Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 25 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622057--4072-2625332- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gm. ‘ י״,״"'י*־ : '־״?'?י MWWWMW a. ^ILdifche Hsit»stM«e- 25 .יי* i I f mit verhexten Mitteln den tschechischen «Staat äuSgcleert, bezw. ausgeplündert hat. DaS ist ja viel bequemer, und erinnert nur an die bekannte Anekdote von dem Dieben der verfolgt, von sich den Verdacht des Diebstahles abwälzen wollte, also schrie er mit der ihn nachlaufenden Menge: .Fandet den Dieben l Fanget den Dieben!" Die Juden werden also von hier fortziehen, wenigstenS bis auf einen bloß kleinen Rest fortziehen, und sich aber dieses brutale Äorgehen gut merken! Der Weltmarkt ist jetzt offen, Bezugsquellen gibt es י genug) und der moderne Jude ist intelligent und tüchtig genug um diese ausfindig machen zu können. Dann. . . dann wird eS das moderne Tschechenvolk das mit seiner Kultur und Freiheitssinn so gerne zu prahlen pflegt, gewiß reuen, daß sie sich die Sympachten und guten Beziehungen so verscherzt haben. Charakteristisch nur, daß man sich von keiner Seite dieser Verfolgten entsprechend annehmen wollte. Ich schweige von den Herren der Kultusgemeinden, denen die Flüchtlinge seit jeher ein Dorn in den Augen waren. Schenken und lieben kann man nicht zwingen, sagt das jüdische Sprichwort, und nachdem die Lust zu schenken und zu lieben bei den Prager »Offiziellen" aufgehört hat, so löst sich eben nichts mehr tun. Allein wie ist es mit den. Jüdischnationalen, ich meine die Herren vom Nationalrat, und die von der Prager Orthodoxie? Es ist beschämend aber leider eine Tatsache, was von ihnen gemacht wurde, war in einer Weise ״keilu kofo sched" (wie vom Teufel dazu angehalten) man war in Perlegenheit, man mußte etwas unternehmen, allein die Unterstützungen waren geradezu ein Zugeständnis zu den Aktionen der Behörden, daher auch dieser ganz negative Erfolg, im Vergleiche,zu derselben Aktion in Wien die von Männern mit Rückgrak wie Stricker und Plaschkes eifrig verfochten wurde.׳ Aber merkwürdig, auch das kleine Haenflein der Prager Orthodoxie, welche sich doch der religiösen Flüchtlinge annehmen sollte, auch sie standen kalt, ja äußerten sich noch in einer Weise, daß sie der Behörde, wenn irgendwelche Flüchtlinge sich noch dann hierzulande aufhalten wollten, Denunziationsdienste werden leisten müssen. ״Sancta simpilicitas!" Oder noch mehr als das, heilige Infamie! Aber genug davon! Es ist vielleicht oder gar sicher zum Vorteil dieser Elemente die innerhalb des tschechischjüdisthen und.nichtjüdischen Organismus nichts anders waren als ein Knochen in der Kehle, den man weder versrymcke noch auszuspeisen vermag. In ihrer alten Heimat werden sich alle diese Elemente gewiß Wähler fühlen, und sich allmählich erholen können, wie es schon von bei so manchem Repatriierten der Fall war ... In einem Staate, wo die sozialistische Presse die Hausmeister dazu auffordert die Behörde darin zu unterstützen jeden Flüchtling rücksichtslos aus dieser Republik auszurotten, war kein Bleibens mehr. Also Baruch schepotranu! Wie siehts sonst hier aus? Im Zionismus Ruhe, im sonstigen jüdischen Leben ist auch sehr wenig los. Die Juden und ihre Führer schnarchen ... Die Jugend beginnt sich ein wenig zu regen, der Sport wird gepflegt, allein der jüdische Geist ist ganz vernachlässigt, und die Ignoranz in jüdischen' Dingen