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Jüdische Volksstimme · 1919-08-29 · Heft 25 (29.8.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 25 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. .. --- Flüchtlinge. Dem flro&en Juden Wilhelm Wachtel gewidmet. Bon E. K ö n i g. 1. Bärtige Juden mit Säcken schwer beladen, Weiber mit Kindern an Armen keuchen daher; In Rudeln die Landstraß' entlang Wie einstens Nomaden Diö Blicke gleich irrende Funken, tief-traurig und schwer. Und hinter ihnen wo Stille und Friede stets> wohnen Es dringt herüber ein Jammer der Pein und der Not, Ein zürnendes Dröhnen-verkünden im Chor die Kano- * , nen Und lohend wie Fackeln, Dörfer im Abendrot. Es schreitet der Zug unter Birken... und ferne zwei Lichter, Irgendwo ein Häuschen verloren steht — Der Mond geht auf — wie Schatten die blassen Gesichter Juden murmeln weinend das Michna-Gebet. 8. In Barackenlagern, dumpfen, feuchten. Fiebernd kränke Judenaugen leuchten — Träumen von dem kleinen Städtchen ferne. Dort es funkelten einst Glückessterne . . . Drüben plötzlich schwarze Wolken zogen, Ach, und Alle in di/. Fremde flogen. Werden streng bewacht mit Bajonetten — Ja, als ob sie was verbrochen hätten; Ihre Missetat man nennt Leiden, Immer Qual, Verlust, Verzichten, Scheiden... Tief vereinsamt doch mit Selbstvertrauen Kann dies Volk nur ih die Zukunft schauen. 3. Die Stadt in seligem Traume In tiefstem Schlummer lag, Als durch den Morgennebel Drang der goldige Tag. V Da trat auf die stille Straße Mit schwarzgelocktem Haar , Die Aeuglein verklärt und müde. Ein Mädel kaum fünfzehn Jahr. ׳׳ ״Was treibt dich so früh aus dem Hause? O sage es mein Kind — Die Tore und Fenster verrammelt. In Straßen nur lispelt der Wind." ״Ich Hab eine kranke Mutter ' Den Vater im Krieg man erschlug. Die Mutter und mich und den Kleinen Der Krieg in die Ferne trug. Wir wohnen hoch über Stiegen In einem dunklen Raum, Den Frühling mit Sonne und Blumen Man sieht nur im schönsten Traum. V ' . . Zur Arbeit fahr' ich frühmorgens Und nahe bis spät in die Nacht, Fünf Tage sind um und am Freitag Es wird dann Rechnung gemacht. So geht es von Woche zu Woche Die Arbeit mühsam und schwer — Und kehren wir einst auch nach Hause Ist Mütterchen nicht mehr- Literatur und Wissenschaft. Bücherbestzre4»unqe«. Die Juden in der Geschichte. Von Univ.-Prof/Dr. Eg. Münzer. Wilh. Braumüller, Wien 1918. Diese Broschüre stellt ein vom Autor in der deutschen Gesellschaft für Volks- und Sprachkunde in Prag vor einiger Zeit gehaltenen Vortrag dar, deren Zweck eS ist, sich des üdischen Volkes und dessen Leistungen in der Geschichte (dem auch der Autor angehört), welche so vielfach angefeindet und verleumdet wurden, anzunehmen. Der Autor zitiert den Ausspruch Friedrichs des Großen ״daß der größte Teil der Geschichte aus Lügen besteht, die mitunter auch einige Wahrheiten enthält. Viele schrieben Geschichte, allein wie wenige haben die Wahrheit gesprochen. Jnbezug auf kein einziges Volk gilt das in diesem Maaße wie vom Jüdischen. Der Autor ״Jüdisch« »ottafttatmt* Nr. 25. beginnt mit der ältesten Geschichte unseres Volkes, und verwendet die vorhandenen Ergebnisse, was die Rasse unseres Volkes anbelangt. Die einen wollen uns mit den Urägyptern verwandt wissen, von welchen wir uns dann später losgerissen haben sollen. Andere wieder sehen unsere Wiege in Babylonien oder in Arabien stehen und bei dieser Gelegenheit lüftet er das Problem des Verhältnisses der hamurabischen und der mosaischen Gesetzgebung. Bekanntlich ist Dawid Müller der Ansicht, daß beide einer Quelle entstammen, daß jedoch die Entwicklung bei uns eine verschiedene von der der Babylonier war, d. h. daß sie bei uns viel-ethischer und idealer war. Dann wird die ganze Geschichte seit der Eroberung Palästinas bis zur zweiten Tempelzerstörung gestreift. Da hören wir Dinge, welche zwar nicht ganz neu sind, daß, wenn wir auch nicht auf dem Gebiete der Kunst und Industrie (was auch ein wenig übertrieben ist), so