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Jüdische Volksstimme · 1919-08-22 · Heft 24 (22.8.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 24 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nf. 24 SelreS. ^Jkdijchs Eine zweite Aufgabe, der das Palästinaamt von AnfaNg an seine Aufmerksamkeit zuwenden ntußte, war die Evidenznahme und statistische Erfassung sämtlicher Auswanderungsbewerber, deren es heute schon an 11.000 in Evidenz genommen hat. So klein die Anfänge waren, aus denen das Palästinaamt hervorgegangen ist, so groß wurden bald die Aufgaben, die es zu erfüllen hat. Sein Tätigkeitsbereich «streckte sich infolge des Vertrauens des jiidi- , schen Publikums weit über die Grenzen von Deutschösterreich. Auch ergab sich die Notwendigkeit, für einzelne Speziasressorts eigene Referate einzurichten. So entstand das Handels- und Industriereferat. Schon im Dezember hatte sich eine technische Studiengruppe gebildet, der namhafte Fachleute aus allen Gebieten der technischen Wiffenschaft und Praxis angehören, zu dem Zjveck, alle technischen Fragen, welche Palästina und seinen Aufbau als jüdisches Gemeinwesen betreffen, zu studieren. Ebenso schlossen sich die für Palästina interessierten Aerzte in einer eigenen Gruppe zusammen und bezogen alsbald Apotheker, Pflegerinnen und sonstige sanitäre Hilfskräfte in diese mit ein. Aufgabe der Aerztegruppe ist es, die nach Palästina auswandernden Aerzts mit den speziellen Krankheiten des Landes und ihrer Behandlung bekannt zu machen. Nicht minder wichtig als das bisher Gescknsderc׳ ist die Praktische Vorbereitung für Palästina. Auch hier kann das Palästinaamt sehr befriedigende Erfolge verzeichnen. Die Hechaluz-Bewegung hat bewiesen, daß das jüdische Element sehr wohl die Eignung zum landwirtschaftlichen Arbeiter besitzt, und die heute in Gruppen auf verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben verteilten Chaluzim und Chaluzoth — ungefähr 400 — haben durch ihren Ernst usid ihren Fleiß die Anerkennung und Zufriedenheit sowohl ihrer jüdischen als auch christlichen Arbeitgeber errungen. DaS Palästinaamt hat vor vornherein Wert darauf gelegt, daß die Chaluzim sich selbst evrwalten, ist aber mit ihnen in steter inniger Fühlung geblieben. Neben der Vorbereitung für landwirtschaftlichk׳ Berufe geht die für Handwerk und Gewerbe. Zu diesem Zwecke wurde im Einvernehmen mit dem Jüdischen Nationalrat die Gewerbesektion gegründet. Hier Handelt eS sich ebenso wie bei der Landwirtschaft nicht bloß darum, bereits ausgebildeten Leuten Arbeitsgelcgenheiten zu beschaffen, sondern xs muß vor allem das Augenmerk darauf gerichtet werden, die heute vielfach in unproduktiven Berufen tätigen -Julien produktiven Erwerbszweigen zuzuführen. Dementsprechend wurde außer dem Arbeitsnachweis eine Abteilung für Berufsheratung errichtet. Den Bemühungen der Gewerbesektion und der Chaluzim ist es gelungen, eineBaracke in Meidling von der Sachdemobilisierung zu erhalten und sie als Arbeiterheim einzurichten. DaS Palästinaamt hielt es für seine Pflicht, schon jetzt alles vorzukehren, um die Auswanderer vor jeder Benachteiligung und Ausbeutung durch, unlautere Elemennte, wie sie besonders gelegentlich von Massenaus- Wanderungen auftreten, soweit als möglich zu schützen. Dieser Intention verdankt die Jüdisch-palästinensische Reise- und Transportgesellschaft ihre Entstehung. Nach Einsetzung des zentralen Palästinamtes in London hat sich ihm das Wiener Palästinaamt