Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 26 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XX. Nammer 26 «»»»,»preise: . gangjährig . ... . . Deutschland, ganzjährig . . Rußland, ganzjährig . . . tvättan, Frankreich .... . Kronen 15-50 Kronen 30•— . Mark 20 - . Rubel 12• — . Frank» 24•— Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn» Adlergage 0 Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig Inserate: dsv 6-spaltige Zentimstormum 2 K Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hsno. riert.— Manuskripten ist Rückporto beizusügsn. Wien—Brünn. 8. 8»utumdur 1919. 10. Eiul 5679 Prag—Lemberg. Die Juden nach dem Kriege. Von § a b i u s Schach. Der unselige Krieg ist zu Ende, — wenigstens der blutige in dem ״Tale des'Todesschattens", das sw das Feld der Ehre nennen.' Noch tobt der- Völkerwahn in allen Schattierungen, auf der einen Seite in der lut-, derlichcn Form des übermütigen Siegers, aus der anderen Seite in der noch häßlicheren verzerrten Gestalt der machtlosen Rachesucht. Doch auch das wird bald vorübergehen und an seine Stelle wird nicht die reine Menschlichkeit und Brüderlichkeit treten, sondern irgend eine Hatzgeburt in neuer Form. Es ändern sich ja in diesem Kulturwelt-Kino nur die Bilder, der Geist bleibt der'alte. Die Leichen sind von den Schlachtfeldern hinweggeräumt und man kann heute schon in großen Zügen sich ein Bild von dem angerichtetcn Unglück und den! nengeschaffenen Weltelend machen. Ueberall ,Vau, und Stöhnen der Witwen und Waisen, Schmerzgehenl der Kranken und Verkrüppelten, überall ein Wehklag, zerstörter Hoffnungen, vernichteter Lebensfreuden. Und ganz hinten, gehüllt in Trauergewand, weint still und' herzzerreißend' die Menschlichkeit, Hie aus ihren schönsten Träumen so jäh erwacht ist. Und neben ihr sitzt ihre treueste schmerzensreiche Tochter B at h- Jehudah, die stets ihr eigenes Leid und das Leib der Mutter in ihrer' Brust getragen hat. Ihre abgezehrte schmale Hand hält sie auf den Schoß der Mutter und mit ihren großen Augen schaut sie weit in die Ferne: Gibt es noch eine Hoffnung? und woher soll sie kommen? Ja, wer die Dinge der Zeit aus der Perspe der Geschichte betrachtet, wird heute schon als Ergei׳.׳ verzeichnen müssen: lv i x I uH e n haben die tiefsten Wunden aus diesem Kriege getragen, und unsere schweren Opfer sind umso tragischer, da uns auch aus der Zukunst nichts Freudiges winkt und der Sinn des tiefen Jammers uns noch ganz verhüllt ist. Unsere Väter kannten ״Leiden der Feuilleton. Der Rabbi von Senic. — Eine Begebenheit aus der Revolutionszeit. — < Bon Dr. Theodor Haas, (Brünn). Es war im ereignisreichen Jahre 1848. Die im Feber von Frankreich ausgegangene Revolution hatte aus ganz Europa übergegriffen, und insbesondere den vielen Rationen des österreichischen Kaiserstaates erschien die Zeit zur nationalen Erhebung gekommen, sodaß die Monarchie schon damals bis in die Grundsrsten erschüttert war. In den italienischen Gebieten, in Mailand und Venedig, brach bereits im März der Aufstand los, und zu gleicher Zeit wurde in Wien dem absolutistischen Regime des allmächtigen und dabei allseits verhaßten Fürsten Metternich ein jähes Ende bereitet. In Prag kam es an den Pfingstfeiertagen zu einem blutigen Aufstand, und die Magyaren inszenierten eine Bewegung, um sich unabhängig zu machen. Aber schon gährte es auch in den von nicht-magyarischer Bevölkerung bewohnten Randgebieten Ungarns, unter den Rumänen Siebenbürgens, den Serben nn Banat und den Kroaten unter Jella?iä's Führung, und