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Jüdische Volksstimme · 1919-08-15 · Heft 23 (15.8.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 23 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Beer fuhr auf. ״Sie glauben doch nicht am End, ich will Ihnen zureden? Wer sagt Ihnen denn, daß Sie mit dürften? Das ist mir noch sehr fraglich, Herr Legationssekretär! Wer auch nur noch überlegen kann, wem es überhaupt noch denkbar scheint, hier fortzuwursteln, wem Europa noch nicht unerträglich ist, der bleibt wirklich weiter hier. Wir könnten ihn dort nicht brauchen. Wir können nur den brauchen, für den es gar keine Wahl mehr gibt, für den hier nur der Tod, für den Leben nur dort ist . . . ... In diesem Europa, wo alles zum Geschäft geworden ist, finden sich unter einem Volk, dem ja seit Jahrtausenden nichts geblieben ist als das Geschäft, Männer, die für eine von vornherein verlorene Sache, an die sie selbst nicht glauben können, ihr Leben einsehen, bloß aus Pflichtgefühl, bloß um ihrem Volk ein Zeichen zu geben oder wenn Sie wollen: einen Mythus, an dem es seine gesunkene Kraft wieder aufrichten kann, bloß in dem Gefühl, daß ein so ungeheureS Opfer, so rein dargebracht, ja nicht vergeblich sein kann, daß ihm das Wunder antworten muß.׳ Wenn Sie's ganz genau wissen »vollen: ich glaub cm unsere Unternehmung nicht, gar nicht, aber ich glaube fest, sie wird der Anlaß sein, daß ci<t Wunder mit uns geschieht. An dieses Wunder glaub ich! Um das freilich zu verstehen, muß man ein gelernter mystischer Skeptiker sein, doch dazu haben SieJaum jüdisches Blut genug..." Minister Zrobar über die . Lage in der Slowakei. Der bevollmächtigte Minister für die Slowakei, . Dr. Vavro Schrobar, hat am 4. August in Turoc St. Martin die Beratung der slowakischen Gespane, Regierungsreferenten und Abgeordneten jdurch eine groß,- Rede über die Lage in der Slowakei eröffnet. In dieser Rede sagte er, nach dem Berichte der tschechischen Presse: ״Die magyarische Bevölkerung ist um ihre Spra> chenröchte besorgt. Wir haben ihren Vertretern erklärt, daß wir kein Interesse an irgend einer Slowakisierung haben, daß in den Volksschulen jeder Nation ihre Sprache Massen wird und daß wir in den Mittelschulen ein utraquistisches System einführen werden.- Ferner sagte der Minister:- ״Unsere Leute greifen "uns in ihren Zeitungen heftig deswegen an, weil in der Slowakei ein Schreckensregime gegen die Inden geführt, weil antisemitisch regiert werde und weil die Juden hier kein Recht haben. In der Slowakei werden die Juden nirgends verfolgt und wenn es doch der Fall ist, so kommt das daher, daß sie Kettenhönbler und Verräter sinjd, aber das widerfährt auch Christen im gleichen Maße. Die Juden waren die Ausbeuter und Aussaüger des slowakischen Volkes und beim letzten magyarischen Einfalle sahen wir, daß sich die Judenschaft nicht an die Gelöbnisse hielt, die sie der Negierung gegeben hatte, und sich unloyal benahm. Das bestätigen unsere Beamten und Soldaten. Staatsfeinde werden auf der ganzen Welt,bestraft. Während des magyarischen Einfalles mußten Internierungen vorgenommen werden, wobei es zu verschiedenen Uebergriffen kam, die aber durch die damalige Verwirrung ihre Erklärung finden. Die Mehrzahl der Internierten wurde auch berejts freigelassen. ״In der letzten Zeit wird gegen die Tschechen eine heftige Agitation betrieben, wodurch einzelne unliebsame Vorfälle mit Unrecht