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Jüdische Volksstimme · 1919-08-29 · Heft 25 (29.8.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 25 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. U5 - ״JLdische 80u£j>/<«1ite" Seife 5. ruscholaim" geplante große Jeschiwah zu Jerusalem, in Amerika eine Anfangs-Spende von 300.000 Dollar gezeichnet worden ist. Das Exekutivkomitee geht jetzt daran, für diese Jeschiwah ein entsprechendes Grundstück in Jerusalem zu erwerben. Vernichtung der jüdischen Kolonien in Südrußland. Die zahlreichen jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien im Kreise Jekatermoslaw, die dort seit 80 Iahren bestehen, sind jetzt in eine verzweifelte Situation geraten. Die Truppenabteilungen des Denikin, die aus -em Don kommend, diese Gegend erreichten, haben ei-, niye Kolonien vernichtet. Andere Abteilungen, welche sich zwischen den Armeen Gregoriews und PetljuraZ befinden, die ihrerseits keine Kontrolle über das Land besitzen, ziehen unter Plündern und Morden von Kolonie zu Kolonie. Die Zahl der Opfer ist sehr bedeutend. Rückkehr der palästinensischen Juden in ihre Heimat. Vor einigen Tagen ist von Wien der erste Transpotr voü palästinensischen Juden, die während des Krie- Hes hatten flüchten müssen, nach Palästina abgegangen. Bewerkstelligt wurde die Rückbeförderung von der Jüdisch-palästinensischen Reise- und Transportgesellschaft, die ihren Sitz in Wien hat. Dieser erste Transport umfaßte 100 Juden, Männer Frauen und Kinder. Die Rückwanderer sind zum größten Teil Bauern und Handwerker. Das Reiseziel ist Jaffa. Den Transport führte der Direktor der Gesellschaft Jaques Brings. Die Abreise erfolgte unter lebhaften Sympathiekundgedungen für die Pioniere der Wiederaufrichtungsarbeiten in Palästina vom Westbahnhofe, wo sich viele hundert Studenten und Arbeiter, die gleichfalls nach Palästina auszuwandern bestrebt sind, cingefunden hatten. Die Reise erfolgte unter dem Schutze der itc!״ lienischen Mission, die auch eine militärische Begleit- Person mitgegeben hatte. Von Triest erfolgt der Weitertransport am 24. d. mit dem Dampfer ״Praga" nach Palästina. Appell an den Papst. Das Askenasische Jüdische Council hat im Narpen der Jerusalemer Judenschaft einen Brief an den Papst gesandt, durch den lateinischen Patriarchen in Jerusulem Monsignore Filippo Camasse, in welchem sie an ihn appellierten, seinen Einfluß auf die katholischen Völker in Polen und Litauen zu gebrauchen, um den Judenmassakern ein Ende zu machen. Folgendes ist der Text des Briefes: Da in Pölert und Litauen Blut in Strömen vergossen wird, sehen wir uns veranlaßt, im Namen der cheiligcn Stadt Jerusalem, dem Sitze oer ewigen Gerechtigkeit, uns an Ihre Heiligkeit, das religiöse Haupt und Träger von so vielen Millionen Menschen zu tv-mden, mit der Bitte um Mitgefühl und Erbarmen, daß Sie geruhen, Ihren ganzen mächtigen Einfluß, den Sie über zahlreiche Völker haben, einzusetzen, im Dienste menschlicher von Gott geschaffener Wesen, und alles zu veranlassen, was in Ihrer großen geistlichen Macht liegt, damit den schlechten Handlungen gewisser Völker ein Ziel gesetzt wird, deren Taten dem religiösen Geist widersprechen, und die leidenden Söhne Israels unter Ihren mitleidsvollen Schutz zu nehmen. Möge das Erbarmen des Himmels auf unsere leidenden Brüder von Israel kerniederst-'igen. und möge Eure Heiligkeit, die sicherlich, die ge׳׳tigc Verkommenh-eit