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Jüdische Volksstimme · 1919-07-25 · Heft 20 (25.7.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 20 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nf 20. »Jüdische KsKSpiM««* fcatt 3 Würden. Selbstverständlich sind wir Juden dabei im-! mer die Prügelknaben, so im Kampfe zwischen den Pol enund Ukrainern trotz unserer strickten Neutralität. Daher ist also auch politisch, nicht nur wirtschaftlich, die Föderation der Völker eine Notwendigkeit für alle Rationen und besonders für uns Juden und müssen wir daher uns bemühen, die Gegensätze zwischen den einzelnen Völkern auszugleichen, einen gerechten Frieden zu stiften auf Grund der Föderation der Völker und des Schutzes aller nationaler'Minoritäten. Und so soll es die Aufgabe aller modern׳ gesinnten Juden und die Richtlinie bei der Jugenderziehung sein, jenseits des Kapitalismus und Marxismus, des Materialismus und religiösen ZelotismuS, des KosmopolitiSmuS und nationalen Chauvinismus neue Pfade zu beschreiten zum Heil der Gesamtmenschheit und damit des jüdischen Volkes. Schmuglerware aus dem ״Jiddischen". Unter obiger Ueberfchrift veröffentlicht Gustav Peter in der Sonntagsnummer des ״Bremer Lagdlatt" vom 21. Juli eine sprachliche Plauderei, dre auch jüdische Kreise interessieren dürste. Bei dem Interesse, das ן eil den letzten Jahren dem Jiddischen entgegenged rächt Wijcd, verdient die ziemlich groge und sorgsaltige Ar- Leit Gustav Peters um so größere Beachtung, als der Autor sich Mühe gab, den Ursprung manch' rein deutsch klingender Wörter und Ausdrücke zu ergründen. und darüber Licht zu verbreiten. Wir müssen uns leider versagen. Len ganzen Artikel Gustav Peters hier zu reproduzieren und beschränken uns auf einen möglichst kurzen Auszug aus demselben, wobei wir besonders die Stellen hervorheben möchten, die der Verfasser offenbar mißverstanden hatte. Ueber den Ursprung und die Verbreitung des Jiddischen schreibt Gustav Peter: Die Muttersprache der Juden des Ostens ist das Jiddische. Cs wird heute von mindestens 98 vom Hundert sämtlicher russischer, polnischer, balkanifcher und vorderasiatischer Juden, insgesamt von inehr als sechs Millionen Menschen, gesprochen und geschrieben; von einer noch weit größeren Anzahl wird es verstanden. Diese mit hebräischen Lettern geschriebene und gedruckte Sprache der Ostjuden ist im Grunde nichts anderes als Deutsch. Selbstverständlich entspricht es nicht voükommen dem heute allgemein in Deutschland gesprochenen Hochdeutsch, sondern seine Grundlage besteht in -jenem stark dialektisch gefärbten Oberdeutsch, das als ihre heimatliche Mundart die im 14. und 15. Jahrhundert aus Deutschland ausgewanderten Juden nach Polen mitbrachten und auch im fremden Lande bis heute zäh und überraschend treu bewahrten. Das ״Jidbische", von manchen durchaus zu Unrecht für ein lediglich verderbtes Deutsch gehalten, kann auf den Namen einer ״Sprache" mit mindestens demselben Rechte Anspruch erheben wie beispielsweise das Englische; denn die deutsche Grundlage im ״Jiddischen" ist viel deutlicher und ausgeprägter als die germanische im Englischen. Aüerdins ist dies deutsche Element mit zahlreichen hebräischen und, in Neuerer Zeit, slawischen Bestandteilen durchsetzt. Aber es fehltkeineswegs an festen sprachlichen Gesetzen, und die Fähigkeit zu neuen Bildungen ist sehr groß. Altes deutsches Sprachgut hat zwar im Jiddischen hin und wieder einen, reichlich fremdartig anmutenden Klang angenommen, aber es ist immer noch deutlich genug erkennbar und manchmal auch der kulturgeschichtlichen Einblicke wegen, die es eröffnet, nicht ohne Interesse. So verbirgt sich hinter dem jiddischen Wort für Hochzeit, dem für unser Ohr absonderlich lautenden ״Breilesft", der altgermanische Brautlauf. Wenn der Ostjude den Lump einen ״Gascht" nennt, so steckt hinter diesem aus den ersten Blick unverständlich erscheinenden Wort das oberdeutsche Gerscht, Gäscht von gären, Gärschaum, ״Abschaum". Auch hinter der Zusammenziehung ״Kimpet" wird nicht jeder gleich unter gutes deutsches Kindbett vermutet, sowie hinter ״feddern", was Schulden anmahnen׳ bedeutet, unser HeutigeS fordern, bei Luther noch soddern. Einige Wörter, die im heutigen Hochdeutsch nur noch in besonderen Fällen mit einer enger begrenzten Bedeutung angewendet werden, haben im Judendeutsch die alte, weit umfassendere