Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1919-08-08 · Heft 22 (8.8.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 22 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2621806-2622032-2622054--4044-2625301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Jahrg. XX, Nummer 22, MM. *-i-ד-1 1 1 1------»» Redaktion und Administration: Brünu^ Adlergasse k .!tarnen 15*50 'i-~y Buchbandlerische Vertretung: Ott« Kle««, Hch»-tg ganzjährig. Deutschland, ganzjährig . Rußland, ganzjährig . . Balkan, Frankreich . . . »----- .Mark 20 - .Frank» 24״— -1 I Herausgeber: Max Hickl. t K Inserate: dev 6-spaljige Zentimotervcnrm 2 K Unverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht;,jnotiect. — Manuskripten ist Rückporto beigrrfügen. *; -- Wien—Brünn. 8. August 1919. IS. Ab 5679 Prag—Lemberg. Max Nordau. (Zu seinem 70. Geburtstage.) In Frankreich, in dem Lande, wo die Worte: »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" sogar vom Gemäuer der Kasemattenlöcher verkündigt wurden, drang plötzlich in den 90er Jahren des vorg. Jahrhunderts an Nordaus Ohr der schrille dräuende Schlachtruf des Pöbels: Tod den Juden! Dieser Ruf durchbohrte gleich einer todbringenden Bleikugel die feinfühlige Seele des Genius, des über eine gewaltige Erudition verfügenden Meisters, berauschte, betäubte und erschütterte ihn anfänglich, bald darauf erwachte aber in ihm auch der Stolz. Der Meister des Wort- - und der Seder wollte der Welt beweisen, daß das Opfer noch am Leben sei, daß es noch Löwenmähnen besitze, um wuchtige Stöße versetzen zu können. Und Nordau gab daraufhin zur Antwort: Ich bin Jude. Zur selben Zeit tauchte der Zionismus auf, dem die Zaubergestalt unseres verstorbenen und doch unsterblichen Führers, Theodor Herzl, Majestät und Glanz verlieh. Und Nordau wurde, gleich vielen hervorragenden Juden Westeuropas und Rußlands — Zionist. Dieser Zionismus war ein Protest wider den Antisemitismus, der nicht so rasch versanden kann, da sich ein giftiger Natterzahn zu tief in deS Ariers Seele eingrub.*) Er erstrebte'bloß die Kolonisierung der ar-. men und verfolgten Juden in Palästina, seine Ursachen waren aber nicht im geringsten in der Geschichte und Tradition deS jüdischen Volkes zu suchen. Seine wcsentlichen Grundzüge waren philantropischen CharakterS, da dieser Zionismus sein Ziel lediglich in der Linderung der Notlage der unglücklichen Brüder gesehen hat. *) Denn tief im BolkSgemüt liegen alle Vorurteile gegen uns. Theodor Herzl: »Der Jüdenstaat". Die erste Phase in der Entwicklung des Zionismus NordauS. Inzwischen kam der Meister Nordau auf den Zionisten-Kongreffen mit den jüdischen Mafien jedesmal ,mehr in Berührung, brachte sich nach und nach den Charakter und die Art des jüdischen Problems deutlicher und eindringlicher zum Bewußtsein, u. zw. umsomehr, als die Urform des Zionismus unter, der Lupe nörgelnder Kritiker Widersprüche zu erwecken begann und den Angriffen der Juden-Assimilanten- Führer ausgesetzt war. Je gewaltiger Nordau den Charakter seines Kampfes gegen die Affimilakion der Juden offenbarte, je eifriger er die jüdische Wirk!׳׳ keit analysierte, desto schneller enthüllte sich vor ihm die geschichtliche Grundlage, der Urgrund des ZionismuS. ES wuchs in seinen Augen allmählich die Bedentung der Geschichte und der Tradition, es erklang in seiner Seele jedeSmal stärker, elementarer der Widerhall der verklungenen Stimme des jüdischen SchrifttumS, eS traten immer starker in seinem Gedächtnisse die Gestalten der Makkabäer ünd Bar-KochbaS auf. 