gelrisser Völker bedauert und das Morden und die Leiden von Tausenden Seelen beklagt, alles, n׳as möglich ist, tun, um den Söhnen Israels in diesen Ländern zu Hitzu kommen, und von der ihnen droäenden Gefahr zu re»:en Spezialdampfer für jüdische Emigranten. Jüdischen Zeitungen zufolge wird in englischen zionistischen Kreisen das Projekt erwogen, einen grotzen Personendampfer zu erwerben, der ausschließlich zur Ueberführung der jüdischen Emigranten aus Osteuropa nach Palästina dienen soll. Eine Reihe jüdischer Kapitalisten erklärte sich bereit, dieses Projekt finauziell zu unterstützen. Eine Blütenlese aus der antisemitischen Hetz- Propaganda. Der ״Vorwärts" schreibt: In den letzten Wochen wird Deutschland mit vielen Millionen Exemplaren von Flugschriften überschüttet, die an die Zeiten der achtziger und neunziger Jahre erinnern, aber das darnals in antisemitischer Höhe Geleistete womöglich noch überbieten. Die Flugblätter gehen als «Streng vertraulich" vom Ausschuß Volksaufklärung in Berlin, Köthener Straße 45, vom «Deutschen Schutz- und Trutzbund", Landesverein Württemberg", vom «Deutsche völkischen Bund" in Hamburg aus, soweit sie nicht anonym verbreitet werden. In einem dieser Flugblätter «Als Handschrift gedruckt" heißt eS: «Wer ist es nun, der Euch von der Orkbrette« Arbeit zurückhält? Der Jude *und seine Helfershelfer! Er behauptet ja von sich, daß er allein Handel und Wandel verstände und in den Händen halte. Zwar ist sein Handel meist Betrug, aber er hat Recht. Zurzeit hat er Euch fest in den Händen, Ihr seid sein! Saht Ihr ihn selbst schon schwer arbeiten, diesen Schacherer und Wucherer? Saht Ihr seine schwielige Faust schon? Meinst Du, Deine Frauen und Kinder sind nur durch die Not gestorben? Nein! Sie sind auch gestorben dadurch, daß der Jude Dich um Fett, Vieh und Mehl betrog. Wer mästete sich mit den verboten geschlachteten Schweinen hauptsächlich? Der Jude! Es hinderte also den Juden seinen Glaubens-Ritual nicht, uns das Schweinefleisch zu entziehen." In diesem Tone geht es lustig weiter! Ein Flugblatt ״Die Maske ist gefallen" wirft den Juden vor, daß sie den deutschen Siegeswillen untergraben haben, daß sie Spartakus und die Bolschewisten bezahlen/die Kriegsanleihen herunterbringen, Europa zu Tollhaus machen. Zwei große Wochenschriften, die im Gegensatz zu diesem ״Vertraulich" von Hand zu Hand in Riesenauflagen übermittelten Flugblättern, überall öffentlich zu haben sind, das ״Deutsche Wochenblatt", Herausgeber Richard Kunze und ״Der gerade Weg" hauen in dieselbe Kerbe. Darin wird die neue Verfassung geradezu als ein rein jüdisches Machwerk bezeichnet und der Vater des Werkes, Herr Dr. Preuß, als ״Jude" entlarvt. Selbst an der Kohlennot sind die Juden schuld! Diese Blütenlese mag genügen. Man treibt eine gefährliche, wahnwitzige Volksvergiftung, die unfehlbar zu Pogromen führen muß und die deutschvölkischen Kreise sicherlich noch zu neuen herrlichen Taten bcgeistern wird. Jedenfalls verdienen es diese antisemitischen Ausgeburten nicht mehr ״streng vertraulich" genommen, sondern werteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden. _ 1 Entlassung Mischer Volksschullehrer. Sämtlichen jüdischen Voltsschullehrern in Ostgalizien wurde vom Vorsitzenden der Kommission des Landesschulrates in Stanislau Jessenitzki eine Erklärung zugeschickt, daß sie infolge ihrer Eidesleistung zur Zeit der ukrainischen Herrschaft jetzt in polnischen