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Jüdische Volksstimme · 1919-08-22 · Heft 24 (22.8.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 24 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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s Nr 24 fische *»Mfnmmt* Veite 3 wenn die in der Heimstätte lebenden Juden vollständige politische und wirtschaftliche Freiheit errungen haden, wenn sie, der lähmenden Sorge um das tägliche Brot enthoben, unter Aufblühen jüdischer Kultur eine Stütze sein werden für die in der Diaspora lebenden Brüder.- Selbstverständlich müssen wir, da wir doch nicht bloß Palästina arbeit treiben-dürfen, in der Diaspora dieselben Prinzipien mit aller Energie verfechten wie für Paläistna; denn nichts könnte uns so sehr schaden, wie einseitige Betätigung für Palästina, da wir einerseits dadurch alle Juden, die in der Diaspora verbleiben wollen oder müssen, der Assimilation preisgeben und andererseits das Recht auf den Boden in allen Ländern, in denen wir als Minorität verbleiben müssen, aufgeben würden. Also auch in der Diaspora müssen wir nach einem freien Sozialismus streben, von der Voraussetzung ausgehend, daß ein wahrer, gesunder Nationalismus ohne Sozialismus ebenso unmöglich ist, wie ein Sozialismus, der sich über alle Rassengegensätze hinwegsetzen will. Daher müssen wir mit dieser veralteten Anschauung brechen, daß die nationaljüdische Partei eine Bourgoispartei sei. Wenn sie wirklich eine moderne Volkspartei sein will, muß sie auch fozialunsch sein. Ebensowenig darf daher die jüdischnationale Partei auf dem Grundsatz dey KavitalismuS fußen, wie ejne jüdischsozialistische Partei auf dem bloßen Standpunkt des Klassengegensatzes basieren darf, da an und für sich schon bei der heutigen politischen Lage das Proletariat einer nationalen Minorität sich nicht allzusehr auf die internationale Solidarität verlassen kann und speziell jedem wahren Nationaljuden sein Volk höher stehen muß, als ein großen Schwankungen ausgesetzter und leicht in Brüche gehender Klassenbegriff. Wir Nationaljuben müssen staher national, aber nicht chauvinistisch, und sozialistisch, aber nicht marxistisch sein, wenn wir aus einer Epoche, die leicht eine Krise des Zionismus werden könnte, wie sie eine Krise des Sozialismus wurde, durch Verbreitung,von Klarheit über unsere Ziele uns retten wollen. * * * Es wäre im Interesse der nationaljüdischen Sache sehr angezeigt, daß. sich alle Anhänger der Ansicht, daß eine wahre nationale Volkspartei zugleich frei-sozialistisch sein müsse, innerhalb der bestehenden nationalen Organisationen zusammenschließen, um den bourgoisen Assimilanten einerseits und den internationalen, marxistischen Assimilanten andererseits kundzutun, daß wir eine Partei sind, die einen gesunden Nationalismus und einen gesunden.SozialiSmus in sich vereinigt und würde diese Klärung der jüdischnationalen, bezw. zionistischen Partei von großem Nutzen sein. Fr. Sch..z. müssen wir sympatisch gegenüberstehen. Diese Ideale l Und trotzdem ist sowohl bei uns als auch bei anim Sozialismus sind auch von zionistischer Seite oft! deren Völkern die Zahl derjenigen gewachsen, die diese genug anerkannt und gewürdigt worden. Weizmann Bewegung sehr ernst nehmen und sie für realisierbar und Sokolow, die zionistische Leitung, treten für die ׳ ansehen. Ja, der Zionismus ist politisch — börsefähig Sozialisierung des palästinensischen Bodens ein. Max^S*worden: die Diplomaten, die bekanntlich