Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 20 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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G6 -,'״ ^Mische Ußlksstimme^ Nr 20. Ferialadreffe: Chem. Franz Pollak, Prag, 1. Dez., Kolkovna 6. ' Verein jüdischer Mediziner. Ferialadreffe: MUT. Felix Refek, Weinberge, Jungmannstraße 36. Dr. Gustav Karpeles. , (Zu seinem zehnten Todestage.) Bon E. König. ES ist bereits ein Jahrzehnt verstrichen, seitdem mit der deutschen Publizistik auch das deutsche Judentum von einem schweren Verluste betroffen wurde. Verfehlt wäre eS die Persönlichkeit Gustav Karpeles' vom modernen jüdischnationalen Gesichtspunkt ausgehend, beurteilen zu wollen, zumal er mehr kulturell als politisch wirkte und Len eingentlichen Uebergang vom Nachmendelsohnschen Zeitalter zum selbstbewußten Nationaljudentum verkörpert hat. Der Gelehrte, von den ethischen Grundsätzen des Judentums bis zur Begeisterung erüllte Mann, vereinigte in sich die mannigfachsten Seelenschattierungen des Alljudentums; Freidenker, Philosoph und Frömmling zugleich. Er sehnte die Religion der Propheten herbei und sprach es wörtlich aus: »Wenn alle Religionen sich vereinigt haben werden, dann wird die Religion der Propheten herrschen, die Religion, die sich auf das Bekenntnis des einig einzigen Gottes, des Lenkers der Welt gründet, dessen Reich auf Erden ein Reich der Menschlichkeit, der Freiheit und der Gerechtigkeit Ist." Er sprach mit Heller Liebe von seinem Judentum, von dessen glorreicher Geschichte und von den herrlichen Schätzen der jüdischen Literatur. Als feinsehender Kritiker analysiert er das Schicksal des ewig leidenden Volkes das ganz natürlicherweise den ersten Dichter des Weltschmerzes Salomo Jbn Gabirol hervorbrachte. »Und wie auch anders, welches andere Volk des Mittelalters sollte weltschmerzliche Gelüste empfinden, als gerade die Juden, die Kammerknechte des heiligen römischen Reiches, die Parias der Weltgeschichte, die nach' den heiligen Ruinen Jerusalems . ihr frommes Sehnen, die tiefsten Seufzer ihrer -Brust richteten, während sie ihre kühnsten und rosigsten Hoffnungen in so ferne messianische Zeit gerückt sahen." Freilich rangen noch in Gustav KarpeleS zwei Kulturen, denn allzuoft betonte er es in Gesprächen mit seinen Nächststehenden, daß er sich als Deutscher und Jude zugleich fühle. Seine bei . Wien noch heute wohnhafte Schwester, Schriftstellerin Karola Buchheim, präzisiert dieses KulturkompromiS: »Sein ganzes Leben war erfüllt von deutschem Idealismus, deutschem Pflichtbewußtsein und deutscher Tüchtigkeit, aber zugleich beseelte ihn die tiefe Innigkeit und Pietät des jüdischen Gemütes, der sich die scharfe Beobachtungs- und Auffassungsgabe des jüdischen Ingeniums und der geist- und gefühlsvolle jüdische Humor zugesellten." Cs klingt dies wie eine Charakterzeichnung Heinrich Heines, dem KarpeleS so seelenverwandt nahestand und dem er einen großen Teil seiner literarisch publizistischeu'Tätigkeit gewidmet hat. Und dann schreibt Frau Karola Buchheim: »Mit Recht erkannte er in der Vergeisterung und Veredelung des heutigen Judentums in dem Zurückgehen auf die erhabenen Quellen seiner Größe und zugleich in der Aufnahme , der edelsten Elemente der deutschen Psyche die wirksamste Methode im Kampf gegen die wüste Barbarei des Antisemitismus." Es liegt nun ferne hier die Größe dieses Mannes mit einem typischen deutschen Affimilantenführer wie es beispielsweise der bekannte