generalisiert werden. Es ist wahr, daß in der letzten Zeit die Beamtenkräfte, die aus Böhmen hierher kommen, minderwertig sind und sich verschiedene Uebergriffe zu Schulden kommen lassen. Der böhmische, in der Slowakei angestellte Beamte muß sich dessen bewußt sein, daß die hiesigen Verhältnisse ganz anders geartet sind, als im übrigen Teil der Republik. Viele Tschechen kommen hierher, wie in ein okkupiertes Gebiet, wo sie glauben, Beute machen zu können. Mit dieser Anschauung muß aufgeräumt werden." ״Es erwartet uns eine wichtige Arbeit und zwar die Volkszählung in der Slowakei, die in der nächsten Zeit durchgeführt wird, Wir konnten sie nicht früher durchführen, da die Magyaren bei ihrem Einfalle das - gesamte statistische Material vernichtet haben. Binnen '14 Tagen soll auch eine Konskription der Trafiken und Lizenzen durchgeführt werden. Unser Vorgehen wird in dieser Frage von unserer gesamten Oeffentlichkeit und von ganz Europa kritisiert. Eine spezielle slowakische Frage ist die jüdisch-wirtschaftliche Frage. In dieser Hinsicht müssen wir wie ein Mann einig sein. In dieser Beziehung spielten bisher Privilegien die Hauptrolle. Wir haben in der Republik alle Privilegien abgeschafft, also müssen wir auch heir diese Privilegien ״Mische DolkSstimme" Nr. 23. abschaffen, besonders da sie für Dienste gegen - die'Slo- Waken verliehen wurden, für von der magyarischen Negierung geförderte Denunziantcndienste. Die Aufrechterhaltung von Privilegien ist überhaupt unüemokratisch und es wäre unrecht, wenn diejenigen weiterhin belohnt würden, die uns hier schaden. Darum müssen wir piese Privilegien beseitigen. Upsere Wirtschaftliche Prosperität erfordert unsere Emanzipierung vom fremden magyarischen Kapital, das heute in der Slowakei die Herrschaft führt.". Und dabei beteuert Herr Masaryk immer und immer wieder seine Sympathie für die Judenheit. Was aber nützt uns die Sympathie des Führers, wenn sein Hintermann über seinem Haupt die Keule schwingt und sie auf uns niederfallcn läßt?!-Ein solches Vorgehen muß, wie Herr Schrobar richtig bemerkt, die Kritik ganz Europas Hervorrufen. Bangt ihm nicht davor? Fürchtet er nicht, daß die leitenden Männer der Entente, denen die politischen Mätzchen und Kunststückchen der verschiedensten reaktionären Regierungen bekannt sind, auch in dieser Stellungnahme zu Wirtschaftlichen Fragen die Unfähigkeit sehen, der Miß- Wirtschaft zu steuern und das Streben, den krassen ökonomischen Tiefstand des Landes zu bemänteln und der Unzufriedenheit der Bevölkerung ein Ventil zu schaffen? Glaubt er nicht, daß durch derartige Erklärungen und politische Schachzüge, die dem Rüstzeug eines russischen Staatsmannes der ״schwarzen Hundert" entnommen zu sein scheinen, die ״entente cordiale" der Wcststaatcn mit dieser Republik gar bald ihren hcrzlichcn Charakter verlieren werde? Welch' eine rührende Unfähigkeit zu regieren spricht doch aus den Worten, oaß die Juden deshalb verfolgt werden,!veil sic Kcttenhändler seien! Weil man den einen oder den anderen jüdischen Kettenhändler nicht fassen kann, werden eben die Juden verfolgt, ninsomehr, als sie 'sich ..unloyal benahmen". Ja will Herr Schrobar die Juden durch solche Maßnahmen zu anhänglichen Freunden seincr Regierung machen? Glaubt er, daß ei^e kleiye Verfolgung, ein kleines Pogr!