Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 21 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. »Misch« v»lk»stim«r- Nr. 21. in!Bati8 ״״* 6168“‘""m® ־w;**»“״Das Judenproblem im östlichen SL3 Europa. Eine Unterredung mit dem Oberrabbiner Dr. ChajeS. Das ״Vienna Bulletin" versendet das nachfolgende Interview mit dem Wiener Oberrabbiner ChajeS ״an die englischen und amerikanischen Blätter". Professor H. ChajeS äußerte sich über das obige Thema folgendermaßen: Die Lage der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern ist eine überaus traurige und erfordert rasche Hilfe. Diese Hilfe kann freilich nur vom Völkerbund kommen. Gewiß hat es auch unter den Juden illoyale Bereicherungen gegeben, aher es mutz immer und immer wieder hervorgehoben werden, daß die einzige Klasse, denen, von Schleichhändlern abgesehen, der Krieg dauernde ökonomische Besserung gebracht hat, der Bauernstand war, während die Juden im ganzen vom Kriege weit schwerer betroffen wurden, als die christliche Bevölkerung. Speziell in den kleinen Landstädtchen sterben sie zu Tausenden buchstäblich an Hunger und es fehlen selbst Mittel gü einer anständigen Beerdigung. Einzelne kirchliche Würdenträger verhalten sich kdrrekt, der Erzbifchof von Krakau sogar wohlwollend; aber der größte Abordnungen aus Palästina, Italien, England und Amerika zusammgetreten. Mit den zionistischen Vertretern, den Herrn Sokolow, Weizmann, Ussischkin und Richter Mack hat die Delegation drei Beratungen abgehalten. Die Anträge und Anregungen der Orthodoxen fanden im Ganzen bei den Zionisten wenig Gegenliebe. Ablehnend verhielten sie sich auch gegen den Vorschlag, orthodoxe Vertreter in daS Komitee der zionistischen Delegationen zu wählen. Mit großem Eifer wendete sich die Delegation der Regelung -er jüdischen Interessen in den Golusländern zu. Von den Zionisten war dieses Gebiet lange unbearbeitet gelassen worden, weil aus der Lösung des Palästinaproblems die Regulierung der jüdischen Gesamtlage erwartet wurde. Erst auf die entschiedene Ein- Wirkung der Amerikaner hin, entschloß man sich auch hier, ein die Juden in den Ländern Europas bctreffendeS Memorandum der Friedenskonferenz vorzulegen. Als erste Aufgabe erachtete die Delegation die AktiSn gegen die Austreibungen aus Warschau, durch die 15.000 Juden dem Lose der Heimatlosigkeit entgegengingen. Die Delegation wies in einer ausführlichen Denkschrift die Ungerechtigkeit und Unmenschlichkcit Teil des Klerus hetzt׳ in wütender Weise. Die Tatsache, > dieskr geplanten Maßnahme erschöpfend nach. Die daß die Deutschen sie nicht mehr bedrückten als sonst Bevölkerungen in okkupierten Provinzen, genügte zur Beschuldigung, sie seien Agenten des Deutschtums. In Ostgalizien speziell dienen sie als Spielball im Streite der Polen und Ruthenen, wobei keine der beiden Völkerschaften ihnen die natürliche und berechtigte neutrqle Stellung einräumen will. Die Pogrome werden wohl nicht von der Regierung, wohl aber von recht ׳ Denkschrift wurde der Friedenskonferenz wie verschiedenen einflußreichen Persönlichkeiten in Paris überreicht. Der Erfolg dieser Aktion trat glücklicherweise früher als erwartet ein. Auf Veranlassung der Friedenskonferenz wurde,׳ nach einer Mitteilung Padarewskis, die Verordnung so gemildert, daß die Gefahr fürs erste beseitigt scheint. Der zweite Schritt der Delegation