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Jüdische Volksstimme · 1919-08-08 · Heft 22 (8.8.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 22 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 22 hat und glauben sie, dieses System auch in die neue ״frei" (?) Gemeindestube verpflanzen zu können? Und solche Leute matzen sich das Recht an, ein neues Judentum schaffen und das alte stützen und erhalten zu wollen. Mögen sich nun diese Herren gesagt sein lasten: ein Judentum, das nur in den Wirtshaus- und Agitationslokalen gezüchtet wird, kann nicht für die Dauer besteben und wird nicht bestehen. Ohne jüdische Erziehung der Jugend, ohne Kultus und Gotteshaus, ohne jüdischen, aus den lautersten Quellen der Religion entströmenden Geist kann und wird sich das Judentum unmöglich auf die Dauer behaupten. Wie aber Liebe Gegenliebe erzeugt, so erzeugt Verbitterung und Krankung, Unlust und Lieblosigkeit. Wo aber sollen die jüdischen Kultusbeamten die Lust und die Liebe zur ׳Ausübung ihres Berufes und Amtes hernehmen, wenn fld so schamlos und schmachvoll behandelt werden? Woher soll sich plötzlich die Liebe für die neuzuschaffende Volksgemeinde cinstellen,.wenn in ihr der unselige Geist der alten Kultusgemeindc weiter waltet? Und wie sollen jene die Liebe zum Judentum in den Herzen der Jugend entflammen, die während des ganzen Krieges vom Judentum so lieblos behandelt wurden und selbst in dieser furchtbar traurigen Zeit noch behandelt werden. Mit knurrendem Magen, vor Hunger entnervt und entkräftet, von Sorgen gebeugt, kommt der Religionslehrer in die Schule — im Gegensatz zu seinen christlichen Kollegen, für die ausgiebig gesorgt wird — und nun soll.er die Jugend für das Judentum entflammen und begeistern, das ihn und ׳seine Familie der Rot und dem Elend preisgibt. Ist denn ein solches Verlangen nicht gerade zu schändlich und lächerlich? Oder ist-denn dem allwistenden Gemeindebund die Notlage der jüdischen KultuSheamten nicht bekannt? Weitz er denn nicht, daß die meisten jüdischen Kultusgemeindebediensteten buchstäblich am Hungertuche nagen und elendlich zu Gtunde gehen? Traurig genug, wenn er eS nicht wützte, denn dann hat er jede Existenzberechtigung a priori verloren. Kennt er aber die Rotläge und-schweigt-, absichtlich und vorsätzlich, dann — dann hat er erst recht keine Existenzberechtigung und darf sich auch nicht daS Recht anmatzen, Statuten zu entwerfen, sie zu drucken und zu versenden, überhaupt im Namen des Judentums zu sprechen. Vor solchen Freunden möge Gott das Judentum bewahren. An die jüdischen KultuSgemeindeangestellten ist eS, sich rechtzeitig zu organisieren, sich der sozialdemokratischen Partei anzuschlietzen und vor allem sich an diejenigen Faktoren zu wenden, die ihnen nicht als Juden, 1 andern als Menschen helfen werden, an die breite Oeffentlichkeit und an die Regierung in Prag. Unus pro multiS. An die Juden in der Slowakei. Wir beabsichtigen in der nächsten Zeit in der Stowakei eine Geschäftsstelle mit selbständiger Rebaktimt zu errichten und bitten um frdl. Namhaftmachung von Adressen behufs Versendung von Probenummern. — Mitarbeiter werden gesucht. »erlag der ״Jüdischen B-lksstimme^ Palästina-Jndustrie-Syndikat. Vor kurzem ist in Berlin die Gründung einer Gesellschast zur Ausführung von Bauten, vorerst Hauptsächlich für die große Masse der Einwanderer, von einigcn russischen und deutschen