Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 23 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jayrg. XX. Nummer 23 m , , vez«,»preise: halbjährig .Kronen 15 60 ganzjährig. Kronen 30׳— Deutschland, ganzjährig.Mark 20'— Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12׳ — Balkan, Frankreich . . . ..Frank» 24'— Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brunn, Adlergaste 8 Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig Inserate: dev ß-spaltige Zentimstervaum 2 K llnverlangre redaktionelle Beiträge «erden nicht ysno« riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufü-sn. Wien—Brunn. 18. /iugusl ISIS. IS. Ab 5679 Prag—Lemberg. M. Hickl'S Verlag, Brünn, Adlergaffe 9, Wien, 8. Bez., Lerchengaffe 6 a. ״Hickls Jüdischer Volkskalender" Soeben erschienen: Aus dem Inhalte: Preis 6 Kronen. Beermann, Dr., M.: Für stille Stunden. — Ein kleines philosophisches Märchen für große Kinder. Bialik CH. N.: Willst du wiffen. B l u m e n t h a l ^Hermann: Unter jüd. Landstreichern Fahn Rüben: Auf fremder Erde. Frischmann. D.: Die kupferne Schlange. F r u g S.: Simches toyre. * Gelber, Dr., N. M.: Aus dem inneren Leben der jüd. Gemeinden in Polen um die Wende des 18. Jahrhunderts. Günzig, Dr., I.: Israel Baas-Schem der Zweite u. Dritte.. Höflich Eugen: Der jüd. Volkssoziqlismus der Hapoel Hazair. Jehuda Halevi. Kanter, Dr., F.: Ein Rückblick auf das Jahr 5679. ״ ״ ״ Eine Unterredung mit Hamyn. König Ed., Geheimrat: Die Patriarchen und die Vielgötterei. Kur rein, Dr., A., Prof.: Ein siebzehnhundcrtjähriger Gedenktag. Müller, Dr., Ernst: Psalmen. Müller E.: Aus jüdischem Geiste. Neuburger, Dr., Max., Univ.-Prof.: Medizinisches aus den Werken des Flavius JosefuS. Reisen A.: In a finsterer Nacht. Scherlag Lorenz: Der blühende Baum. Tartakower, Dr., CH.: Werden wir Palästina bekommen? Wachstein B., Dr.: Ein Regensburger Grabstein in Eferding. , Weinbaum D.: Jüdische Landtage. Zlocifti Theodor: Erwachte Lieder. Feuilleton. Die Pfeife des Rabbi Israel. Skizze aus den Erzählungen der Chaffidim. Bon E. L. Der alte, verschrumpfte schiel Ähren, der in den Wundergeschichten der alten Zaddikim so gut Bescheid wußte, erzählte an einem trüben Winterabend im Kreise seiner Freunde die wundersame Begebenheit. •׳ ... Und Rabbi Israel kam mit seinen Getreuen in ein GebirgSdorf an. Schon auf dem Wege stiegen Wolkenmaffen am Horizonte, auf, und der verhaltene Athem eines nahon Gewitters lag schwerlastend über den Feldern, und zitterte durch die schwüle Luft. Kaum stieg Rabbi Israel in der Wirtsstube des Dorfes ab, da praffelten die ersten Regentropfen schon nieder, und das Gewit- 1er entlud sich auch bald mit Blitz und Donner und furchtbarem Getöse. Die Berge ringsum hüllten sich in dichte Schleier feuchtgrauer Nebel, und der sonst so still dahinfließend« Gebirgsftrom schwoll immer mehr und «ehr, «ud verkündete schließlich mit wildem Ge- Die politische Lage der Juden. Immer von neuem zeigt es sich, daß die in Mittel- sowie Osteuropa und am Balkan herrschenden Zustände unhaltbar sind und ein Provisorium das andere ablöst. Besonders in Bolen, Galizien und Ungarn gährt es bedenklich. Erbitterte nationale Kämpfe, antisemitische Exzesse, sowie Unruhen, die auf sozialrevolutionäre Beweggründe zurückzuführen sind, lassen jede Hoffnung schwinden, daß das