Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 23 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622055--4054-2625312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-«tt 2. ^Jüdische Golksstrmme" 23 gyarische Oligarchenherrschaft und ihre Unterstützung durch die ungarischen Juden Stellung genommen und eine Lanze gebrochen für all' die national und sozial Unterdrückten in Ungarn. Die naturgemäße Reaktion gegen die Diktatur der oberen Zehntausend des ״Judäo-Magyarentums" in Ungarn war die Diktatur des ״Proletariates", recte Bela Kun und Genossen. Ueber die wahre ״Ursache" des ungarischen Zusammenbruches schreibt die ״Erkenntnis und Befreiung", das Organ der Herrschaftslosen Sozialisten, — zu deren Führern unter anderen auch der frühere Abgeordnete Viktor Zenker gehört: ״Wir trauern dieser unsäglichen Mißgeburt einer Verquickung von Staatskapitalismus, Oligarchencaesarismus And Pseudokommunismus nicht nach. Bedaucrlich und tief niederdrückend ist bloß, daß das, was nun kommt, keineswegs besser, vielmehr eine Wiederkehr des nackten, unverhüllten Prinzipes dessen ist, was wir in allen Ländern des Kapitalismus und Staates haben: die Monopolgesellschaft der Bourgeoisie. Aufrichtiger, offenherziger, demaskierter ist diese bestehende Gesellschaft, als die der marxistischen Diktatur, besser ist »sie keineswegs, wie auch diese nicht besser ist als das bestehende.". Die Idee des Marxismus ist eß, die heuchlerisch mit dem Namen Sozialismus sich deckt, aber das Volk von einer Seite ^>er Un- Wirksamkeit,«Energievergeudung und Unfreiheit nur auf die andere der Festigung des bestehenden Systems zu schleudern lveiß, es aber nicht aus demselben herauszuleiten im Stande ist. Bela Kun, der Caesar, ist gestürzt; es lebe der Caesar, die Diktatur Peidl — das ist aües, was Marxismus und Sozialdemokratie dem Proletariat zu bieten haben. Während diese Zeilen geschrieben werden, meldet aher der Telegraph, daß auch das Ministerium Peidl zurückgetreten ist, rumänische Truppen Pest besetzt halten und Juden geprügelt werden. Die Ereignisse überstürzen sich; auch die rumänische Bojarenclique hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, ihre großrumänischen Hoffnungen durch den Einzug, des Königs Ferdinand in Pest gekrönt zu sehen, sind gescheitert . . . Eben eingelaufene telephonische Mitteilungen verkünden einen neuen zweiten Umsturz in Ungarn, die Berufung Josefs von Habsburg zum Reichsverwescr Ungarns und die. Ernennung eines neuen — provisörischen Ministeriums- Alltäglich ändert sich also die Situation! Nur eines bleibt als fixer Pol, der sich steigernde Antisemitismus, eines tritt immer deutlicher zu Tage, der vollständige Bankrott der jüdisch-assimilatorischen Politik in allen ihren verschiedenen Parteiformen. Aeußerst sympatisch für die diesbezügliche zunehmende Erkenntnis und Bedeutung der national-jüdischen Ideen ist ein ..In Holleschau" betitelter Artikel des in Preßbürg erscheinenden tschechoslovakischen Organs ..Die Republik". Anknüpfend an den Holleschauer Prozeß schreibt ״Die Republik" unter anderem: Wir wiederholen noch einmal, daß es unter gar keinen Umständen eine Berechtigung zum Rauben und Morden gibt. Andererseits muß aber zugestanden werden, daß die politische Haltung des Judentums sowohl in Oesterreich wie in Ungarn in der Vergangenheit viele Fehler aufwies, die zu einer Vergiftung der Stimmung der unterdrückten Völker der ehemaligen Monarchie gegen Und siehe da -- allmählich verzogen sich die Wolken, denn die Pfeife des Heiligen trank sie alle herunter, und hauchte als sachte Kringelchen sie wieder aus.. Auch die grauen Nebel, die die Bergkuppen verhüllten, sog die Pfeife ein, und gab sie in kleine Thautröpfchen verwandelt, glanzschimmernd zurück. Sogar die wilde Windsbraut lockte das Wunderding in sein rotes Gehäuse, verschnürte ihr die weitgespannte Schwinge und ließ sie als zahmes Abendsäulchen von dannen flattern. Und es dauerte nicht lange, da lachte ein heiterer Himmel in das kleine Dörfchen herab, die Wasser verliefen sich, und die Wege wurden gangbar. — Dann zogen sie weiter... * Kein Laut durchschnifi die Stille, in die die Worte des Erzählers mit leisem Klange geheimnisvoll ficlen. Wie traumumfangen hörten diq anderen zu, und auf ihren Gesichtern, lag eine Sehnsucht und ein Heimweh nach jenen märchenschönen Zeiten der Wunder und der Gottesfürchtigkeit. . 