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Jüdische Volksstimme · 1919-09-05 · Heft 26 (5.9.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 26 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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•*.«sät 2. ־• D. 26 find, unser Betragen ihren jeweiligen hohen Interessen anzupassen. Die einen beschwören uns, dem hohen idealen Mammon treu zu bleiben, die andern wollen aus uns Propheten der Menschenbefreiung mit Ma- . schineugewchren und Geschützen machen. Wer aber sieht in unk ein Volk wie jedes andere, ein Volk, das selber fein Schicksal lenkt und sainer inneren Natur lebt? Wer liebt uns wie ein ehrlicher schlichter Mensch liebt, ohne .,weil" und ״damit"? Wem sind wir Subjekt und nicht Objekt der politischen Konstellation? Sie haben uns dem Lande unserer Väter näher ' geführt» das es auch das Land unserer Söhne und Töchter werde. Und niemand wird dieses hohe Ideal durch philiströse Bedenken verkleinern wollen. Mag das neue Erez Israel vorläufig nur wenige aufnehmen, schon das kann ein Ziel unserer Sehnsucht sein. Mag eS sehr bescheiden anfangen, wir Juden sind das Volk des HoffenS und Harrens und werden die Geduld nicht verlieren. Aber — wird es eine Zuflucht für das Judentum werden, bevor eS noch eine Zuflucht der Juden geworden ist? Wird sich dort das Ideal jüdischer Lebensauffassung und menschlicher Gerechtigkeit verwirklichen? Wird dort das Jüdische in Reinkultur, frei von allem Häßlichen und Erbärmlichen, sich ausleben können? Wird dort die herrliche Mischung des prophetischen und des modernen Geistes erstehen können, um uns zu beglücken? Wird die jüdische Beseelung und Vertiefung des Lebens a! X dem altengeweihten Boden unserer. Väter eine Auferstehung erfahren? Einzig und allein darauf kommt esgn. Vor dieser Lebensfrage Jsraels im höhe ren Sinne treten alle andern Momente zurück. Und — gerade über diese Fragen ist ein dicker geheimnisvoller Schleier gehängt. Noch wissen - wir nicht, welches Maß von Freiheit und Selbständigkeil uns in Palästina zugeteilt wird. Das wäre noch zu ertragen. Aber wir wissen nicht einmal, ob man uns gestatten wird, unserm eigenen bescheidenen Heim unserm eigentlichen Ideale zu leben, oö nicht die ׳ Normierung unseres Glückes für Gegenwart und Zukunft von der Gnade der ״Gönner"׳ diktiert wird. Wehe uns, wenn wir nicht kämpfen und ringen dürfen, sondern alles geschenkt bekommen, wenn wir nicht streben, sondern gehorchen. Ein Palästina ohn e. Geist, des relig iöS -n ati on a len I udentums, ohne soziale Gerechtigkeit, ist für uns eine unselige Verirrung und kein heiliges Ideal. Gibt es einen Ausweg aus dieser Misere? Ja, man muß ihn aber gehen wollen. Es ist der Weg, den unsere Väter gewandelt sind, der Weg der Arbeit und , nicht der Verzweiflung, der Weg des stärkenden Glaubens und nicht des lähmenden Skeptizismus. Dieser Pfad ist schmal und Völler Geröll, und Entbehrungen sind mit ihm verbunden, aber er führt sicher zum Ziel, nicht nur für unsere Kinder, sondern auch schon für uns. Wie jede große Gegenwartsarbeit die Perspektive in die Zukunft,tragen muß, so muß umgekehrt die Zukunftsarbeit mit der Gegenwart beginnen und schon dem heutigen Geschlecht etwas geben. Hören wir endlich auf, von der Politik, von den Umweltzungen drautzen unser Glück zu erhoffen. Lernen wir endlich be- Diese kamen zufällig zum jüdischen