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Jüdische Volksstimme · 1919-08-29 · Heft 25 (29.8.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 25 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 2K Attische t>t\u 3 neS Geschlecht haben sie vielleicht genügt, für das Jetzige dagegen nicht. Wir brauchen jetzt Rabbiner, die mehr find als.Rechaschnehmer und Purimgeldeinkasierer, dje ab und zu eiye »Scheel«" paßkenen oder eine ״Aguna" losbiden (dieses Letztere gilt als Höchstleistung im rabbinischeN Judentum). Vielleicht hatten diese Dinge zu einer Zeit wo wir anspruchslos waren, wirklich eine solche Bedeutung. Jetzt leidet ist es nicht mehr der Fall. Nicht als wollten wir die Domäne des Religiösen schmälern, allein wir sind der Ansicht, daß die ״Mizwos scheben adam lachwrero" im modernen Judentum eine nicht minderen Platz einnehmen müffen. Und die Rabbiner müffen und sollen überall dabei sein. Mögen fie wahrneHmen, wie weit es unter diesem ihrem Regime gekommen ist, und das Nötige daraus lernen. Es harren ihrer höhere Aufgaben, wenn sie ihren Obliegenheiten ganz gerecht werden wollen. Eine traurige Tatsache ist es, daß einzelne Männer aus diesem Stande, welche einen anderen besseren Weg eingeschlagen bezw. vorgezeichnet Haben, von dem ganzen Stande geradezu verhöhnt und verdammt wurden . . . Ja wir stehen vor einem Zersetzungsprozeß, der erst beginnt und der gewiß allmählich schlimmer und schlimmer werden wird. Haben wir ja eine ganze Schar hungriger Geistesproletarier, die alles opfern werden, kaum werden sie nur von dem huldreichen Polognia etwas angeboten bekommen . . . Polen wird sich gewiß die den Juden zu offerierenden Aemter gut bezahlen lassen. Mit der Seele, mit dem abgeschworenen Glauben bezahlen lassen. Da muß eingegriffen werden, und zwar , mit vereinten Kräften. Die Orthodoxie scheint sich doch ein wenig aufgerafft zu haben. Sie müßten und sollten also angehalten werden, etwas zwecks Umgestaltung des ganzen ErziehungS- und Verufssystems zu unternehmen. Auch in jüdischnationalen Kreisen muß ein anderes Ausbildungssystem einsetzen. Wir müssen eine gesundere Schar übergebener Juden heranbilden, auf die wir uns wirklich verlassen können. Weniger Vereinsmeierei heißt es und mehr Vertiefung des jüdischen Bewußtseins. Die Väter müßten ein wenig sich von ihrem schnedem Materialismus lossagen. Der jüdische Vater hat immer für das jüdische Wissen seiner Kinder die grö^» ten Opfer zu bringen gewußt. Auch der moderne jüdische Vater mutz es zu tun wissen. Auch die Rabbiner müssen aus der Reserve heraus. Nicht in ״Heter Aguna" sollte man von nun an die Höchstleistung des Rabbiners sehen. Auf diesem Gebiete besitzen wir gottseidank eine reichliche Literatur, die unsere Meister im gegebenen Falle wird nicht in Verlegenheit kommen lassen. Wir brauchen Taten, Leistungen, die Gewinnung und Erhaltung der Jugend für unser Volk, für unsere großen Schätze und Zukunftsarbeiten, und wessen Aufgabe sollte es sein dafür zu sorgen, wenn nicht die Derjenigen, die an den Quellen sitzen. Genug haben bei uns .die Unwissenden kommandiert. Ihr Kommando hat sich nicht bewährt. Nehmet ihr die Fahne in der Hand, und seid ihr bewährte Führer und habet ihr flammende Worte im Munde wie es eure Vorgänger zu allen Zeiten gehabt haben, so besteht auch kein Zweifel, daß ihr ein Williges Ohr finden werdet. ״Lo alman JiSrael". Das