polnische und ungarische ChaoS, an dessen Entwirrung nicht nur die Juden dieser Länder, sondern das gesamte jüdische Volk und speziell auch der tschechoslowakische Staat sehr interessiert sind, einer befriedigenden^dauernden Ordnung bald ( Platz ma-- chen werden. Die polnisch-ukrainischen Fricdensvcr- Handlungen verliefen bisher resultatlos> so daß die Ententediplomaten drohen, — falls es zu׳ keiner Einigung zwischen den beiden StrLitteilen käme, unabhängig von ihnen die polnisch-ukrainische Frage zu lösen. Unter den Ausbrüchen des Chauvinismus in beiden nationalen Lagern, der sowohl in Polen, Galizien als auch in der Ukraina zu greulichen Judenpogromen geführt hat, leiden die unter der wirtschaftlichen Not zusammenzubrechenden besitzlosen Schichten aller Volksstämme, welche an der Verbefferung ihrer Wirtschaftliehen Lage verzweifelnd, ins sozial-revolutionäre Lager übergehen. Natürlich werden auch dafür die Juden in ihrer Gesamtheit verantwortlich ' gemacht, obwohl das jüdische Volk als solches einerseits infolge seiner geographischen und andererseits infolge seiner Parteizersplitterung Anhänger fast unter allen nationalen, religiösen und sozialen Parteien besitzt. Die polnischen Chauvinisten, deren nationale Intoleranz sich in gleichem Maße für die Ukrainer und Tschechen, für die Deutschen und Juden fühlbar machte und die sonderbarerweise aber infolge der Unfähigkeit der meisten polnischen Politiker gezwungen waren, ausgerechnet dem früheren gemeinsamen österreichischen Reichssinanzminister Dr. Bilinski das polnische Finanzportefeuille zu übertragen (obwohl eine ziemlich starke Animosität zwischen den ruffischen Polen und ihren galizischen Konnationalen besteht), sind ganz besonders erbittert über jenen Passus des Friedensvertragcs, welcher dem polnischen Staate Verpflichtungen gegen seine nationalen Minoritäten auferlegt. Die Hieralls resultierenden Verpflichtungen verstärken ׳ noch in hohem Maße die im polnischen Volke vorhandene antisemitische Strömung und die immer von neuem auftauchende Pogromgefahr für die Juden. Der AntisemitiZmus der herrschenden polnischen Kreise hindert aber diese nicht, wenn es Ihnen paßt, auch als Schützer der Juden aufzutreten. In der jüngsten Zeit geschah dies bereits zweimal. Das eine Mal, als das in den letzten Zügen liegende Regime Bela Kuns, dieser sogenannten ungarischen »Juden"-Regierung, die Ausweisung der galizischen Juden aus Budapest anordnete. Der polnische Gesandte in Pest legte damals energisch einen geharnischten Protest ׳ gegen die Verletzung her Rechte polnischer Bürger durch Ungarn ein, nachdem kurze Zeit vorher die Respektierung der staatsbürgerlichen Rechte der polnischen Juden sich in — Judenpogromen auf polnischem Boden drastisch geäußert hatte. Das andere Mal trat der polnische Gesandte in Wien gegen die plötzliche Ausweisung der. galizischen Juden aus Deutschösterreich mit der interessanten Begründung auf, daß die Lebensmittelversorgung Wiens und Deutschösterreichs durch die Entente nicht nur mit Rücksicht auf die darbende deutschösterreichische Bevölkerung erfolgt sei, sondern auch die Verpflichtung der Versorgung der galizischen Flüchtlinge in sich schließe. Sapienii 8at. Jedenfalls zeigen alle diese Tatsachen die ״Erfolge" der assimilatorisch-jüdischen Politik in Polen genau so wie in Deutschösterreich.