doch unvergleichliche Moral- und ethische Werte geschaffen haben. Hier werden die bezeichnenden Worte Drapers angeführt, ״daß wir nur in der führenden und intellektuellen Klasse eines Volkes seine Repräsentanz zu sehen haben." Sprechen wir also von den Deutschen als von dem Volke Goethes und Kants, so müssen wir von den Juden wie von dem Volke Mosis, der Richter und der Propheten sprechen. Ferner wird die Entwicklung des Gottesbegriffes beim jüdischen Volke nachgewiesen. Zuerst׳ kannte man nur einen Nationalgott wie Kamoach der Moabiten, woraus dann ein welterobernder Gottesbegriff geworden ist. Haben also auch andere Völker die Moral entwickelt, so vermochten sie doch nicht ^die Welt wie wir zu beeinflußen. Auf Grund der Müllerschen und Nosenbacherschen Forschungen wird nachgcwiesen, daß der Geist des hamurabischen drakonischen Kodekses von dem mosaischen inbezug auf Sklaverei, Sozialgesehe und Armenwesen usw. völlig verschieden ist. Tic unsrigen sind nämlich bis auf die Gegenwart ein Ideal gebliehen. So werden die Propheten idealisiert, welche zuweilen alsgewöhnliche Handwerker sich wagten dem Volke und seinen Regenten bittere Wahrheiten zu sagen. So wird die älteste. Epoche in einem ganz anderen ׳Lichte als bei Delitzsch und Chamberlein abgeschlossen. Und wie sah es in der Zerstreuung, im Mittelalter aus? Hat der Autor bis nun mit fremdwissenschaftlichen Material gearbeitet, so.fängt er jetzt an mit eigenen Forschungen als Arzt und Numismatiker zu arbeiten. Er weist nach, daß die Geistesarbeit auch jetzt in Persiey, Alexandrien, Spanien und Afrika nur fortgesetzt werde. Landwirtschaft und besonders der Handel erlangten durch die Juden und ihren Sprachreichtum die höchste Blüte. Die Völkerwanderungen und der Zerfall Roms wird berührt, und wiederum nachgewiesen, welchen Anteil die Juden an der Entstehung der Hochschulen in Arabien und anderen Ländern hatten. Schon im Jahre 680 finden wir in Bazra einen qualifizierten jüdischen Arzt. Jzchak ben Suliman und Jzchak Judäus 830/930 aus Arabien haben sich um die Gründung der Universitäten in Salerno und Montpellier verdient gemacht. Es werden die jüdischen Aerzte unter den hohenstaufenschen Friedrich II. 1212/50 die Tiboniden und Maimonides erwähnt. (Der Verfasser scheint aber hier wenig informiert zu sein, sonst würde er auch da viel mehr bieten.) Auch der zweite Abschnktt schließt für uns nur positiv ab; und wird Schleiden angeführt, welcher betont, daß die Juden sich im Mittelalter um die Erhaltung der Agrikultur, Industrie, Seidenzucht, Färberei und Weberei verdient gemacht und damit das Glück der Völker und den Welthandel begründet haben. f Im dritten Abschnitt wird weiter mit Chamberlejg, Rolochach und Deußen volemisiert. Nach Deußen soll das Judentum von perfischen Jramier und Zoroasterlehre beeinflußt sein, während dem die Morallehre die Juden dochbereits völlig ausgebaut gewesen war noch bevor wir mit ihnen in Berührung kamen. Der Autor läßt uns auch. Jesu nicht nehmen(sicl) Die Brochüre bietet im großen ganzen nichts neues, doch verdient sie Interesse, weil von einem bedeutenden Gelehrten geschrieben, der mit wissenschaftlichen Waffen die Schmach von seinem Volke abwälzen, und der arischen Welt die gegen uns verganaenen Verbrechen Nachweisen will. Der beilige, eckt jüdische Eiker ist es, demzuliebe dieses Büchlein Beachtung verdient. . A. K. Die Flucht auS Jerusalem. Novellen von Jakob Fingermann. Löwit-Verlag Wien-Berlin. Preis K 4.80. — Ein junger jüdischer Dichter tritt hier mit fernreifen und sprachlich abgeklärten Erzählungen zum ersten Male vor das Publikum. Seine von reinem Aesthetentum wie von grober Tendenzwirkung gleichweit entfernte Art wird Sympathie erwecken. Er bereichert die jung-jüdische Literatur mit diesem hübsch auSgestatteten Bändchen, das sich viele Freunde erwerben wird, um eine willkommene Gabe. Man wird nach der Lektüre mit Spannung die nächsten Bi!