Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 25 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XX. Nummer 25 Jahrg. □ Vez«, «preise: halbjährig .Kronen 15 60 ganz!aycig.fttonejt 30*— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 20׳— Rußland, ganzjährig ....... Nudel 12* — Balkan, Frankreich.Fraiik» 24*— a- Herausgeber: Max Hickl. s ־0 Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe - Buchhändlerische Vertretung: Ott» , Me««, 'tp-1- Inserate: der 6-spaltige Zentimotervaum 2 K Unverlangre redaktionelle Beiträge werden ntch» -no. rtert. — Monuskrivten ist Rückporto deizufütz,.n. Wien—Brünn. Prag—Lemberg. Unhaltbare Zustände. Die Flüchtlingsfrage beschäftigt seit Ausbruch d< Krieges in vericyiedensten Nuancen die gesamte Oeffentlichkeit. Es ist wohl überflüssig heute abermals dieses traurige Bild über, die Lage derselben zu entrollen. Freun-d und Feind werden das Eine zugeben, daß das Schicksal dieser unglücklichen Flüchtlinge ein furchtbar bedauernswertes ist. Der Umsturz und seine Folgeerscheinungen haben unter anderem das Eine gezeitigt, daß der Hatz und die Unzufriedenheit der Bevölkerung gegen die Macht- Haber, infolge der unaufrichtigen Haltung eines Großteiles der tschechischen Presse, auf die Flüchtlinge übergewälzt wurde. Die tschechisch-antisemitische Presse, insbesondere das Organ des getauften Juden Dr. Stransky, haben in systematischer Weise den Haß gegen die Flüchtlinge und gegen die Juden durch lügenhafte Berichte geschürt und mit erlaubten und unerlaubten Mitteln eine Propaganda entfaltet, die jeder Beschreibung spottet.. So wurden die Flüchtlinge der allgemeinen Preissteigerung auf allen Gebieten derantwortlich gemacht. Es ist Wohl allgemein bekannt, daß die Preistreiber ohne Unterschied der Nationalität und Konfession ihr Handwerk bestmöglich betreiben. Viele tschechische Kaufleute haben genau so, wie viele tschechische Agrarier aus dem Unglücke des Volkes ihre Vorteile gezogen und es wird wohl keinem vernünftigen Menschen einfallen, dre gesamten tschechischen Kaufleute für die Lumpereien Einzelner verantwortlich zu machen. , Die lastende Wohnungsnot, gleichfalls eine Folgeerscheinung des Krieges, wird mit der Anwesenheit einiger hundert Flüchtlinge begründet. Dieses dumme Märchen wird 'den Leuten aufgetischt und als Motiv Feuilleton. Bor dem Untersuchungsrichter. Von Jehuda Steinberg. (Schluß.) Dies alles sah er Wohl ein. Nur eine Schwäche wohnte ihm inne. So oft das Blutmärchen auf's Tapet kam, verlor er bald seinen-gesunden Menschenverstand. Und es waren mehrere Gründe mit dabei. Der nächstliegende Grund war seine Frau Maria Wassilewna, eine Jüdin, die sich getauft hatte und ihn heiratete. Er liebte und verehrte sie, als sie noch ein Mädchen bei ihren Eltern zu Hause war. Der Glaubenswechsel war freilich eine Angelegenheit, die die Verhältnisse erforderten, allein er für sich wußte in seinem Herzen, daß sie alle guten Eigenschaften, die er bei ihr Hefunden, nur einzig und allein ihrer jüdischen Abstammung .zu verdanken habe. Sittlichkeit, Herzensgüte, die köstliche Paarung von Vernunft und Gefühl — dies alles fand er bei keiner so schön beisammen wie bei ihr. Und da er schon einigermaßen seiner vorhergegangenen Lebensstürme müde war und voller Sehnsucht nach der behaglichen Ruhe am Familienherd, fand er kein Passenderes Mädchen als dieses. * Sie entstammte einem derartigen Milieu, wo die Taufe nicht besonders viel Staub aufwirbelt. Ebenso würde die? Gemeinde. keinen Fasttag ihretwegen veranstalten... Uebrigens feffelten ja dieses Mädchen gar keine wesentlichen Bande an jene Gemeinde. Die Zahl ihrer Feinde vergrößerte sich nicht anläßlich ihrer Taufe so wie die ihrer Freunde auch nicht deswegen zusammenschrumpfte. Wenn hie und da Juden das Haus des Richters aufsuchten, um ihn in irgend einer Angelegenheit zu 9r für die unbedingte Ausweisung der Flüchtlinge ins Treffen geführt. Für Brünn benötigt man zirka. 