Zionisten, Technikern und Kaufleuten)*^tit Beteiligung des Palästina-Jnduftrie-Syudikates vollzogen worden. Die Gründer beabfichtigen, bei erster Möglichkeit nach Palästina zu gehen und die Tätigkeit dort aufzunehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt betreibt die Gesellschaft in Berlin Vorarbeiten und Studien und arbeiten am Ausbau ihrer Organisationen. Die Gesellschaft, welche mit ansehnlicheor Stammkapital gegründet wurde, beabsichtigt, dieseS noch zu erhöhen. Zweck der Gesellschaft ist, denjenigen Gesinnungsgenossen, die einzeln oder in Gruppen (Achusoth, usw.) nach Palästina cmszuwandern gedenken, vor ihrer Ueberftedlung die Errichtung der notwendigen Baulichkeiten zu ermöglichen. Die neue Gründung, in deren AufsichtSrat als Vorsitzender Herr Prof. Dr. Otto Marburg sich befindet, ist vom Standpunke einer planmäßigen Organisation der Palästina-Siedlung lebhaft zu begrüßen. Die Gesellschaft nimmt weiterhin noch neue Mitglieder auf, (ein Anteil beträgt 8000 Mark). Interessenten im Gebiete LeS ehemaligen österreichischen Staates erteilt das Wiener-Palästina-Amt (Abteilung für Handel und Jn-j ^JL-ijche LsriS,,'<«««" Seite 6. dustrie), 2. Bez., Zirkusgaffe 33, bereitwilligst Ausfünfte. Englisches Hilfswerk für Palästina und Syrien. Wie die ״Times" meldet, ist Mr. B a st e r, der leitende Sekretär des syrisch-palästinensischen Hilfswerkes, von einem dreimonatlichen Besuch aus Palästina und Syrien, wo er die Hauptzentren der .Hilfstätigkcit inspizierte, zurückgekehrt. Nach denk von ihm erstatteten Bericht hat sich Palästina ber«M in weitem Ausmaß von den Wirkungen des Krieges erholt und das Hilfswerk ist dort, abgesehen von der Waisenfürsorge, abgeschlossen. In Syrien werden die Verhältnisse normal, trotz der täglich größer werdenden Kosten der Lebenshaltung. Kleidung ist noch spärlich und Frauen und Kinder, die ohne Männer zurückbliebcn, finden schwer ihren Lebensunterhalt. Der Libanon-Distrikt oberhalb Beirut ist in größerer Not als die anderen Teile und in vielen Dörfern haben die Leute buchstäblich alles verloren. Das Hilfswer? wird in beschränktem Maße fortgesetzt, um der voraussichtlichen Not im Herbst und Winter im Libanongebiet. zu begegnen. Wie die ״Arbeiter-Zeitung" dem Antisemitismus dient. ״Alldeutsches Tagblatt" vom 23. Juli: ״Wir sistd der ״Arbeiter-Zeitung" zum Danke verpflichtet, daß, sie hier von jüdischen Schleichhändlern spricht. Den bösen Antisemiten hat man's ja nie geglaubt, wenn sie behaupteten, daß der Schleichhandel sich in jüdischen Händen befindet. Nun hört man es auch aus dem Munde des Herrn Austerlitz! Israel weine!" Deutschnational. Wie es bei den Deutschnationalen im Deutschen Reiche zugeht, beleuchtet folgender Bericht der ״Berlinev Morgenpost". «Der zweite Tag des deutschnationalen Parteitages bestand im wesentlichen aus Gesangsvorträgen. Am Schluffe einer langen Rede des Grafen Westarp sang man,״Deutschland, Deutschland über alles", nach einem Vortrag des Danziger Generalsuperintendant- Reinhard stimmte man ״Ein' feste Burg ist unser Gott" au, und am Schluffe dcS Parteitages selbst sang man zur Abwechslung nochmals )-ad Lied .