Professor Dr. Ludwig Geiger war, in Einklang zu bringen; ebenso wäre es überflüssig zu betonen WaS Gustav Karpeles für das Judentum bedeutet und WaS ihm jüdische Wissenschaftler zu verdanken haben. Besonders waren es die deutschen Juden, denen sein Schaffen einen reichhaltigen Brunnen jüdischen Geistes eröffnet hat. Die »Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" und die ״Vereine für jdüische Geschichte und Literatur" sind däS erhabendste Vermächtnis des selbstlosen VerfechterS der jüdischen Sache. Mit unermüdlichem Eifer stand er fast 19 Jahre im Dienste der Leitung der »Allgemeinen^ Zeitung des Judentums", die er nach deren Begründer Rabbiner Dr. Ludwig Philippson übernahm. In allen seinen kulturellen Institutionen erwarber sich daS Hauptverdienst, indem er selbst jene die dem Judentums entfremdet waren, der jüdischen Fahne zuruckgab. Tr gewann sie wieder fürs Volkstum und weckte auf diese Weise VdaS Selbstbewußtsein und Selbstgefühl, daS bei so Bielen verblaßt schien. «Niemandem zu Liebe, niemandem zu Leide" lauten dieeinleitenden Worte zu seinem großen jüdischen GeschichtSwerk und in der Tat hat er auch in den Kretsen verschiedener Richtung immer daS Trennende ausgeschaltet und -aS Einigende zur Geltung gebracht. Als in den neunziger Jahren die mächtige Phalanx deS deutschen Liberalismus ins Wanken geriet und die drohende Reaktion wie eine drohende Wolke am politischen Horizonte aufstieg, war Gustav Karpeles durch, drungen von -er Ueberzeugung, daß es bei dem Andrängen der antisemitischen Hydra gegen unsere Gemeinschaft kein besseres Mittel gibt als unsere rühmreiche Geschichte zu erfüllen, und ihre Mut und Kraft durch daS Beispiel unserer glorreichen Heldenahnen, die ihre Eigenart nicht aufgeben wollten, zu verleihen. Seine Verträge und Gedenkreden auf Samuel David Luzzatw, Leopold Zung, Heine u. v. a. sind Perlen höchster Beredsamkeit. Auch als Organisator seiner Külturvereine legte er bewundernswerte Tatkraft und Fähigkeit an den Tag. Mehr als 220 Vereinsabzweigungen für jüdische Geschichte und Literatur sind in Deutschland zum größten Teil unter seiner Mitwirkung ins Leben gerufen worden. Im Jahre 1898 gab Dr. Karpeles die Anregung, alljährlich ein Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur erscheinen zu lassen, wobei er selbst immer eine literarische Jahresrevue schrieb, die eine kritische Ueberschrift enthielt über alle moderne Erscheinungen auf dem -Gebiete der jüdischen Literatur. Die bedeutendsten Männer wurden zur Mitarbeit herangezogen, so daß dieses Jahrbuch die Herzen deS Publikums erobert hat. Seine Wirksamkeit als Gelehrter und Forscher erstreckte Dr. Gustav Karpeles auch nach, vielen anderen Richtungen hin. Auch unS Renaissance-Juden starb allzufrüh dieser prachtvolle Mensch, dem die neuere hebräische und jiddische Literatur ihre Pforten noch nicht eröffnet hat. Sein Wirken und Schaffen wird nus trotzdem unvergeßlich bleiben. Prager Brief. Der Streit, ob die Zukunft dem Sozialismus oder dem Nationalismus gehört, kann uns Juden, die wir vom Hause aus demokratisch sind, in der Lösung der Frage des jüd. Nationalismus nicht weiter aufhalten. Die Ueberbrückung der Gegensätze zwischen nationalliberal einerseits und national-religiös andererseits bot uns — wie auch anderswo — so hier in Prag ein reiches und ergiebiges Arbeitsfeld. Die großen politischen Ereignisse unserer Zeit, die sich mit unheimlicher Geschwindigkeit vollziehen, haben die Bestrebungen des jüd. Nationalismus mit jähem Ruck in die vorderste Reihe aller anderen höchst wichtigen und dringlich gewordenen Fragen gestellt. Durch diese unerwarteten Verhältnisse ist die bisher bedächtige Tätigkeit des jüd. Nationalismus in den letzten Tagen auf eine breitere Basis gestellt worden. Wie sehr wir Juden gerade jetzt die Einigkeit notwendig haben, erhellt aus den sich nun überstürzenden Ereignissen, durch die wir eines Tages vor fertige Tatsachen gestellt werden könnten. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, wollen es alle Parteien der hiesigen Judenheit vermeiden, zunächst eine Krise ״in der Prager Kultusgemeinde aufkommen zu lassen, indem auch hier — wie in Wien — eine Permanenzkommiffion bestehend aus Mitgliedern aus Kgk. und Delegierten deS jüd. Nationalrates zwecks Aenderung des Statutes (Wahlordnung) durchzuberaten. Allerdings liegen hier die Dinge ganz anders als etwa in Wien. Hier sind eS drei Gruppen von Juden, die dem Narodni vybor ihre Aufwartung separat machten. Jede von ihnen beansprucht das Recht für sich, namens der Judenheit zu sprechen und diese nach Außen hin zu vertreten. Z u n ä ch st war es der Jüdische Nationalrat, der namens der Juden des tschechoslovakischen Staates ein Memorandum überreichte. Unter Zugrundlegung der siegreichen Idee von der Selbstbestimmung wird in demselben die Errichtung eines jüdischen Nationalrates und dessen Anschauungen und Forderungen mitgeteilt. Palästina ist als jüd. Zentrum anerkannt und was wir für die hier lebende Juden fordern, ist: 1״. Anerkennung der jüd. Nationalität; 2. volle bürgerliche und öffentl. rechtliche Gleichberechtigung der . Juden; 3. nationale MinderheitSrechte für das jüdische Volk, wie a) Demokratisie- Mng der gegenwärtigen Kultusgemeinden, b) Erweiterung der Kompetenz der jüdischen Gemeinden nebst gemeinsamer Vertretung." Eine fluktuierende, unaufrichtige Assimilation muß als ein Unglück für das jüdische Volk betrachtet und bekämpft werden. Auch wird mit ehrlicher Offenheit gegen den «vergiftenden Einfluß des wachsenden AntisemitiSmuS" Stellung genommen und schließlich »kulturelle Selbstverwaltung" in immer jüd. Fragen gefordert. Eine zweite Gruppe, die sich geltend machen will, ist der »Svaz ceSkych pokrokovych Zidu" mit der «Politicka Jednota eeSkozidovSka". Dieser Teil der Prager Bevölkerung fühlt tschechisch — und anerkennt keinen jüd. Rationalismus. Die tschechischen Juden haben ihre eigene Presse: »Rozvoj u. Rozhled". Ihr Programm ist kurz uüd klar: »MS Söhne de» tschechischen Volkes treten wir gemeinsam mit dem ganzen tschechischen Volk auf und haben bloß Forderungen, die ihm mit uns gemeinsam sind. Zu ihnen gesellen sich die meisten Landgemeinden, geführt von einem tschechischen Landesrabbiner. Sie werden zwar*von der tschechischen öffentlichen Meinung abgelehnt und bei jeder Gelegenheit zurückgewiesen,״nichtsdestoweniger unterlassen sie eS nicht, sich al»- Schädlinge des Judentums eifrigst zu betätigen. Zu ihrer Bekämpfung wurde eine Sondernummer deS tschechischen zionistischen Blattes »ZidovSke zpravh" in vielen taufenden Exemplaren in ganz B8Hmen verbreitet. Wirksamer noch war eine kürzlich irr der Produktenbörse vom jüd. Nat/onalrat veranstaltete tschechisch - jüdische Massenversammlung, bei welcher die Herren Assimilanten don hervorragendem tschechisch-jüdischen und christlichen Volksrednern gründlich ad absurdum geführt wurden. Zuletzt kam auch die eigentliche Vertreterin der Prager