ömchchen sie zu weiß-blauroten Slowaken Machen wird? Halte er jny doch stets bei Behandlung des Themas ״Jndcnfrage" den sehr richtigen Ausspruch des Min. ׳Schvehla vor, der sagte: ..Jedes Volk, jeder Staat hat die Juden, die es verrungsanstalten zu wählen, obwohl ihnen ein gesetzlicher Anspruch nicht zustchen würde, damit diesen Minoritäten Einblick in die Wirtschaftßgebahrung der städtischon Institutionen gewährt werde. Er schlug hiezu den Vertreter der jüdischen Minoritäten, Dr. Singer vor, der auch in das Direktorium gewählt wurde. Juden in der Prager Gemeinde- Vertretung. In der Sitzung des Prager Stadtrates vom 8. August wurde über ide Wohnungsnot und deren Behcbung beraten. Es wurde unter anderem beschlossen, drei große Häuser mit einem Kostenaufwand von 4V- Millionen Kronen zu errichten/ Bei dieser Gelegenheit wurde von national-sozialer Seite der Antrag gestellt, mit Rücksicht auf die Verlautbarung der Prager Polizeidirektoin betreffend die Abreise der Flüchtlinge, von den Behörden streng darauf gesehen werde, daß die Flüchtlinge tatsächlich alle am 20. August abreisen, damit das Wohnungsamt mit Rücksicht auf die Wohnungsnot die betreffenden Wohnungen gleich beschlagnahmen könne. Dazu ergriff Dr. Ludwig Singer, der Vertreter der jüdischen Minorität, das Wort und machte aufmerksam, dgß die Anzahl der jetzt in Prag befindlichen Flüchtlinge eine so geringe ist, daß die Abschaffung derselben auf die Wohnungsnot absolut keinen Einfluß ausübcn werde. Er betonte dabei, daß unter allen Umständen auf Kranke und Greise werde Rücksicht genommen werden müssen. Seine Ausführungen wurden mit allgemeiner Zustimmung zur Kenntnis genommen. Als von sozial-demokratischer Seite die Defraudationen in der städtischen Sparkassa zur Sprache kamen und beantragt Wurde, daß die Direktoren dcrselben abberufen werden, wandte sich Dr.' Singer dage- 'gen mit der Begründung, daß das Direktorium an diesen Defraudationen schuldlos sei und diese Abberufung eine unverdiente "Kränkung bedeuten Würde. Dagegen stellte er den prinzipiellen Antrag, daß allen Funktionären, die ihre Funktionen noch vom alten Kollegium übertragen erhielten, und sie nach dem Statut auch über die neue Wahlperiode hinaus ausüben, zu bedenken gegeben wird, mit Rücksicht auf die geänderten Verhältnisse und das Proportionalitäts-Wahlsystem ihre Stellen dem Stadtrat zur Verfügung zu stellen. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Bei den Wahlen in die Gewerbekommission schlug Dr. Singer als Vertreter der jüdischen Gruppe Direktor Ottokar Bergmann vor, der auch gewählt wurde. Bei der konstituierenden Sitzung der städtischen Versicherungskomitees beantragte der Kommissions- Präsident Stepanek auch einen Vertreter der kleinen Gruppen in das Direktorium der städtischen Versiebe¬ Literatur und Wissenschaft. Bücherbesprechungen. Golus von David Rothblum. Jüd. Buchu. Kunstverlag, Max Hickl, Brünn. Vorausgeschickt sei: die Ehrlichkeit dieser Novellen und Erzählungen aus dem jüdischen Leben gewinnt unsere Sympathien vollends. Ehrlich und schlicht ist der Ton, in dem sie erzählt sind.