nur das Brod und mit ihm die jüdischnationale Presse kämpfen Seiende, das Sinnfällige anerkennen, ziehen ihn in und ringen für die Sozialisierung des Zionismus. . ihr Kalkül. In. diesem Stadium der Sozialisierung des Zionismus finden sich Juden, die zwar von Idealen durchdrungen, der zionistischen Führung vorwerfen, sie nähme den Sozialismus zu wenig ernst, weil der Sozialisierungsprozeß unserer Bewegung ein zu langsamer wäre. Sie ziehen es vor, an der Solidarität mit dem Proletariate der Welt fester zu halten, als an der Solidarität mit unserem jüdischen Volke. Die Partei, die diesen Standpunkt einnimmt, die Partei der Poalezionisten stützt sich in ihrer Argumentik lediglich auf Ideale, und weiß mit denselben auch einen Großteil unserer jugendlichen Enthusiasten zu begeistern. Der nüchterne Politiker aber vermißt in dieser Partei jede Spur einer politischen Konsequenz. Der erste Grundsatz der jüdischen Politik war von jeher, der Grundsatz der Neutralität zwischen' streitenden Nationen. In der heutigen Zeit muß dieser Grundsatz erweitert werden; wir müssen auch Neutralität zwischen streitenden Klassen, zwischen Kapitalisten und Proletariern wahren. Wie wir den nationalen Chauvinismus bekämpfen, so müssen wir auch gegen jeden Klassenchauvinismus sein.. Die Folgen der verfehlten Politik der Poale Zion, die dieses Grundprinzip nicht Welcher Umstand hat es nun bewirkt, daß die derzeit Mächtigen der Welt unsere Bewegung anerkennen? Doch wohl die Tatsache, daß wir in den 30 Jahren des Zionismus eine Probe geliefert, daß wir für Palästina Opfer zu bringen bereit sind. Ich will gleich hinzufügen, daß ich vornehmlich die realen menschlichen Opfer im Sinne habe und nicht die materiellen; die Menschn, die aus nationalem Idealismus mit ihrer Vergangenheit gebrochen und in Palästina durch ihren Schweiß und ihr Blut dem ״wüsten" Lande Oasen entrissen haben. Unsere Opfer sind zwar noch sehr gering im Dergleich zu dem Endziel und den Opfern, die andere Völker für ihre nicht so umfassenden und in ihr Leben so radikal eingreifenden Ziele gebracht haben. Wir haben der Welt eine Stichprobe geliefert von dem in uns noch lebenden starken nationalen Willen:' wir zeigten, daß wir in Verteidigung unseres nationalen Gutes — im primitivsten Sinne, wie eine Kuh, eines Pferdes etc. — ohne weiteres selbst unser Leben in die Schanze zu schlagen vermögen. Diese Stichprobe ist klein und doch unendlich groß: sozialistische Arbeiter, der ״Schomer" hat nicht einmal sein Leben beachtet hat, machen sich auch bereits deutlich bemerk-1 hingegeben, wenn es galt, die von Beduinen geraubte bar. Sie sind ungefähr dieselben, wie die der Politik der j Kuh oder das Pferd des ״Bourgeois", des jüdischen Kodeutsch- oder tschechischnationalen Juden. Die Sozialloniften, dem Räuber abzuschlagen. Wie mächtig mutz demokratie akzeptiert Wohl die Mithilfe der jüdischen , der nationale Wille bei diesem oft sozialdemokratischen. Genossen, fühlt sich aber in keiner Weise dafür zu Dank' marxistischen Arbeiter gewesen sein, wenn er den verpflichtet, und sozialdemokratische Organe gestatten ן »Klassengegensatz", die ihm eingefleischte marxistische sich in letzter Zeit häufig antisemitische Ausfälle. Hier Theorie zu überwinden und das Opfer als ein.Selbstwie überall, bestätigt sich die alte Erfahrung, ddß man, verständliches zu bringen vermochte, uns nur solange duldet, als man uns braucht, uns׳ Diese Opferfähigkeit ist die ^Kreditbasis" unserer später aber