Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 21 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 21. ״Attische 8#ü*ftt11une״ Seite 3 Auge! Er stand auf, trat an das Fenster seines StübchenS, schaute über den finsteren Hof nach der Synagoge, und kein Zweifel — die Synagoge war erhellt. Zu dieser ungewöhnlichen Stunde? Was ging da vor? Er nahry den Schlüssel, eilte die Treppe hinab, lief über den Hof, schloß die Synagogentür leise auf und schritt durch den Dorraum und die Stufen herab in das Innere des BetraumeS. Das Blut erstarrte ihm in den Adern bei dem Anblicke, der sich ihm bot. Ein seltsam unheimlicher Mann stand auf der Estrade, die in der Mitte der Synagoge sich erhob; er war damit beschäftigt, ein blitzendes Messer zu schärfen, an dessen Stiel ein gelber, giftiger Tropfen hing, und vor ihm lag eine lange Liste auf dem Tische» der sonst für die Vorlesung auS der heiligen Schrift bestimmt war. Zu Tode erschrocken, stürzte Rabbi Löw von dannen. Kaum jedoch hatte er sich von dem ersten Schrecken erholt, als ihm sofort klar wurde, um was eS sich handelte. In der Gemeinde hatte eine pestartige Krankheit sich leise zu regen angefangen; es mußte dies wohl der Todesengel sein, der gekommen war, seines bösen Amtes zu Walten. Vielleicht war dem Verderben noch zu wehren! Beherzten Sinnes ging der Rabbi in den Synagogenraum zurück. Der Mann hatte eben zu schleifen aufgehört und nahm die Liste zur Hand. Im selben Augenblicke hatte Rabbi Löw sich vorsichtig an die Estrade hcrangeschlichen; ein kühner Griff entriß dem Manne das Verzeichnis. Mit angstbeflügeltem Schritte stürzte der Rcrbbi zur Tür hinaus und auf sein Zimmer zurück. Dort atmete er auf und betrachtete dann das erbeutete Papier, das er in Händen hielt. Es war ein Verzeichnis von Männern und Frauen, darunter die ehrenvollsten und angesehensten Namen, deren Träger ersichtlich dem Tode verfallen waren. Ihr Verlust hätte die Gemeinde in schwere Trquer gestürzt, und auch seinem eigenen Herzen würden tiefe Wunden geschlägen werden. Voll Freude über das gelungene Werk ging er noch einmal die Reihen der Namen durch. Da bemerkte er, daß das Papier unten am Ende abgerissen und somit ein Rest desselben in der Hand des Todesengels zurückgeblieben war, aber dasjenige Stück, welches er zwischen die Finger genommen und auf dem sich offenbar noch ein Name befunden hatte. Den Träger dieses Namens dem Tode zu entreißen, war Rabbi Löw also nicht gelungen! Wer konnte es Wohl sein? Der Rabbi sann nach, blickte die Liste aufmerksam durch und gab sich schließlich in dem Gedanken zufrieden, daß seiner Gemeinde die besten Persönlichkeiten erhalten bleiben sollten. Er beobachtete über sein Abenteuer tiefes Stillschweigen, verfolgte jedoch in den folgenden Tagen aufmerksam jeden Vorgang und betete noch inbrünstiger als sonst während der Bußzeit für das Wohl der ihm anvertrauten Herde. Alles blieb ruhig, die Bußzeit und die Festtage gingen ungestört vorüber, keine böse Kunde drang an des Rabbi Ohr. Schon glaubte Rabbi Löw sich völlig beruhigen zu dürsen, als er in den Schlußtagen des Festes erkrankte. Es war die Pest, die ihn ergriffen hatte. Nach wenigen Tagen starb er. Während er so viele Namen den Händen des Todesengels entrissen hatte, mußte er seinen eigenen Namen zurücklassen und war außer Stande gewesen, sein eigenes Leben zu retten."") Wenn die Sage hier Rabbi Löw in Posen sterben läßt, so entspricht dies nicht den Tatsachen. Er wirkte vielmehr in Posen nur