- Wie in Deutschösterreich und in Polen, so . zeitigt auch in Ungarn die Affimilation au fremdnationalc und fremdsoziale Programme dieselben traurigen Früchte, was die jüngste Entwicklung der Ereignisse drastisch beweist. * * Durch Jahrzehnte hindurch hat der Schreiber dieser Zeilen in Wort und Schrift rn. der ״Jüdischen Volksstimme", wie in anderen Blättern gegen die mabrause7°daß ihm sein schmales Bett zu enge geworden, und er sich anschicke über die grasreichen Wiesen die geichmeidigen Glieder, zu, dehnen. Das kleine, von Bergen umrahinte Dörfchen lag nunmehr vom feuchten Element ganz umgürtet, und von aller Welt abgeschnitten. Alle Stege und Dämme waren hinweggeschwemmt und alle Wege standen unter Waffffer. Rabbi Israel schaute Mit seiner ewiggleichen Seelenruhe — dieser edlen Goldfrucht, die nur auf dem Lebensbaume erlesenster Geister heranzureifon vermag —׳unverdrossen dem Naturschauspiele zu, und seine Gedanken befanden sich auf ihrer ewigen Wallfahrt zu den Quellen des Lichtes und des Erkennens. Zu seinen Jüngern aber gewendet, sagte er mit der ihm eigen gewesenen sanften Stimme: Und sehet Ihr, wie das Waffer alles im Umkreise deckt und mit stets erneuter Kraft über alles ringsum hinflutet; also soll die Liebe zum ״Heiligen gelobt sei Er" beschaffen sein. Aus den Urgründen der Seele muh sie hervorstürzen, und über alle Gefilde menschlichen Denkens und EmpfindenS sich ergießen, um jeden unlauteren Gedanken hinwegzuspülen, und alle Brücken, die zu irdischer Lust und Begierde führen, zu zerstören... Und so saß nun der weltbeschirmende Zaddik, wie ein Gefangener in dem kleinen Dörfchen und ließ nur ab und zu den verklärten Blick in die verschleierte Weite geduldig'gleiten, um nach dem Stande des Wetter« zu scheu. Nur eine Sorge vermochte Rabbi Israel doch nicht ganz fernzuhalten, und sie kräuselte, wie ein leichter Hauch, den glatten Spiegel seines Gemütes. Im ganzen Dorfe war kein Päckchen Tabak zu finden und in das naheliegende Städtchen konnte man nicht gelangen, und so mußte der Rabbi die alte, von seinen großen Llhnen ererbte Pfeife ungenützt dastehen laffen. Die Jünger, die um ihn waren, spürten in der Tiefe det Seele, wie sehr ihr Lehrer die Handvoll Tabak vermisse, und trübe Schatten glitten über ihre Züge, so sie der vereinsamten Pfeife ansichtig wurden. Vor dem Morgengebete aber sprachen sie flüsternd zueinander. Wie schwer der Verzicht auf die Morgenpfeife dem Rabbi werden mag, und welche Lücke die Ausschaltung dieser kleinen Rauchsäule iw dem gnadendurchfluteten Morgenbilde des Alls hinterlaffen müffe, denn gerade um diese Zeit, bevor das Sonnenauge sich ganz öffnete, pflegte Rabbi Israel mit besonderer Andacht seine Pfeife zu rauchen und die blauen Rauchwölkchen, die seinen bleichen Lippen sich entwanden, stiegen wie das Räucherwerk im Tempel von geweihter Priesterhand geschürt, als Atemzug reinster Hingabe und Liebe zum Himmel empor, um sich in einem Fältchen.des Weltumschließenden LichtgewandeS zu verlieren. So verstrichen zwei Tage. Am dritten Tage jedoch, als der Regen noch immer ohne Unterlaß niederströmte, und der entfeffelte Strom noch schäumte und brauste, nahm Rabbi Israel seine leere Pfeife und stellte sie in ein Fenster, das gegen Sonnenaufgang lag. Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Volkskalender".