Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 26 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 2t) _iMtsHtami* «,1113 ster Zukunft. Aber cs gilt, nicht zu verzweifeln, sondern zu arbeiten. Wenn neue Erkenntnis uns erblüht ist und neue herrliche Taten entstehen, dann ist das Blut unserer Söhne und Brüder nicht umsonst-geflossen. Ewrg wie das Judentum ist die Iudenhei t, s o lange s ie an sich glaubt. In unserer Hand liegt cs, den Weg zu einer besseren Zukunft zu bahnen. Wien, Brünn, Budapest. ־־ Zu den wichtigsten Aufgaben einer modernen jndischcn Bolkspolitik gehört es, mit der größten Energie die seit einiger Zeit, von Wien, Prag, Brünn, Lemberg, Krakau sowie-Budapest aus systematisch geschürten NatiönalitätenHetze, — die überall auch in den Antisemitismus mündet, in der schärfsten Tonart zu bekämpfen. Wer den Antisemitismus entwurzeln will, wer die gegen alle Fremdnationalen und speziell auch gegen die Juden gerichteten Exzcsse in Wien, Brünn, Pest usw. verurteilt und für die Zukunft die Verständigung der Völker erstrebt, der muß auf der ganzen Linie gegen die kapitalistische Presse und gegen die kapitalistischen Partcien aller Völker Stellung nehmen, zugleich aber auch für einen konstruktiven, auf Bodenreform basierenden- Genosse nschaftssoziaLism u s eintreten. (Der nicht identisch ist mit dein auf der Marx Theorie fußenden autoritacren Kommunismus.) Dies gebietet nicht nur die j i!"d i s ch e Ethik, sondern auch die Lage des jüdischen Volkes, welches aufhören muß, sich als Kanonenfutter von Aposteln eiircr nationalen, konfessionellen und ökoiwmischcn HerrschaftSpolitik weiter mißbrauchen zu lassen. In Wien wendet sich dieses Dcmagogcntum unter Führung deutschnationaler Chauvinisten gegen Czech e n und Inden, in Brünn, Lundenburg usw. toden czechische Fanatiker gegen Deutsche und I u d e n, in Galizien allpolnische Hetzer gegen die Czechen, Ukrainer, Deutsche und Juden, in Ungarn wieder wendet sich der magyarische Chauvinismus, — da er gegen die Slawen, Deutsche und Rumänen ohnmächtig geworden ist, — hetzt vorwiegend nur gegen die Juden, wie die jüngsten Judenpogrome in Woftungarn deutlich beweisen, die man bald mit denen in Polen und Galizien in eine Reihe wird fiellen muffen. In allen diesen Ländern weist man die I uden als nationale Fremdlinge aus oder man macht sic für jede Art nationaler oder religiöser Bedrückung und ökonomischer Ausbeutung, sowie für die Fehler her wechselnden Regierungen und ParlamcntSmehrheiten verantwortlich.- Die Erkenntnis, daß es so nicht weiter gehen kann, daß die Völker und Sukzessionstaaten des ehemaligen Donaurciches, sich v e r st ä n d i g e n und enger aneinander schließen müsse n, wenn sie nicht alle zusammenbrechen wollen und dem ökonomischon Zusammenbruche der politische folgen soll, ergreift immer weitere Kreise in allen Staaten und speziell auch der Ententemächte.- Ein neuer Sympthom dafür ist die in Entstehung begriffene Völkerbundbewegung in der czechoslovakischen Republik. Der Herausgeber und Chefredakteur des in Olmütz erscheinenden Organs der ..Völkerbund", Josef Ko ree, kündet in Nr. 7 die Bildung einer Bölterbundliga der Sudetcyvölker an, der auch die Rationaljuden beitretcn könnten, falls ihr Programnr dadurch nicht tangiert wird, wie mau aus den völkerversöhnenden Tendenzen des .,Völkerbund" wohl anneh< men darf. — Der ״Völkerbund", welcher mit allen Mitteln eir.e Rechtsgrundlage für eine Verständigung