'Nordau erfaßte das jüdische Problem in feiner ganzen Größe und in seiner geschichtlichen Entwicklung allseitig, so daß jede Arbeit auf diesem Gebiete übetflüffig, entbehrlich, unnötig wurde. Alle Grundlagen der zionistischen Theorie, sowie hie Aufschlüsse über den ökonomischen, kulturellen und moralischen Zustand der Juden, sind in seinen Reden und Aufsätzen vollends erschöpft. All das, was andere über die Judenfrage auszusprechen Und zu entdecken sich später bemüht haben, hatte. Nordau schon früher mit einer wunderbaren Virtuosität in exakten, wenn auch kurzen Worten und Formeln zum Ausdruck gebracht. Die zweite Phase in der Entwicklung des ZioniZmus NordauS trat mit dem Momente ein, wo er mit der düsteren, pechschwarzen Kreide eines Zeichners Silhouetten der Galuthjuden der Gegenwart meisterte und alle Seiten ihres Lebens enthüllte. Die Begründung des Zionismus war dann bei Nordau eine ganz andere, eine von der früheren weitaus abweichende. Der Zionismus , war für ihn nunmehr nur ein neuer Aüsdruck, eine neue Benennung einer alten, Uralten Sa¬ ' M. Hickl's Verla», Brünn, «dlergaffe S, Wien, 8. Be-., Lerchensaffe 6 a. ״Hickls Jüdischer Volkskalender« Soeben erschienen: Du» dem Inhalte: Preis 6 Kronen. Be er mann, Dr., M.: Für stille Stunden. — Ein kleine» philosophisches Märchen für große Kinder. Bialik CH. N.: Willst du wissen. « Dlumenthal Hermann: Unter jüd. Landstreichern. Fahn Rüben: Auf fremder Erde. Frischmann D.: Die kupferne Schlange. Frug G.: Simches toyre. Gelber, Dr., N. M.: Aus dem inneren Leben der jüd. Gemeinden in Polen um die Wende des 18. Jahrhunderts. Günzig, Dr., I.: Israel Baal-Schem der Zweite u. Dritte. Höflich Tugen: Der jüd. VolkSsozialiSmuS der Hapoel Hazair. Jehuda Halevi. ׳ Kanter, Dr., F.: Ein Rückblick auf daS Jahr 6679. » » Eine Unterredung mit Haman. K S n i g Ed., Geheimrat: Die Patriarchen und die Vielgötterei. Kurrein, Dr-, A., Prof.: Ein'fiebzehnhundertjähriger Gedenktag. Müller, Dr., Srnst: Psalmen. Müller E.: Aus jüdischem Geiste. Neuburger, Dr., Max., Univ.-Prof.: Medizinisches aus den Merken de» FlaviuS Josefu». Reisen «.: In a finsterer Nacht. Sch er lag Lorenz: Der blühende Baum. Tartakower, Dr., CH.: Werden wir Palästina bekommen? Wachstein B., Dr.: Sin Regensburger Grabstein in Eferding. Weinbaum D.: Jüdische Landtage. Zloeisti Theodor: Erwachte Lieder. ' Feuilleton Die Quellendes Glücks*). Bon Schalem Alechem. Deutsch von Stefani'Goldenring. Ich bin, wie Ihr wißt, kein Rothschild, bei weitem kein Rothschild, kaum daß es mir gelingt, ein Ende mit dem andern zu verknüpfen. Aber ich lebe, Gott sei Dank, glücklicher und besser,.als irgend ein Rothschild. Wieso?-Weil ich ein Jude bin und den Feiertag halte! Der Feiertag ist eine große Sache! Nicht dadurch unterscheidet sich der Feiertag vom Alltag, daß der Mensch sich satt ißt. Satt essen kann sich auch ein Pferd. Aber der Mensch ist kein Pferd. Um so weniger der Jude! Nehmen wir -. B. den Festtag der Esther, der uns daran erinnert, daß unsere Ahnen vor langen, langen Jahren ihren schlimmsten Feind, den berühmten Aman, dessen Name für ewige Zeiten verschwinden möge, vernichtet und noch dazu wie vernichtet haben. Nun. eS ist am Vorabend de» »Festtags der Esther". ES Hilst nichts, «an muß fasten. Man fastet 84 Stunden . . . Was ist dabei? . . . Wie angenehm ist e» dafür, wenn qm fttenb alle Söhne, Töchter, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, unberufen