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Jüdische Volksstimme · 1919-08-22 · Heft 24 (22.8.1919) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 24 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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»Mdische Vslk-stimme' Nr 24. Richtung weisen, die fie geben können. Das ungarische Judentum muß den großen ErwachungSprozeß des jüdisihen Volkes mitleben, sonst wird es ewig zu einer Rolle schmähkicher Knechtschaft verurteilt sein und den Fluch der Lächerlichkeit tragen. Die Zerreißung Un° garnS zwang die Juden der Randgebiete schon zur Besinnung; auch im Herzen Ungarns kann diese Ent- Wicklung nicht auf sich warten lassen. Ein permanentes jüdisches Komitee zur Wahrung > der jüdischen Rechte. Die nächste Tätigkeit der Pariser jüd. Delegationen. Das Kopenhagener Zionistische Büro berichtet aus Paris: In vier Plenarsitzungen des Komitees der jüdischen Delegationen, die vovm 25. bis 28. Juli stattfanden, wurden die Vorschläge der jüdischen Delegationen aus Rußland und der Ukraine bezüglich der zukünftigen Gestaltung und Tätigkeit des Komitees in einzelnen besprochen. ES wurde beschlossen, nach Schluß der Friedenskonferenz ein permanentes Komitee zu organisieren, das auf einer breiteren Grundlage von der Liga der Rationen und überall folgendn vom Komitee formulierte Ziele vertreten soll: Zweck des Komitees ist: Verteidigung der bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte der Juden der verschiedenen Länder und ihre Weiterentwicklung; Verteidigung der jüdischen Bevölkerung gegen Pogrome, .Ausschreitungen und Uebergriffe; Mitarbeit bei der Organisierung der jüdischen Auswanderung; Zusammenarbeit mit den jüdischen Hilfsorganisationen, insbesondere zwecks Wiederaufbau ״des durch die Katastrophe des Krieges zerstörten ökonomischen Lebens. Ergänzend wird dem Kopenhagener zionistischen Bureau noch berichtet: In seinen vier Plenarsitzungen vom 26. bis 28. Juli beschloß das Komitee der jüdischen Delegationen, seine Tätigkeit trotz der Abreise einiger Mitglieder fortzusetzen. Zur Zeit sind noch 18 Vcrtreter von Polen, Ukraine, Litauen, Rußland, Ostgalizien, Rumänien und anderen Balkanstaaten in Paris dersammelt. In den letzten Tagen kam ein neuer Vertreter der rumänischen Judenheit an und weitere neue Vertreter der Judenheit in Tiwccho-Slowakien, Bukowina und Polen werden in den nächsten Tagen erwartet. . In seiner letzten Sitzung arbeitete das Komitee folgendes Programm für seine zukünftige Tätigkeit aus: 1. Beendigung der politischen Arbeit in bezug auf die für verschiedene Länder noch ausstehenden Verträge mit den alliierten und assoziierten Mächten; 2. Verhütung weiterer Pogrom-Katastrophen durch politische Schritte und Preffepropaganda; 3. Aktion für die Einberufung.einer allgemeinen jüdischen Hilfskonferenz; 4. Vorbereitung des zukünftigen permanenten Komitecs, das nach dem Schluß der Friedenskonferenz eingesetzt werden soll. Dieses permanente Komitee soll die gleichen Aufgaben wie das gegenwärtige Komitee erfüllen und die jüdischen Bestrebungen vor der Liga der Nationen und im allgemeinen vertreten. Das Komitee der jüdischen Delegationen steht in dauerndem schriftlichen und telegraphischen Verkehr mit den abgereisten amerikanischen Vertretern und den jüdischnationalen Organisationen aller Länder. Jüdisches Schulwesen in Wien. Die Schulkommiffion des Wiener Jüdischen Rationalrates hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. In