wächst, auch ohne jüdisches Wissen vermag man ganz gut ern Judenführer und Großsprecher zu sein!!! Die Palästinabewegung vermag noch immer nicht entsprechende Formen anzunehmen mit Rücksicht aus die noch immer bestehenden Reiseschwierigkeiten . . . Sonst bestehen auch hier, wenn auch in geringerem Maaße Palästinaaspirationen. Manche beklagen die Tatsache, daß das Palästinaamt nicht in die Hand eines sich hiefür eignenden Menschen befindet. Prof. Engel der es leitet ist nämlich viel zu sehr beschäftigt, als daß er seinen Aufgaben ganz gerecht werden konnte... Für die nächste Zeit sind wieder neue Beratungen über zu organisierende Hebräisch-Kurse geplant. Sonst nichts von Belang. Die Taufseuche in Polen. Die letzten Nachrichten melden von einer ganzen Reihe von Tauf fällen in Polen. Die Taufe in Polen ist etwas, woran man seit jeher nicht gut gewöhnt zu sein pflegte Der Judenorganismus war da im großen-ganzen gesund, und dieses Merkmal der Korruption trat daher ganz selten oder gar nicht auf. Jetzt beginnt es häufiger zu werden. Und wir, die seit jeher auf den Westen so von der Höhe herab zu sehen pflegten, weil wir glaubten wir sind die Besseren, die Verläßli^eren, die O p f e r w i l l i g e r e p, die Opferfähigeren, auch wir müssen nun ein wenig bescheidener unser Haupt sinken lassen, und zu unserem Leidwesen eingestehen ״Knega nira li babajiß". Auch bei uns tritt nun diese Plage der Regeneration und Fahnenflucht auf. Im Westen macht man sich darüber nicht viel Kopfzerbrechens, man weiß, daß dort nicht mehr viel zu retten ist, anders hier. Handelt es sich doch da um das Anfangsstadium einer Krankheitserscheinung, beim Kern der Judenschaft im Osten. Zuerst müssen die Urheber dieser Krankheit ausfindig gemacht werden, denn mit der Ausfindigmachung des UebelS haben wir schon eine Teilheilung bewirkt bezw. vorbereitet. In erster Reihe würde ich hier die Orthodoxie erwähnen. Jene Orthodoxie, mit welcher schon Nachum Sokolow seinerzeit in seiner bekannten ..Lemaranan wera banan" abgerechnet hat. Sie sind es, die die neuen Strömungen in der Judenschaft ganz zu ignorieren pflegten. Sie, die sich immer auf den Standpunkt stellten ״Halitehu lerasche waejamus". .(Daß' man den Sünder sich nur gut anfressen und sterben lassen möge.) Diese Richtung, welche ihre. Metropole in dem berüchtigten Belz hat, hat es bewirkt, daß uns eine moderne Jugend herangewachsen ist, die einerseits in moderner Weise erzogen, von der nichtjüdischen Jugend gar nicht abweicht, das heißt von jüdischen Dingen nichts mehr weiß, d. h. nichts weiß. Das ist jene Sekte, welche der Ansicht war, daß die Gründung von jüdischen Gymnasien gleichbedeutend ist mit dem Bergehen von ״Lo titen misaracha lamolech". Durch dieses Ignorieren alles Modernen haben sie es bewirkt, daß sich das Moderne von allem Jüdischen ganz emanzi- Pierte und loSriß, so daß eS kam, was eben kommen mußte. Das sind aber nicht die einzigen, welche sich hinsichtlich Verflachung und Verflüchtigung des jüdischen Bewußtseins versündigt haben. Hier müßten auch (ich bedauere es sagen zu müssen) die Anhänger der jüdischnationalen Bewegung erwähnt werden. Durch die ringeführte Praxis, alles Religiöse und wahrhaft jüdische, wenn nicht zu ignorieren, so doch nicht zu akzeptieren (ist tß doch Tatsache, daß die Zionistenbewegung trotz der unverkennbaren positiven Wirkung und Revolutionierung der jüdischen Gasse und