Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 22 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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« 2. Attisch» LoUsstrmme" *t. 22 chk, denn ,Zionismus und MeffiaiamuS waren im Laufe der Jahrhunderte identische Begriffe — Synonimsl" NordauS Zionismus beschränkte sich nicht mehr auf die ,armen und unglücklichen" Juden, sondern erstrebte die Umwertung der Galuthin Judenwerte, die Umbildung und Umgestaltung des jüdischen Volkes in ein normal lebendes Volk. Der Zionismus NordauS ist dann nicht mehr einzig und allein auf den Antise- Mitismus, sondern hauptsächlich auf die Tendenzen und die inneren Zuneigungen der jüdischen Psyche und auf -aS unaufhaltsame Vordringen der freiheitlichen und nationalen Idee im 19. Jahrhundert zurückzuführen. Zu dieser tieferen Auffassung gelangte Nordau durch die Erforschung und Analysierung der Galuth. Wer die von Nordau am 6. Zionistenkongresse gehaktene Rede mit Aufmerksamkeit liest, merkt gleich, wie tief das Auge dieses zartempfindenden, subtilen Sehers in das Wesen und in den Kern der jüdischen Galuth drang, dieses enträtselte und erkannte. Mit einem Satze, ja mit einem Worte kennzeichnete* er das ganze jüdische Volk: »Das jüdische Volk ist in der Tat — ein Luftvolk". In bündigen, vielsagenden lapidarischen Worten beleuchtete und schilderte Nordau das vielfarbige jüdische Leben, das Leben aller Stände des jüdischen Volkes, den Charakter des jüdischen Kaufmannes, des manuellen Arbeiters und 'des geistigen Proletariers. ״Wir sind, — sagte Nordau — ein Volk von Luftmenfchen und Bildungsproletariern. Wir leben von Zufällen und Wundern. Wir haben keine Reserve für morgen und kein Kapital für heute. Unsere Taglöhner können nicht den besten Arbeitsmarkt aufsuchen, unsere Handelsleute hängen zitternd an einem briichigen Faden von Kredit. Unsere Handwerker sind auf Autodidaktikangewiesen und müssen jeder für sich Amerika entdecken und das Pulver wieder erfinden. Unsere studierten Leute, sind Leute, die zum Studium keine Zeit gehabt haben — Bildungsproletarier". Und zum Schluß perkündet Nordau seine volle Diagnose: »Jedes Volk bildet unter normalen Verhältnissen einen selbständigen Wirtschaftsorganismus, der sich ursprünglich und zur Not auch noch später stlbst genügt. Nur das jüdisi^׳! Volk bildet keinen geschloffenen Wirtfchaftskörper, denn eS fehlt ihm dazu die unentbehrliche Basis: der Boden. ES hat keine Erzeuger von Nahrungsmitteln und Rohstoffen in seiner Mitte". DaS macht das Wesen der Judenfrage aus imd die Folge dessen: die Juden der Galuth werden nur geduldet, insoferne sie den andern Völkern dienen. Wir sind nicht ein Ziel für uns selbst, sondern nur ein Mittel zum Ziel. «Ein Volk — heißt es bei Nordau — ist Selbstzweck. ES lebt sich, nicht an-- dern zu Gefallen. Es braucht fein Dasein und seine Daseinsberechtigung nicht dadurch zu erkaufen, patz ׳ S anderen Dienste leistet." In der falschen Auffassung, daß wir für uns ein Mittel und kein Zweck sind, liegt die ungeheuere, bodenlose Tragik unserer anormalen Lage, die Urquelle unserer materiellen und geistigen Leiden und ׳Schmerzen, denn ein Volk, welches für sich selbst Zweck .