etwa sechzehn Personen sich zu Tisch setzen, ohne die Enkelkinder mit zu rechnen, «it denen ich Gott sei Dank reichlich versehen bin, *TV«• dem »Jüdischen Novellenschatz". denn Gott hat mich in dieser Hinsicht nicht beriachtciligt; alle meine Tocyrer und Schwiegertöchter sint» pünktliche Lieferanten; eS vergeht kein Jahr ohne Zuwachs. Nur bei der mittleren Schwiegertochter klappte es nicht, acht Jahre vergingen, ohne daß sie Kinder zur Welt brachte. Acht Jahre, Gott sei's geklagt! Nun ging die Sache loS mit Aerzten, Quacksalbern, Apotheken! Sie fuhren zum heiligen Wunderrabbi, zu dem einen oder dem anderen, aber es half.nicht. Da beschlossen sie, sich scheiden zu lassen. Nun, also geschieden, wenn eS sein muß. Als es aber so weit war, kam man nicht von der Stelle. Weshalb. . . Sie wollte nicht. W^rs hat sie zu wollen? Sie liebte ihn. Hört ihr? Sie liebte . . . »Was tuts, daß sie dich liebt? , Sie ist ja kinderlos!" sagte ich zu ihm, das heißt zu meinem Sohn . . . Ihr würdet nicht erraten, was er mir darauf antwortete: »Ich Hab' sie ebenfalls lieb!" Wie gefällt euch daS? ... »Sie ist doch kinderlos", wiederholte ich ihm, er aber erwiderte: »Ich habe sie lieb." »Kinderlos" — sagte ich. — »Ich habe fie lieb", meinte er. Ein Sonderling! Und sie ließen sich wirklich mcki? scheiden! Aber Gott ist nicht unerbittlich, sie bekamen Kinder, und was für welche noch! Wenn Sie sich überhaupt meine Enkelkinder ansehen . . . eins hübscher als da» ändere! Und klug sind sie! Und wie sie lernen! Sie lesen und schreiben hebrstisch, russisch, deutsch Und französisch. Wenn ich einmal ein Telegramm zu lesen oder einen wichtigen Brief zu schreiden habe, so schreien fie um die Wette: »gib mir",. »Großpapa, mir!" Eie wollen mich schier in Stücke reißen. Solche begabte Kinder habe ich unberufen! Aber ich weih, ich sehe es Ihnen an der Nase an, welche Frage Sie an mich richten wollen. Und die Geschäfte? . . . Ach die Geschäfte. Dem Allerhöchsten im Himmel sei es gedankt, wir drehen und wenden un» in unserem gottverlassenen Hungerdorf so gut eS geht; manchmal geht eS so, manchmal anders, und che man eS sich versieht, ist ein Jahr vergangen. Wir brauchen uns also ein Jahr weniger in dieser Welt herumzuquälen. Geschäftlich geht eS meinen Söhnen nämlich nicht gut. Der Aelteste z. B. hatte sich ganz gut ringerichtet. Als er heiratete, ließ er sich in Spitzbubendorf nieder, vertrug sich ausgezeichnet mit den Bauern, befreundete sich sogar mit ihnen.... da kam das berühmte Gesetz vom 3. Mai, und der Sklave Gottes wurde aus dem Dorfe gewiesen. Er wehrte sich, reichte Gesuche ein, schrieb Bitten, Klagen, ging zum Senat — es half nichts. Der Mensch verlor alles und fitzt mir seitdem mit Frau und Kindern auf dem Halse. DaS ist der Aelteste. Der Zweite D ein Pechvogel. Was er auch anfangen mag, kommt vMehrt heraus. Kautt er etwa», so fallen die Preise, verkauft er, so steigen Pie Preise, versucht er mit Vieh zu handeln, sä fällt das Vieh. Will er Waldgeschäfte machen, hört der Frost auf. Ein wahrer Pechvogel! Sieht er 8ns Wasser an, so krepieren die Fische. Wollte er mit Särgen handeln, dann würden die Leute sicherlich aushören zu sterben. Reifem dritten Sohn ist direkt ein Unglück widerfakren: er ist ganz und gar abgebrannt, mit Haut und Haar, wie man zu sagen Pflegt, und jetzt lebt er mit Sorben erschienen: ״Hickls Jüdischer V-lkskalender".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.