zwischen Deutschen und Czechen anzubahnen sucht, verdient auch die tatkräftige Unterstützung einer zielvewutzten national-jüdischen Denwkratie, die bei Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und nationalen Gleichberechtigung den Völkerfrieden sowie allgemeinen kulturellen und sozialen Fortschritt erstrebt. Hiezu ist allerdings, — das kann nicht oft und nachdrücklich genug betont werden,' — eine Revision sämtlicher alten Parteiprogramme nötig (nicht nur im jüdischen Botte, sondern bei allen Völkern), sowie weiters auch eine ethische Umwertung der Matten, ein totaler Bruch mit der Machtpolitik und mit dem einseitigen Materialismus. Jenseits der alten Herrschaftstendenzen wir eine Föderation freier Volkes in modernen Kultur- und Wirtschaftsstaaten, in welchem die nationalen Jungjuden mit allen anderen Bürgern ohne Unterschied der Nation, Religion und des Berufes friedlich Zusammenwirken woüey zum Wohle der Gesamtheit. —h. Jüdischer Nationalsozialismus. 3)cr in der ״Jüdischen Volksstimme" vom 22. Augu>r U)19 von mir Unter dem irrtümlicherweise verdruckten Titel ״Jüdischer Natiünalzionlsnurs" statt ״Jüdischer Nationalsozialismus" erschienene Artikel vedarf zur Ergänzung und um nicht mißverstanden zu werden und damit das gewaltige Chaos, das besonders über sozialistische Probleme überall und speziell in der Judenheit herrscht, nicht noch vergrößert werde, noch eiitiger Erläuterungen. Ein gesunder Nationalismus, der sowohl die Hebung der Volkskultur als auch die Besserung der wirkschaftlichcn Lage des Bottes erstrebt, muß natürlich auch sozialistisch sein und zwar nicht nur von der Idee des Sozialismus beseelt, sondern auch aktiv mitarbeitend und eingreifend; nun ist allerdings wahr, daß wir Juden wegen unserer Stellung innerhalb der verschiedenen Staaten und Nationen eine vorsichtige Haltu.u einnehmen müssen und ist da strikteste Neutralität jedcnfalls die bequemste. Doch es handelt sich ja beim Sozialismus nicht ausschließlich um wisse״sch«ft,ich> Feststellung und doktrinäre Diskussionen, sondern um upser tägliches Brot. Nicht aus Uebermut oder, weil es eben Made ist, müssen sich ernste Politiker mit Sozialpolitik beschäftigen, sondern weil es das gegenwärtige Verhältnis zwischen einer Klaffe von Menschen, die alle Güter, mit der uns die Natur beschenkt hat, besitzen und einer anderen Klasse, die auf die Gnade der ersteren angewiesen ist, dringend erheischt, weil, wenn wir auf kapitalistischer Grundlage weiterwirtschaftcn,- die Menschheit ökonomisch und daher auch kulturell zu Grunde gehen muß, wie sie bis jetzt schon der durch den Kapitalismus und dem hiraus resultierenden nationalcn Imperialismus entstandene Weltkrieg auf Jahrhunderte zurück geworfen hat. Wir Nationaljudcn der Diaspora müssen daher nicht nur im Herzen sozialistisch gesinnt sein, wir׳ »mssen auch aktiv zum Wiederaufbau auf Grundlage einer sozialistischen Wirtschaftsform schreiten. Mit Recht könnte nun jeder besonnene Jude auf die bisherigen ..Erfolge" der jüdisch-assimilatorischen Führer der marxistischen Parteien Hinweisen, mit vollem Rechte könnte er behaupten, daß durch diese Führer der Sozialdenwkratie, daß durch die kommunistischen Diktatoren, die zum großen Teil Juden waren, der Antisemitismus nur vergrößert wurde, daß die internationale, gegenwärtig aber sehr national-chauvinistische sozialdemokratische Partei trotz der jüdischen Führer etwas stark zu antisemitcln beginne, wie zum Beispiel die