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Jüdische Volksstimme · 1919-07-25 · Heft 20 (25.7.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 20 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 20 jüdische Bsttsft«»»- mit den blassen Gesichtern, in ihren Rügen zittert die Todesangst nach, die sie in ihrer Heimat verfolgt hatte, auf ihren gebeugten Schultern tragen sie die Tragödie des jüdischen Volkes. So kommen sie hierher, und da stehen sie vor der furchtbaren Frage: »Was nun? Was soll jetzt mit uns geschehen? Was fangen wir^an? And eine neue Kette von Sorgen, Schwierigkeiten und Leiden beginnt für sie. Diesen unseren Unglücklichsten, durch alle höllischen Fegefeur gewanderten Brüdern zu helfen — das ist vornehmlichste Pflicht der Oftjuden, die hier in Deutschland seit Jahren leben und sich hier eine mehr odc weniger gesicherte Existenz verschafft haben. Wer dermag ihre Leiden und Qualen heißer und tiefer mitzufühlen als wir Ostjuden, die wir früher selbst aus jener Höllensphäre hergekommen sind? Ueberall im Reiche, wohin der Strom der ostjüdischen Einwanderer sich ergießtmüssen die ansässigen Ostjuden ein HilfS- Werk für sie organisieren; Speiseküchen und ArbeitS- Nachweise, Unterkünftsräume und Unterstützungskassen, Rechtsschutz und juristische Hilfe. Das alles muß einen brüderlichen Charakter tragen. Ein warmes, liebevolleS Trostwort ist mitunter mehr wert als Geldunter- Stützungen. Die Hauptsache ist nicht bloß was man tut? sondern wie man eS tut. Gewiß wissen wir, und erkennen es at^ daß unsere deutschen Brüder auf die- -sem Gebiete viel leisten, wir wollen uns von ihnen gar nicht absondern, wir wünschen mit ihnen zusammen zu arbeiten, — allein sie sind in ihren Gefühlen mit unseren östlichen Brüdern noch nicht so eng verbunden wie wir selbst, die wir doch mit diesen durch Jugend- Erinnerungen und gemeinsames Schicksal, durch kulturelle, psychische und geistige Bande aufs Innigste derbunden sind. Und deshalb müssen die Ostjuden in jeder . Stadt die Organisierung und Durchführung des HilfS- Werkes für die ostjüdischen Einwanderer selbst in die Hand nehmen. Dazu gehört aber eine große, einheitliche, über das ganze Reich ausgedehnte Organisation! /Die ganze Hilfsaktion muß planmäßig, systematisch durchgeführt werden. DaS ganze Material muß in einer Zentralstelle gesammelt werden, damit man weiß, wie die Lage in den verschiedenen Teilen des Landes ist, welche ArbeitS- und Aufenthaltsmöglichkeiten überall vorhanden sind. Dieses Material ist auch erforderlich für die Durchführung notwendiger politischer und rechtlicher Aktionen, die nur von einer zentralen einheitlichen Organisation erfolgen kann, welche autorisiert ist im Namen aller Ostjuden in Deutschland zu sprechen und positive statistische Grundlagen vorzulegen im Stande ist. Diese einheitliche Organisation ist Her ״Verband der Ostjuden in Deutschland". DaS Grundprinzip des Verbandes ist die Selb st- Hilfe! Die Ostjuden sollen sich selbst helfen. Sie sollen sich nicht mehr auf die Wohltätigkeit ihrer deutschjüdischen ״Gönnern" verlassen und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Die Selbsthilfe ist gerade in der gegenwärtigen Zeit besonders dringlich. Zwar hatten die ausländischen Judesi auch bisher genug Hindernisse zu überwinden, — der gegenwärtige Moment ist jedoch ein ggnz besonders schwerer. Wir leben jetzt in wechselvollen unsicheren Verhältnissen. Jeder Tag kann neue, peinliche Ueber- Waschungen bringen. Wir wissen heute nicht, was morgen mit uns geschehen sann. Dunkle Wolken verdüstern den Horizont. In einer solchen kritischen Stunde müssen wir unD zusammenschließen, alle unssre Kräfte dereinen um Unsere».