-zu sein aufhört, hat weder das Recht und die Möglichkeit eigene, individuelle Werte zu schaffen, noch Anspräche auf Ehre und Achtung zu erheben. Es muß reaktionär sein, um sich die Gunst seiner reaktionären Herren erwerben zu können, es muß Revolution machen, um seine revolutionären Herren in ihren Gefühlen nicht zu verletzen, schließlich und endlich muß es schaudern vor der Reaktion und darf sich über den Triumph des Fortschrittes nicht freuen. Sollte eS wahr sein, daß die bloße Feststellung der Krankheit die Hälfte der Gesundung bedeutet, so müßten uns die Reden NordauS dem Zustande der Rekonvaleszenz nahebringen, da niemand weder vor, noch nach Nordau das Wesen unserer Krankheit so klarzulegen und festzustellen vermochte, wie es unser Meister tat. Die ganze jüdische Literatur, die auf dm Zustand und die Lage unseres Volkes Bezug nimmt, dreht sich um den Muttergedanken und um die Ideen NordauS. Greifen wir beispielsweise die periodischen Diskussionen über das Verhältnis des Zionismus zum Sozialismus heraus. In seiner im Jahre 1899 in Amsterdam gehaltenen Rede führte Nordau aus, daß Zionismus und SozialismuS nicht nur keine zwei verschiedenen Strömungen, die sich gegenseitig bekämpfen, seien, sondern daß vielmehr eine in der anderen enthalten ist. Der So- 'zialismus ist nämlich ein Produkt des Judentums, er wurzelt im jüdischen Leben und in der jüdischen Kul- ׳ tur, ist doch die sozialistische Gerechtigkeit der Grundbestandteil des Judentums. Die bisherigen Ausführungen erschöpfen noch immer nicht alle Entwicklungsstadien Nordaus im ZioniSmus. Der Faden seiner Evolution hatte noch lange sein Ende nicht erreicht. Es kam die Zeit der Krisis, der Wendepunkt im Zionismus, der Tod Herzls. Den Tagen der hochgespannten Willensenergie und der titonischen Anstrengungen, den Tagen des Glaubens und der Hoffnung folgten düstere, schwere Tage der Ab- Neigung und Enttäuschung, der Verzweiflung und Desparation. Es mangelte an einem konzentrierten Willen, an klargelegten Bestrebungen, an deutlichen Wünschen, an fest umschriebenen Zielen. Alles schien im Moor des Dunkels und der Zügellosigkeit zu versumpfen. Viele von den Anhängern Herzls verließen das zionistische Lager. Nordau aber arbeitete unermüdlich weiter. In einem 'Momente der fortschreiten» den Lähmung des allgemeinen Willens, des verzweifeinden Kampfes des Machtlosen mit dem drückenden Alp einer gräulichen Indolenz, ertönte die Stimme Nordaus: »Zionismus oder nationale Liquidation". Für Nordau war der Zionismus nicht mehr ein Hilfs« mittel für Leidende, ein Palliativ, sondern die Frage nach dem Leben und Tod des jüdischen Volkes . . . Es war des Zionismus Glück, daß seit seiner Entstehung ein Paar, wie Herz! und Nordau, ihm als Bannerträger voranschritten. Der eine ergänzte den andern. War Herzl der Blitz, der die bleischweren Wolken, die den jüdischen Himmel verfinsterten zerstob und den zukunfts^erhüllenden Nebelschleier zerriß, so war Nordau der gewaltige, dem Blitz darauffolgende Donner, der die jüdischen Massen von ihrer Lethargie erweckte und in den matten Herzen den Funken der Sehnsucht nach einem mit Kraft und Schönheit Mut und Hoffnung erneuertem Leben entzündete. Nordau stellte sich als erster an die Seite Herzls und wurde zu seinem mutigsten und besten Mitarbeiter. In den Annalen der jüdischen Geschichte wird für ewige Zeiten neben Herzl Nordau genannt werden. seinem ganzen Schatz bei mir auf meine Kosten. WaS soll ich tun? Nur dem jüngsten Sohn ist es geglückt. Das heißt, wie ist das zu verstehen? . . . Reichtümer hat er nicht, Vermögen auch nicht . . . Aber fern Schwiegervater ist ein reicher Mann. Nicht so reich an Geld, wie an Geschäften. Er hat eine Menge Gcschä!: obgleich meistens recht verwickelte. Er betrügt nicht zknapp! Einen solchen Spitzbuben habt ihr noch nicht gesehen. Behüt euch