des jüdischen Lebens, invezi^g auf die Pflege jüdischer Kultur, und Geisteswvrte, die Verbreitung und Vertiefung jüdischen Wissens und eines Respekts vor jüdischen Sitten und Bräuchen usw. usw. nichts geleistet hat). DaS Hauptsächliche wurde als Nebensache und das Nebensächliche als Hauptsache angesehen. Man fütterte die Jugend mit Versammlungsphräsen, führte sie aber nicht zu den Urquellen jüdischen Wissens zurück, so daß heute Mart i n B u b e r populärer ist als Maimonides, oder sagen wir Jehuda Halewi ist. Ein nichtjiibischer Personenkultus hat platzgegriffen, und derdrängte all das, was das Judentum seit jeher beherrschte: Moses, die Propheten, die Schöpfer des Talmuds, ihre Lehren, und was sonst der jüdische Geilt von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart hervorgebracht hat. ץ Ein solches System hat gewissermaßen auch nicht wenig Schuld daran, wenn wir jetzt diese traurigen Wahrnehmungen des Abfalls und der Fahnenflucht konstatieren. In dritter Reihe sind hier gewiß wieder bic EIkern selbst zu verdammen. Jene Eltern, die sich unbedingt nicht würdig zeigten die Nachkommen jener heroischcn Vorgänger. zu sein, denen nichts teuer war dort, wo es galt den Gottesnamen zu heiligen. Wie es schon der beriihmte Schriftsteller Lewinski einst unsereu Juden vorgeworfen hatte, müßte man es den mvdernen Vätern sagen, sie haben zu viel Mitleid. und Rücksicht mit den Kindern geübt, sie sollten ihnen nicht soviel Konzessionen einräumen und mündig machen, sich ein wenig mehr ihre jüdische Erziehung und Bildüng angelegen sein lassen, nicht ganz die ״Bechora" um ein elendes Linsengericht verkaufen. Wie merkwürdig,, daß aus uns dem Geistesvolk mit einmal ein gemeines Schachervolk geworden ist, das aber nicht bloß alte Hosen wie die einstigen Juden des alten Ghetto sondern Seelen feilbietet ... Schauet euch an und spuckt euch selbst ins Gesicht ob dieses Verfalls. ״Hahemir Goj Elohim wehema lo elohim?" (Vertauscht noch ein zweites Volk so leicht seine Götter wie wir? Schande und Schmach!) ' In vierter Reihe müssen unsere Rabbiner und Geistesführer in Polen aufgezählt werden. Sie sind jetzt nicht mehr was sein sollten. Für ein verschwundeentsprechen: Alle christlichen Mägde, die einmal bei * ,,aufgeklärten" Juden in Dienst waren, verließen ihr Haus stets vollgepfropft mit kecken, leichtfertigen Ansichten und waren zu jeder Zeit bereit, einen Radau zu machen.! Dies alles wie auch das Verhältnis seiner Gemahlin zu ihren Stammesgenossen kam ihm rätselhaft vor,j was er des öfteren durch andere Rätsel zu lösen geneigt war. ' , j ״Wer weiß wieviel schwerwiegende Sünden diese, Unglücklichen ihren pöbelhaften Brüdern samt dem Kahal zuerkennen? Wer weiß ob nicht diese Rechtfertigung, diese verschwenderischen Gaben sowie die übertriebene Bereitwilligkeit einem Andersgläubigen zu helfen und zu vergelten — ob nicht all das zusammengenommen bloß eine aus der Tiefe ihrer Seele hervorstürmender Protest sei, oder eine Art Schuldensühne?" Als sich in den letzten Tagen das Gerücht vom Ritualmorde einmal nach dem anderen erneuerte, pflegten ihn solcherlei Gedanken stundenlang zu beschäftigen. Eine Judenklaus erscheint vor seinen Augen ... brennende Wachskerzen... der Kahal ist gekleidet in weiße Kitteln, Gebetbücher und Spitzige Samtkappen . . . christliche Kinder werden geschlachtet... ihr Blut Wird in einen goldenen Becher aufgefangen... Die Vision seiner