- sozialen, politischen, religiösen und kulturellen Interessen verteidigen zu können. Der Einzelne istt schwach, und hilflos; alle zusammen aber, bereinigt in starker Organisation, werden wir einen ..achtungsgebietenden Machtfaktor bilden. Mit vereinten Kräften müssen wir aye gegen die ״ausländischen Juden gerichteten AusNahmsbestimmungen bekämpfen! Wir müssen volle Gleichstellung in den jüdischen Gemeinden und Organisationen fordern! Daß wir in dieser Hinsicht noch viel zu kämpfen haben, das beweist auch der Beschluß des ״Zentralvereines D. S. I. G.", die ausländischen Juden von der Teilnahme am jüdischen Kongreß in Deutschland auszuschließen. Wie man sich auch zu dem Kongreß an und für sich verhalten mag, so müssen wir doch prinzipiell den schärf, sien -Einspruch gegen einen solchen Beschluß erheben, der ssunderttausende Juden von einer jüdischen Veranstaltung ausschließen,unsere Brüder als Parias behandein will. Eine Wirkung können wir nur dann erzielen, wenn wir alle unsere Kräfte zu einem machtvollen Faktor - vereinen. Dey Verband der ״Ostjuden in Deutschland", dem bitter außer eine Anzahl Einzel. Mitglieder zirka BO Vereine angehören, muß die ge. samte Ostjudenheit in Deutschland umfassen, um seine großen bedeutsamen Aufgaben erfüllen und ein wichti. ger Faktor im jüdischen Volksleben werden können. verbreitet Brüder! Eure eignen vitalsten Interessen fordern von Euch: »Schließet Euch an der Gesamtorganisation der in Deutschland lebenden Ostjuden"! Aorrespoackenzen. Wien. (Jüdischer Schulverein für den 9. Bezirk, Seegasse 16.) Der Vorstand beabsichtigt mit Beginn des neuen Schuljahres, September 1919, einen Talmud (Gemorrah) und einen Hebräischen. Sprach-KurS seinem Unterrichte anzugliedern, falls sich eine genügende Anzahl von Schülern (Hörern) meldet. Sofortige schriftliche Anmeldungen dringend erbeten. Wien. Herr Dr. Adolf Deutsch, Rabbiner in Koste! (Mähren) und Herr Dr. Joel Po Hak, Rabbiner im Bethaufe ״Montefiore", haben die Prüfung zum Doktor der Philosophie an der Wiener Universität mit Auszeichnung abgelegt. Ung.-Vr1H. Anläßlich der Wiederkehr des TodestageS Dr. Theodor Herl'S veranstaltete der jüdischnationale Verein ״Hatikwah" im Aufträge des hiesigen Jüdischen VolkSrateS am Donnerstag, den 17. Juli, um 8 Uhr abends, im Tempel eine Gedenkfeier. Eine zahlreiche Menge füllte das festlich geschmückte Gotteshaus. Die Jugend, geführt vom ״Techelet La- Wan" erschien geschlossen in Zügen um an der Gedenkfcter teilzunehmen. Die Feier wurde durch den Choral ״Adaunoi mo odom", dirigiert vom Herrn Oberkantor Körner und gesungen durch den Männerchor des Vereines ״Hatikwah" eröffnet. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. K. Nürnberger die Gedenkrede, feierte mit begeisterten Worten daS Andenken unseres großen Führers, gedachte der Opfer der Pogrome in Polen und zündete in feierlicher Weise das Jahreszeitlicht vor der Bundeslade an. Der Männerchor intonierte sodann ״Schiwisi" und ״El mole rachamin". Die Gedenkfeier schloß mit Verrichtung deS KadischgebeteSvor der BundeSlade durch Herrn Rabbiner Dr. Nürnberger und durch Absingen der ״Hatikwah". Der Gedenktag verlief in festlicher und würdevoller Weise. Im Vorraume des Tempels wurden Spenden für den Herzlwald entgegengenommen. Das günstige ErgebniS dieser Sammlung, welche noch nicht abgeschlossen ist, wird später veröffentlicht werden. Ung.