einige Jahre und kehrte dann (im Frühjahre 1597) wieder nach Prag zurück, wo er bis zu seinem Tode als hochverehrter Oberrabbiner von Prag mit selbstverkeugnender Hingebung seines Amtes gewaltet hat. Er starb, wie schon erwähnt, im Jahre 1609 zu Prag, wo sich noch heute sein Grab befindet. AuS seiner Posener Zeit sind zwei Vorträge von ihm erhalten, von denen der eine am Wochenfeste 1692 gehalten wurde. Sie sind 1598 in Prag gedruckt worden.") Nach dem Tode R. Löw's folgte ihm im Amte der hervorragende Prediger R. Salomo Efraim Lentschih, der Verfasser der bekannten homiletischen Werke «Kli Jakar", ״Ollelos Efraim" und vieler anderer. Nach Stein (Geschichte der Juden in Böhmen, S. 42) sollen die Judenältesten in Prag schon im Jahre 1604 den Kaiser um die Bestätigung der Wahl des Efraim Lentschitz zum Oberrabbiner von Prag gebeten haben, da Rabbi Low alt, kränklich und ruhebedürftig war und selbst um seine Eenthebung vom Amte nachgesucht habe. Die Angelegenheit hat sich aber auS unerklärlichen Gründen einige Jahre hingezogen und soll erst nach dem Tode Löw's zur Austragung gekommen sein. R. Löw hinterließ fünf Töchter. Diese waren: 1. Vögele, die Fraü des R. Jsak b. R. Schimschon Kohen, Rabbiner in Wien und Nikolsburg (sie waren die Eltern des bekannten Lubliner Rabbiners R. Nastali Kohen und Schwiegereltern des R. Abraham Samuel Bacharach, Rabbiner in Worms), sie starb 1629; — 2. Gitl, die Frau des R. Simon Halevi Brandeis, Primar der Prager Kultusgemeinde, starb am 7. Tischri 1636; — 3. Rachel, Frau des R. Abraham Halevi Wallerstein aus Frankfurt a. M.; — 4. Tile, die Gattin des R. Zwi Hirsch SabatkaZ) starb 1613׳ und 6. Relina, die Frau des R. Chaim ben R. Abraham Wahl, -es Stifters der Klaussynagoge in Prag, sie starb 1639. Sein einziger Sohn, Bezalel, wegen seines Scharfsinnes ״der Eharif" genannt, leitete eine Talmudschule in Kolin und starb noch zu Lebzeiten seines Vaters im Jahre 1600?) Die Frau des R. Löw, Perl, die Tochter des R. Samuel Schmelke, eines reichen und angesehcnen Mannes in Prag, überlebte ihn kaum um ein Jahr und starb daselbst am 12. Jjar 1610 und wurde an der Seite ihres Mannes zur ewigen Ruhe gebettet. Ihre Gräber bilden heute eine der ältesten Sehens- Würdigkeiten der jüdischen Gemeinde Prags. Anmerkungen. 1) Asulai berichtet in seinem ״Schern Ha-Gedolim" (1. Teil, S. 82), daß ihm ein hochbetagter Greis über den Gegenstand dieser wichtigen Unterredung Aufschluß gegeben habe, den er aber aus verschiedenen Rücksichten nicht.Mitteilen könne. a) S. meinen ״Haeschkol" Bd. 5, S. 49. — Die <2•° ge vom Golem wurde lange schon vor dem hohen Rabbi Löw dem R, Elia von Cholm angedichtet. Uebcr diesen Elia, der um 1500 in Polen geblüht und der allgemein ״der Baal-Schem von Cholm" genannt wurde, habe ich in meiner Schrift über die ״Wundermänner" ausführlich gehandelt. Die Erzählung von einem Golem des N. Elia von Wilna, dem Wilnacr Goen, der sich bei einzelnen Schriftstellern findet (s. ״Alioth Eliahu" von Josua Heschel Lewin und Jewish Encyclopedia 6) scheint weiterhin nur eine durch die Namensglcichheit mit Elia von Cholm entstandene Abart von der Sage dieses letzteren zu sein, lieber die Entstehung und Ent- Wicklung der Legende vom Golem hat in neuester Zeit Konrad Müller (in den ,״Mitteilungen der schlesischen Gesellschaft für Volkskunde" Bd. 20) eine eingehende und aufschlußreiche Abhandlung veröffentlicht. ") Zacharias Frankel, Gedenkblätter zu seinen! 