1*1 ו mm das Judentum etheblich beitrugen . . . Anstatt sich selbstbewußt als Angehörige der jüdischen Nationalität zu bekennen, wurde die Rolle der Ränkepflanzen an den herrschenden Subrematien gewählt und die Fußtritte der Deutschen und Ungarn wurden ruhig Hingenommen, um nur an dem Nutzen der Suprematien teilzilnehmen. . . . Vergangene Fehler können nicht ungeschehen, aber in der Zukunft vermieden werden. Das Judentum ist eine Nationalität wie jede andere und Kat das Ne ln auf dieselben Rechte wie jede andere Nationalität. —h Judentum uud Völkerbund. Von Rechtsauwalk Dr. Karl Cohn, Altona. Vor dem Kriege haben wir an einer Hypertrophie ttmterieller Kultur gelitten, sofern man derartige Dinge überhaupt als Kultur bezeichnen kann. EiU Sehnen nach Erlösung aus dem Elend des Materialismus der Zeit ergriff alle feinfühlig Gestimmten; da kam der Zusammenbruch der Kultur. Die Hoffnung, das Geistige und Seelische, das alle Staatsgrenzen überbrückt werde wie ein Phönix aus der Asche aufstehen und der Welt den wahren Frieden bringen, war nicht gering. Dem Völkerbund, der der sichtbare Ausdruck des alle Völker der Erde umschlingenden geistigen Bandes sein sollte, galt alles Streben der Friedensfreunde. Das Ergebnis ist die Enttäuschung. Es gibt zwar ein Gebilde, das von den Schöpfern Völkerbund genannt wird. Dieses Gebilde ist aber bestenfalls nur eine schöne Form, der der Inhalt fehlt. Warum aber fehlt der Inhalt? Warum ist alles Hoffen die so geschaffene Form könne in absehbarer Zeit mit lebensfähigem Inhalt erfüllt werden, so verzweiflungsvoll? Wer geglaubt hatte, der Krieg tMde auch den Materialismus töten, sieht sich bitter enttäuscht; der Materialismus lebt selbst in Mitteleuropa noch; nur sein Gewand ist ein anderes geworden. Auch in Mitteleuropa lauft man dem Wahne nach, daß man nur die materielle Gestaltung der sozialen Erscheinungen, die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, umzugestalten brauche, um die Menschheit glücklich und vollkommen zu machen. Törichte Vorstellung! Letzten Endes ist es das innere Wesen aller einzelnen Menschen, das die sozialen Verhältnisse gestaltet. Nur wenn die Menschen gut sind, können auch die sozialen Erscheinungen gut. sein. Nur wenn die Menschen verträglich, von innerer Nächstenliebe erfüllt sind, kann der von ihnen getragene Völkerbund ein Bund der Verträglichkeit und Nächstenliebe sein. So lehrt das Judentum. Jetzt aber zäumt man das Pferd von hinten. Man sozialisiert die äußeren Lebensformen und wundert sich, daß die Menschen keine Engel werden, man schafft den Völkerbund und ist erstaunt, daß die Welt in Haß und Habgier sich verzehrt. An den beiden großen jüdischen Festen der Menschen- und Völkerversöhnung am ״Rosch-Haschonoh" und ״Jom Hakipurim" erbitten wir die' innere Um- Wandlung aller Wesen, bevor wir den Bund aller erflehen, und den Bunb aller können wir uns nur vorstellen gegründet auf dem ״mit ganzem Herzen" verrichteten Dienst des einzelnen für den Weltenzweck. Wir Juden kennen eben nur den einzelnen Menschen; für uns haben alle menschlichen Einrichtungen nur jnsoweit ׳Wert, als sie geeignet sind, den einzelnen Menschen emporzuführen zur Höhe wahrer Kultur, alles staatliche und soziale Leben überhaupt, alle Zivilisation hat nur dann Bedeutung, wenn das Geistig-seelische im Menschen, dadurch gefördert wird. Denn nur die geistig-seelische Höherentwicklung der Gesamtmenschheit bringt uns dem Ziele unserer jüdisch-messianischon Sehnsucht näher, dieser Sehnsucht des ewigen Friedens, des wahren Völkerbundes, aufgebaut auf das Gute und Liebe aller Menschen. . Sollen wir von diesem Messianismus erfüllten Juden angesichts der Gestaltung der Gegenwart verzagen? Der Jude wäre kein echter Jude mehr, der da auch nur kleinmütig würde in seiner Hoffnung auf den ״Moschiach". Hat er 2000 Jahre schon auf ihn gewartet, wird er auch noch länger warten können. Er wird, je düsterer die Zeiten sind, um so eifriger all seine Kräfte daransetzen, um Völkerbund und ewigen Frieden im Sinne des Judentums zur Verwirklichuna *זז bringen. Er wird darnach streben, die jüdische und die nichtjüdische Menschheit für diese Ideale zu erziehen. Er wird als Jude darnach trachten, das jüdische Volk von aller materialistisch angehauchten Macht und Jntereffenpolitik fernzuhalten. Er wird ferner in seinein eigenen Leben seine materiellen Interessen der jüdischen Idee absolut unterordnen und wird gerne wirtschaftliche Nachteile und soziale und politische Zurücksetzung für die Heilighaltung des zur