«- des Autors erwarten, der hier eine so starke Probe seiner Begebung ablegt. Zu beziehen durch die Adm. d. Bl. Gücher-Ei»lauf. Besprechungen Vorbehalten. Adolf Sommerfeld: Nikolaus n. Berlagshaus. Continent G. m. b. H. Berlin S. W. 19. A^exanider Tillner: Deutsch-böhmisches Wörter« buch. Georgis Polyglott Verlag, Bonn. Franz Kaym u. Alfons Hetmanek: Wohnstätte für Menschen. Heute und Morgen. Eine Studie zur Wohnungsreform. E. P. Tal & Co. Leipzig-Wien. Gordon A. D.: Briefe aus Palästina. Weltverlag Berlin. Stören Theodor: Sämtliche Winke. Eingeleitet von Paul Vogler. Band 1. Inhalt: Immenses, Auf dem Staatshof, Späte Rosen. — Band 2. Inhalt: Von jenseits des Meeres, Geschichten aus der Tonna: — Band 3. ״Aquis suhmersus". Auf der Universität, Eine Malerarbeit u. a. Dr. Phil. Schütz: Stimmen für das deutsche Volk, Heft 1—4. Aus dem Inhalte: Das Pariser Hochgericht, Das rote Meer, Das Pariser Femgericht und der Völkerfriede. Heimatliches, An Friedrich Ebert, ^)ie Judenfrage im Deutschen Reiche. Eine einheitliche Welt- Währung, Meffianische Merkmale der Zeit usw. Verlag Ignaz Schütz, Bremen. Rudolf Leonhard: Kampf gegen die Waffe, Verlang Ernst Nowohlt, Berlin. Dr. Heinrich Osterbach: Medilationen. Verlag Tobias Damsheimer, Kemplen. Auerbach Felix: Das Wesen der Materie. Eduard Strauß: Judentum und Zionismus. M. 2.—. Verlag I. Kaufmann, Frankfurt a. M. Bergmann Hugo: Jawne und Jerusalem. Gesammelte Aufsätze. Jüdischer Verlag, Berlin. Rumpf Dr. I., Prof, der soz..Medizin: Die Er- Haltung der geistigen Gesundheit. Verlag A. Markus u. E. Weber. Dr. Alb. Ahn, Bonn. ׳ Jahrbuch der Geschichte für jüd. Literatur 1919. Verlag M. Poppelauer, Berlin. Dr. Nathan Birnbaum: Vom Freigeist zum Glaubigen. Verlag Arzenu, Zürich. Jluiidfi'au. Antisemitische Demonstration in Wien. Am 19. August a/46 Uhr bewegte.sich ein Zug von Eisenbahnern, begleitet von Handlungsgehilfm und Mittelschülern, insgesamt zirka 160 Mann, vom Nordbahnhof über die Praterstraße, Kai und Ring in die Josefstadt, wo am Schlesingerplatz vor dem Magistrate eine Versammlung unter freiem Himmel strttfand. Im Zug wurden Tafeln mit der Aufschrift: ..Hinaus mit den Juden" und dergleichen getragen. Die Teilnehmer stießen Beschimpfungen gegen die Juden und Tschechen aus und belästigten verübergehend( Frauen und Männer, welche jühisch aussahen. Polizei intervenierte, bis der Zug der Versammlungsort erreichte, nicht. Die Demonstranten konnten ungehindert Mädchen und Frauen handgreiflich belästigen. Am Schlesingerplatz hielt der deutschnationale Landtagsabgeordnete, Dr. Riehl, eine antisemitische und antitschechische Hetzrede und forderte die Ausweisung der Juden und Tschechen. Er sagte unter anderem: ״Als ich den Landeshauptmann Sever interpellierte, warum nur die magyarischen und nicht auch die galizischen Juden ausgcwiesen wurden, antwortete mir der Landes- Hauptmann, daß er daran nicht schuld sei, sondern der Abgeordnete Stricker, der die Ausweisung vechindert hat. ״Seht", sagte Dr. Riehl, ״dieser jüdischnationale Abgeordnete hat mehr Einfluß, als wir alle D^׳-״- nationalen zusammen!" Die Versammlung, welche von nicht ganz 600 Teilnehmern besucht war, wählte eine zchngliedrige Abordnung, welche bei der Regierur g voriprrcher soll. Nach der Versammlung zogen wieder 160 Teilnehmer zum Nordbahnhof zurück, diSmal von einem starken Wacheaufgebot begleitet. Juden und Deutsche nicht erwünscht. Wie ״Tribuna" meldet, versendet da- Gemeindeamt von Sternberg, einer bekannten Sommerfrische an der Sazau, an die Realitätenbesitzer in der Gemeinde nachstehennde Zuschrift: ״Mit Beschluß des Gemeindeausschuffes vom 19. Juli 1919 Werden Sie in Kenntnis gesetzt, daß Sie keiner israelitischen oder deutschen Familie in Ihrem Hause eine Wohnung vermieten dürfen. Gemeindeamt des' Marktes Böhm.-Sternberg. Josef Paluska,. Gemeindevorsteher." Reiche Spende für die große Jeschiwah. in Jerusalem. Einem Privatbriefe des verehrten Rabbiners Cook entnehmen wir, daß für die von der ״Histradrvth >Jr-

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