17׳ Wohnungen. Die Flüchtlinge dürften aber im ganzen zirka 100 Wohnung besetzt haben, von denen zirka 40 für halbwegsmenschlich gelten. Das ergibt, wenn auch .kein einziger Flüchtling mehr in Brünn verweilen wird, daß die Wohnungsnot in krassester.Form weiter bestehen wird. Und wie verhält es sich mit dem Wegwollen der Flüchtlinge? Vor zirka 5 Wochen schon meldeten sich bereits bei den amtlichen Stellen 86 Familien zur Abreise und weitere melden sich täglich. Diese Tatsachen werden aber weder von der Presse noch von den Behörden zur Kenntnis gebracht. In den letzten Tagen hat die Agitation gegen die Flüchtlinge ob der Wohnungsnot Formen angenommen,, daß Demonstrationen und Ausschreitungen vorauszusehen waren. Die nationaldemokratische Partei hat eine Versammlung einberufen, in der seitens der Redner die Leidenschaften bestellter Massen.aufgepeitscht wurden. Nach der Versammlung verrichteten die Teilnehmer eine׳ traurige Kulturarbeit. Mit Rufen: ״Zidi den!" wurden Tafeln zertrümmert, jüdische Passanten attackiert. Flüchtling, dürfen überhaupt nicht auf der Straße erscheinen, da sie Gefahr laufen, blutig geschlagen zu werden. Die Negierung scheint all diesen Treibereien gegenüber machtlos zu sein. Glauben die Herren, daß es mit eventuellen Aus>chreüuugen und Plünderungen gegen die Juden sein Bewandtnis haben wird? Die Herren scheinen zu vergessen, daß die aufgehetzten Massen in ihrer Leidenschaft keinesfalls bei den Juden halt machen werden. Die Negierung hat es unterlassen, auf die Bevölkerung aufklärenö und beruhigend einzuwirken. Es ist eine infame Lüge, wenn die Flüchtlinge für die Wohnungsnot rc. verantwortlich gemacht sprechen, fühlte er sich geradezu verpflichtet diese freundlich zu empfangen, eingedenk der Herkunft seiner Frau. Sie.dagegen hatte für jene stets ein grollendes Gesicht. So oft arme, bettelnde Juden irrtümlicherweise sein Haus betraten, pflegte sie dieselben fortzujagen auf eine solch grobe Art und Weise, wi. es sich für einen gesitteten Menschen überhaupt nickst schickt. Sobald das Gespräch ׳ seiner Hausfreunde auf die Judenfrage hinüberrollte,' beteiligte sie sich sehr ungerne daran. Manchmal aber, entschlüpfte ihr bezüglich dieses Problems eine solch extreme Ansicht, deren sich sogar die «Nowoja Wremia" nicht zu schämen brauchte. Unter seinen Gästen waren auch Aerzte, Juristen und sonst gebildete Juden, die er richtig zu schätzen verstand. Aber einmal flüsterte sie ihm ins Ohr, daß ihr deren Besuche nicht geradezu angenehm wären. Dieses, ihr Verhältnis zu denjenigen, die ihr einst geistesverwandt waren, erweckte in ihm einen Verdacht. Der Untersuchungsrichter Wassili Mironomitsch war kein Psycholog. Er wußte nicht, daß offenkundiger Haß sehr häufig das Produkt einer versteckten Liebe, sei. Er wußte nicht, daß wenn jemand einer angenommenen Idee untreu wird oder ein dauerndes Verhältnis wechselt, um bloß einen Nebenzweck zu erreichen, nicht zufrieden bleiben kann, nachdem er seinen Zweck erreicht hatte. Jedenfalls befindet sich ein solcher Mensch stets zwischen zwei Kräften״ die sich niemals bereinigen können. Man wird angezogen und bald darauf abgestoßen. Es bleibt nichts zurück als der herzzernagende Gram. Und