selbst das ruhigste und national indifferenteste nn- Liebe", die sie heroisch auf sich nahmen, weil sie.die Genialität des Glaubens besaßen. Ihr Hoffen erwachte iinmer wieder zu neuem Leben und ihr Leid wurde ihnen immer wieder zum Quell der Seelengrößc, weil ihr Glaube stark, ihr Vertrauen unerschütterlich war. Was fragt eine große Liebe nach Hindernissen und Schmerzen? Sie bilden nur noch neue Reize, um sie zu vertiefen. Wir sind innerlich zerrissen und die großen tragischen Harmonien bleiben uns verschlossen. Unsere Väter haben keine Vergleiche angestellt, sie wnßtcn: Gott i st e i n z i g, Israel i st einzig und sein Schicksal ist e § nzig. Wir vergleichen und klügeln unb durch unsere Klügelei verliert unser Schmerz seine Tragik, seine große Poesie. Wir haben schwer gelitten, das Schwerste aber ist, daß wir keinen Ausweg zu diesem Jammer sehen. Für den Sehenden mag es ein Reiz sein, sich durch das Duukel cmporzuarbeiten, iveil bald-draußen seiner das Helle Licht harrt. Wehe aber dein, der mit Blindheit geschlagen ist und mit seinein Stabe ohne Richtung tappt! Viele VöltLr haben in diesem Kriege schwer gelittcn. Gewiß, — aber sie sind^Bökk'LDgechlieb.en^ und^httden'ihrck LänVLk NhältÄl. Ihre Häuser sind zerstört, es werden neue errichtet werden. Ihre Statt: sind verwüstet, neue werden erstehen. Ihre Jugend ist hingerafft, eine neue wird erblühen. Sie sind dieselben Völker mit derselben Art, mit denselben Hoffnungen und Freuden geblieben. Israels Reich ist der alte Glaube au die Menschlichkeit, und er ist mächtig erschüttert. Seine Zuflucht ist das Land der Ideale, und das ist in die Ferne gerückt. Es ist ein Volk der Gottänbeter, und — cs hat sich von Gott entfernt. Für die and. Völker treten ihre Staaten und ihre Verbündeten Mächte ein, wer aber soll für Israel eintreten? Es ist immer Amboß und nicht Hammer der Politik gewesen. Die ändern erhalten Entschädigungen nnd Z'ic schachern um die Höhe des blutigen Preises. Wer soll die Ruinen Israels wieder errichten? Wer fragt nach unserem Jammer und Leid? Selbst das Recht des Klagcns wird uns verwehrt. Biele unserer ter den Völkern Ungarns, das slovakische, erwachte aus seiner jahrhundertelangen Lethargie. Nur unter den eine gewisse kirchliche Autonomie genießenden evangelischen Slovaken hatte sich der nationale Gedanke bis dahin hauptsächlich erhalten, jedoch fast ausschließlich auf literarischem Gebiete geäußert, und insbesondere in der Sonatendichtung ״Slävy dcera" des evangelischen Pfarrers Kollär, des Vaters des Panslavismus, seinen stärksten Exponenten gefunden. Nunmehr blieb die nationale Bewegung nichtmehr auf, literarischem Gebiete stehen. Der streitbare evangelische Pfarrer von Hluboka bei Senic, Josef M. Hurban, ein Mann von unansehnlicher Gestalt, aber von feuriger, hinreißender Beredsamkeit, vermochte es, die urwüchsige Bevölkerung des oberen Neutraer Komitates für die werktätige Realisierung des nationalen Gedankeüs zu gewinnen. Es waren dies hauptsächlich die ״KopaniLaren", die Nachkommen der Hnffiten, der böhmischen׳ Brüder und anderer evangelischer Sekten, welche, im Laufe des 15. bis 17. Jahrhunderts aus Böhmen und Mähren vertrieben, in der Slovakei eine Zufluchtstätte gefunden, insbesondere die ausgedehnten Wälder des karpathischen Grenzgebirges gerodet und dortselbst kleinere Wirtschaften begründet hatten. Organisiert von tschechischen Offizieren, welche mir mehreren hundert Mann auf die Slovakei gekommen waren, und Waffen mitgebracht hatten, sammelten sich Söhne sind tot