mit Füßen tritt. Bewegung, wenn auch natürlich äußere politische Er- Sozialismus und Zionismus. Von Siegmund 1l r a b i n, Gablonz. Jüdische Volkspolitik zu machen ist schwerer als jede andere. Die Interessen der Völker stehen einander schroff gegenüber, und wer sein eigeneS waren will, oder auf Erwerb ausgeht, der mutz Bündnisse suchen, und Gruppen beitreten. Ans ist diese einfache und bewährte Methode versagt, denn jede Macht hat ihre Juden, die ihr gewissermaßen als Geiseln für das Judentum dienen. Max Nor dau. Unter dem Titel, den ich heute an den Kopf meiner Ausführungen setze, ist schon soviel geschrieben und gecedet worden, daß ich es wohl nicht mehr nötig hätte, wchmalS dasselbe Thema anzuschneiden, wenn ich den Standpunkt aller jener Äutoren teilen wollte, die le- ,iglich moralisch-ethische Momente in Betracht ziehen. Wohl kann und will ich nicht die eminente Wichtigkeit »erselben im Zionismus leugnen; moralisch-ethische Momente waren es, die in der Form des Messianismus ras Judentum bis auf den heutigen Tag erhalten jaben. Wenn wir uns aber fragen, was den Zionidnus vom Messianismus unterscheidet, so sehen wir, >aß der Zionismus außer auf moralisch-ethischem auch mf politischem Boden steht. So will ich nun heute den nüchternen Politiker, und nicht den schwärmerischen Idealisten das so viel erörterte P/oblem, des VerhältniffeS zwischen Zionismus und Sozialismus, von seinem Standpunkt betrachten lassen. In einem Zeitpunkte, wo ein Großteil der gesamm Kulturwelt, von einer Geistesrichtung wie es die ozialistische ist, revolutioniert wird, ist es natürlich, daß mch Wir uns mit derselben beschäftigen. So hat man mch wirklich bald gefunden, daß die Befreiung des be- »rückten Proletariates sehr lobenswert ist. Auch der Kampf gegen den nationalen Chauvinismus, den jeder renkende und ehrliche Kulturmensch verdammen muß. Der jüdische Politiker setzt die Ideale des Sozia- Wägungen bei der Anerkennung mitausschlaggebcnd lismus nicht hintan. Aber er weiß, daß wir frei sein■: oder gar entscheidend gewesen sind, müssen vom Chauvinismus jeder Klaffe, sei sie kapita-! Diese׳ echt altjüdische Fähigkeit zu Opfern ist nun listisch oder proletarisch. Er weiß zwar, daß der Soziadas wesentliche Mittel zum Aufbau unseres Volkes lismus die Bewegung der Zukunft ist, aber er muß und Landes; sie muß ins unendliche gesteigert werden, auch wissen, daß die Kraft des Kapitalismus so wollen wir ernstlich den Zionismus realisieren. Und sie schwach sie auch sein möge, immer noch stark genug ist ein innerer Faktor, von außerhalb unseres Volksbleiben wird, um Juden zu schaden. Er weiß, daß wir organismus befindlichen Mächten nicht — oder nicht in im Kampfe der Klassen immer unsere Neutralität beentscheidender Weise — zu beeinflußen, tonen müssen und gegen eine Deklaration der 3ן־ז^מ0ז ' Betrachten wir einige Ausschnitte unseres künftischen Organisation als eine bürgerliche oder sozialistigen Lebens im eigenen Lande, um das Gesagte ansche Partei, wie es in letzter Zeit mehrfach geschehen. schaulicher zu machen. ist, feierlich Protest erheben. müssen.! Um ein normales Leben zu führen, müssen wir Dies ist der Standpunkt des wahren jüdischen Po-' eine Berufsumschichtung an uns vornehmen. Wir litikers nach außenhin, und dessen mögen wir uns immüssen einen großen Teil unseres Menschenmateriäls mer und überall bewußt sein. Im Inneren unserer den Vermittlerberufen, den uns so angewohnten und Bewegung aber, wollen wir uns nur eins