Judentum ist nicht verwittert. Es ist immer nicht so stumpf, daS es auf die Stimme seiner großen nicht hören würde. Also rasch an die Arbeit, denn schon die Zedern sängen Feuer, Abraham Kohane. Der Kultusbeamte — vogelsrei. Vorstand oder Oberkantor. Der uns Juden sonst gehässige klerikale ״Czech" brachte jüngst einen Auszug aus dem Buch des tschechoslovakischen Oberzeremonienmeisters Dr. Guth über das Benehmen in der Kirche, Synagoge und sonstigen geweihten Orten. Dieses Kapitel sei den unterschiedlichen Tempel» besuchern, aber auch manchen Vorständen zur eifrigen Lektüre dringend empfohlen. Denn sonst könnte es nicht Vorkommen, daß es heftige Auseinandersetzungen zwischen dem vom Omid tretenden Oberkantor z. B. der Meiselsynagoge in'Prag un,d dem Vorsteher' gibt, daß dieser wegen eines kleinen Lapsus linguae dem Fachmann, der 34 Jahre — davon 14 Jahre als Obcrkantor an dem ehrwürdigen GotteShause wirkt — Jgnoranz u. dgl. vorwirft. Daß kein Funktionär sich derartigcs ruhig bieten läßt, ist klar, zumal von einem Nichtfachmann, dessen Kenntnisse auf einem ganz anderen Gebiet liegen. Oder aber hat er Geld und keine Kenntniffe. Aber ein Anlaß muß vom Zaun gebrochen werden, uyr den Oberkantor, den schmeichlerischen Ohrenbläser, beim Vorstand wenigstens bis zur Verzwciflung zu bringen. Ein Wort gibt das andere bis der Herr Vorsteher sich zu den von Nächstenliebe triefenden Worten versteigt: ״Ich werde sie verfolgen so lange ich lebe und sie werden noch andere Sachen erleben"! So sprach ein Mann an der Schwelle des 80. Lebensjahres am Sabbath am heiligen Ort. Sprachs und fuspendierte den Oberkantor. Die Sache kam von den Kadi. Die Meiselsynagoge untersteht der Repräsentanz der Prager Kultusgemeinde. Drei Herren der Meiselsynagoge führen Klage gegen den Oberkantor, der Präsident der Kultusgemeinde hebt die Suspendierung auf und der gekränkte Funktionär soll trotzdem, dem angeblich beleidigten Vorsteher Abbitte leisten und zwar in Gegenwart der beiden Kustoden seiner Synagoge. Ist das nicht rührend? Ja glauben die Herren, daß ein Oberkantor, ein fachlich studierter Mann, keine Ehre im Leibe hat? Oder darf er sie nicht haben, weil sie von Gevatter Schneider und Handschuhmacher des Vorstandes gepachtet zu sein scheint? Der ״Geklagte" lehnte jede Abbitte ab und erklärte mannhaft, niemanden beleidigt, sondern sich nur gegen ungerechtfertigte ungerechte Angriffe verwährt zu haben. Das schlug dem Faß keine Ahnung haben, wovon er sich schon oftmals überzeugt hatte. ‘ Und als jener ausgeplünderte Jude gebeugten Hauptes jetzt vor ihm dastand mit. der felsenfesten Behauptung den Strolch des Mordes keineswegs'schuldig zu . sprechen, als der Richter ihm zusah, mit welch' inniger Aufrichtigkeit er seine Worte vor sich hinsprach, wenn auch nicht ohne offenkundigen, ungekünstelten Haß, warf er ihm einen Blick V0Ü Achtung zu. Sein Auge glitt an dessen Schläfenlocken und zerzausten Bart vorüber, ebenso an seiner durchfurchten Stirn und Wangen, an seinem breiten Kaftan. Sogar einzelne Schaufäden, die unter seinem Wams hervorlugten, entgingen seiner Beobachtung nicht. Und plötzlich blitzte in ihm der Gedanke auf, diesen Juden über seinen Zweifel zu befragen: «Wenn ein Mann, wie dieser da mich sogar belügen wollte, wird er es nicht zustande bringen; seine Zunge würde sich eher an ihrer Aufrichtigkeit verbrennen. Auch wird er meine Frage