oder siech, und die lebend geblieben sind, wiffen wir denn, wie lange sie noch zu uns gehören und ob sie nicht bald ihr Volk verleugnen werden? Und als wenn noch nicht genug jüdisches Bin:' Kriege geflossen wäre, kommt eine reiche Nachlese von Judenpogromen. PogLome in Litauen, Pogrome in Polen und Pogrome'in der Ukraine, — also in Ländern, die sich der Sympathie und des Schutzes der befreienden ״Kulturstaaten" erfreuen. Auch andere Völter sahen nach dein Kriege noch ein Zucken der Volksseele in der Gestalt von Revolutionen tjnd Kontrerevolutioncn, und Blut floß. Jeder große Brand glimmt nach lauge nach. Aber nirgends tobte sich der Fan-- mus in' der beinahe geschichtlich» gewordenen Form der Pogrome aus. Nirgends richtete sich der Haß so einmutig und zielbewußt gegen eine Gruppe, die weder eine in sich geschlossene soziale Schicht, noch eine ein-- heitliche politische Partei bildet, aber ״zufällig" gemeinsamcn Blutes und Glaubens iftJ Und die ״Kul- Lurbeschützer"- konnten diese Bewegung nicht hindern, während sie doch sonst viel schwierigere Dinge durch'die Macht ihres, Wortes vollbrachten. Was bedeutet es bei -dkeseu-grotzen BökkerkvnjunktMcn,bei diesen gewaltigen Weltidealcn, wenn noch einige tausend Juden, vernichtet werden! Ja, wir Juden sind in und nach dem Kriege die Hauptleidtragenden. Wir haben nicht nur unsere blühenden Söhne, sondern auch unsere schönsten Hoffnung gen zu Grabe getragen. Nicht nur die politischen großen Kinder in Deutschland, die mit ihrem größenwahnsinnigen Herrscher geglaubt haben, der völkermörderifche Krieg führe auch die Juden großen Zeiten entgegen, sind bitter enttäuscht, sondern auch die nüchternen und unterrichteten Juden, die von der ׳Entente eine Erhöhuug der sittlichen Kräfte gn Stelle der politischen' Machtfaktoren erhofften, erleiden jetzt Schiffbruch. Die freien Völker Europas und Amerikas nehmen sich unserer an, aber sie lieben uns mit ״wenn" und ״aber", sie erziehen uns mit Zucker und Peitsche. Sie schenken uns großmütig ihre Huld, wenn wir so brav ungefähr 8000 Mann Slovaken in Miava, zogen in die benachbarten Ortschaften, deren Bevölkerung üe zum Anschlüße bewogen, insbesondere nach Stara Tura und Brezova. Sie begannen aber ihr Befreiungswcrr zugleich auch damit, daß sie die einheimische jüdische Be-. völkerung, welche bereits durch viele Generationen unter ihnen wohnte, plündernd überfielen, und die jüdischen Gotteshäuser in den genannten Orten zerstörten. Hunderte Jahre hatten Juden und Christen in jeneu Gebieten friedlich mit einander gelebt, aber die einmal entfesselten rohen Instinkte der Massen waren nicht mehr aufzuhalten. Großer Schrecken bemächtigte sich infolgedessen der jüdischen Bevölkerung im ׳weiten Umkreise, wohin der Ruf von hen an den Juden verübten Plünderungen gedrungen war. Hiedurch verscherzten sich aber die slovakischen Freischaren auch das Wohlwollen der kaiserlichen Truppen> an deren Seitss sie gegen die magyarischen Expansionsgelüste zu kämpfen berufen waren. So kam es. daß bei Brezova am Berge Bradlo und bei der Kopanice Poradie reguläres kaiserliches Militär gemeinsam mit ungarischen Gardisten gegen die Slovaken kämpfte, und deren weiteren Vormarsch verhinderte. Diese waren daher bemüssigt, ihre Marschrichtung zu ändern, uvd wandten sich von Brezova westwärts gegen Senic. Auf einem Hügel nächst Pritrz lagerten Hurbans Scharen, und sandten mit anbrechender Dunkelheit Späher aus, welche sich über die Situatiori in der Stadt erkundigen sollten. Oerbreitel <lle ״Wkcbe OsIIrrrtimme".