Wiener ^Arbeiterzeitung" in ihren Artikeln gegen die jüdischen Flüchtlinge, daß die poalezionistische Partei fast eine Spaltung in der nationaljüdischen Bewegung hervorgerufen hätte. Würde nun durch ein aktives Eingreifen in der Diaspora der Antisemitismus, der durch die verschiedenen marxistischen Experimente schon stark angewachsen ist, nicht noch vergrößert? Ja, allerdings würde er vergrößert werden, wenn man als Mittel zur Einführung eines neuen Wirtschaftsshstems die Diktatur einer Klaffe, das heißt eines Teiles des Gesamtvolkes über den anderen Teil, versteht. Wenn man, wie die Kommunisten, der linke Flügel der Marxisten glaubt, daß durch Handgranaten und Maschinengewehre eine ״freie, gerechte und gleiche" Wirtschaftsform erreicht, daß den Menschen mit Gewalt der Marxismus cingepfropft werden könne oder wie die Sozialdemokraten, .daß man auf dem Wege der Parlamentarismus die Macht sich erobern müsse. Nein, ans diesem Wege kann ein freier Sozialismus nicht kommen, sondern nur, wenn die arbeitende Menschheit einsieht, daß sowohl Kapitalismus als auch Korsmunismus gleich ungerecht sind, daß eine ׳Wirtschaftsform, bei der nur ein Teil der Menschen das Recht zu leben hat ebenso widersinnigist wie eine, in der alle Menschen gleichgültig, ob fleißig oder faul, ob begabt oder dumm, ob sparsam oder verschkvenderisch, d,׳s gleiche Einkommen haben sollen. ״Jedem das Seine" (nicht «Jedem das Gleiche") muß das Motto eines freiheitlichen Sozialismus sein, der jedem Menschen den seiner Arbeitsleistung entsprechenden Gewinn zukommen lassen will. Und dieser freiheitliche Sozialismus läßt sich nicht durch Revolution, nicht durch Diktatur und schrankenlose Herrschaft einiger Demagogen durchführen, sondern nur durch wirtschaftliche Organ isatio n des manuell und geistig. arbeitenden Volkes. Tadurch kann langsam, aber sicher, aus der jetzigen kapitalistischen Wirtschaft eine sozialistische entstehen. Kann nun eine wirtschaftliche Organisation der Rationaljudpn in Produktiv- und Konsumgenossenschaften innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung den Antisemitismus steigern? Gewiß nicht/ da wir durch eine solche Organisation nur unsere eigen? ökonomische Lage ändern, respektive verbessern wollen und nicht, wie, ne marxistischen Affimilanten, über das Schicksal anderer Völker bestimmen wollen. In diesem׳ Sinne könneu wir Nationaljuden in der Diaspora vollständig . lutj positive Arb-it leisten, indem wir uns organisieren und auf dieser Grundlage Weiterarbeiten. Wie wichtig auch eine sozialistische Bodenreform in Palästina ist, hüben die letzten Ereignisse in Palästina, über die bei der Konferenz der Arbeiterpartei ״Hapoel Hazair" diskutiert wurde, gezeigt. Jetzt schon zeigen sich in beunruhigender Weise starke Klaffengegcnsähc, die daraus entstehen, daß der besitzende Teil der Kolonisten ihren Profit über das nationale Ideal stellte, indem er eher arabische als jüdische Arbeiter, da die ersteren anspruchsloser sind, beschäftigte und den aufgenommenen jüdischen Arbeiter gegenüber, die aus nationaler Begeisterung nach Palästina kamen, den" Herrenstandpunkt einnimmt. Eine große Anzahl von Hausbesitzern und Kolonisten hat sich bereits in einer bürgerlich-demokratischen Partei organisiert und damit indirekt den Klaffenkampf eröffnet. Mit Recht beklagen sich die Neuangekommenen Immigranten, daß sie aus einer Sklaverei in eine andere kämen und daß sie.um ihr Ideal betrogen wären. Wenn