natürlich sofort unterstellt und arbeitet fortab 'nach dessen Weisungen und im Einklang mit ihm. Finanziell eine Gründung des Vereines ״Keren Kajemeth Lpjisrael". ist es dem Palästinaamt gelungen, alle notwendigen Mittel selbst aufzubringen und den genannten Verein von jeder materiellen Belastung zu befreien. Derzeit stellen die immer mehr anwachsenden Arbeiten stets größere Anforderungen an das Budget. Doch läßt sich mit Recht erwarten, daß die jüdische Oeffentlichkeit in Würdiaung der schon bisher geleisteten Arbeit sich auf ihre Pflicht gegen das Palästinaamt besinnen und eS finanziell sicherstellen wird. K. S. Gottfried Keller und die Judenemanzipation. Der große Schweizer Dichter Gottfried Keller, dessen 100. Geburtstag kürzlich im gesamtest deutschen Sprachgebiet mit herzlichstes Anteilnahme begangen Wurde, war ein Feind aller Unduldsamkeit auf politischem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiet, und er brachte diese feine liberale und tolerante Gesinnung in seinen Schriften mehr als einmal deutlich genug zum Ausdruck. Im Jahre 1861 wurde er bekanntlich zum ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich erwählt. In dieser Stellung lag ihm auch die Abfassung der ״Man- -ate" pb, die nach altem Brauch im Aufträge des Grohen Rates von Zürich an den Dank-, Butz- und Betjagen in den dortigen Kirchen verlesen wurden. Mehrere dieser Mandate haben als politische Glaubensbekenntnisse des Dichters einen bleibenden Wert: das gilt besonders von der ersten Kundgebung dieser Art, -tzem «Mandat für den auf Sonntag, 21. Herbst,nonä? 11862 festgesetzten Dank-, Buß- und Bettag", das in den ״Nachgelassenen Schriften" Gottfried Kellers veröifentlicht worden ist. Das Mandat handelt von der in Zürich im Jahre 1862 endlich durchgeführten Gleichberechtigung der Juden mit der übrigen Bevölkerung, und es heißt darin: ״Der von Euch erwählte Große Rat. liebe Mit-׳ bürger, hat mit einigen wenigen Paragraphen das seit Jahrtausenden geächtete Volk der Juden für unseren Kanton seiner alten Schranken entbunden, und wir haben keine Stimmen vernommen, die sich aus Eurer Mitte dagegen erhoben hätten. Ihr habt Euch dadurch selbst geehrt, und Ihr dürft mit diesem Gesetze, das ebenso sehr von der Menschenliebe wie aus Gründen der äußeren Politik endlich geboten war, am kommenden Bettage getrost vor den Gott der Liebe und der Versöhnung treten. An Euch wird es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden, lebend!.׳ gen Wahrheit zu machen, indem Ihr den Entfremdeten und Verfolgten auch im gesellschaftlichen Verkehre freundlich entgegengeht und ihrem guten Willen, wo sie solchen bezeigen, behilflich seid, ein neues bürgerliches Leben zu beginnen. Was der verjährten Verfolgung und Verachtung nicht gelang, wird der Liebe m lingen; die Starrheit dieses Volkes in Sitten und Anschauungen wird, sich lösen, seine Schwächen werden sich in nützliche Fähigkeiten, seine mannigfaltigen Begabungen in Tugenden verwandeln, und Ihr werdet eines Tages das Land bereichert haben, anstatt es zu schädigen, wie blinder Verfolgungsgeist cd wähnt." Die politischen Aussichten des Zionismus. Dem Kopenhagener Zionistischen Büro wird aus Paris gemeldet: Auf zwei Massenversammlungen, in welchen über 2000 Personen anwesend waren, gab Sokolow eine detaillierte Uebersicht über die Entwicklung der gegenwärtigen Lage des Zionismus. Er teilte mit, daß eine Expedition von hervorragenden Sachverständigen demnächst unter