Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 24 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1 * \ r iäii .2 י1»?» ״Jüdisch« Kolksstrmme" M. 24 den immer die nationaljüdische Forderung nach einer Kurie und Kataster als staatsschädigend hinstellen, trotzdem aber es nicht scheuen Kataster und Kurie dort zu verlangen, wo es sich um ihre eigene Haut handelt. Vor dem ״sacro egoiSmo" weichen selbst Befurchtungen der staatlichen Raison. * # # Scheinbar tyar der Stand der ostgalizischen Frage an der Pariser Friedenskonferenz in den letzten Tagen ein ziemlich unklarer, da die Polen sofort eine spezielle ostgalizische Delegation nach Paris mobilisierten. Uns Juden, würde ja dieser Umstand allein wenig kümmern, wenn nicht die Tatsache, daß in dieser Delegation auch ein ״roter" Pole mosaischer Konfession als Mitglied gesessen ist. Dr. Löwenberg, ein Mitglied der polnischen Sozialdemokratie, hat es für notwendig gefunden, in die ostgalizische Frage aktiv einzugreifen und sich auf den Standpunkt der u l t r a-polnischen Lösung zu stellen. ׳ Löwenberg leistete den Polen wahrlich — Schergendienste, seinem eigenen Volke aber fiel er verraterisch in den Rücken. Es muß allerdings tragikomisch wirken, daß zwei jüdische Sozialdemokraten in die große׳ politische Welt Reisen unternehmen, um die Ehre des polnischen Volkes, welches selbst sie — ihre Verteidiger — geradezu höhnisch als Fremde betrachtet, zu retten. Dr. Liebermann, der Vertreter des jüdischen Proletariats in Przemysl, reist nach Paris, um die Pogrome zu dementieren, als ob die von den polnischen Pogromhelden gemordeten Juden, ihm, Dr. Max Lieberrnann,, so ohne weiteres ganz fremd gewesen wären. Dr. Heinrich Löwenberg reift wiederum nach Paris, um Ostgalißien für Polen zu retten und bedenkt gar nicht, welchen Schaden er dadurch uns Juden anstiftet, da die Ukrainer, der Großteil der ostgalizischen Bevölkerung, es nie,vergessen werden, daß unter jenen, die die Abtrennung Östgaliziens an ihren Erbfeind — die Polen — befürworteten, auch der Jude, Dr. Heinrich Löwenberg, wenn er auch sich selbst als Polen betrachtet, gewesen ist. Die Judenmassen lassen sich aber von diesen vereinzelten Verrätern nicht irreleiten. Sie verbleiben fernerhin neutral und wollen auch weiterhin um die Anerkennung ihrer Nation, Zusicherung ihrer mationalen Minderheitsrechte und Schaffung gesunder Lebensbedtngungen kämpfen. Jwri. Jüdischer Nationalsionismus. Gewaltige Erfolge hat die jüdisch-nationale bezw. zionistische Bewegung in den letzten Jahren errungen. Vor dem Krieg von Optimisten für möglich, von Pessimisten für eine Utopie gehalten, ist sie zur Wirklichkeit geworden, da viele Forderungen der national gesinnten Juden bereits bewilligt wurden, andere in kürzester Zeit durch den Friedensvertrag bestätigt und durch den Völkerbund gewährleistet sein werden. So ist die Hauptforderung aller Nationaljuden nach Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina als Kultur- und Emigrationszentrum so viel, wie feststehend und schon rüsten sich hunderttausende Juden aus den Ostländern zur Einwanderung und Kolonisation Palästinas. Ja, eS ist. noch schneller gegangen, als wir überhaupt gehofft haben und noch ist die Judenheit nicht genügend in ihren Ansichten geklärt und vorbereitet. Nebst den rein technischen und ökonomischen Fragen der.Besiedlung Palästinas ist ein Problem das bedeutend wichtigste, ein Problem, das vor der Besiedlung Palästinas unbedingt geklärt werden muß: die soziale Frage. Auf welcher wirtschaftlichen Grundlage soll der neue Staat aufgebaut werden, auf kapitalistischer oder sozialistischer? Wohin der Kapitalismus die Menschheit gebracht hat, haben wir ja am eigenen Leibe gespürt. Ihm haben wir nicht nur indirekt diesen furchtbaren Weltkrieg zu verdanken, sondern er war im Frieden schon das Hauptmotiv des Kampfes der einzelnen Menschen gegeneinander, des Kampfes um das tägliche Brot. % Wir selbst wissen ja, daß der größte Teil des jüdi^ schen Volkes aus hungernden Proletariern besteht und daß das jüdische Proletariat nicht nur die Qualen einer unterdrückten Klasse, sondern auch die einer geknechteten nationalen Minderheit überall erdulden ,muß. Sollen wir nun diese durch den Kapitalismus hcrvorgerufene Armut des arbeitenden Volkes auch in Palästina zulaffen, sollen wir zusehen, wie der heilige Boden unseres Stammlandes von einzelnen Kapitalisten in Besitz genommen wird und diese auch