-Brod. Die. erste ordentliche Generalversammkung des j^orschnationalen Vereines ״Hatikwah" fand am Sonntag, den 13. Juli, in den Vereinslokalitäten statt. Der Obmann und die einzelnen Referenten erstatteten den Jahresbericht, aus welchem die intensive und weitgehende Tätigkeit des Vereines, welche sich in erster Linie auf die Erlernung der hebräischen Sprache, seiner Mitglieder und der Jugend, sowie auf literarische Betätigung durch. wöchentliche Abhaltung von Vorträgen und Vorlesungen und Gründung einer großen Bibliothek erstreckte, zu entnehmen war. Durch öftere geseUjchaftliche Veranstaltungen, deren nahm« mafte Reinerträgniffe hauptsächlichst dem Jüdischen Nationalfond gewidmet wurden, hat sich der Verein ein großes Verdienst um den Letzteren erworben. Autzerdem wirkt der Verein auf sportlichem Gebiete, in» dem er eine Fußball-, Wander- und Turnsektion gegründet hat, welche im Aufblühen begriffen sind. DaS finanzielle Ergebnis ist ein recht erfreuliches — der Kassastand beträgt 1660 K. Mitgliederzahl 146. Die einzelnen Berichte wurden von den anwesenden Mitgliedern mit Befriedigung zur Kenntnis genommen und dem scheidenden Ausschüsse der Dank und die Anerkennung für seine Leistungen ausgesprochen. Hierauf wurde zur Neuwahl des zwölfgliedrigen Ausschusses geschritten. Aus dem alten Ausschüsse wurden die Da: men: Frl. Esther Jedlin, Frl. Irma Schön und die Herren Karl Beck, Ignaz Brunn, Paul Freschl, Ignaz Schön und Leo Smetana Wiedergewählt. Neu hinzugewählt wurden die Damen: Frl! Grete Brunn (Frl. Valerie Schindler), die Herren Julius Glück, Erwin Katona, Josef Schindler, Sigmund Schön (Max Groß, Mendl Jedlin, Arthur Nado). Zwittau. (Herzlgedenkfeier.) AuS Anlaß der Wie- Verkehr deS Todestages unseres unvergeßlichen Dr. Herzl fand, und zwar zum ersten Male seit Bestand der hiesigen israel. Kultusgemeinde, am Montag, den 21. Juli, um 8 Uhr abends, im israel. Tempel eine feierliche Gedächtnisfeier für Dr. Theodor Herzl statt. Nachdem Herr Kantor Ehrlich die üblichen Trauergesänge vorgetragen hatte, hielt Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Kanter die Gedächtnisrede, indem er in meister- Hafter Weise der Leiden unseres Volkes im Galuth und der Verdienste HerzlS sowie de- Zionismus ge. dachte und daS Andenken deS Heimgegangenen ent. sprechend würdigte und verherrlichte. Mit der Absingung der Hatikwah schloß die solenne Trauerfeier, die allen Anwesenden recht lange in Erinnerung bleiben wird. Sie ״Mrcbe Os» Olmütz. (Leichenbegängnis.) Am Freitag, den 4. Juli, wurde eine der würdigsten Frauen der Olmüher Gemeinde, Frau Helene Brüßler, unter autzeror. deutlichen Ehren zu Grabe getragen. Nahezu KV Jahre in Stadt-Neugaffe bei Olmütz wohnhaft, hatte sich diese wackere Frau und wahrhaft fromme Jüdin durch ihr stilles, wohltätiges Wirken die Herzen aller Men. schen, ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Na. tionalität, gewonnen. Die Teilnahme an ihrem Lei« chenbegängniS war eine äußerst zahlreiche. Ihre vielen Verdienste wurden vom Rabbiner Dr. B. Oppen* heim und am Grabe von ihrem Bruder, Dr. M. Grün« feld, gewürdigt. Der Männergefangverein Stadt-Neu. gasse ehrte sie durch den Vortrag eines ergreifenden Liedes Unvergessen wird ihr Wirken bleiben