Friedhöfe, wo sie einen alten Mann mit langem Silberhaar und einem wallenden weißen r rrt, in einer eigenartigen weiße,. Kleidung von Grab zu Grab schreiten sahen. ES war der greise Ortsrabbi, welcher, einem alten Gebrauche gemäß, anläßlich der den Juden drohenden Gefahr, in den Sterbekleidern, im Kittel und Talles, angetan, auf den Friedhyf sich begab, um bei den Gräbern seiner Vorgänger inbrünstige Gebete für die Er- Haltung der Gemeinde zum Himmel zu senden. So lange hatte er sich in stillen Gebeten verweilt, bis die Dunkelheit herangebrochen war. Inzwischen hatten die Späher Hurbans ihn bemerkt-, eine tödliche Angst überfiel sie ob der noch nie gesehenen Erscheinung, denn sie glaubten, der Stamm- Vater Abraham oder sonst eine alttestamentarischc Gestatt sei auferstanden, um den Juden zu helfen. Schreckensbleich eilten sie zu ihren Kampfgenossen zurück, welche sich nunmehr weigerten, die Stadt Senic anzugreifen, da sie eine schwere Niederlage befürchtefen. Die Führer, welche zugleich einsahen, daß sie. mit ihrer nur äußerst primitiv ausgerüsteten Mannschaft im offenen Terrain von Senic keinen Kampf aufnehmen können, fügten sich der allgemeinen Stimmung, und eS wurde der Rückzug angetreten, Gott hatte das Gebet des ehrwürdigen Rabbi erhört, die Juden von Genie waren gerettet. 1 scheiden sein und uns mit kleinen Dingcn^zu begnügen, wenn die großen unerreichbar sind. Eine der wichtigsten Grundlagen einer jeden Politik ist die Erkenntnis der Grenzen seiner Macht. Unsere Stärke rnbt in uns und nicht in der Diplomatie. Das lehrt uns die Geschichte immer wieder. Auf geistigem Gebiet waren pur immer groß, auf politischem nur Dilettanten. So wollen wir zu unserem Elemente zurückkebren. Wir wollen keine Missionen und völkerbcfreiende Dinge treiben, — dazu fehlen uns die Kräfte und die Propheten. In unserer eigenen Mitte aber wollen wir wieder ganze Juden werden und alles Jüdische pflegen. Können wir noch nicht in Palästina das jüdische Leben in seiner ganzen Hoheit und Reinheit erneuern, dann fangen wir damit in Wilna und Warschau, in Wien und Berlin an. Die Erstarkung des religiösen, nationalen Judentums muß der Rückkehr ins Land!unserer Väter vorangehen. Und jedes jüdische Zentrum ist dazu geeignet, und jeder gesund empfindende Jude ist dazu berufen. Aber diese Zentren sollen keine einsamen Inseln sein, ein Band des jüdischcn Geistes, des jüdischen Herzens soll , die Juden aller Länder vereinigen, — nicht zu einer einseitigen Politik, sondern zur befreienden sittlichen T a t. Die Grenzen sind vom Stacheldraht befreit und auch der jüdisch-nichtjüdische Chauvinismus, der allerhäßlichste im Orchester der Leidenschaften, wird, tvohl gewichen sein. Streifen toir also den hohlen verlogenen Hurrapatriotismus ab und betonen wir klar und dcutlich, w a S w i r sind und was w t r wollen. Wir sind nützliche treue Mitglieder der menschlichen Gesellschaft und wir erfüllen unsere bürgerlichen Pflichten in den Ländern, in denen wir leben. Darin erschöpft sich aber nicht unser Wesen, unser A^beitsdrang und unsere Sehnsucht. Wir sind Juden und toir müssen Juden bleiben, w e n n w i r nicht auch als Menschen zu Grunde gehen w o llen. Auf den Gräbern des Judentums erwächst nicht der neue große Geist der Befreiung, sondern die Zersetzung und Zerfahrenheit, die Verlogenheit und Verkommcnheit. Vereinigt euch, Juden aller Länder! Pereinigt