zionistischer Leitung nach Palästina abgehen werde. Die Geldmittel hierfür wurden bereits aus privaten Quellen der zionistischen Organisation zur Verfügung gestellt. Die Einwanderung, nach dem beschlossenen System lvird beginnen, sobald die Untersuchungen beendigt und die zionistischen Vor- Mage sanktioniert sein werden. SokolowS Rede rief beim Publikum optimistische Stimmung und große Begeisterung hervor. Ebenfalls optimistische Ausblicke gestatteten die Ausführungen WeizmannS in der'am.23. Juli stattgefundenen letzten Sitzung der in Paris anwesenden Mitglieder des Aktionskomitees, in der Weizmann detailliert berichtete und erklärte, daß die politische Laae des Zionismus vollständig zufriedenstellend fei. Desonders bezüglich der Araßerfrage erklärte er die Situation für günstig. I Die Jubenhetze in Deutschland. Als in der großen politischen Debatte in der Weimarer Nationalversammlung der unabhängige Sozialdemokrat R.-A. Hugo Haase scharf die Pogromhetze tadelte, die jetzt in weiten Kreisen des deutschen Volkes betrieben wird und der ׳die Regierung nicht mit der nötigen Energie entgegentrete, erhob sich der Reichs- Wehrminister Noske und geißelte in äußerst scharfen Worten das unverantwortliche Treiben der antisemitischen Elemente. So erfreulich die scharfen Worte des Neichswehrministers sein mögen, so scheint es ihm doch bisher nicht völlig gelungen zu sein, die antisemitische Propaganda im Heere zu unterdrücken. Der ihm gewiß doch nicht feindliche ״Vorwärts" muß des öfteren mit Bedauern feststellen, daß in der Reichswehr offene antisemitische Propaganda getrieben wird. So wird in der Morgennummer vom 31. Juli 1919 dieser Zeitung von.einer Auseinandersetzung zwischen Rabbiner Dr. Neufeld-Briesen und einem Hauptmann FenSke vom Infanterieregiment 61 berichtet, der seinen Mannschäften während des Dienstes eine antisemitische Hetzschrift vorlas und sich dann in beleidigendem Töne die Beschwerde Dr. Neufelds verbat. Von der deutschnationalen Presse sind' wir manches gewöhnt. Was sich aber der ״Reichsbote" in feiner Nr. 24 leistet, übersteigt an sinnlosen Anschuldigungen im Ton doch fast alles bisher in der Tagespresse Uebliche. Abgesehen von den offenbar wiffenntlich falschen Be- Hauptungen, die sämtliche Sozialdemokraten und Bol-, schewisten zu Juden machen (Dittmann, Barth, Leninl), — was, wenn es der Fall wäre, die Sache jedes Einzelnen von ihnen wäre —, versucht der Artikel nachzuweisen, daß einzig und allein die Juden die Schuld an dem Zusammenbruch Deutschlands tragen. Die Beweisführung, in der Bolschewismus und Kapitalismuus eine Hauptrolle spielen, ist durchaus konfus. Es gibt doch bekanntlich kein besseres Mittel, die nationalistischen Instinkte aufzupeitschen als den Antisemitismus. Recht freundliche Vorschläge macht die ״Deutsche Zeitung" in einer Notiz über die Uebersiedlung zweier jüoricher Kapitalisten von Wien nach Polen, die sich der Vermögensabgabe entziehen wollten. Wenn die ״Deutsche Zeitung" ihren Schmerz darüber ausdrttckt, daß man diese Leute nicht wie man eS in Paris getan hätte, an die Laterne gehängt oder, wie in Amerika, geteert und gefedert hat, so ist das Blatt mit dieser Bemerkung gerichtet. Die . Folgen dieser Pogromhetze haben sich neuerdings im Ostseebad Granz bemerkbar gemacht, wo sich die jüdischen Badegäste infolghe ständiger, bisweilen sogar tätlicher Angriffe so unsicher fühlten, daß sie beim Reichswehrminister militärischen Schutz erbaten. Nachdem dieser eingetroffen