der letzten Plenarsitzung konnte Professor Geiger berichten: «Zwei wichtige Aufgaben haben die Unterrichtskommission in der letzten Zeit vollständig in Anspruch genommen. Die Errichtung eines jüdischen Realghmnasiums und die Gründung des jüdischen Schulvereines. Die Vorarbeiten für die Mittelschule sind sehr weit gediehen. Die Unterrichtssprache wird deutsch sein, die Lehrpläne sollen sich im wesentlichen mit den bisherigen decken, nur für Hebräisch ist ein größeres Ausmaß an Stunden verlangt worden, um die jüdische Erziehung und weitgehende Vertrautheit der Jugend mit- Sprache und Literatur richtig zu leiten, was dem dringenden Bedürfnis der Bevölkerung entspricht, da der bisherige Religionsunterricht gänzlich unzulänglich ist. Durch strenge Auslese der Lehrkräfte und Anwendung der besten Grundsätze soll die Schule zu einer Muster, schule ausgestaltet werden, die den Vergleich mit den bestehenden staatlichen Anstalten nicht zu scheuen haven wird. Für die erste Klaffe sind bisher 120 Anmeldungen, davon 50 Mädchen, eingelaufen, so daß wir gezwungen sind, drei Parallelklassen zu errichten, auch für die anderen Klaffen laufen die Anmeldungen ,zahlreich zu. So wird wahrscheinlich auch die vierte Klaffe geteilt werden müssen. Ein Teil der AufnahmS- Prüfungen -für die erste Klaffe ist bereits durchgeführt worden, und die Aufnahmsprüfungen werden im Herbst fortgesetzt. Nach dem Urteil der Lehrkräfte haben wir bis jetzt mit einem ganz vorzüglichen Schülermaterial zu rechnen. Wir werden an Stelle des Französischen Englisch lehren und haben über die Ferien zwei Englischkurse für die Schüler der vierten Klaffe eingerichtet, ebenso zwei Ferienkurse in deutscher Sprache für Schüler der zweiten, dritten und vierten Klasse, die aus Anstalten mit polnischer Unterrichtssprache zu uns kommen. Das Schulgeld muß leider 600 Kronen pro Jahr betragen. Nun hat sich aber bei den Schüleran- Meldungen erwiesen, daß viele Eltern um Befreiung vom Schulgelde ansuchen. Wir haben nun zur Hereinbringung der erforderlichen Mittel den Jüdischen Schulverein gegründet. Die Statuten haben bereits die behördliche Genehmigung erhalten, die Konstituierung wird im Herbste erfolgen." , Oberrabbiner Professor Maybaum gestorben. Dieser Tage starb in Berlin im 76. Lebensjahr der bekannte Rabbiner Professor Dr. S. Maybaum. Maybäum, der am 29. April 1844 zu Miskolcz in Ungarn geboren wurde, besuchte in seiner Heimat verschiedene Talmudschulen, setzte dann an den Universitäten in Wien und Breslau seine Studien fort. 1868 erwarb er an der Universität Halle die Doktorwürde mit einer Abhandlung ״De dialecto Targum", die sich mit der Sprache der aramäischen Bibelübersetzungen beschäftigte; auf dem gleichen Arbeitsgebiet erwuchs auch seine Preisschrift.״Die Anthropomorphismen und Anthropopathien im Targum Onkelos". Verschiedene seiner Schriften beschäftigen sich mit der Entwicklung des Prophetentums. Nachdem er am Breslauer Seminar die Rabbinatsprüfung abgelegt hatte, kehrte er in seine Heimat zurück, wirkte dort eine Zeitlang als Rabbiner, später in Saaz und kam von dort 1881 nach Berlin. Seine Berufung auf den Lehrstuhl für praktische Theologie an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums lenkte seine schriftstellerische Arbeit auf dieses bisher kaum angebaute Feld. Eine ״Homiletik", eine ,'.Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes" säwie Einzelschriften zur Geschichte der Predigt'und der Pädagogik sind Früchte seines Fleißes. — Maybaum, der ganz, und gar der alten Schule der nach protestantischem Vorbild orientierten «Kanzelredner" angehörte, hat auch wiederho^ins politische Leben eingegriffen. Unvergessen blerbt sein Auftreten als ״Protestrabbiner" gegen die Einberufung des ersten Zionistenkongreffes im Jahre 1897. Seine ungarisch- Herkunft hinderte ihm nicht, bei jeder Gelegenheit seine deutsche Nationalität zu betonen. . Polnische Judenpolitik. Entlassung der jüdischen Beamten. — Ernennung jüdischer Attaches. Die polnische Regierung hat in Ostgalizien sämtliche jüdische Beamten kurzer Hand entlassen. Zweitausendfünfhundert öffentliche Angestellte und Lehrer sind von dieser Maßregel betroffen worden und mit ihren Familien dem größten Elend preisgegeben. Als Rechtfertigung dieser Schandtat gibt die polnische Regierung an, daß es sich lediglich um die Entfernung von ״Verrätern" aus dem öffentlichen Dienste handle Die jüdischen Beamten haben nämlich das Verbrechen begangen, beim Umsturz und währerid des ukrainischen Regimes auf ihren Posten als Richter, Lehrer, Eisen- .bahner und Postler zu bleiben. Sie haben ihre Aemter nicht wcggeworfen, sondern haben den Verkehrs- und Verwaltungsdienst zum Segen der Bevölkerung aufrecht erhalten und haben durch ehrliche Arbeit sich und ihre Familien ernährt, ein Vorgehen, zu welchem sie auch auf Grund des Völkerrechtes nicht nur berechtigt, sondern förmlich verpflichtet waren. Wie hinterhältig und verlogen die Begründung der Entlassung ist, geht übrigens daraus hervor, daß die polnischen Beamten, welche unter den Ukrainern den Dienst versehen haben," nicht gemaßregelt wurden. Während Herr Paderewski in Paris beteuert, daß den Juden in Polen absolute Gleichberechtigung zuteil wird, läßt er im Lande selbst seine Organe gegen alles Jüdische wüten. Die Entlassung der ostgalizischen jüdischen Beamten ist ein empörendes Verbrechen, welches die Polen werden gutmachen müssen. Die Vertrete^ des jüdischen Volkes werden insolange nicht rasten, als nicht den Opfern polnischer Berfolgungssucht ihr Recht wird. Zwecks Linderung der unsäglich traurigen Notlage der betroffenen Beamten und ihrer Familien haben die zionistischen Stellen in Lemberg und Wien die entsprechenden Aktionen eingeleitet und es ist ihnen auch gelungen, dem Hilfskomitee der entlassenen Beamten eine größere Summe aus den Geldern des amerikanischen Verteilungskomitees zuzuführen. In scheinbarem Gegensätze zu diesem Vorgehen der Polen steht die Nachricht, daß die polnische Regierung die Juden Liebermann, Behrensohn und andere zu ho- Heren Beamten bei den Gesandtschaften in London und Newyork ernannt hat. Eisenbahnarbeiter kann der Jude nichts werden, wohl aber Gesandtschaftsattachä- ES handelt sich hierbei um das alte polnische System der Judenbehandlung. Man raubt und plündert Millionen von Juden aus, mißhandelt und demütigt Hx, macht ihnen das Leben zur Qual, versäumt aber nicht, sich einige Hausjuden zu kaufen. Diese werden dann in alle Welt geschickt, singen das Lob der Judenfreundlichkeit ihrer Herren in allen Tonarten, lügen und verraten ihr unglückliches Volk nach besten Kräften. Der Sozialist Liebermann, dieser Schandfleck seiner Partei, wird schon in London erklären, daß die entlassenen jüdischen Beamten Verbrecher sind, oder er wird, weil es einfacher ist, einfach leugnen, daß überhaupt jüdische Beamten entlassen wurden. Diese feilen jüdischen Gesellen sind für alles zu haben und bilden die kräftigsten Stützen der polnischen