Gott, in seine Hände zu geraten! Bor kurzem sprach im mit ihm über unsere Kinder, warum er ihnennicht irgend ein Geschäft einrichtet. »ES ist Zeit, Bruder, sich um die Kinder zu bekümmern", sagte ich zu ihm. »Sie find doch ebenso gut meine Kinder wie Eure", meinte er. »Das ist richtig, Bruder, aber es ist immerhin Zeit, sie irgendwie selbständig zu machen." Darauf erwiderte er mir: »Ihr solltet darüber niM sprechen, Bruder." »Warum denn nicht?" fragte ich^^Na, weil Ihr, Bruder . . . weil . . ." »Was denn? Warum^»enn nicht?" fragte ich. Aber eS war mir unangenehm, jedes Wort asts ihm herauSzüziehen. ׳ DaS betrifft meine Söhne. Mit den Schwiegersöhnen hat Gott mir kein Glück geschenkt. Das heißt, gegen sie selbst habe ich, Gott behüte, nichts einzuwen- -en. So vortreffliche Schwiegersöhne, wie ich habe, finbet ihr nicht bei dem reichsten Mann der Welt. Nehmt zum Beispiel meinen ältesten Schwiegersohn. DaS ist ja^ Gold, eine Zierde ein Schatz! Man kann sagen, der erste Gelehrte im Lande! Er sitzt fortwährend über dem Talmud! Es ist schade, wirklich schade, einen solchen Menschen vom Buch fortzureißen! Ich halte ihn bei mir seit dem Tage, da er meine Tochter geheiratet hat. Auch mein zweiter Schwiegersohn ist nicht vor der gewöhnlichen Sorte, obgleich man ihn nicht einen Gelehrten nennen kann. Kein Vergleich mit dem Aeltesten! Er hat kein Glück im Leben, ebenso wie mein zweiter Sohn. Ein wahrer »durchlöckerter Sack": er wird nie voll, so viel man auch hineinstopfen mag! WaS soll ich tun! Ich muß auch ihn tnit den Kindern bei mir halten. — auf die Straße kann ich ihn nicht treiben. Mein dritter Schwiegersohn ist auch kein gewöhnlicher Mensch, aber er ist so furchtbar zart, so makann nicht sagen, daß -er sehr leidend wäre, Gott beger, durchsichtig, fast ohne Fleisch, wie ein Geist! Man hüte! Schlimm ist nur, daß er fortwährend schwitzt, — ach, wie er auch schwitzt! — und in der Nacht hustet. Dieser Husten gefällt mir nicht. Ich habe es nicht gern, wenn ein Mensch hustet und dabei pfeift. Es tut einem leid, und eS Höst sich auch unangenehm an! Wir waren mit ihm bei mehreren Aerzten; er soll viel M trinken und viel Fleisch essen, meinte der Arzt. Die Aerzte wissen nicht, daß er kein Fleisch vertragen kann. Auch rieten sie, mit ihm auf Sommerwohnung zu ziehen. Dort würde er sich sehr schnell erholen, meinte de- Arzt. Nun warten wir auf den Sommer, wenn Gott ihn uns erleben läßt, ziehen wir mit ihm auf Som- Nordau, der mit dem 29. Juli d. I. in das achte Jahrzehnt seines Lebens trat, widmet noch immer alle seine ׳Kräfte und seine ganze Arbeit dem Judentum. Zu seinem 70. Geburtstage können wir nur noch den Wunsch auSdrücken, der große Meister, der Jude Nordau, möge — wenn es Herzl nicht gegönnt war — den Tag der Erfüllung der Träume und Wünsche Herzls, die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner uralten geschichtlichen Heimat, in Erez Israel, erleben. Dr. Israel Hammer. Die Sabbatfrage. Die Emanzipations-Epoche im . letzten Jahrhundert hat die Assimilation und die Reform im Judentum - gezeitigt, die große Verheerungen im jüdischen Volksleben in Westeuropa anrichtete. Wie ein jüdischer (M schichtSschreiber sich sehr richtig ausdrückte, herrschte damals die Auffassung, es sei nötig, der׳ europäischen »Toleranz" Garantien dafür zu bieten, daß die Emanzipierten sich ihrer Gleichberechtigung für wert und würdig bezeugen würden. So entstand die unglückliche Idee von der Notwendigkeit der Entjudung. AIS die größte Sünde dieser Zeit muß die