- Echt und treu ist alles wiedergegcben, was die Leute im Krakauer Ghetto denken und dulden, sinnen und sagen, träumen und tragen... Wie sanfte Wölkchen am Himmel eines Herbsttages ziehen die Schicksale und Erlebnisse der stillen Ghettobewohner an uns vorüber. Stille, versonnene, gedrückte Gestalten. Gedämpft ist die Luft, gedämpft die Stimmen und Seufzer... Knaben, die wie Greise aus dem Cheder gehen. Blasse Jünglinge, die im Beth-Hamidrasch über dem Talmud hocken. Ein einsamer Bachur, der mit dem unseligen Dämon des Zweifels ringh. Ein volkstümlicher Idiot, der durch die Gassen irrt, Gelächter weckend und Erbarmen. Ein Mädchen, das von den Nonnen im Kloster dem verzweifelten Vater vorenthalten wird... Großvater beim Scdcr, wie ein silberhaariger König... Und die Kinder lauschen der tiefen Geschichte von dem seltsamen Packträger und glühen... - Es sind stille, schlichte Geschichten. Auch wenn sie sich zur Tragik' erheben, schweben sie in gedämpfter Stille hin. Da geht ein liebendes, junges Ehepaar auseinander, um eine schwere Sünde zu sühnen: die Beiden wechseln nur einige Worte in gedämpftem Ton, resigniert und leise, kaum hörbar. In diesem Verschweigen ihres von Aberglauben und Angst verursachten Jammers offenbart sich des Autors. Kunstsinn und Begabung. Man bedaurt nur, daß ihm daS Leben keine größeren, allgemeiner verständlichen Konflikte und Vorwürfe dargereicht. Denn nicht alle seiner No- Vellen und Skizzen stehen auf der Höhe; manche sind bloß lose Blätter, Alltagssachen, Feuilletons, aber keine ist banal, auch wenn sie ohne Pointe ist! Auch die geringste rst noch wie ein Fenster, durch daS wir in die eigentümliche, anheimelnde Ghettowelt blicken. Man fühlt: Rothblum kettet sich menschlich an die Figuren, die er zeichnet. Er hat sie in seiner Kindheit gekannt und geliebt, mit ihren Tugenden und Fehlern, mit ihren Träumen und Gedanken. Und diese seine Liebe teilt sich uns mählich mit. Am Ende ists gar unsere eigene Großmutter, die in weißes Linnen gehüllt, beim Borschtsch sitzt und sinnt? Und fast unwillkürlich wiederholen wir flüsternd die Frage: ׳ Warum Großmutter Barschtsch so salzig schmecke? Eines vermißt man leider in diesem Buche: den Humor. Leise Ansätze hiezu finden wir nun in dem schönen ״Indian", der stellenweise wie eine Maupassantsche Erzählurig anmutet und bloß wegen des rabbinistischen, allerdings ins Menschliche umschlagenden Schlusses auf einen engeren Leserkreis angewiesen ist. Dieser fließend und kräftig erzählten Geschichte reiht sich würdig die größte Novelle des Buches an: Awromele Chasens Glück und Ende. Und fehlt auch die pshchologische Vertiefung des Motivs, so geben wir uns doch dem Zauber der Geschichte hin, die der blinde Abba den Jungen im Beth-Hamidrasch an einem Ellulabend zum Besten gibt. — Mit einfachen Mitteln erzielt Rothblum Wirkungen, wie in der ״Gesck״' betitelten Skizze, die historischen Sinn bekundet und den Polen eine Lehre erteilt... Die'-Sammlung enthält auch einige Stimmungsbilder von poetischer Schönheit, um nur ״Die Märchen meiner Mutter" zu erwähnen. Weniger nuanciert ist die Sprache in der knappen Skizze ״Jeruscholajim", allein hier wird durch die Prägnanz des Ausdruckes und die feine Symbolik der Natur die Stimmung aus der Enge des persönlichen Gefühls in die Sphäre des nationalen gehoben. Dr. M. Scherlug. Die religiöse Denkweise der Chaffidim von Paul Levertoff, Dozent am Delitzschianum in Leipzig. Dieses Werk ist als erstes in der Reihe der Arbeiten zur Missionswissenschaft erschienen und bietet als Versuch, Berührungspunkte zwischen Chassidismus und Urchristentum aufzufinden, großes Interesse. Die chassidische Lehre erscheint hier in einer gänzlich neuartigen Beleuchtung. —,Preis K 19.50. — Zu beziehen durch M. Hickl Verlag Brünn, Adlergaffe 9.

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