-Deutschland, Deutschland über alles". Beinahe wäre es auch noch zu dem Lied von ״der hohen Wonne ganz" gekommen, und zwar im Anschluß an ein Kaiserhoch, das inmitten der Rede Westarps ausgebracht wurde. An die Kaiserin wurde ein Hiildigungstelegramm abgeschickt. Aus der Fülle der Anträge verdient hervorgehoben zu werden ein Antrag über die Judenfrage. Er wurde schließlich zurückgestellt und der Hauptausschuß wurde beauftragt, Mitte Oktober darüber zu beraten, ob Juden Mitglieder werden dürfen. Sollte es nach diesem Vorgänge wirklich Juden geben, die Lust zum Beitritt verspüren, so haben sie nichts Besseres verdient, als dieser Partei anzugehören. . Während des Parteitages wurde vor den Türen der Philharmonie ein Reklamezettel verteilt, in dem eine deutschnationale Firma ein Prügelinstrument anpreist, das im Prinzip dem Gummiknüppel der englischen Polizei entspreche, aber in seiner Wirkung viel furchtbarer und in seiner Handhabung viel einfachesei. In der Reklame heißt eS noch, daß dieses Prügel- Instrument für viele deutschnationale Männer und Frauen von großem Interesse sein dürfte. In der gegenwärtig unsicheren Zeit empfehle sich seine Anschaffung für jeden, der infolge seiner politischen Gesinnung oder svnstigen gesellschaftlichen Stellung einem Angriff auSgesetzt sein kann. ״Probeexemplare" ständen jederzeit zur Verfügung; der Gummiknüppel werde aber nur an national gesinnte Männer und Frauen abgegeben. — Die ״jottverfluchte Republik" mag zittern, wenn die deutschnationalen Männer und Frauen mit dem Gummiknüppel anrücken." Holländischer Protest gegen die polnischen Pogrome. AuS Amsterdam, 28. v. M., trifft verspätet die folgende telegraphische,Meldung ein: Heute fand hier eine gcwattige Protestkundgebung gegen die polnischen Pogrome statt. In den Synagogen uno Kirchen wurden Trauergottesdienfte abgehalten. Etw^ 30.000 Perso-nen zogen mit Trauerfahnen durch die Stadt: An die Gesandschaften ipt Haag, an Wilson, Cl^menceau. Nitti und Lloyd George wurden Protestresolutionen qbgesandt. Die.Sammlung für die Opfer ergab 75.000 Gulden. Die KrebSkronkhelt unter -en Juden. Es herrscht in manchen ärztlichen Kreisen die Anfchauung, daß gerade zu denjenigen Krankheiten, die jetzt dieMenschheit immer mehr heimsuchen, und zwar zum Krebs und zu Geisteskrankheiten, die Juden das größte Kontingent beistellen: Es gibt aber auch entgegengesetzte Ansichten. Hier kann lediglich die Statistik - entscheiden. Einen wichtigen Beitrag nach dieser Richtung finden wir in den ״Ungarischen statistischen Mitteilungen" von Professor Dr. Dollingrr. Wir. entnehmen daraus, daß im Königreich Un» garn in den Jahren 1901—1904 an Krebs im ganzen 11.976 Männer und 14.936 Frauen starben; unter denmännlichen Personen befänden sich 976 (— 6,65 Pro» zent) und unter den Frauen 986 (-- 6,60 Prozent) Krcbs-Gestorbene. Hiernach stehen sowohl die Juden als auch d*e Jüdinnen in der Reihe der Krebskraukheiten an erster Stelle. Dollinger weist aber darauf bin, daß aus den obigen Zahlen durchaus keine Schlüsse für Häufigkeit des Krebses bei den Juden gezogen werden können. Denn die ungarische SterblichkeitSstatistik gewährt in-- sdfern kein zutreffendes Bild, als in Ungarn eine ärztliche Leichenschau nicht allgemein eingeführt ist und in etwa 46 Prozent der Fälle die Todesursache von Laien angegeben wird. Da aber von den Juden ärzrliche Hilfe erfahrungsgemäß häufiger in Anspruch geuommen wird als von der übrigen Bevölkerung, so wird hei den Juden.der Krebs als Todesursache leichter und sicherer anerkannt und zur Kenntnis der Be« Hörden gebracht, während bei der anderen Bevölkerung in.vielen Fällen Krebs vorliegen