Preis« gäbe des Sabbats bezeichnet werden. Der Sabbat bildete zu allen Zeiten den integrierenden Bestandteil des religiös-nationalen Lebens im Judentum und er war es, der den Juden den Mut und die Kraft gegeben hat, allen Stürmen der Jahrhunderte Trotz zu bieten. Man darf ruhig sagen, der Sabbat war es, dem wir die Erhaltung tzes Judentums zu verdanken haben. Er bringt unS nicht nur Ruhe im Sinne des Wortes, sondern Erhebung, die wahre Pflege des Familienlebens; er wirkt erzieherisch auf die Kinder und spornt zur Betätigung im Judentum an. Heute, wo wir in der Lage sind, die Bilanz der Emanzipations-Epoche zu ziehen, darf man es. aussprechen, daß durch die Preisgabe des Sabbats daS ganze Gebäude des Judentums in Westeuropa ins Wanken geriet. Nichts konnte den Juden den Sabbat ersetzen. In den Kreisen, in welchen der Sabbat nicht gefeiert wurde, trat ein Jndifferentismus für alles Jüdische ein, interesselos stand man dem jüdischen Leben gegenüber. Man glaubte sich am besten den Wirtsvölkern anzupassen, indem man alles Jüdische abwarf. Die Gefahr war nahe, daß die westeuropäische jüdische Jugend dem Judentum verloren gehe. Buchstäblich bewahrheitete sich das Wort dös Talmuds: ^זהולת ש5ת כינד 3ל■ דלתררזד, כולד*. denn mit dem Sabbat steht und fällt das Judentum. In den letzten Jahrzehnten, namentlich seit Auftreten des Zionismus ist eS im Judentum besser geworden. Man sah ein, daß, es so nicht weiter gehen könne, daß der JndifferentiSmuS und die Unwissenheit in jüdischen Dingen die größten Feinde des Ju« dentums seien. Man begann sich mit dem jüdischen Schrifttum, mit der jüdischen Geschichte und über- Haupt mit dem. jüdischen Problem zu befassen. Der Wille, sich im Judentum zu betätigen, kam allgemein zum Ausdruck. Diese erfreuliche Erscheinung hat aber noch nicht zu der Konsequenz geführt, zu der sie unbedingt führen müßte, nämlich dem Sabbat,' diesem historischen Ruhetag seine ehrwürdige Heiligkeit wieder zu geben. Denn -ohne Sabbat ist die jüdische Volksmerwohnung. Oder vielleicht fahren wir mit ihm zu einem Professor. Eentweder zum Professor oder auf Sommerwohnung, ich bin noch nicht entschlossen. Wahrscheinlich zum Professor. Vorläufig muß ich auch für seinen und seiner Familie Unterhalt sorgen . . . . soll man mit einem kranken Menschen anfangen? . - - Mein vierter Schwiegersohn ist ein ganz einfacher Mensch, nicht die Spur von einem Gelehrten. Er ist Fischhändler. Seine ganze Familie treibt Fischhandel. Sie verstehen nur eins: mit Fischen zu handeln, we׳- ter nichts. Ihr wundert euch, wieso unter allen gelehrten Schwiegersöhnen ein so einfacher geraten ist? . . . Alle wundern sich darüber, . . . und ich auch. Ab wahrscheinlich war eS meiner Tochter so bestimmt. Nicht alle Menschen können glücklich sein auf Erden. Aber glaubt nicht etwa, daß meine Tochter mit dem Ftsrbeö nicht glücklich lebt. Gott behüte! Im Gegenteil, sie leben sehr gut miteinander. Er schätzt und liebt sie sehr, weil er weiß, daß sie nicht eine erste beste ist, sondern meine Tochter! Ja, meine Tochter! Darum -arbeitet er auch für sie vom Morgeck bis zum Abend. Und nicht nur für sie allein arbeitet er; er muß meinen andern Schwiegersöhnen oft genug helfen. Warum-sollte er es auch ni'cht tun? Er muß doch fühlen, wer wir sind und wer er ist. Ein kleiner Unterschied. . . WaS meint ihr? Besonders wird der Unterschied fühlbar, wenn wir unS über gelehrte Dinge, über den Talmud unterhal״ ten. Wenn die andern sich versammeln, dann reden. Uerbreitet die ״Jüdisch« üolksstimme״.