Schulen nicht übernommen werden. Charakteristisch ist, daß ukrainische Lehrer, .die sich jetzt zum Dienste melden, ohne weiteres angenommen werden. Den polnischen Lehrern, die seinerzeit den Ukrainern den Eid gcleistet haben, werden.ebenfalls keine Schwierigkeiten gemacht. Damit ist es klar, daß es sich um eine Maßregel handelt, die zielbewußt auf die Entfernung der jüdischen Lehrkräfte arbeitet. Die Pogrome in ber Ukraina. In Odessa ist ein jüdisches Sammelbuch ״Die Zeit" erschienen, welches den Opfern der Pogrome in der Ukraina gewidmet ist. Außer den Hhon bekannten Angaben über die Pogrome in Berditschow, Zitonrir, Proskurow, Felstin usw. sind in dieser Ausgabe auch neuere Daten enthalten über Pogrome, die schon nach April vorgekommen sind. Die größten davon kamen in jenem Teile der Ukraine vor, der zum Schauplatz der Aufstände der gewesenen bolschewistischen Anhänger Gregoriew und Zeleni gegen die Rätemacht wurde. Das erwähnte Sammelbuch beschreibt Szenen, die an das siebzehnte Jahrhundert erinnern. Es stehen große Dörfer auf, bewaffnen sich mit Hacken, Sensen und Heugabeln und werfen sich auf die umliegenden Städtchen, die von Juden bewohnt sind, um deren Bevölkerung einfach abzuschlachten. Es ist leider zu verzeichnen, daß ein bedeutender Teil der ukrainischen Intelligenz sich an diesem Blutbade beteiligt. Unter schrecklichen Martern werden die Opfer zu Tode gequält. Auf diese Weise sind in Jelissawetgrad 3000 Inden ermordet, in Tscherkafsi zirka 2000, in Radomisl 1000, in Kriwoje-Osero 700, in Haissin 500, in Litin über 400. In einer ganzen' Reihe von ferzahl von 20 bis 200 zu verzeichnen. In mehrfachen Orten ist die ganze jüdische Bevölkerung ausgeschlach׳ tet, z. B. in Medschibosch, Kublisch, AlexandGowka, Ja« bokritsch. In anderen größeren Punkten ist es infolge Kommunikationsschwierigkeiten nicht gelungen die Zahl der Opfer festzustellen, die aber dort sehr bedeutend fein soll. Darunter ist Uman, Krementschuck, Balta, Wassilkow, Zwenigorodka. Eine jüdische Kolonie Bobri ist so vollständig abgeschlachtet, daß von ihrer ganzen Bevölkerung nur eine Frau mit 6 Kindern lebend geblieben sind. Die allgemeine Zahl der Opfer in der Ukraine ist bestimmt mit zehntausenden anzunehmen. Die meisten Besorgnisse erregt die Tatsache, daß die Pogromwelle noch nicht zum Abschluß gekommen ist. GS sind glaubwürdige Nachrichten vorhanden, die die Jüdische Uoll über neue Judenpogrome in den Teilen der Ukraine», die gegenwärtig von Denikin besetzt sind, berichten. Deren Umfang und Opferzahl lassen sich vorläufig nicht bestimmen. Die Judenfrage auf der Luzerner Sozialistenkonferenz. In der Luzerner Sozialistenkonferenz waren die Poale Zion vertreten durch Chasanowitsch und Kaplänsky. Der ״Bund" hat diesmal keine Vertreter gehabt. Die Polen waren vertreten durch Liebermann und Moraczewski. Während der politischen Debatte hielt Kaplansky eine Rede über die Judenfrage in Osteuropa. Er bezeichnete die Judenpolitik aller polnischen Parteien als Versuch zur Vernichtung des jüdischen Volkes. Er geißelte-die zweideutige Politik der polnischen Sozialisten, die bisher sich nicht zur jüdischen nationalen Autonomie bekannt haben. Er begründete den Antrag der poalezionistischen Fraktion auf Entsendung einer Utttersuchungskommission nach Polen und nach den von Polen besetzten Gebieten, die über die Ursachen der Judenpogrome Klarheit verschaffen soll. Der Antrag wurde von den