euch zum Leben und zum Wirken für euch n:1d eure Kinder! Bleiben wir in der jüdischen Gemeind e, sie ist unsere letzte Zuflucht und sie hat Platz für alle, die sich als Juden fühlen, mögen sie in einzelnen Fragen denken wie sie wollen. Die jüdische Gemeinde in ihrer Schlichtheit und Ungebundenheit soll einen inneren Bund der Wahrheitsucher, der Ehrlichen und Gerechten, der Barmherzigen und Helfenden bilden. Das ist unsere unvergleichliche Stärke. Wir wollen nicht mehr um die kleinlichsten Dinge einander bekämpfen, sondern einander belehren und ergänzen. Hier, in diesem kleinen Kreise, wollen wir die wahre Kultur pflegen, eine Kultur, die sich mit unserer Natur verträgt, eine Kultur, die Inhalt und nicht bloß Form ist. Ohne Heuchelei zu betreiben, wollen wir nach sittlicher Reinheit streben und um Wahrheit und Gerechtigkeit ringen. Es ist aber höchste Zeit, daß wir mit der Demokratisierung unser er Gemeinden beginnen. Das Judentum ist. die demokratischste aller Neligionen, und jede Gemeinde, die daS Judentum ver- 70 Jahre sind seither ins Land gegangen. Die nationale Freiheit, welche die Slovaken in ihrem damaligen Freiheitskampfe nicht zu erringen vermochten, haben sie nunmehr als Frucht des Weltkrieges erlangt. Aber genau so, wie seinerzeit, haben sie ihre Befreiung damit eröffnet, daß sie sich auf die in ihrer Mitte wobnenden Juden stürzten, jüdisches Eigentum vernichteten, und die Juden von.Haus und Hof vertrieben. Die Pogrome sind unterdrückt worden, aber ein antisemitischer Geist durchweht auch weiterhin das neu errichtete slovakische Staatswesen, wie die jüngste Rede des MinisterS Zrobar und die ״Lösung" der Licenzfrage' beweist. Wir Juden haben stets den Standpunkt der nationalen ' Gleichberechtigung vertreten, freuen uns auch, daß dem slovakischen Volke die ihm so lange Zeit vorenthaltenen nationalen Rechte endlich zu Teil wurden, möchten aber die dortigen Machthaber an die Worte ihres großen Dichters Kollar erinnern, daß nur der der Freiheit würdig ist, welcher auch die Freiheit anderer zu schätzen weiß, und daß nur die Gerechtigkeit die Grundlage eines jeden Staates bilden kann, daß sie daher auch den Juden gegenüber geübt werden mutz. * körpern Witt, muß demokratisch sein. Es ist ein Hohn auf den Geist unserer Zeit, wenn noch immer die Männer des Geldes und die Träger hoher Titel in unseren Gemeinden regieren. Fort mit dem hohlen Strebertum! Fort mit den jüdischen Unwissen den! Unsere Führex sollen nicht nur tote Wegweiser sein, sie sollen auch selber den Weg des jüdischen Lebens wandeln. Sie sollen aus dem Volke kommen, mit ihm fühlen und seine Bedürfnisse verstehen. Nicht die reichsten und protzigsten, sondern die besten untüchtigstcn Juden sollen an der Spitze der Gemeinde stehen. Und auch die Sozialisierung der Ge« m e.i n d e ist ein wichtiges Ziel, das erstrebt werden muß. Unsere Wohltätigkeitsinstitute müssen, den Forderungen unserer Zeit entsprechend, in soziale Anstalten verwandelt werden. Der Geist der Gerechtigkeit und Schlichtheit soll in ihnen herrschen, und Männer frvmmen, gerechten Sinnes sollen sie leiten. Unsere Hilfsvereine sind keine Dekorationen und keine Stätten für obdachlose Ehrenbeamte. Vergessen wir aber nicht, daß das Judentum in erster Reihe etwas Geistiges ist und daß seine Fort- Pflanzung nur auf dem Wege der Erziehung möglich ist. Gründet gute jüdische Lehranstalten für