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Jüdische Volksstimme · 1919-08-15 · Heft 23 (15.8.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 23 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 23. ״ILVWe VsttSftlMMtvrtte 3 Zöglinge der verschiedenen Jeschiwoth der damaligen Schon fließt das Blut in Strömen an fluchbeladenen Kulturstaaten Mitteleuropas und Polens, die die Führung dieser Abwehrsbewegungen übernahmen. Und als in der Neuzeit unser Volk an einer Krifis angelangt zu sein schien, und wieder^ ein helfender Eingriff nötig war, da waren es wieder die jüdischen Studenten und Jünger, welche ihre Scharen zur Verfügung gestellt haben. Die Zöglinge der Jeschibot, vor allem aber die der modernen Schulen waren es, welche in Erkenntnis der Gefahr dem Rufe Herzls folgend zur wackeren Verteidigung herbeieilten; und welche schönen Erfolge haben wir bereits erlebt und noch zu erwarten von diesen Enthusiasten, die das Leben mit seinen Kleinlichkeiten, mit seinen Konpromisseleien und Berzichtleistungen nicht kennen, und daher alles vermögen. Fürwahr, getrost kann unser Volk sein, wenn es auf diese seine treuen Söhne in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufblickt. Sie werden das in fie gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen, wie eß die einstigen jugendlichen Eroberer des Kanaanlandes, unter der Leitung Moses und Josuas nicht betrogen haben. WaS aber zu wünschen wäre ist, daß die mo° derne jüdische Studentenschaft wahren jüdischen Geist aus dem jüdischen Urquell in sich aufnehme, damit sie nicht .bloß nationale Arbeit im Sinne einer Imitation andersnationalen Wollens, im Sinne einer Uebersetzung aus dem Deutschen, Französischen usw., sondern jüdisch-nationale Arbeit im Geiste unserer großen -prophetischen tanaitischen und rabbinischen Vergangenheit leiste. Diese Arbeit allein ist geeignet uns zum Ziele zu führen, zur restlosen Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland! Abraham Kohane. Schuld und Sühne. Umgedichtet nach der hebr. Elegie "יום אב&י הכבדתי׳, aus dem Buche der Kinoth. Von Bernhard Zupnik. Des Volkes Sündenlast, sie doppelt ward erschwert, Als durch Prophetenmord der Tempel ward entehrt. Im Tempelhof das Blut — es wallet, schäumt und gährt. Nicht könnt' es eintrocknen, nicht deckt es zu die Erd'; Nicht könnt' zur -Ruh^ es kommen — bis kam des Fein- , des "Schwert, Bis nicht der grause Frevel gar furchtbar ward gerächt: Er häufte Leid und Jammer aufs sündige Geschlecht. Es waltet und es brauset, wie sturmgepeitschte Flut, Es frug der Heiden Feldherr: ״Was ist das mit dem Blut? Sagt's mir Ihr Tempelpriester — Ihr wißt's nur allzugut!" — .. Das kommt von Altartieren, verzehrt von Altars Glut." Viel Lämmer und viel Rinder er schlachten lassen tut: ״Ich will es mal versuchen, ob's doch nicht einmal ruht; Ich wüßt sonst nicht wahrhaftig, was ich darüber dächt'." Er häufte Leid und Jammer aufs sündige Geschlecht. Nicht stiller ward das Blut, es wallt und braust und Lischt, Ob's auch mit neuem Blute so reichlich ward vermischt; Es steigt und steigt nur höher der dampfend rote Gischt. — ״Welch dumme Mär', Ihr Priester, habt Ihr mir aufgetischt! Schon kenn' ich das Verbrechen, das Ihr mir nie derwischt; Nun sei mit andrem Blute dies Blutbad aufgefrischt: Ergreift zuerst die Priester, am Ort sie niederstecht. Die Blutschuld zu versöhnen — das find' ich nur gerecht: Könnt' ich es nicht vollbringen — ich nimmer ruhen möcht'. Er häufte Leid und Jammer aufs sündige Geschlecht. Los ging dann ein Gemetzel, die wildste Schlächterei; Zuerst kam an die Alten, an die Jungen dann die Reih'. Es hallet gräßlich wider der Mütter Angstgeschrei, Sie gleichfalls abzuschlachten, man schleppt sie bald herbei; Nicht stille ward das Blut, tobt immer wild aufs neu: Das ist die Frucht der Tat so sündhaft und so schlecht. Sie häufte Leid und Jammer aufS sündige Geschlecht. Und weiter, immer weiter, es toht der wilde Mord, . Ort, Doch will cs nicht verstummen, es brauset fort und fort. ES stand der blut'ge Wüt'rich ganz starr vor Schrecken dort, Dann wandt' er sicki zum Himmel mit wildem, trotz'gcn Wort: ״Genug der Hekatomben, gesühnet ist das Recht. Wär's