verstehen. Trotzdem er ein strenggläubiger Jude vom alten Schlage ist, hat er doch viel unter Menschen verkehrt und beherrscht noch obendrei die russische Sprache". So 'beschloß er denn in seinem Herzen und legte dem Juden seine Frage vor. Der Alte hörte aufmerksam zu. Seine Unterlippe begann zu zittern. Er reckte seines Körper und starrte den Fragenden an. Er glotzte und schwieg — aber man sah es ihm an, daß jedes einzelne Fältchen an seinem Gesichte sich zum Sprechen qufraffte. Er wollte ein Wort sagen, wozu seine Zunge nicht genug Kraft befitzt. Der Untersuchungsrichter erschrack. Er hätte beinahe den Ankläger nicht erkannt. Ihm kam es vor, daß der unter der Last sejner Leiden und all seiner zitternder Glieder zusammengesunkene Greis gänzlich verschwunden war. Irgend ein Greis aus den Tagen der Aposteln stand jetzt vor seinen Augen. Eine Weile schwieg der Alte und sprach bald darauf: Neunzehnhundert Jahre lang stellt ihr uns nach, ihr Judenpeiniger... .Unsere Thora reißt ihr in Stücke, unsere Töchter schlagt ihr tot, weil sie euch verwehren ihre Ehre zu schänden... Biele, schwere Sünden uns gegenüber lasten auf euerem Gewissen, aber die Juden verzeihen gerne! Alles, alles können wir verzeihen; nur diese Lüge vom Blutmärchen werden wir euch nie verzeihen. In alle Ewigkeit nicht! Wenn euch sogar all' diese zugrundegegangenen Geschöpfe, die ihr hingemordet habt, um.uns mit ihrem Blute zu beschmutzen, verzeihen sollten, wir werden es nicht tun. Ich werde nicht vergeben. Meinem Kinde werde ich es anbefehlen, so etwas nicht zu verzeihen!... Auch Gott wird es nicht tun! Es gibt eine Gerechtigkeit hoch oben im Himmel! Ihr Judenquäler benötigt unser Blut — doch wir sind rein!..." Die Augen des Alten brannten fieberheiß. Gr vergaß überhaupt, vor wem er stand. Man rührte offenbar an der wundesten Stelle seines Herzens. Zuletzt empfand er selbst, daß er sich allzu über die Grenze der Schrecklichkeit hinausgewagt habe. Er ging drei Schritte vor, ebugte tief sein greises Haupt und streckte seine beiden Hände aus, als ob er nur darauf wartete, gleich in Ketten gelegt zu werden. Aus dem Hebräischen von Dr. A. D. ן den Boden aus, der jüdische Angestellte ist eine Krea- ,tur in-den Händen der Vorsteher, ihrem Willen und Launen preisgegeben. Der Konkurs auf die Stelle des OberkantorS in der Meiselsynagoge ist ausgeschrieben, Bewerber meldet euch, der Zuzug ist groß, bald ist cS zu spät . . . Die jüdischen Kultusbeamten sollen einem Disziplinatrat unterstehen, der ihre Streitigkeiten entscheiden soll. Es geht aber durchaus nicht an, daß dieselben Herren, die seine Ankläger sind, auch das Urteil über ihn sprechen. Sie sind gegen ihn voreingenommen, sie sind ihm feindlich, ja gehässig gesinnt. — Geht noch immer Gewalt vor Recht? Herrschen im 20. Jahrhundert, dem Zeitalter der großen politischen und sozialen Revolutionen, noch immer die Zustände des Ghetto? Fort mit ihnen! Aristen haben uns die Tore des Ghettos aufgeriffen, öffnen wir selbst die Fenster der jüdischen Sitzungssäle und Rathäuser, daß der Moders des persönlichen Fanatismus, der Tyranie der frischen Morgenluft, der allgemeinen Gleichberechtigung weihe. Auch der jüdische Kultusbeamte ist und muß ein freier Mann sein, unabhängig von den Launen des Vorstandes. Darum erwarten wir nicht nur einen scharfen Protest der Kultusbeamten gegen das selbstherrliche Vorgehen, wie eben geschildert, wir