betraf die Rech einflußreichen Kreisen organisiert. Sie haben in letzterste der Juden in Polen. Das Memorandum hatte das Zeit infolge opportunistischer Abratungen der polnischen! Programm des Verbandes ״Schlaume emune Jisroel" Korrespondenten in Paris abgenommen. Nicht so die' sowie die orthodoxe Erklärung im polnischen Landtage wirtschaftliche Entrechtung. Die Auflösung der Landes-j zur Grundlage, wonach die Juden als einheitliches auSschüffe und die Zentralisierung des Ein- und Vcrj Volk mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen anzukaufs gegenüber dem AuSlande bieten Gelegenheit, alle sehen sind. ES muß für die Juden Polens vollständig ehrlich erworbenen und auSgeübten Monopole zu entgarantiertes Bürgerrecht verlangt werden, ebenso reziehen und sie bei Neuorganisierungen systematisch, ligiöse und kulturelle Autonomie, Freiheit für die Entauszuschalten. So zum Beispiel wurde der Salzhandcl' Wicklung der jüdischen Gemeinden usw. Die jüdische ihnen ganz entzogen. Dagegen wurzelt der Judenhaß' Konfessssion darf kein Hindernis bei Erlangung von in Rumänien keineswegs im Volke selbst. Ebenso wie: Regierungsstellen und Aemtern bilden. Die jüdischen mit den Russen könnten sich die Juden mit dem rumä- Schulen und Wohltäitgkeitsinstitutionen haben Annischen Volke sehr wohl vertragen und die Anhänglich-! spruch auf finanzielle Beihilfe Vonseiten des Staates keit der auSgewanderten Juden an die russische Erde j und der Kommune nach Maßgabe der jüdischen Bevölist ja bekannt. Doch in Rumänien werden sie von kerungszahl. Einen besonderen Platz nimmt in der Volksausbeutenden Bojaren, die fast den ganzen BodenEingabe die Sicherung der Sabbatruhe ein. besitzen und nichts von ihrer Uebermacht opfern wollen j Ueber all diese Fragen wurde die Delegation von als Spielball und Sündenböcke gegenüber der ausgeder Friedenskonferenz verhört und man gewann den > beuteten Menge benützt. Die rumänische Regierung Eindruck, daß die Konferenz weitgehendes Verständnis nun hat den , guten Willen, die Juden menschlich zu für die Wünsche der gesetzestreuen Judenheit hatte, behandeln.! Alle diese Aktionen wurden vollkommen selbständig Die einzige Rettung ist also die Kontrolle der im geleitet. An den Beratungen und Vorbesprechungen Völkerbund vereinigten Großmächte und die nationale nahmen bekannte Persönlichkeiten — u. a. Baron Ed- Auwnomie. Was die letztere betrifft, sind manche Formund von Rothschild — teil, die den Unternehmungen derungen von der Pariser Konferenz zurückgewiesen der Aguda in Erez Jisroel volle finanzielle Unterworden. Was noch verbleibt, stellt ein unumgänglich stützung zusicherten. nötiges Minimum dar und es kann dabei von einer, Auch in London weilte die Delegation mehrere Beschränkung der polnischen staatlichen Souverenität Wochen, wo sie mit den angesehensten Persönlichkeiten nicht die Rede sein. Es handelt sich im wesentlichen um des öffentlichen jüdischen Lebens verhandelte. Die De- -aS Recht, ein eigenes religiöses Leben zu führen, .ei-!egatiqn wirkte dort mit an der Gründung der orthogene Schulen und eigene Wohlfahrtspflege zu besitzen, doxen Palästinabank, die mit einem Aktienkapital von eigene sozial wirkende Vereine. Die englische Regieeiner Million Sterling in Leben treten soll rung hat in London Juden, die am Samstag ihre Geschäfte schließen, das Recht