Dir denn lieb, wenn ich das ganze Volk umbrächt'?" Er häufte Leid und Jammer aufs sündige Geschlecht. N e u - S a n d e z, Ab 1919. Die Bedeutung der hebräischen Sprache im gegenwärtigen Augenblick. Ansprache der Herren Slatopolsky und Ussischkin in einer Londoner Versammlung. Die englische Zionist Federation berief für den 27. August eine Versammlung im East End von London, in welcher Herr Slatopolsky über Hebräisch, und die palästinensische Kultur referierte. Herr Ussischkin präsidierte der Versammlung. Slatopolsky führte aus: In der ersten Periode des Zionismus nahm die hebräische Sprache in der zionistischen Ideologie denselben Rang ein wie die Kolonisation Palästinas. Zu gleicher Zeit mit der Expedition der Bilu entstand in Rußland der Haschiloach unter der Leitung Achad Haams, und Ben Jehuda begann seine Propaganda für das gesprochene Hebräisch. In den ersten Jahren des Kongreß-Zionismus aber trat die Bedeutung des Hebräischen zurück. Die Kongreß-Zionisten verkannten die Bedeutung der Kolonisgtion Palästinas und die Bedeutung der hebräischen Kultur zugleich. Das ging so weit, daß das stenqgrafische Protokoll der ersten Kongresse vom Inhalt he-- bräischer Reden keine Notiz nahm und sich damit begnügte festzustellen, daß ein Redner hebräisch sprach. Wohin führte diese Politik? Auf der einen Seite nach Uganda, auf der anderen Seite zu Konzessionen an die jiddische Sprache. Dies war die Strafe für unsere Halbheit. Erst nach dem siebenten Kongreß begann man in zionistischen Kreisen gleichzeitig den Wert der' Kolonisation Palästinas und den Wert der hebräischen Kultur einzusehen. Aber noch immer ist die zionistische Forderung nicht radikal und rein genug. Man verlangt Hebraiscb nur für Palästina, halt aber die Hebräisierung der jüdischen Zerstreuung für unmöglich. Dies widerspricht aber unserer primären Forderung: der Einheit des jüdischen Volkes. Ein Volk muß eine Sprache haben. Die jüdische Schule muß in der ganzen Welt hebräisch sein; die russischen Zionisten haben dies bereits eingesehen. Vor etwa einem Jahrzehnt kämpfte noch Achad Haam mit dem jüdischen Bildungsverein in Rußland (Mefize haskala) darum, daß man wöchentlich um eine Stunde mehr behräischen Unterricht erteilen möge. Heute besteht in ganz Rußland die große Organisation ״Tarbuth", welche ein ganz hebräisches Schulnetz geschaffen hat. Slatopolsky berichtete über die Arbeit dieser Organisation, die er zum großen Teil geschaffen hat. Es gibt jetzt vier Lehrerinstitute in Rußland; außerdem eine ganz hebräische Jeschiba; in Odessa eine Hochschule für hebräische Wissenschaft, an der der Dichter Bialik wirkt; in Charkow und Odessa zwei Volksuniversitäten. In Moskau wurde an der berühmten Bühne des angesehenen Theaters von Stanislawski eine hebräische Bühne geschaffen, die so vorzüglich war, daß selbst die dem Hebräischen feindlich gesinnten bolschewistischen Zeitungen ihre Leistungen anerkennen mußten. Stanislawski selbst äußerte sich, jetzt sei die Bühne geschaffen, welche Stücke mit biblischen Stoffen aufführen könnte. Das hebräische Theater spielt dreimal die Woche. Ferner schuf der Verein ״Tarbuth" zwei Institute für Kindergärtnerinnen mit je 100 Schülerinnen, und einige hebräische Gymnasien. So stark war das Verlangen nach der Schaffung solcher Gymnasien, daß der Verein ״Tarbuth" davor warnen mußte, Gymnasien ohne entsprechend gute Lehrkräfte zu errichten. In der Ufxaina allein' errichtete der Verein 188 hebräische Volksschulen und 119 Kindergärten. Die Organisation hätte in der Ukrina allein 200 Sektionen. Alles dies wurde in einer Zeit unerhörter Leiden und Berfolgungen geschaffen. » Slatopolsky besprach sodann die Möglichkeiten der Kulturarbeiten anderen Ländern, bedauerte, daß es ׳n Amerika drei Millionen Juden nicht vermochten, eine einzige hebräische Tageszeitung zustande $u bringen, während es dort zehn Jargonzeitungen gibt." Er sprach über die hebräischen Lehrer-Seminare in Kowno upd Wien. Wenn wir nicht die Galuth hebräisieren würden, so wird die hebräische Kultur auch iy Palästina vor der Flut der Einwanderung nicht bestehen können. Solange hebräisch nicht gesprochen werden wird, wird die Jugend es nicht lieben, denn das