in der jü« bischen Gemeinde Olmütz. Ehre ihrem Angedenken! (Professor Dr. Lrar^r in BreSlau.) Professor Dr. M. Brann, Dozent am Rabbinerseminar zu BreS» lau, beging am 9. Juli seinen 70. Geburtstag. WiS entbieten dem gelehrten Jubilar unsere herzlichsten Glückwünsche. An die jüd. Abiturienten und Abiturientinnen. An Euch, die Ihr nunmehr, entwachsen dem eng» umschriebenen Pflichtenkreise der Mittelschule, vor die freie Wahl des Lebens gestellt seid, ergeht heute unser Ruf. Selbst sollt Ihr künftig für Euere Handlung-, weise einstehen, für Euer Tun die Verantwortung tragen! Da muß eS vor allem Euer Streben sein. Euch richtig zu entscheiden, so, wie eS Eueren Pflichten gogen Euch selbst und Euere Umwelt entspricht. Eueren Pflichten gegen Euch, die von Euch in erster Linie unbedingte Wahrheit gegen Euch selbst und Wahrheit Eueres Tuns erheischen, die eS Euch ver. bieten, um kleinlicher Vorteile willen Euer wahrstes Innerstes zu verleugnen, die von Euch fordern. Euch rückhaltlos als das zu bekennen, was Ihr seid: al» Juden. Eueren Pflichten gegen Euer Volk, denn Euer Volk bedarf der ganzen Kraft eines jeden seiner Genas» sen und hedarf Euer ganz besonders; seid'Ihr. doch kraft Euerer Bildung berufen, -unter seinen Ersten zu stehen! Euch dazu zu machen: ist unser Ziel. Alles in Euch zu beleben, waS jüdisch ist und mit Euerer Wesenb iin Einklang zu bringen. Euch.zu Menschen und Juden zu machen: unsere Mittel. Viele nationaljüdische Korporationen werben um Eueren Beitritt; laßt Euch nicht verlocken! Täuschet Euch nicht! Auch auf akademischem Boden, ist der Kampf für und gegen das Judentum entbrannt! Unsere deutschen Kommilitonen vergessen die Grund» sätze der Lehr, und Lernfreiheit und wollen die wissenschaftliche Betätigung von der nationalen Zugehörigfeit und dem politischen Bekenntnis deS Studenten abhängig gemacht sehen, ja noch mehr, ein großer Teil von ihnen will die jüdischen Kommilitonen von der Hochschule verdrängen und ihnen die wissenschaftliche Ausbildung überhaupt unmöglich machen. Zahlreiche Vorfälle der letzten Zeit zeigen, daß die Tendenz der deütscharischen Studentenschaft dahin geht, alle Juden ohne Unterschied deS politischen Bekenntnisses auch, von den gemeinsamen kulturellen, sportlichen und Wirtschaftlichen akademischen Institutionen zu verdrängen! ES ist Pflicht eines jeden aufrechten jüdischen Aka. bemikerS, für die bedrohte jüdische Studentenschaft einzutreten. DaS kann aber nur, wenn er sich organi. siert. Doch wollen wir uns nicht abschließen und absondern, sondern, treu auf dem Boden unseres Volkes stehend, den Weg zum Verständnis und gemeinsamer Arbeit mit allen unvoreingenommenen' Kommilitonen suchen! Wir wissen, daß wir diesen Weg nur in Wahrheit gehen können. Und ^hr möget ihn mit uns gehen! ' , - ‘ Darum rufen wir Euch allen zu: organisiert Euch, tretet ein in die. Reihen der jüdischen Studentenkorpo* rationen! Freie jüdischnationale Hochfchüler Vereinigung. Ferialadresse: Ing. Cand, Walter Brandei», Prag, 1. Bez., Lange Gasse 22. י Kartell jüdischnationaler Verbindungen in Prag. Ferialadresse: MUC. Bernhard Wildmann, Prag» 2. Bez., Pschtroßgaffe 7/1. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Prag. Ferialadresse: Vereinslokal, Lange Gaffe 22. Vexein jüdischer Akademikerinnen. Ferialadresse: Med. Lilli Weil, NiklaSstraße IS. Verein jüdischer Hochschüler Bar Aochba.;stimm«".

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