100. Geburtstage, S. 3, Anm. 7. *) Elieser Aschknasi, Sohn des Arztes Elia, geboren 1513 in Aegypten, war ׳zur Zeit als R. Löw nach Posen berufen wurde, dort Landesrabbiner (Zunz, Literaturgeschichte S. 418). Im Jahre 1580 war er in Gncsen zwischen dem 10. und 15. Ab in Landesangelegcnheiten, jedenfalls auf der großpolnischen Landcssynode, tätig (Monatschrift, 13., 361). In Posen stand er im Briefwechsel mit R. Salomo Lurja, geriet mit den polnischen Rabbinern in Zwistigkeiten, die ihn nicht verstanden und denen er in manchem voraus war (Michael, Or ha-Chajim S. 199). Bereits zloei Jahrhunderte später setzt sich R. Jacob Liffa in seiner Pessnchhaggada mit dem Kommentare des R. Elieser zum Pentateuch auseinander und greift ihn heftig an. Zuletzt lebte er in Krakau als Privatmann, woselbst er gegen 1590 starb. Die Frau seines Sohnes Elia war eine Schwester Saul Wahl's, des sagenhaften Eintags- Königs von Polen (Eisenstadt, Daath Kedauschim, S. 84). Sein Werk ״Josef Lekach" (Kremona 1676),^ einen Kommentar zum Buche Esther, widmete er dem Don Josef Nafi, Herzog von Naxos (Michael u. a. O.). Sein zweites Werk ״Maase Adonai", ein Kommentar zu den geschichtlichen Teilen des Pentateuchs, ist noch heute in allen frommen jüdischen Kreisen ein sehr beliebtes Buch.'Ueber seine liturgischen Dichtungen s. Landshut Amude Ha-Aboda S. 19 und Zuna a. a. O. S. 418. ") Bloch, Die Sagen des Posener Ghetto in der Zeitschrift der historischen Gesellschaft für die Provinz Posen, 6., S. 462 f. °) Zur Gisschichte und Literatur S. 278. 7) Ueber den Familiennamen Sabatka und seine Bedeutung s. Eisenstadt, Daath Kedauschim S. 77 und die hebr. Zeitschrift ״Hapisgoh" Heft 6, S. 101---2. ") Rafael N. Rabinowitsch, der Herausgeber der Variae lectiones zum babylonischen Talmud, der ein Abkömmling R. David Tewele's, des OberrabbinerS von Lissa, war, leitet dessen Abstammung indirekter Linie von R. Löw und dessen Sohn Secharja Mendel, Rabbiner in Lemberg, ab (Responsen des R. Meier Rothenburg,. Lemberg 1860, S. 64a). Landshut (Sikoron ba-Sefer S. 34), bezweifelt mit Recht die Existenz dieses Sohnes Liwa's, weil nach Meier.Perls Megillath Jochasim (Warschau 1889, S. 24) er nur den einzigen Sohn Bezalel hatte. Secharja Mendel hat aber wirklich existiert, nur war er nicht Rabbiner in Lemberg, sondern lebte in Krakau als ein unter dem Namen Secharja der Prophet bekannter Gelehrter, auch Secharja Klausner genannt (Buber, Ansche Schem S. 192 und Dembiher, Klilath Jofi S.). Ein Sohn dieses R. Secharja war der Landesrabbiner von Krakau R. Arje Loeb, wegen seines hohen Wuchses der hohe Radbi Löb genannt (Walden 1, sub voce). Diesen hat Rabinowitsch offenbar mit unserem Liwa b. Bezalel verwechselt, weil beide denselben Beinamen im Volksmunde führten. Eine ähnliche Verwechslung dürfte auch bei Stein (Geschichte -er Jupen in Böhmen S. 70) vorliegen, der außer dem Bezalel noch zwei andere Söhne Liwa's, mit Namen Samuel und Jekutiel anführt. Wie er sonst dazu gekommen wäre, begreife ich nicht. Gedanken zu den Kultusgemeindewahlen. Von G. Kanter. Wir stehen jetzt im Zeichen der Kultusgemeindc- Wahlen. In einigen Orten waren sie schon, in manchen werden sie erst stattsinden. Soweit sie schon stattfanden, konnte man recht charakteristische Erfahrungen sammeln. Wahrend bei jed2r anderen Wahl (z. D. in die Gemeindevertretung) sich verschiedene Parteien verschicdener Nationalitäten bekämpfen, bekämpfen sich bei den Kultusgemeindewahlen, die auf Grund des denkbar undemokratischen Wahlrechtes