Leben liebt das Leben und nicht das Tote. Innerhalb der zionistischen Bewegung müssen wir radikale Forderungen aufstellen. Wir begrüßen die neuen Genossen, die infolge von Balfour's Deklaration zu uns gekommen sind, aber wir müssen von ihnen verlangen, daß sie ununsere hebräischen Forderungen rückhaltslos annehmen, sonst kommen wir zu einem Bankrott. In der ganzen Galuth müssen hebräische Sprachkurse eingerichtet werden. Hebräisch sprechen ist heute viel wichtiger als hebräisch schreiben. In Palästina ist bereits festgestellt worden, daß nur derjenige das passive Wahlrecht hat, welcher des Hebräischen mächtig ist. Wir werden diese Forderung auch für den Kongreß erheben. Kein Abgeordneter darf zum Kongreß gewählt werden, der nicht hebräisch kann; kein Beamter in Palästina angestellt werden, der nicht hebräisch spricht. Nur diese heilige Kühnheit, diese Asuth dikduscha wird uns zum Ziel führen. Der Vorsitzende Ussischkin wies auf die Gefahr hin, welche das Hebräische rn Palästina in der nächsten Zeit ausgesctzt sein wird. Das Türkische war für das Hebräische keine Konkurrenz, weil die türkische Kultur unbedeutend ist; heute aber steht die Sache anders. Als kürzlich in Rischon le Zion englische Sprachkurse eingerichtet wurden, war kein Raum groß genug, um die Menge der Lernenden zu fassen. Wir lieben gewiß die Sprache Shakespear's und Byron's, aber eine Zeilb unserer Kultur muß uns teurer sein, als die größte Kultur eines anderen Volkes. In diesem Augenblick ist es 'eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe der englisch sprechenden Zionisten, daß sie in ihrer eigenen Mitte radikal die hebräische Forderung erheben. Das jüdische Volk weiß, daß es immer eine Minorität war und sich dennoch gegen die Majoritäten durchgesetzt hat. Auch im Zionismus wird sich die jüdische Minorität durchsetzen, wenn sie nur ihre Forderung radikal genug erhebt. Die Rotte Korahs*). . . . Beer fuhr auf: ״Was wissen Sie? Wen kennen Sie von uns? Was haben Sie von unserem Volke gesehen? Ich will Ihnen sagen, was Sie kennen! Die Juden? Nein, nein lieber Herr Baron! Woher sollen Sie die Juden kennen? Woher? Ich bitte! Bis ein Jud in Ihre Gesellschaft kommt, is er längst keiner mehr! Die gesellschaftlichen Juden! Tut sich ein ordentlicher Jud das an? Was kennen Sie von den Juden^ Nichts kennen Sie von den Juden! Ich will Ihnen sagen, was Sie kennen! Die Rotte Korahs kennen Sie! Wissen Sie?, die schon dem Moses so viel Uebelkeiten be-' reitet hat! Die sich gegen Moses und Aron gerottet hat, murrend: bestehet nicht die ganze Gemeinde aus lauter Geheiligten? Die Rotte Korahs, die Rotte der Anmaßenden, der Höhnenden, der ewig Mißvergnügten, der Gleichmacher, der Ehrfurchtslosen, die an keinen Unterschied in den Menschen glauben — ״warum der Moses? warum der Aaron?, wieso? warum grad er'?, warum nicht wir?, und was is mit dem Land von Milch und Honig?, wo?, was fließt?, nichts fließt!, und was schickt der Moses um uns?, wie kommt er dazu?, wir werden uns hüten!, wir gehen nicht hinauf!, soll er herab!, warum wir?, warum nicht er?" Diese Rotte Korahs, mit der sich Jehova selbst schließlich nicht anders zu helfen wußte, als indem er den Schlund der Erde auftat und sie verschlang, mit allen ihren Häusern, die zu Korah gehörten, und der ganzen Habe, diese Rotte Korahs kennen Sie, Herr Baron! Das ist das einzige, was sich heute in Europa von den Juden sehen läßt! Die Rotte Korahs schlägt ja die Brücke zwischen dem Orient und der abendländisch״ Zivilisation, es is die einzige Art geistiger Gemeinschaft zwischen uns und Ihnen! Wir aber brauchen diese Rotte Korahs, grad um unserer Bervollkomm-, nung, um unserer Heiligung willen brauchen wir sie, zum Abfluß der schlechten Säfte und alles verborgenen Gifts in uns brauchen wir sie, sie ist die Senkgrube für unS und Ihr holt Euch dann -a — die gesellschaftSfähigen Juden! Nein, Baron, kommen's mit nach Palästina, da können'S dann Juden sehen, wirkliche! . .Ich bleibe schon lieber hier", sagte Ferdinand leichthin. ״Geben Sie sich keine Mühe!" *) Aus Hermann Bahr's neuem Roman: «Die Rotte Korah»*. ״Hickl'K Jüdischer Bolkskalcnder".

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