überhitzten Phantasie ist zu Ende — und er bebt am ganzen Körper. Eines Tages beschloß er sich diesbezüglich. mit seiner Frau in ein Gespräch einzulaffen. Und er verstand das Thema mit der nötigen Vorsicht zu behandeln. Allein sie sah auf ihn schief herab und wurde abwechselnd blaß und rot am Gesicht: »Dich Hab ich nicht in einer christlichen Kirche gefunden und mich hast du nicht aus einer Synagoge geholt. Am Tage, an dem wir uns kennen lernten, glaubte ich derlei Fragen nie aus deinem Munde zu vernehmen und deshalb Hab sch mir darauf keine Antworten vorbereitet." Nach diesem Zwischenfall verblieb sie drei Tage lang im Groll und verbarg sich vor ihm in ihrem Zimmer. Er ärgerte sich ernstlich darüber. Sie vermochte das Ziel seiner Fragen nicht zu begreifen. Sie dachte vielmehr, daß er sie vermittels dieser Zrage wegen ihrer Herkunft beschämen wollte. So räsonnierte er anfangs und grämte sich ernstlich darob, daß er sie überhaupt gefragt hatte. Manchmal aber hörte er wie ihm eine innere Stimme zuraunte: Vielleicht ist gar dieses Bösesein eine regelrechte Simulation, bloß ein raffiniertes Mittel einer Affäre, die ihr wohl nicht schmeckt, aus dem Wege zu gehen. Und er begann selbst zu lachen über diesen Verdacht, der nicht mehr als ein Wahngebilde seiner glühenden Phantasie wäre. Er glaubte schier seinen Quälgeist beruhigt zu haben, allein dieser böswillige Gedanke schwieg nur für eine kurze Weile und unterließ keinen passenden Augenblick gleich wiederzukommen. »Was hätte sie denn riskiert, wenn sie kurz und bündig erwidert hätte: DaS ist eine dreiste Lüge?!" Wie sehnte er sich danach, diese Geschichte ein für allemal in eine völlige Lüge aufgelöst zu sehen. Seine Liebe zur Menschheit sowie sein Glauben an den Fort-! schritt bekamen einen tiefen Riß wegen dieses Ritual-!mordmärchens. Sein Gerechtigkeitssinn und seine gesunde Vernunft ließen ihn nicht verkennen, daß die Söhne dieses Volkes in hohem Maße die Bannerträger des Fortschritts sind. Ihre Schuld war für ihn gleichlautend mit der Schuld eines bedeutsamen Teiles der Menschheit. Dieser Zweifel verursachte ihm große Schmerzen. Einmal unterhielt er sich auch darüber mit einem gelehrten Rabbiner und dieser bestrebte sich die Hinfälligkeit des Blutmärchens vom Standpunkte des Dogma zu beweisen, jndem er folgerte: «Ist uns doch das Blut eines koscheren Tieres verboten, wie könnte man also annehmen, daß wir Menschenblut aus religiösen Gründen vergießen?" Er gab sich jedoch mit dieser Antwort nicht zufrieden. Er wußte nämlich, das jede Religion sehr häufig in einem speziellen Falle das erlaubt, was sie allgemein auf's Schärfste verbietet. Die Religion verkündet den Frieden, predigt Gnade, Mildtätigkeit, Mitleid und Menschenliebe — und erlaubt doch mit »Feuer und Schwert" loszugehen gegen jederman, der ihr nicht huldigt... Eines Tages versuchte er darüber mit aufgeklärten Juden zu sprechen. Allein diese fertigten ihn teils mit leichtfertigen Redensarten kurzweg ab, teils mit einem gezwungenen. Witz, nicht ohne ein Gefühl verborgener Scham. Und da nagte der Zweifel an seinem Hirn von neuem: Vielleicht sind sie gar im Rechte jene Herren, die da behaupten, daß das berüchtigte Geheimnis nur den Strenggläubigen unter den Juden, nur denen mit den Schläfenlocken und dem langen Kaftan bekannt sei, wogegen die Fortschrittlichen davon gar nichts wissen. Ein Beweis, daß sie vom althebräischen Schrifttum