die unreife und reife Jugend. Fördert die jüdische Wissenschaft als den lebendigen Strom des Lebens. Bannet die Unwissenheit, die schlimmste Krankheit, aus unserer Mitte und sorget dafür, daß das jüdische Wissen Gemeingut des ganzen Volkes wird. Auch hier soll keine Parade getrieben, sondern schlicht und ernst gearbeitet werden. Die Wissenden und nicht die Gerngroßen, die Denker und nicht die Schaumschläger sollen unsere Beroter sein. Hat man so die Gemeinden Israels von alle!» Kranken und Verkehrten befreit, dann wird jede Ge- "winde ein Heiligtum sein, eine Stätte, in der alles Größe und Schöne frei und ungehemmt gedeiht. Das sind keine künstlichen Schöpfungen, sondern natürliches Leben. Und alle Gemeinden der Wett, durch eine zwanglose großzügige Organisation vereinigt, bilden eine unvergleichliche sittliche und geistige Größe und eine unzerstörbare Macht im Reiche des Seelenlebens. In eurer Hand liegt es, diese Dinge zur Wirklichieir zu machen. Ihr braucht dazu keine Diplomatie und keine Politik, nur die Genialität des Glaubens und die Energie der Arbeit. Ihr sagt, diese Aufgaben sind zu klein für eure Arbeitssehnsucht, zu winzig für die Größe eures Strebens. Wißt ihr nicht, daß durch diese ״Kleinigkeiten" unsere Väter uns das Judentum und die Judenheit erhalten haben? Was wäre aus uns geworden, wenn unsere Vorfahren, weil sie keinen Staat hatten, ihr Schicksal dem Zufall überlassen hätten? Die Jeschiboth waren unsere politischen Körperschaften, die Bücher des Glaubens und Wissens Unsere diplomatischen Akte, und sie überdauerten alle Zeiten Und alle Schicksale. Das theatralische Aufgeputzte hat nur,bei Lampenlicht Bestand, die schlichte Größe lebt und wirkt für und für. Zu Ende ist der Krieg, aber die Wunden, die er geschlagen, bluten noch stark. Groß sind die Leiden der Menschheit, noch größer die des jüdischen Volkes,, und noch viele Leiden harren vielleicht seiner in ngchsich auch in dep Geschichte "anderer Judengemeinden. So bestand laut der mir von dem mir befreundeten Rabbiner Dr. I. Neach gemachten Mitteilungen eine ähnliche Sitte auch in Prag, wo bei derlei Anlässen das Grab des Rabbi Abigdor Karo ausgesucht wurde. Dieser hatte in seiner Jugend die Judenverfolgung in Prag unter König Wenzel IV. (1380) mit angesehen, und beschreibt sie in seiner S^elicha, welche, beginnend mit den Worten: eS Kol hatelaah, in die Gebeiordnung für den Versöhnungstag ausgenommen wurde. Bei der erwähnten Judenverfolgung waren die Mauern der Altneuschul (Bet hakneses hajeschana vehachadascha) vom Blute der Märtyrer bespritzt, und wurden seither nicht mehr getüncht. Abigdor Karo, welcher gewissermaßen als Kadosch gilt, ist nur wie durch ein Wunder dem Blutbade entronnen. In seiner letztwilligen Verfügung soll er sich geäußert haben, daß man sein Grab aufsuchen und Schofar blasen möge, wenn die Gemeinde einst in Not geraten sollte. Auch Hilfsbedürftige pflegten sein Grab aufzusuchen, und dortselbst Briefe zu hinterlegen, in toelchen sie ihre Notlage schilderten^ Dadurch wurde man auf so manche verschämte Arme aufmerksam, und half ihnen vielfach, sodaß der Gebrauch des Gräberbesuches auch eine praktische Bedeutung erlangte. 'Der Gebrauch, daß bei drohenden Unglücksfällen, Wie bei Kriegsnot, Pest, Judenvertreibungen, die Gräber hervorragender Männer ausgesucht wurden, findet

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