eingeräumt, am Sonntag an andere Juden zu verkaufen, und es ist nicht einzusehen, warum nichf, auch in Polen das gleiche geschehen soll. Die jüdische Heimstätte in Palästina ist gesichert. Es handelt sich nur mehr darum, die Rechte der Araber und Juden gegenseitig abzügrenzen, wobei nicht verschwiegen werden soll, daß die Lösung schwierig ist, weil infolge gewisser Einflüsse und gewisser politischer Konstellationen die Araber in ihren Ansprüchen immer »Der Israelit". hebräische Monatsschrift — ג2ולור! Protest gegen die Pogrome. .. *Der erste ordentliche Parteitag der jüdischen sozial ä'meti!a“5al"o«0™t־ättig''b־n'd°nwln,ti!ch°n P-rt-i P°aI-.Zi°n im tsch-ch°chsl°»°ki ilundfcfmu. überaus werktätige, menschenfreundliche Bemühung großen Anspruch auf Dank erworben. Die orthodoxe Delegation in Paris und London. Die orthodoxe Delegation, die sich nach Paris und London zum Zwecke der Fühlungnahme mit anderen jüdischen Vertretern und der Friedenskonferenz begeben hat, sollte ursprünglich aus zehn Herren bestehen, leider konnten nur für fünf die Reisemöglichkeiten bewirkt werden. Es waren dies die Herren N. Rosenfeld, S- Awrach und M. Kaminer auS Warschau und die Herren Rabbiner Dr. Bloch und Dr. Weill aus dem Oberrichter Br-nd-I«'in dieser Angelegenheit nach P°. sch-» Staate drückt seinen tiefsten und Trau״ Mina g-Mckt und hat sich überhaupt durch seine über d,° Unzahl,gen Op,er der jeder M°nschl,chl-,t Hohn sprechenden Judenpogrome m Galizien und Polen auS, gibt seiner Entrüstung und Verachtung Ausdruck denjenigen gegenüber, die die Pogrome verursacht haben, verurteilt auf's schärfste die Haltung der polnischen Sozialisten und fordert die ganze zivilisierte Welt und besonders die sozialdemokratischen Parteien auf, alles anzuwenden, daß diesen bestialischen Grausamkeiten Halt geboten und die Wiederholung derselben für die Zukunft unmöglich gemacht werde. Ebenso protestiert der Reichsparteitag gegen die antisemitische Hetze in der tschechischen und deutschen reaktionären Presse, welche geeignet ist, den Boden füri eine Pogromstiftung vorzubereiten und die in gewissen Teileu der Republik (Mähren und Slovakei) bereits ihre bedauerlichen Früchte gezeitigt hat. AntisemitismuS bedeutet Reaktion und als internationale Sozial-: demokraten haben unsere Druderparteien die Pflicht, gegen die Reaktion in jeder Form und in jedem Falle anzukämpfen. Es wurde beschlossen, diesen Protest in allen jüdischen und sozialistischen Blättern zu veröffentlichen. Reue Judenpogrome polnischer und ukrainischer Solbäte«. In Dubno haben ukrainische Soldaten bei ihrem Vormarsch einen fürchterlichen Judenpogrom veranstaltet, hei dem nach den allerdings mit Vorsicht aufzunehmenden polnischen Nachrichten 600 Juden umgekommen sein sollen. In PräSzka, nahe der deutschen Grenze, verübten polnische Hallersoldaten einen Po« grom, bei dem 26 Juden getötet wurden. AIS Grund für daS unmenschliche Vorgehen der polnischen Soldaten wird angegeben, daß die Juden die Hallerschen Truppen durch den Gebrauch der deutschen Sprache reizten. In Cholm entstand ein Pogrom durch.daS Gerucht, daß Juden zwei Hallerfoldaten ermordet hätten. ES wurde sogar das Haus angegeben, in dessen Nähe der Mord stattgefunden haben sollte. DaS HauS wurde völlig zerstört, danach die Synagoge heimgesucht, und dann wurden auf dem Markt die gesamten Vorrate der jüdischen