mag, aber nicht als solcher festgestellt ivird. Dollinger beweist die Richtigfett dieser Annahme damit, daß ec die Ziffern für Budapcst allein feststellt, wo die ärztliche Leichenschau obligatorisch ist. Hier nehmen die männlichen Juden unter den an Krebs Verstorbenen erst den vierten und die Jüdinnen sogar den letztest Platz ein. ES kann also aus den oben mitgeteilten Zahlen keineswegs gefolgert werden, daß die Juden für den KrebZ besonders dispaniert seien. Prozesse gegen die Warschauer Mische Presse. 1׳ Gegen die jüdischen Tageszeitungen «DaS jüdisc: Volk", ״Moment", ״Haint", ״Lebensfragen" und ״Dziennik Nowh" wurde wegen der in diesen Zeitungen über die Pinsker Vorgänge erschienenen Artikel seitens der Regierungsbehörden ein Gerichtsprozeß au« gestrengt. Gerichtsfeier in Jerusalem.-. Am Jahrestage der Eröffnung der englischen Ge« richte in Palästina veranstalteten die Mitglieder. des Gerichtes in Jerusalem unter dem Vorsitz des Ersten Richters Colonel Normann Bentwich, einen offiziellen Empfang. Bevollmächtigte der Gemeinden und der derschiedenen Konfessionen, die Mitglieder des ״Waad Hazirtml, der Direktor des Zionistischen Palästinaamtes und die lokalen Vertreter der Regierung waren eingeladen. Colonel Bentwich und Frau empfingen die Gäste. ׳ > Judenhetze in Iden Kurbüdern. ‘ Nachdem die Judenhetze im Ostseebad Kolberg in sich selbst zusammengefallen ist, wird in Bad Salzbrunn versucht, Stimmung gegen die dort zur' Echo« lung weilenden jüdischen Mitbürger zu machen. Zuerst wandten sich die Antisemiten in einem anonymen Schreiben an daS Arbeiter-Organ Niederschlesiens, die ״Schlesische Bergwacht". DaS Schreiben war, wie dieseS Blatt mitteilt, von den wüstesten Pöbeleien angefüllt. Als dieser Versuch, die Arbeiter für ihre - Pogrömlüste zu gewinnen, mißlang, wurden gefälschte Plakate' angeklebt, unterzeichnet mit detn Namen eines gar nicht existierenden ״Vereins der Freunde Israel", in denen behauptet wurde, daß in Waldenburg die Vertreter der Arbeiterschaft in heimlichen Sitzungen .Judenpogrome beschlossen hätten, und die Juden aufgefordert wurden, Salzbrunn zu verlassen, da dort in kurzer Zeit ein Pogrom zu erwarten sei. Natürlich war das Ganze ein grober Schwindel. Die Arbeiterschaft steht solchem Treiben völlig fern und hat Aufhetzung»- versuche stets zurückgewiesen. Jüdische Ferienkolonie« in Holla«-. AuS Amsterdam, 3. d., wird berichtet: Mittwoch früh kanten in Zevenaar 600 jüdische Kinder aus Wien an, die die Ferien in Holland zubringen werden. Ein Judenpogrom. Milan. Die allgemeine Zurückziehung der retchs« deutschen Truppen hat den an ihre Stelle getretenen lettischen Soldaten der Regierung UlmaniS endlich die Gelegenheit gegeben, ihre militärische Tüchtigkeit ist einer ihnen genehmen Form zu erweisen. In den letzten Tagen haben die.nach Friedrichsstadt gekommenen lettischen Truppen in viehischer Weise -einen Judenpogrom veranstaltet, bei dem es zu Ermordungen und Verletzungen jüdischer Einwohner, insbesondere aber zu einer große« Anzahl von Notzuchtverbrechen und Räubereien gekommen ist. Da die Regierung UlmaniS in den letzten Wochen vor ihrem Sturz im April wiederholt in amtlichen Proklamationen, die sie im ganzen Lande anschlagen ließ, zu Judenhetzen^aufgefordert hat, so wird eS ihr nicht gelingen können, die Berant- ״Hickl's Jüdischer Volkskalender"

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