war, hörten die Belästigungen auf. Was für eine Wirkung die antisemitische Hetze aber im Ausland hcrvorgerufen hat, beweist, daß auf Veranlassung der englischen BesahungSbehörde zurzeit in Köln a. Rh. eine Schrift ״Der Antisemitismus in Deutschland", gedruckt bei Wilhelm Clowes et SonS, vertrieben wird. Diese Tatsachen sollten sich alle diesenigen Kreise, die in Deutschland unaufhörlich gegen die Juden Hetzen, zur Warnung dienen lassen. Die Kunde von einem starken Antisemitismus' in Deutschland wird nicht dazu beitragen, bei den andern Völkern Sympathien für Deutschland wieder aufkommen zu lassen. xx: :XX sc ::INSERAT E:: VV von W verlagransialten und ' Buchhandlungen haben den grössten aa~ Erfolg 3EAA wenn sie in der ״Jüdische Volksstimme“ Wr־־ Rubrik ״BUcher“ erseheinen. xx: :xl Judenhetze in Budapest. Wie zu erwarten war, wurde der Anlaß des Stur- -es der Bolschewiken in Ungarn benützt, um eine wüste Judenhetze,zu entfalten, die bereits mehrfache Erfolge hatte. Es kam zu Schlägereien ' und pogromartigen Veranstaltungen gegen die Juden. Bei politischen Um- Wälzungen sind wir bereits derartige Nebenprodukte gewöhnt und gar in diesem Fall, wo die feudalen re» oktionären Elemente die Oberhand, gewonnen haben, die immer schon erzantisemitisch waren. Die Juden haben in Ungarn eine eigentümliche Rolle gespielt. Ihr Stolz bestand immer darin, daß eS in Ungarn keinen Antisemitismus gab, und sie waren immer die vor« -ersten in der Reihe der ungarischen Nationalisten. Das ungarische Judentum hat wie keinL andere jüdische Gruppe der Welt sich von der jüdischen Gemeinbürgschaft losgesagt, es hatfür die jüdische Volksgesamtheit nichts übrig gehabt. Aber.alles Opfer der Würde fruchtete wenig. Das ersehnte Ziel, die Verschmelzung mit den Magyaren, wurde nicht erreicht. Niemals wurden sie von der ungarischen Gentry, in deren Klubs und Kasinos sie sich drängten, als gleichwertig anerkannt. Bereits vor dem Kriege wurde die antisemitische Bewegung immer stärker und merkbarer und im Krieg äußerte sie sich unverhohlen. Die christlichsoziale Agitation fand ein empfängliches Arbeitsfeld. In der Revolution und den verschiedenen Stadien der Berfas» sungskrise erreichte der Antisemitismus seinen Gipfel- Punkt. Während der Räterepublik arbeitete die Gegenrevolution mit richtiger Pogromagitation; Bela Kun hat wiederholt gegen dieses unflätige Kampfmittel Stellung genommen. Aber das jüdisch-kapitalistische magyaro - chauvinistische Großbürgertum fühlte sich vom Bolschewismus bedroht und suchte den Schutz der reaktionär-antisemitischen Parteien. Jetzt, nach dem Sieg der Reaktion, kühlen die dunklen Elemente ihr Mütchen an den Juden. Unter dem Vorwand der ״Bestrafung" kommunistischer Elemente und Beamten prügelt man jüdische Studenten und Arbeiter. Daß der Vorwand , erlogen ist, geht schon daraus hervor, daß die monarchistische Regierung selbst sich veranlaßt sah» gegen die antisemitischen Exzesse einzuschreiten. DaS tragikomische Schicksal wird den Juden die Augen darüber -öffnen, in welcher unwürdigen Rolle sie sich gefallen haben. Die national-jüdische Bewegung, die be» reits im Krieg erstarkt ist, die von der jüdischen Jugend, von den jüdischen Soldaten getragen wird, de» nen die Erlebnisse des Frontlebens die Erkenntnis ihres Volkstums und die Besinnung auf sich selbst ge» bracht haben, wird den ungarischen Juden die einzige Ucrbreitct di« ..Wkebe UolkHtimm«“.

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