a. ein Stück Feigenkuchen, nicht etwa einen ganzen Kuchen erhält (1. Sam. 80. 12). Vom ersten israelitischen Könige Jerobeam wissen wir, das; er feiner Frau befahl, als Geschenk für den Propheten Achijab 10 Brote, Kuchen und einen Krug Honig mitzunehmen (1. Kön. 14, 8). Wir können au? dem Obenangefuhrten schließen, daß die Volksernährung des biblischen Judentums vor« wiegend aus Obst und Brot bestand und daß der Spruch: ״Jeder lebte unter seinem Weinstock und, seinem. Feigenbaum" (1. Kön. 5, 5) nicht nur bildlich, sondern buchstäblich zu verstehen ist. Für die Juden in der Wüste übte Palästina die größte Anziehungskraft aus hauptsächlich wegen des Reichtums des Landes an Obst (4. Mos. 13,23). Dieses wurde bei den Juden in verschiedenen Formen Irisch oder getrocknet» gekocht oder zu Säften verarbeitet als Nahrung gebraucht.**») Der Getreidebau bildete allerdings die Hauptkulfür den eigenen Bedgrf als für den Tauschhandel, sowie für den eigenen Bedarf als.für Tauschhandel, sowie aum Entrichten von Steuern.. Bei der Aufzahlung der Völker, die mit den Phöniziern Handel trieben, werden die Juden hauptsächlich als Lieferanten von Weizen. Honig und Oel angeführt (Ez. 27, 17, Jer. 41, 8). Sa« lomo lieferte den! Phönizierkönig jährlich 20.000 Maß Weizen und 20 Maß Oel (1. Kön. 5, 25). Die Juden selbst bereiteten sich das Brot vorwiegend aus Gerstenmehl, manchmal mit Beimischung anderer Früchte (Richter 7, 13. Trakt. Erubin 81a). Im Talmuds heißt es: ״Wer Gerstenbrot essen kann und dennoch Weizenbrot ißt, vergeht sich gegen daS Gebot: ״Du sollst nicht verderben." (Trakt. Sabbat 140b). Das Weizenmehl ksstete etwa.doppelt soviel als daS Gerstenmehl (2. Kö». 7, 16). Demnach entsprach Palästina, daS als ein Land von Weizen und Gerste, Weintrauben, Feigen und Granatäpfeln, Oel und Honig gepriesen wird (5. Mos. 8, 8), vollständig den eigenen Ernährungsbedürfnisssn. sowie dem äußeren Handel der Juden. Die Schaf- und Ziegenzucht diente fast ausschließlich zum Decken des eigenen Bedarfes an Kleidung und zur Herstellung von Milchprodukten. Eigentlichen Viehhandel trieben in Palästina nicht die Juden, sondern die umherziehenden arabischen und anderen Beduinenstämme (Ez. 27, 21). Auch die feinere jüdische Küche wußte schmackhafte Gerichte ahne Fleisch zu bereiten. Selbst die Königstochter Tamar hielt es nicht unter ihrer Würde, Pfannkuchen für Ammon zu backen (2. Sanü- 13, 9). Neberhauvt scheint die jüdische Frau mehr als der Mann eine Vorliebe für vegetarische Kost zu..haben. Wir sehen, wie z. B. die Patriarchin Sarah für die himmlischen G׳> Kuchen bereitet, während Abraham mit seinem Diener die Fleischspeisen besorgen (1. Mos. 18, 6—7). Das Obst diente bei den Juden nicht nur' als tägkiche Nahrung, sondern wurde auch als köstliches Natur- Produkt und Genußmittel vielfach in der Bibel verherrlicht (so z. B. an vielen Stellen des Hoheliedes: Micha 7, 1: Ez. 47, 12). Die größte Schonung der jüdische' Volk in seiner klassischen Periode vorwiegend Obstbäume auch im Feindeslande gehört zu den Geboten Moses (6. Mos. 20, 19). Später wurzelte sich bei den Juden der Glaube ein, daß derjenige, der. einen Obstbaum, wenn er auch sehr wenig Früchte trägt, fällt, ganz bestimmt vor den Jahren stirbt. Als der äffhrische Heerführer Rabschake die jüdische Bevölkerung Jerusalems zur Unterjochung unter die assyrische Herrschaft aufforderte, da rief er ihr zu: ״So spricht der König von Aschur, machet Frieden mit mir und kommet heraus zu mir, so soll jeder seinen Weinstock, jeder seinen Feigenbaum genießen und jeder das Wasser aus seiner Zisterne trinken." (2. Kön. 18. 31). Nach der Zerstörung des ersten Tempels und Verbannung der Juden aus ihrem Lande ließ der babylonische Heerführer Nebuzaradan die jüdischen Gärtner und Ackersleute zur Ausübung ihres Berufes in Palästina zurück (2. Kön. 25. 13; Jer. 39, 10). Die Juden haben jedenfalls mehr als die Affyro- Babylonier der Planzenkost gehuldigt, sonst wäre es den! obersten Kämmerer des babylonischen Königs ---- / •**) Ueber die Bedeutung des Obstes in der Ernährung der Juden in Palästina in Vergangenheit und Zukunft hat der Verfasser in seinen Aufsätzen «Zionismus" und Vegetarismus" in der ״Veget. Warte" Mr. 14—16/1918 einiges angeführt. Siche auch ״Reueffäertum und Zionismus״ von Leopold Schwarz im zion. Jahrbuch ״Stimme der Wahcheit", Würzburg 1905.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.