über alle Produktionsmitteln unbeschränkt verfügen, oder wollen wir, daß alle unsere Brüder das gleiche Recht auf den Boden haben und daß jeder den seinem Fleiß und seiner Geschicklichkeit entschrechenden Arbeitsertrag einnehmen soll? Nein, auf kapitalistischer Grundlage wollen und können wir nicht unser Palästina aufbauen, da die Not des jüdischen Volkes nicht in Palästina ihre Fortsetzung finden soll, sondern alle Juden, die dort als geschlossene Volkseinheit leben werden, volle politische und wirtschaftliche Freiheit finden sollen. Wenn also in unserem Emigrationszentrum nicht das System des Kapitalismus herrschen soll, müssen wir es auf sozialer Grundlage aufbauen. Einen freien Sozialismus müssen wir finden, der auf gerechter Verteilung des Arbeitsertrages basiert und dabei volle Freiheit jedem einzelnen Individuum gewährleistet. Ist das nun der Marxismus in seinen zwei Hauptvertretern, der Sozialdemokratie und der kommunistischen Partei? Abgesehen davon, daß bei der heutigen politischen Lage die Einführung einer Rätediktatur in Palästina unmöglich wäre, brauchen wir nur zu sehen, was die Sozialdemokraten in allen Ländern, in denen sie zur Herrschaft kamen, geleistet haben und was der Kommunismus in Ungarn und Rußland Gutes gebracht hat; er hat diese so reichen Länder vollständig zu Grunde gerichtet, Ströme Blutes sind geflossen, Proletarierblutes, und die Lage des arbeitenden Volkes hat sich in nichts gebessert; am Hungertuch nagen diese Völker, die im Besitze der fruchtbarsten Gegenden von ganz Europa sind, nicht einmal die - politische Freiheit ist 'ihnen geblieben, die Diktatur des Proletariates bedeutete nicht die Herrschaft des Volkes, sondern den Terror einiger Volksverhetzer. — Doch schließlich ist es in diesem Falle ganz gegenstandslos, ob der Kommunis- ״Ist ganz überflüssig. Ich kenne ihn gut! Er ist zwar des Mordes verdächtig, aber diesmal kamen ihm andere zuvor." ״Vielleicht bist du der Sache nicht genau nachgegangen?" ״Beide Mörder besitzen Merkmale. Der eine ging ohne Nase davon und der andere ohne den rechten Ohrlappen. An dem ersten vergriff sich meine Tochter mit ihren Zähnen. Wer an den Zweiten seine Hand legte, weiß ich nicht, vielleicht tat es meine Frau." Hnd der da?" Mr Jude warf ihm einen Blick voll Haß und Verachtung zu: ״Das ist nicht der Mörder meiner Tochter und Frau!" Der Richter ward verblüfft. Befahl er doch die Anklüger aufs Korn zu nehmen, da man geneigt war zu glauben, daß ihre Klageschrift bloß ein Akt von Vermutungen und Nachegedanken sei — aber jetzt sah er, daß bi. fer Jude da die Schärfe des Vergehens wegen falscher Zeugenaussage Wohl kenne und kein Haß in der Welt imstande wäre, feirfcn strengen Rechtssinn auf Abwege zu bringen. Er versank in Gedanken. Der Untersuchungsrichter Wassilij Mironowitsch Karpow war. zwar kein ausgerufcner Antisemit, aber er gehörte auch nicht zur Gemeinschaft der Judengönner. Er betrachtete die Juden stets mit einem eigenar- Ligen Mißtrauen. Er wußte zu gut wie weit unhaltbar die Anklagen des Antisemiten gegen dieses Volk vom Gesichtspunkte der Vernunft und des Rechtes sind. Sein Verstand sagte es ihm ja, daß man gar kein Recht habe, einem bedeutenden Teil der Menschheit, der eine bestimmte Reihe von Generationen hindurch an einem Orte gebaren und ausgewachsen, zu sagen: Ihr habet daran weder einen Anteil noch welche Crbansprüche, weil die Urahnen euerer Urväter hier nicht geboren worden sind. Er sah ein, daß wenn man so folgern würde, kein Wesen in der Welt dann irgend welches Recht auf Bürgschaft Nachweisen könnte. Daß auch die ökonomischen Ursachen des Juden- Halles keinen festen Stützpunkt besitzen, wußte er ebenfalls. Denn,׳ hätte man den Juden, die Wege zum schmachvollen Handel durch noch mehr ״Ukase" rrnd Verbote verräumt, und hätte man ihnen gleichzeitig die Möglichkeit geboten auf der Scholle festen Fuß zu fassen — o, dann hätten sie sicherlich den Ackerbau gewählt, anstatt einem Wunder das'Leben verdanken zu müssen ... Er machte sich's zum allgemeinen^ Grundsatz keinen Unterschied zwischen Nationen gelten zu lassen: Van zwei Uebeln wäklt man aewöhnlich das klein^re: Aber seiner Meinung nach haben die Menschen gar kein Recht den Juden den Handel aus der Hand zu reißen, da sie am Ende doch die fähigsten auf die- ״Hickl's Jüdischer BoMalender". mus bezw. Marxismus das ״Heil" der Menschheit bringen wird oder nicht, da die Kommunisten ja selbst zugeben, daß der