stattfinden, verschiedene Parteien derselben Nation, während aber alle anderen Nationen einen Rückhalt in ihren Heimatländern haben (die Tschechen im tschechoslowakischen Staate, die Deutschen in Deutschland usw.), hat uyser jüdisches Volk nirgends einen Rückhalt, gehetzt und verfolgt und dennoch nicht kampfmüde. Denn wozu wäre denn sonst die Wahlagitation, die nicht in Wähler- Versammlungen oder Wahlaufrufen, sondern in persönlicher Ueberredungskryst gipfelt, der Wahlkampf und die Befviedigung mit seinem Ausgang hüben wie drüben nötig? Allerdings haben einige. Gemeinden, vor allem Brünn, in kluger Erkenntnis, daß ein Kom- Promis unschwer zu schließen sei, einen solchen geschloffen und vom Wahlkampf Abstand genommen. Die neuen Machthaber haben schwere und wichtige Aufgaben. Vor allem die Umwandlung der Kultusgemeinden in Volksgemeinden, die über Nacht nicht geschehen kann, sondern, soll sie sich für die Zukunft als heilbringend erweisen, schon heute vorbereitet werden muß. Eine nicht minder wichtige Aufgabe, deren Lösung wir von den neuen Kultusgemeinden erwarten und erwarten müssen, ist die ' Errichtung der jüdischen Schulen, über deren Wichtigkeit kein Wort zu verlieren' ist und deren Errichtung (in Orten, wo 20 jüdische Schulkinder sind eine jüdische Volks-, wo mehr als 20 eine Bürgerschule) auch die Konferenz jüdischer Mittelschutlehrer in Olmütz׳ vom 29. Juni l. I. befürwortete. Auch hier wird es Sache und Pflicht der neuen Vorstände sein, dem jüdischen Volksrat bez. dem Landesvolksrat in Brünn an die Hand zu gehon, die Lokalitäten für die Schulen ausfindig zu machen, geeignete Lehrkräfte zu subventionieren, ihnen entgegenzukommen u. a. m. Das gilt natürlich nur für die großen und größten Gemeinden unseres Staates. Die kleineren werden sich einige (z. B. die eines Bezirkes) zusammenschließen müssen zu ei» nem Schulsprengel, um entweder einen hebräis.hen Sprachkurs oder zusammen eine jüdische Schule zu errichten. Auch hier fällt ein Teil der Pflicht und Aufgaben naturgemäß den Kultusgemeinden zu. Unsere innigsten und heißesten Segenswünsche geben wir den neuen Vorständen auf den Weg, der sie hoffentlich über ernste, zielbewußte Arbeit zum Heile unseres Volkes führen wird. Schon an den wenigen Aufgaben, die ich oben angeführt habe und die sich um viele, viele vermehren ließen, ist es klar, daß die Aufgaben, die der neuen Kultusgemeinden harren, von höchster Wichtigkeit in nationaler, religiöser und auch sozialer Hinsicht sind und daß an der Lösung dieser Aufgaben nicht zum geringsten Teile das Wohl und Wehe unseres Volkes hängt. Denn die Minoritäten werden nur dann geachtet, und geschützt werden, wenn sie zeigen, daß sie was arbeiten, was "Kulturelles schafsen und leisten können und wollen. Um aber etwas schaffen und leisten zu können, muß man den Parteizwist und jeglichen Hader beiseite schieben und meiden. Wünschenswert wäre es, wenn dies die neuen Herren vom Vorstande, wenigstens jetzt nach der Wahl, einsehen;mb erkennen würden. Dann wird auf ihrer Arbeit der Segen des Allmächtigen ruhen und goldene Früchte und großen Nutzen werden wir alle ernten. Dann-können wir alle mit Beruhigung und Stolz sagen und feststellen, daß die Arbeiten zum kulturellen Aufbau Palästinas und׳ zum Schutz der in den anderen Ländern zurückbleibenden Juden einen großen Fortschritt gemacht haben, dann können wir stolz zu Gott beten: boruch atho adaneoj banne jcruscholojim. t Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer VoNskalender