Händler im Werte von über 160.000 Kronen geplündert. Protest der polnischen Regierung. Die ״Polnische Telegraphen-Agentur" meldet: Im Aufträge des Volkskommissars für innere Angelegenheiten veranstaltete die Budapester Polizei nachts in den Gassen, die hauptsächlich von galizischen Juden be» wohnt werden, eine Razzia und verhaftete viele. Bei der borgenommenen Untersuchung wurden Wertgegenstände und Geld beschlagnahmt. Die Verhafteten, deren Zahl ungefähr 6000 beträgt, sollen im Aufträge der Regierung aus Budapest ausgewiesen werden. Der polnische Konsul in Budapest protestierte persönlich beim Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten energisch und forderte, daß die erlassene Verordnung gemildert werde. Er erhielt jedoch die Antwort, daß die magyar. Regierung rücksichtslos Vorgehen müsse, da sie nicht zulassen könne, daß durch einen eventuellen Pogrom gegen die galizischen Juden auch die magyarischen Juden getroffen werden. Der polnische Vertreter sandte an die magyarische Regierung eine Note mit dem Hinweis, daß ein weiteres derartiges Vorgehen gegen die galizischen Juden daS energischeste Auftreten der polnischen Regierung Hervorrufen müßte. Der polnische Vertreter Verlangte, daß den Internierten wenigstens daS Geld zurückgestellt werde. Mit Rücksicht darauf aber, daß seine Forderungen nicht beachtet wurden, hielt es der polnische Vertreter für notwendig, an die magyarische Regierung noch eine zweite Protestnote zu senden. DaS Blutmärchen von Tchorlou. Drei griechische Frauen in Tchorlou bei Adrianopel beschuldigten die kleine jüdische Gemeinde dieser Stadt, ihren kleinen fünfjährigen Bruder Gregori zwecks, Denötigung zum Paffafest, entführt und getötet zu haben. Ein angesehener Jude, namens Mereado und seine Frau Rebecca Behar Nissim wurden von einigen fanatischen griechischen Soldaten grausam gepeinigt und ins Gefängnis geworfen. Die griechische Bevölkerung bezeugte den Juden gegenüber eine drohende Haltung und überfiel einige jüdische Häuser. Während der Nacht wurde eine Deputation nach Adrianopel gesandt, und dank der energischen Intervention des OberrabbinerS telegraphierten der Gouverneur Colonel Samson, daS Haupt der englischen Mission, und der griechische Metropolit den Behörden von Tchorlou, daS Leben der Juden zu schützen. Nach zweitägigem Suchen, während welcher Zeit sich unsere GlaubenSbrüder in größtem Schrecken befanden, wurde der vermißte Knabe, der mit einigen Kameraden nach einem Nachbardorfe gegangen war, gesund und wohlbehalten aufgefunden. Die zwei angeklagten Personen wurden natürlich in Freiheit gesetzt, aber unglücklicherweise verlor Frau Nissim, infolge der auSgestandenen Tortur, den Verstand. Eine englische Mission wurde nach Tchorlou gesandt um Erkundigungen einzuziehen und die schuldigen Personen zu verhören. DaS Wahlrecht der Frauen. Professor Dr. David Hoffmann, der Rektor des Berliner Rabbinerseminars, veröffentlicht in der Monatsschrift ״Jeschurun" ein Gutachten über daS Wahlrecht der Frauen im jüdischen Gemeindeleben. Auf Grund der talmudlW - rabbinischen Bestimmungen kommt er zu der Entscheidung, daß den Frauen kein passives Wahlrecht eingeräumt werden darf. DaS aktive Wahlrecht dagegen könnte den Frauen, sobald ein Beschluß der Gemeinde darüber zustande gekommen ist, zugebilligt werden. Oerbreltel Sie ..Mkeke Oolkssfimitit".