Vertretern der ukrainischenund litauischen Sozialisten unterstützt. Der russische Sozialrevolutionär Russanow erklärte, daß auch die gegenwärtige ukrainische Regierung an der Organisierung der Pogrome Schuld hat. Zum Schluß der Debatte nahm die Konferenz einstimmig folgende Resolution Hn, die von Nenaudel eingebracht wurde: ״Die Konferenz protestiert gegen die Pogrome und Verfolgungen von Juden in, Polen und in den von den Polen militäri!ch okkupierten Teilen von Litauen und der Ukraina. Die Konferenz verlangt von dem neuen Polen, daß es seine Unabhängigkeit nicht durch Duldung dieser Verbrechen beschmutzen soll. Sie fordert von der Friedenskonferenz, daß sie den polnischen Staatsmännern eine Politik emvfiehlt, welche die Wiederkehr dieser unmöglichen Brutalitäten ausschließt. Sie ladet die polnischen sozialistischen Parteien ein, energisch einzugreifen um die Verwirklichung des Verlangens dieser Konferenz durchzusetzen." Ferner nahm die Konferenz auch den Antrag bezüglich der Kommission zur Untersuchung der Pogrome an und beauftragte das Aktionskomitee auch jüdischen Vertretern Platz in dieser Kommission einzuräumen. Zusammenschluß der Orthodoxie in Polen. Vorige. Woche fanden in Warschau wichtige Konferenzen von Vertretern der Orthodoxie aus Posen, Litauen und Galizien statt, um den Zusammenschluß in. der Agudas ״Schlome Emune Jsroel" — der polnischen Landesorgani.sation der Agudas Israel — in die Wege zu leiten. Der Großrabbiner von Czortkow hatte sich in einer Unterredung mit dem Vorstandsmitglied Kaminer aus Warschau warm für diesen Zusammenschluß ausgesprochen. Zur Zeit bereist im Aufträge der Warschauer Aguda Rabbiner Joseph Lewh die.galizi» schen Gemeinden behufs Gründung von Ortsgruppen. Die Mitgliederzahl der polnischen Aguda ist erfreuli« cherweise von 60.000 zur Zeit der Züricher Weltkonferenz auf über hunderttausend gestiegen. Am 15. Aw fand eine Plenarsitzung des Zentralkomitees statt. Arbeitsbeschaffung für jüdische Flüchtlinge. Die Pogromflut in Polen zwingt zahlreiche dortige Juden, ihre Wohnstätten unter Zurücklassung von Hab und Gut zu verlassen und Zuflucht in Deutschland zu suchen. Diese unglücklichen Flüchtlinge befinden sich hier zumeist in größter Not und es ist eine dringende Aufgabe, ihnen Hilfe zu leisten. Das wichtigste Erfordernis ist ihnen Arbeit und Beschäftigung zu verschaffen. Unsere östlichen Brüder hegen den heißesten Wunsch, durch fleitzige Arbeit eine anständige Existenzrnöglichkeit zu erhalten und esist ein soziales und brüderliches Gebot, ihnen nach Kräften dazu zu verhelfen. Wir möchten daher die Aufmerksamkeit der jüdischen Arbeitgeber in allen ׳Teilen des Reiches auf diese dringliche Aufgabe lenken und an sie das Ersuchen richten, nach Maßgabe der lokalen Verhältnisse und statthaften Möglichkeiten im Bedarfsfälle ostjüdische Flüchlnpge, unter denen sich auch gelernte Arbeiter befinden, zu beschäftigen. Unser Verband ist mit Hilfe seiner über das ganze Reich ausgedehnten Organisation in der Lage undHestrebt bei der Beschaffung und Vermittlung von ArMtsnehmern in systematischer planmäßiger Weise mitzuwirken. Ein einheitliche- Vorgehen der bestehenden jüdnchen Arbeitsämter und Nachweise mit der Organisation der in Deutschland lebenden Ostjuden wäre dabei nützlich und erforderltch. ' ג Verband der Ostjuden in Deutschland, Berlin W 54» Gormannstr. 89. *stimme“.

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