vor Augen deswegen leichten, entziehen und der Landwirtschaft, halten: Die Ideale der sozialistischen Idee! der uns so lange schon ungewohnten und daher sehr schweren, zuführen. Wir meinen natürlich den selbstarbeitendes, selbst Hand anlegenden Landwirteberuf und nicht den Pächter, der die Arbeit anderer beaufsichtigt. Kann uns darin ein anderer, ein Nichtjude vertreten? Hiebei macht es natürlich keinen wesentlichen Von Dr. Chaim Tartakower. Unterschied, ob die Landwirtschaft primitiv-extensiv oder Obige Frage schwebt seit geraumer Zeit auf den na<$ Trietsch modernst-intensiv betrieben wird, in bei- Lippen vieler Juden und läßt sie nicht zur Ruhe komden Fällen muß der Jude selbst arbeiten. Wird dieses men. Je nachdem gute oder schlechte Nachrichten von schwierigste aller unserer Kolonisationsprobleme da- Paris kommen, ist unsere Stimmung hoffnungsvoll durch gelöst, daß uns die Pariser Friedenskonferenz oder stark gedrückt. . Palästina zuerkennt? Man sieht, unser Volk hält noch fest am alten Satz, Wir brauchen Milliarden für das gesamte Kolonider etwaß besagt, daß, wenn Israel den gerechten Weg sationswerk. Wer anderer als wir selbst, das jüdische wandelt, seine Arbeit für ihn von anderen geleistet Volk, wird sie uns verschaffen wollen, müssen? toürbc> j Wir benötigen für den Aufbau unserer Heimat, Diese Ansicht ist leider ein Beweis unserer Schwädamit sic für jeden Arbeitswilligen^ wohnffch^ werde che und soll entschiedenst bekämpft werden. Sie verschiebt das Problem der Wiedererlangung unserer Heimat, ohne die wir kein volles, Menschenwürdiges Volksdasein führen können, so recht ׳auf ein Nebengeleise. Sie besagt offenbar, daß wir all unser nationales Heil von außen, von der ״Gnade der Nationen" erwarten. Und gerade hier liegt das Entscheidende. ,Werden wir Palästina bekommen?" große nationale Kapitalien, d. h. solche, welche der ganzen Nation und nicht Einzelnen gehören und zu Gute kommen, und die wird eben das Volk aufbringen müssen. Dies ist keine bloß soziale, sondern eine eminent nationale Forderung: Palästina wird nur dann ein jüdisches Land werden, wenn sein Boden in der Hauptsache Juden gehören und zugleich von Juden bebaut __ ____ _ werden wird. Wir benötigen daher große nationale Der Zionismus erstrebt die Regenierung unseres! Kapitalien, um den vermögenslosen, aber arbeitswilli- Volkes durch Besiedlung unserer alten Heimat, auf der gen jüdischen Elementen es zu ermöglichen, wirklich wir aus einem Volk von Vermittlern zu einer Nation, die ein völlig normales, produktives Leben führt,'werden. Der Zionismus unternimmt etwas in der Weltgeschichte noch nicht Dagewesenes, wenn er ein Städter- Volk, das durch zwei tausend Jahre von seiner Heimat und Scholle getrennt lebt, zu einem die Urproduktion wieder ausübenden machen will u. zw. in einem ungewohnten Klima. Und wir begreifen es vollends, daß es viele Menschen gab und gibt, die dieses Unternehmen für Wahnsinn erklären. bodenständig zu werden. Dieses nationale Kapital ist eine nationale conditio sine qua non und wird daher 'beschafft werden müssen. Der Weg zu dessen Erlangung ist die Erziehung zu nationaler Opferfähigkeit. Ist diese schon durch die Tatsache der politischen Anerkennung unseres Rechtes auf Palästina allein gegeben? Wir find' ein Volk, das in verschiedenen Kulturkreisen lebt und daher stark differenziert und auch Vielfach diesen diesen Kreisen assimiliert ist. Wir wol- I

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