Judenheit: »die Kultusgemeinde" zu Wort. Die Repräsentanten der israel. Kultusgemeinde der V Hauptstadt Prag und der Vorstädte wurden von einem- Mitgliede des tschechoflovakischen Nationalausschusses׳ empfangen. Sie haben namens der Prager Judenschaft eine Adresse überreicht. Die Repräsentanz: vervielfältigte damals den Inhalt der Loyalitätskundgebung nebst der Antwort, die eine Versicherung ent-׳ hält, daß im neuerrichteten tschechoflovakischen Staate kein Unterschied zwischen den Staatsbürgern im Hinblick auf ihre Religion gemachtvwerden wird. Nur die- Qualifikation werde jeden Bürger die höchsten Stufen im Staate erreichen lassen. Eine Vertretung als N at i o n werden die Juden jedoch nicht anstreben dürfen, hingegen wird erwartet, daß alle Juden ohne׳ jeden Unterschied loyale Bürger des tschechoslovakischen Staates sein werden. Mit der Vorstellung bei der tschechoflovakischen Negierung sowie, mit der öffentlichen Bekanntgabe der Anschauungen und Forderungen der Judenheit wären: wir somit gut fertig geworden. Weit schwieriger jedoch׳ gestaltet sich der innere Aufbau der neuen Volksge-׳ meinden. Die alte Kultusgemeinde soll in keine Krisekommen, eS wird vielmehr allseits eine - friedliche Umwälzung der «Kahalsstube" gewünscht — und so wurden Wochen hindurch Verhandlungen zwischen dem׳ Nationalaüsschuß und dem Kgk. durch eine Permsnenzkommission geführt, ohne daß bisher die Um- Wandlung der Kultusin eine Volksgemeinde schon- Tatsache geworden wäre. Die Gründe hier auSeinanderzusetzen würde zu weit führen. Erfreulich ist eS, daß. die Orthodoxie in unserer Gemeinde nicht erst ihre׳ Mitwirkung bei der Gestaltung der zukünftigen Gemeinde reklamieren mußte, daß vielmehr der Verein ״Sinai" in kluger Voraussicht mit dem Jüdischen Na» tionalausschuß rechtzeitig in Verbindung trat- Letzterer zeigte dem Verein zur Wahrung der konservativen Juden in Böhmen -as größte Entgegenkommen, kyoptierte zwei Mitglieder aus dieser Gruppe in den Nationalaüsschuß und genehmigte bedingungslos die nachstehenden Forderungen der Konservativ den: 1. Die rituellen Institutionen, wie gottesdienstliche- Anstalten, Beerdigungswesen, rituell״-׳ ' -׳Achtung, rituelles Bad, Mazzoth-Besorgung, Fürsorge für Beschneidung, Bestellung eines Thoraschreibers, rituelles- Aufsichtspersonal, werden als Erforoer!^ Gemeinden anerkannt, und zumindest in dem bisherig gen Ausmaße weiter erhalten. — Diese Institutionen unterstehen der Aufsicht der Mehrzahl nach aus kon- 'ervativen (gesetzestreuen) Gemeindemitgliedern bestehenden Nitualkommissionen. Die Vorschläge diesex Ritualkommiffion können vom Vorstande nur mittelst Majorität abgelehnt werden. 2. Die bisherigen Religionsschulen — wie die Talmud-THora-Schule in Prag — werden erhalten und - in konservativem Sinne weiter geführt. ES soll auch' d^m Unterrichte in der hebräischen Sprache ein׳ größerer Spielraum gewährt werden. Falls der Re» ligionsunterricht in der öffentlichen Schule entfällt, sollen weitere Religionsschulen ins Leben gerufen werden. 3. Bei Beschlüssen und Verfügungen eines Zen-- tralorganeS kann in rituellen Dingen behufs Vermeidnug eines Gewissenszwanges keine Majorisierung! stattfinden. 4. Herbeiziehung der Konservativen bei Aufstellung der Kandidatenliste und Aufnahme in entsprechender׳ Zahl in sämtliche BertretungSkörper und Kommissionen. , Der Jüdische Nationalrat erklärt diese Punkte׳ dauernd in sein Programm aufzunehmen, während der ״Hickl's Jüdischer Bollskalender".