erwarten, daß kein auf Standesehre haltender Jude sich um den Posten an der Meiselsynagoge bewerben wird. Dr. W. K. Ein historischer Gedenktag. (Erinnerung an Kaiser Josef H.) Am,19. August 1919 jährte sich zum löOmale der Tag, an welchem Kaiser Josef II. gelegentlich einer Reise nach Schlesien nächst dem mährischen Porfe Slawikowitz dem Wagen entstieg, dem ackernden Bauer den Pflug aus den Händen nahm und, um diesen zu ׳ ehren, selbst eine Furche zurücklegtc. Nach einem Berichte des mährischen Gubcrniums vom 12. November 1769 an das Ministerium nach Wien, hat sich dieser ,denkwürdige Akt auf einem dem Halblähner Andreas Trnka auf dem Fürst Liechtenstemschen Herrschaft Posoritzer Dorf Slawikowitz gehörigen Felde abgespielt, wobei der Bauernknecht Johann Kartos kaiserlicherseits mit einem Dukaten beschenkt wurde. Auf diesem Felde erhielt Kaiser Josef II. zur Lebzeit von den Slawikowitzer Bauern das erste Denkmal, einen drei Fuß hohen SandstLinobelisk, mit deutscher Inschrift. Im Jahre 1788 war jedoch dieser Stein schon gebrochen und verschwand dann ganz. Da Wallten die mährischen Stände dorthin ein Monument errichten. Diesem Vorhaben kam Fürst Wenzel von Liechtenstein als Grundherr des Territoriums zuvor^ indem er auf eigene Kosten ein würdiges Marmordenkmal zu setzen beschloß, welches am ersten Jahrestage, der kaiserlichen Handlung, 19. August 1770, dem Bauerndenkmale gegenüber errichtet wurde. Doch -schon 1800 war auch dieses Denkmal eine Ruine. Nun erachteten es die mährischen Landesstände fiir ihre Pflicht, das verfallene Denkmal durch ein dauerhaftes aus Granitstein, 9 Klafter hoch, zu ersetzen, welches aber auch nicht gar lange den Schäden der Witterung standzuhalten vermochte. Nach 21 Jahren beschlossen die Stände Mährens über Anregung des um die Kultur Mährens sehr verdienten Altgrafen Hugo von Salm die Aufstellung eines Monumentes aus Erz, , welches in dem Eisenwerke zu Blansko ausgeführt, im Jahre 1835 errichtet wurde und noch heute gut erhalten -dasteht. Es bildet einen Obelisk, dessen Spitze von einem vergoldeten Adler gekrönt wird, der feilte Schwingen schützend darüber ausbreitet. An der der Kaiserstraße zugekehrten Seite des Denkmals befindet sich ein Relief, welches Kaiser Josef 'mit dem-Pfluge, von seinem Adjutanten und dem Bauern begleitet, darstellt, die übrigen drei Seiten tragen in lateinischer, deutscher und slavischer Spräche die angeblich von Grillparzer herrührende Inschrift: ..Kaiser Josef II. hochachtend den Ackerbau, den Ernährer der Mensch- .heit, pflügte auf diesem Felde am 19. August 1769. — Dem Andenken des trefflichen Fürsten weichten Mührens Stände dieses neu errichtete Denkmal 1835." — Der geheiligte Pflug ist noch heute im Brunner Iranzens-Museum pietätsvoll bewahrt und zur Besichtigung ausgestellt. Bor 50 Jahren, am lOOten Gedenktage, der mit der Eröffnung der mähr.-schles. Nordbahn zusammenfiel, hat ein'großes Nationalfest daselbst stattgefunden, an dem 20.000 Mährer beider (Stämme harmonisch und festlich gestimmt^ teilnahmen und den Freiheitsgedanken wirkungsvoll verkündenden Rednern (darunter auch GiSkra) begeisterungsvoll lauschtep. Am 150. Gedenktage scheint es, erklärlich durch die Zeit, klanglos vorubergegangen zu sein, doch die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist geweiht für alle Zeiten. A. L.

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