Judenpolitik. Achad Haam über den jüdischen Staat. Achad Haam hat an die amerikanisch-jüdjsche Presse, ein Schreiben gerichtet, in welchem er sie davor warnt, aus Sensationslust die Volksphantasie durch übertriebene Meldungen über die Verwirklichung des zionistischeu Programms zu entheben. Sie bringt, sagt er,, durch ihre Berichte das Volk zum Glauben, daß in Kürze — in einigen Tagen, Wochen oder Monaten — Palästina unser sein wird, ein richtiger jüdischer Staat, in welchem Hunderttausendc Juden, die ihren Leiden entrinnen wollen, unter ihrer nationalen Fahne Rettung und Ruhe finden werden. Es scheint, daß niemand sich der großen Gefahr bewußt wird, welche diese Berichte für die Massen im Galuth wie auch für unsere nationale Arbeit in Palästina bilden. Wenn ich auch überzeugt bin, daß die in der Macht Seienden ihre gegebenen Versprechen erfüllen werden, so dürften dennoch Jahrzehnte vergehen, bis wir mit Recht einen tatsächlichen ״Jüdischen Staat" werden fordern können. Im Verlauf dieser Uebergangszeit, bis wir die׳ Mehrheit im Lande erringen, müssen unsere wichtigsten Eigenschaften, Fleiß und Geduld sein. Mit offenen Augen, und ruhigem Sinn müssen wir den vor uns sich auftürmenden Berg besteigen, mit genauen und abgemessenen Schritten, mit unaufhörlichem Fleiß und Geduld, ohne Rücksicht auf Tage und Jahre. Mit bw- Träumen richtet man ein Volk nicht wieder auf.-" Achad Haam schließt mit der Bemerkung, wenn man auch die Höchstzahl der Palästina-Immigranten derzeit mit Sicherheit nicht bestimmen könne, glaube er doch nicht, daß bei dem zu erwartenden Emigrationsstrom aus den östlichen Ländern alle Emigranten Lebensunterhalt in Palästina werden finden können. Ueber die eventuellen Folgen wolle er lieber nicht sprechen; ״wollen wir hoffen, daß uns der Gott ZionS vor diesem schrecklichen Unglücke bewahren werde". Boreesponäenzen. Eibenschitz. Der 80te Geburtstag des Rabbiners Herrn Dr. Hermann H a n d l, der .seit vielen Jahren auch Ehrenbürger der hiesigen isr. Gemeinde ist, gestaltete sich für die ganze Gemeinde zu einer Kundgebung herzlichster Anteilnahme. Am 9. d. M. fand ein Festgottesdienst statt, bei welchem der Jubilar von der blumengeschmückten Kanzel in tiefer Ergriffenheit eine Ansprache an die Gemeinde hielt. Nach dem Gottesdienste geleitete eine Deputation Sr. Ehrwürdcn in das Gemeindehaus, wo nach einer Begrüßung durch Herrn Kultusvorsteher Stern, Herr Kultusrat Jellinek in tief empfundenen Worten dem Danke der Gemeinde für das verdienstvolle Wirken ihres Seelsorgers in Tempel u. Schule und ihren innigen Wünschen für sein Wohlergehen warmen Ausdruck verlieh. Nach Ueberreichung einer Ehrengabe teilte Herr Kultusrat Jellinek mit, daß die Gemeinde die Errichtung einer «Dr. Hermann Handl-Stiftung" beschlossen habe. Auch sonst bekündeten zahlreiche Glückwünsche von Nah u. Fern die Beliebtheit, deren sich der Jubilar in allen Kreisen erfreut. Eibenschitz. (Jüdische Wählerversammlung.) Anläßlich der Gemeindewahleü die am 81. August in Ei- ״ benschitz stattfinden, berief der Eibenschitzer jüd. Volksrat für Donnerstag, den 14. August, eine Wählerversammlung ein. Nach Begrüßung' der zahlreich erschienenen Wähler durch den Obmann des jüd. Volksrates Herrn Dawid Sinaiberger, ergriff Herr Dr- Gustav K o h n, Sekräter des jüd. LandesvolksrateS in Brünn, das Wort. In einer längeren, durch minutenlangey Beifall unterbrochenen Rede, erläuterte er die Wich-

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