wahre Kommunismus erst dann kommen könne, wenn alle Menschen des ״Gemeinsinns" sich befleißen, was jetzt sicherlich nicht der Fall ist und wir sofort für unser Emigrationszentrum eine freie, soziale Wirtschaftsordnung brauchen. Doch müssen wir lange nach einer geeigneten Wirtschaft suchen? In unserem eigenen Lager steht ja Franz Oppenheimer, der in seinen Werken eine großzügige Bodenreform dargelegt hat, eine Bodenreform, die auf dem System der Produktionsgenossenschaft basierend, auf dem gerechten Grundsatz aufgebaut ist, daß jedermann das gleiche Gebrauchsrecht auf den Boden besiht, der Boden aber, soweit er als Produktionsmittel in Betracht kommt, Gemeineigentum aller Volksgenossen ist, sodaß mit ihm kein Mißbrauch vno seiten einzelner Privatpersonen betrieben werden, das heißt, nicht allzugroße Ländereien in die Hand einzelner weniger gelangen können, sondern nur so viel, als jeder selbst bebaun kann. Auf die Industrie und den Handel erweitert finden wir diese Anschauungen einer freien Wirtschaftsform in den Werken Theodor Hertzkas. Dieser stellt folgende Richtlinicn für einen freien Sozialismus auf: Alle Produktionsmittel sollen sich im Besitze der Gesamtheit befinden, — womit nicht gesagt ist, daß das Privateigentum, soweit es nicht aus Produktionsmitteln besteht, aufgehoben werden soll —, aus der bisherigen fälschlich frei genannten Konkurrenz soll eine freie und gleiche dadurch werden, daß jeder von der Gesamtheit die für seinen Betrieb notwendigen Produktionsmitteln zinsenlos zugewiesen erhält; durch diese Maßnahmen wird bewirkt, daß die einzelnen Arbeiter nur durch Fleiß, Tüchtigkeit und Erfindungsgabe miteinander konkurrieren können und den ihrer Geschicklichkeit entsprechenden Gewinn am Arbeitsertrag erhalten. Da die modern organisierte Arbeit besser durch Arbeitsleistung und durch genössenschaftliche Arbeit mit immer weitergehender Heranziehung von technischen Hilfsmitteln geleistet werden kann, vertritt Hertzka in seinen sehr lesenswerten Schriften selbstverständlich das System der Produktivgenossenschaft. In jedem Betrieb sind die geistig und manuell arbeitenden die einzigen Nutznießer, damit aber diese nicht, wie früher die Aktionäre, die Arbeiter einer anderen Gruppe auSbeuten können, besteht das System vollständiger Freizügigkeit: viele Arbeiter eines unergiebigen Betriebes treten in einen ergiebigen ein; dadurch entsteht durch Unterproduktion eine größere Nachfrage nach dem Artikek des unergiebigen Betriebes, wodurch bei Anwendung der freien Konkurrenz dessen Preis steigt und der Arbeitsgewinn größer wird, während bei dem ergiebigeren Betrieb' genau das Gegenteil eintritt, dies alles ohne Eingreifen einer höheren, Gewalt anwendenden Macht auf natiirliche Art. Dies wären in kurzen Zugen die Ideen Oppenheimers und Hertzkas und wird durch diese die Macht des Staates immer mehr eingeschränkt, sodaß die einzelnen Menschen auch Wirtschaftlich frei sein würden, nicht nur politisch, wie bisher. Auf diese Weise würde Palästina reich werden durch fruchtbare Arbeit aller Einwohner, Freude würde endlich einmal auch bei unserem Volke einkehren sem Gebiete, ja die gewandtesten auf diesem Posten sind. Er wußte, daß all' diese Pogrome, wovon die Juden soviel zu leiden haben, nicht wie andere versichern, ein Protest der Menge gegen das Semitenvolk, sondern einfach das Werk Einzelner sind, welche mit falschen Nachrichten und frechen Lügen die ungebildete Masse verraten. Und trotz alldem sind diese Lügen noch immer nicht im stände, den Mob dazu yufzureizen, bis man ihm nicht materielle Vorteile und Vexantwortungslosigkeit , verspricht . . . Und auf solche Weise könnte man auch dieses rohe Gesindel dazu,bringen, Pogrome auf seine eigenen Brüder zu machen. Er wußte, daß es noch um vieles lächerlicher, sei Iludenmassakres ״der Religion zuliebe" wegen der Glaubensverschiedenheit zu veranstalten. Seines Erachtens ist das Wenige Gute, das sich in der Religion vorfindet, allein der ethische Teil derselben und wo in aller Welt wäre denn eine Religion, die nicht über ein gewisses Quantum Ethik verfüge. Und umsomehr die iüdische Religion. Wenn die zivilisierte Welt es nicht verschmähte an den griechischen Freiheitskriegen teilzunehmen, wenn Rußland selbst für die Bulgaren und Serben blutete, weil deren Vorfahren Religionsstifter oder Verkünder des Christentums waren, um wieviel mehr verdienen es die Juden vor Blutvergießen geschützt zu werden.