Reinerhaltling des jüdischen Messianismus bestimmten Kamplexes der jüdischen Religionsvorschriften in den Kauf nehmen; er wird auf diese Weise der allmählich erwachenden Welt das Beispiel eines unter möglichster Ausschaltung materieller Interessen nur auf das geistigseelische gerichteten Lebens gewähren, um sie entweder durch das Beispiel oder auch durch unmittelbare Ein- Wirkung zu Trägern des jüdischen Messianismus zu erziehen, zu Menschen, die berufen sind, ״mit gan« zem Herzen" der Idee des wahren Völkerbundes und des ewigen Friedens zu dienen. Besinnt Euch auf Euer altüberliefertes Judentum, das seit 2000 Jahren schon Träger des jüdischen Messianismus war und ihn in einem in der Völkergeschichte beispiellosem Martyrium gegen alle Angriffe hochgehalten hat, und Ihr werdet die Baumeister eines VölkerbundeS sein, der nicht mit seinen morschen, aus Materialismus und Haß bestehenden Stützen, zufammenbrechen, sondern ewig bestehen wird. Ohne wahres Judentum, kein echter Völkerbund. Der jüdische Student und seine Bedeutung in unserer Geschichte Das Wissen bezw. das jüdische Wissen ist das Hauptideal unserer Geschichte und Schrifttums. Nichts steht in solchen Ehren wie das Wissen, das in der Bibel zwischen 2 Gottesnamen geschrieben steht (Berachot),,die Erkenntnis unserer geistigen Volksschätze, in welchen sich unser ganzes Wesen und Wollen offenbart und mit Rücksicht auf diese/ Bedeutung ist unsere alte geweihte Literatur voll des Lobes für diejenigen, die diesem Studium bestimmt sind und der Verachtung für die Anderen, welchen dessen Pflege außer Acht lassen. Unser Volk ist schwer und viel geprüft, und in seinen wechselnden Erfahrungen konnte es feststellcn, auf welche Elemente es zu allen Zeiten - überhaupt in Stunden der Gefahr, rechnen konnte. Nicht die ״Unwissenden", die ״Ame — Haarez" waren es, auf welchen es sich zu stützen vermochte. Denen war es immer ein Leichtes, ihrem Volke den Rücken zu wenden, wenn es ihr Interesse oder Bequemlichkeit erhejschte. War doch das, was sie aufgaben nicht etwas was mit ihrer Seele innig verloachsen, vielmehr eine Sache, mit der sie ganz lose zusammenhingen. Deswegen die übertriebenen Verdammungsurteile über diese treulose Schar der ״Gepuranten", die zufolge eines talmudischen Ausspruches gleich den Häringen zerrissen werden dürfen (Pesachim 49) etc. Aus diesen Kreisen hat sich immer, wie gesagt, das Kontingent der Verräter zusammengesetzt. In diesem Sinne spricht der Talmud von den Kindern Judäas, welche auf ihre Sprache Gewicht gelegt, und auf solcher Weise ihre ״Lehre" bewahrt, und im bewußten Gegensatz standen zu den Kindern Galiläas, welche ihre Sprache nicht gepflegt, und daher ihre Lehre eingebüßt haben (Ern- .Win 63). Unter diesen Letzteren ist die erste aus Zöllnern und sonstigen degenerierten Individuen bestehende Au- Hängerschaft des Christentums zu verstehen. Andererseits sehen wir keine übermäßige Rücksichtnahme auf Herkunft und Quelle des Studiums. Der gelehrte ״Bastard" hat den Vorzug dem ״unwissenden Oberpriester" (Kohen Jadal) gegenüber (Horajet 9). Und dem großen Talmudisten R. Meir hat man es zu verzeihen gewußt, daß er sein Wissen von dem verrufenen Griechling ״Acher" (״Elischah ben Abujah") schöpfte, weil er nach Ausspruch des Talmuds bloß den Kern genoß, die Schale aber wegwarf (Chaspoja 40). Kein Wunder, daß das Studium in den Augen unserer Alten hoch stand; denn es führte zur Betätigung des wahren Judentums («Gadol Talmud schemewi lide maasse"). Zn den Zeiten der höchsten Gefahr.römischerseits, hat man sich daher nicht gescheut das Leben zu opfern und die Autorisation junger Gelehrter durchzuführen, um die* * Kette der Traditio!! und geistigen Führerschaft fortzusetzen. Eine sdlche Zucht hat ihre Wirkung nicht verfehlt, denn diese Kreise haben jene Lehrer geliefert, welche unter Barkochba einen Verzweiflungskampf um die Existenz ihres Volkes führten. Iw erster Reihe war es die Schülerschaft Rabbi Akibahs, welche in diesem ungleichen Ringen verblutete. Und als sich weitere Kämpfe als aussichtslos erwiesen und ein anderer Plan der Volkserhaltung durchgeführt werden mutzte, — die Errichtung des berühmten Schul- Werks in Jabneh —, da toar es wiederum die Studentenschaft, welche den Grund stock desselben bildete. Auch in spättalmudischer gaonärscher und mittelalterlich-jüdischer Zeit, wo es gar häufig galt, die Volksexistenz zu verteidigen, waren es immer nur die ״HiLls jüdischer Bolkskalender".