die zionistische Organisation nicht baldigsi sich mit der Frage der Bodenreform beschäftigt und den eingewanderten Juden nebst der politischen Freiheit nicht auch wirtschaftliche Unabhängigkeit zusichert, so haben wir, bald einen erbitterten Klassenkampf in unserem Emigrationszentrum, da auf der anderen Seite auch die Marxisten undurchführbare Forderungen fiellen. Wenn Palästina aufblühen soll, so darf es weder auf kapitalistischer noch auf kommunistischer Grundläge aufgebaut werden, da im ersteren Falle die Wirtfchaftliche Freiheit, im letzteren Falle die politische und ökonomische Freiheit den Bewohnern abgesprochcn würde. Diese alte, unter den Nationaljudcn verbreitete Ansicht, daß mit der Einwanderung und eventuell noch materiellen Unterstützung alles getan' sei, daß die soziale Frage eine böse europäische Seuche sei, von der die Kolonisten nach ihrer Einwanderung gleich befreit sein werden, hat sich gerächt und kann unsere ganze Zukunft gefährden, wenn nicht baldigst unsere Parteisichrer einsehen, daß vor der Kolonisation Palästinas die soziale Frage geklärt werden müsse. Nur wenn die Einwanderer volle politische und ökonomische Freiheit in Palästina gefunden haben/.wenn vor allem Grund und Boden in den Besitz der Gesamtheit gelangt sein werden, wenn jeder die Früchte seiner Arbeit ernten kann, dann können wir sagen, daß Palästina unser Land, jüdisches Land sei. Fr. Sch. .z. Die Not der Kultusbeamten. ' Von einem Rabbiner. Vor diesem Kapitel ist es wieder still geworden i״! jüdischen Blätterwalde. Wenn nur ebepso die Nyt dieses Standes gestillt werden wäre! Leider ist dem nicht so. Wenn der Kultusbeamte sich manche Lebensqot- Wendigkeit abgewöhnen mußte, eines kann er sich und den Seinen beim besten Willen nicht abgewöhnen — den Bissen Brot. Die Behauptung freilich, daß die Kultusbeamten ihr Sicheres haben, die stimmt, nämlich ihre sichere Lebenssorge. Noch mehr: Sie verfügen sogar über Güter, die kein Gemeindemitglied besitzt: Ein ״goldenes" Herz für. ihr einziges Gut, ihre Familie; ein ״silbergraues Sorgenhaupt; ״bodenlose" Ve:-׳ lung und lebenslängliche ״Rente" auf Kummer 11פיז Aergernis. Nein, eine Gemeinde ist nie arm ihrem Beamten gegenüber, während dieser im Verhältnis zu ihr immer ein armer Teufel bleibt. Jndetz, die Herzensgüte braucht keine Ermahnung, der Gemütshärte nützt keine. Es gibt eben Gemeinden, die können, aber nicht wollen, und Gemeinden, die wollen, aber nicht können und nichts nützen, sowie alle armen Leute, die gute Herzen haben. Nun denn, vielleicht nützt aber im vorliegenden Falle doch ein Vorschlag, der ihnen keinen Heller Belastung, den Kultusbeümten aber Hilfe bringen werde; und zwar vermittels der amerikanischen Hilfsaktion des ״A o i n t distributio Comitee", dessen Vizepräsident der so erfolgreich wirkende Wiener Oberrabbiner Dr. Chajes ist und das angeblich über Millionen verfügt. — Allerdings desselben harrt ein ganzes Heer von Leid und Wehe: hungernde Kriegswaisen, zerstörte Existenzen u. dgl. Jammer mehr. Es gibt aber ein Wehe, das nicht minder brennend ist: Familienväter, die ihr Leid nicht frank und frei zu Markte tragen können. Die jübischen Kultusbeamten, schon im Frieden eine der bedauernswertesten aller Beamtenkategörien, sind des amerikanischen Hilsswerkes wahrlich nicht unwürdig. Wie viele edle Spender desselben mögen einstmals die Hilfe jener Gemeinden unserer engeren Heimat Mähren. erfahren haben, die heute gerne helfen wollen.