man. ist jederzeit bereit an jener Kraft, die die meisten Kränkungen verursacht, seinen Rachebrand zu kühlen... Karpow sah keinen offenen Grund zum Haffe, den seine Frau ihren Stammesbrüdern nachtrug uüd hegte!'ls jüdischer Volkskalender" werden. Im Interesse des tschechoslovakischen Staates ist es, daß diese unhaltbaren Zustände ein Ende nehmen. Wie sieht es in Tschechien aus? Das ostjüdische Element-scheint ein schwer verdauliches zu sein. Ungefähr 5 Jahre sind es her, seitdem es von den Kricgsereignissen hergcschleppt wurde. Im Verlaufe der Zeit hat sich so mancher hierzulande ein wenig akklimatisiert, und trotz der unsympatischen Ver-- hältnisse, sich heimlich zu fühlen begonnen. Nun gilt der Ruf: Weg von hier, kein Platz für Ausbeuter, Kettenhändler, Schmuggler usw. Wenn es dem neuen Staate nur darum zu tun wäre diese bösen Elemente unter den Ostjuden, von hier fortzuschaffen, so könnte, man sich noch damit ein wenig abfinden, allein es ist diesbezüglich ganz anders. Schonungslos heißt cs in dem Erlaß, daß alle Flüchtlinge, unterschiedslos bis zum 20. August bezw. bis zum 5. September l. I., insofern sie nach den Orten'bis Stanislau zuständig sind, den neuen Staat bezw. Republik verlassen müffen. In dieser Beziehung machen es. die Tschechen wie die Judenfeinde zu allen Zeiten. Ausgebeutet,' die Taschen ausgelehrt, nun können sie gehen. Denn Tatsache ist, daß die Tschechen mit den Ostjuden während des Krieges die größten Geschäfte abgeschlossen haben. DaS Geld blieb also im Lande, nur sahen sie erst dann ein, daß sie auch etwas für das 'empfangene Geld hergeben mußten, die verschiedene Waren, in denen sich dann eine Not fühlbar machte. Das war die Ursache der Teuerung, die Wohl das arme Volk so sehr drückte. Diese zu erklären hatten die berufenen Faktoren nicht den Mut oder den guten Willen, so hat man einfach den polnischen Juden als den Teufel h i n g e st e l l t, der deshalb den Verdacht, daß etwgs Geheimnisvolles dahinter stecke: »Spricht ja die ganze Welt von Kahal- Mysterien, Bannsprüchen, Gelübdeentlastungen, Kapores, von seltsamen Tänzen vor dem Monde... jÜSeiß Gott, ob ihr Haß nicht daher kommt, haß sie von der Existenz irgendwelcher roher Verbrechen überzeugt ist, die unter der Schutzmarke des Kahalgeheimniffes ausgeübt werden"?... Dieser'Verdacht war für ihn nicht mehr neu. Er hatte schon öfters Gelegenheit fortschrittliche Juden und deren Verhältnis zu Andersgläubigen kennen zu lörnen und stets fand er an ihnen eine gezwungene Bereitwilligkeit sowie eine falsche Höflichkeit. Ihr Mitleid mit Nichtjuden schien ihm eine groteske Uebertreibung zu sein und ganz und gar nicht vereinbar mit der Kaltherzigkeit, die sie den Brüdern ihres eigenen Volkes gegenüber zur Schau trugen. Jenes wie dieses ist höchstwahrscheinlich nichts' mehr als Unnatürlichkeit und Heuchelei. Es genügt nur einen von ihnen um eine Spende anzugehen, sei es für den Bau einer Kirche, sei es für die Errichtung eines Krankenhauses auf dem Lande — wenn es sich nur um keine jüdiscbe f - delt — werden sie sogleich über alle Maßen splendid und schenken in einer verschwenderischen Art und Weise. Sehr häufig schien es ihm aus ihren Reden einen Unterton von. Selbstanklage und Rechtfertigung herauszuhorchen. Für ihn war es klar, daß wenn ein, Jude das Richteramt bekleiden würde und eine Gerichtsverhandlung zwischen einem Juden und Nichtjuden zu leiten hätte, er sicherlich den Nichtjuden im Urteile begünstigen würde. / Eine von allen Sünden, die man diesem Volke aufbürdete, deuchte ihm insbesonderS der Wahrheit zu -. ז ♦