Geltung noch behalten. Dahin gehört -. B. auSklauben, das im Jiddischen noch ganz allgemein wählen bezeichnet, so daß der Jude auch seine BolSvertreter .ausklaubt". Der Ursprung des jiddischen ״Kitt"-HauS, das ja als ״Kittchen" in ganz Deutschland bekannt ist, bleibt zweifelhaft; es mag vom hebräischen chet — Mauer, Gehege, stammen, kann jedoch ebenso gut hervorgegangen sein aus dem mittelhochdeutschen Kute -- Loch oder dem ebenso alt^i, noch eute in dielen Gegenden bei uns gebräuchlichen Kote — Hütte, kleiner Hof. * Damit wären wir schon zu den hebräischen Bestandteilen gekommen, die das deutsche Grundelement des Jiddisch durchsetzen. Sonderbarerweise haben sich nun viele von diesen Worten hebräischen Ursprungs in der Form, wie sie das Jiddische ״verdeutschte", wieder in unser Hochdeutsch hineingemogelt und hier ein solches Heimatrecht gewonnen, daß sprachlich nicht Geschulte ihnen ihre semitische, überhaupt ihre fremdlänsche Abkunft garnicht mehr anmerken. Gerade dieses liebliche ״mogeln" selbst, mit dem männiglich sich auf Schulbänken bereits eingehend befaßt haben wird, zählt zu der fraglichen Eindringlingsfamilie. Es ist abzuleiten vom hebräischen mo'el und würde auf gut deutsch mit unhöflicher׳ Deutlichkeit betrugen heißen. Wie aber jeder Schüler sich am wohlgelungenen ״mogeln" diebisch zu erfreuen pflegt, ebenso innig haßt er das niederträchtige ״petzend Nicht viele werden vermuten, daß auch dieses Wort semitischer Herkunft ist: es stammt vom hebräischen pazah — den Mund auftun. ״Miesmacher" darf keinen Anspruch auf rein deutsches Geblüt erheben. Denn ״mies", was bekanntlich so viel wie schlecht, unschön, faul, eklig heißt, geht zurück auf das talmudische mi'usz und hebräische ma'aSz — verachtet, verabscheut. Bei der Gelegenheit sei übrigens angemerkt, daß des aus dem ״Kladderadatsch" wettbekannten Karlchen Mießnik wohllautender Familienname auf deutsch heißen würde ״fauler Kopf" (mies mid der slawischen Endung — nik). Von der Herberge und von der Landstraße, meint Peter, sind uns dann auch die schönen Worte zugelaufen wie: Kaff vom hebräischen Kaphar — Dorf, Kluft, die scherzhafte Bezeichnung für Kleid, Anzug, vom talmudischen Killuph — Rinde, Schale; Kies in der Bedeutung von Geld vovm hebräischen Kisz — Geldlbeutel; kapuht vom hebräischen Kapparah — Entsühnung, daher: dem Verderben geweiht. Aus dem Handelsbetrieb der Ostjuden erhielten wir Worte wie: Pinka vom talmudischen pinka — Schüssel, das int Jiddischen zunächst nur Geldbüchse, dann Geld überhaupt de» zeichnete. Schachern vom hebräischen sachar — Handein; Pleite vom hebräischen pletah — Flucht, weil der Pleitmacher in der guten alten Zeit sich schleunigst’ davon machen mußte, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Von Rebbach meint der Verfasser, daß es vom talmudischen r'ba — ein Viertel. abzuleiten wäre, ״woraus sich ergibt, daß der ostjüdische Händler nicht eher von einem Gewinn oder Nutzen zu sprechen ge-, neigt ist, als eS sich bis 25 Prozent handelt". Diese Hy- Pothefe ist falsch: Rebbach stammt vom hebräischen ravach — verdienen und ist richtiger als Rewach und nicht als Rebbach zu bezeichnen. Zum Schluß kommt Peter auf den seltsam bei kannten Schlemihl zu sprechen. Er schreibt darüber: Von höchstem Interesse endlich für jeden Deutschen wird der Stammbaum von Chamissos weltbekanntem ״Peter Schlemihl" sein. Schlemihl ist die jiddische Bezeichnung für Pechvogel, und der wahre Erz-Schlemihl ist ein junger Rabbinerschüler, der im 14. Jahrhundert zu Ens in Oesterreich ansässig war. Nach elfmonatiger Abwesenheit erhielt er einst die verblüffende Kunde, daß ihm seine junge Gattin daheim mit einem Söhnlein beschenkt habe. Während wir heüte seine Vaterschaftszweifel nicht unbegründet finden würden, wkderlegten ihm die damaligen Rabbiner diese Gedanken durch die Berufung auf eine talmudische Autorität. ( Nach deren Vorgänge hielten nämlich die mittelalterlichen jüdischen Gelehrten eine Verzögerung der Geburt bis zu einem vollen Jahre nachher Empfängnis für möglich. Schlemihl mußte daher als getreuer Schüler seine Zweifel zurückstellen. Manche Zeitgenossen aber und vor allem die Späteren sahen diesen amtlich abgestempelten Elfmonatsvater Schlemihl als einen sonderlichen Pechvogel cm, dessen unsterblicher Name dann auf Leute ähnlichen Schicksals übertragen wurde. Aus der Brünner KültuSgemeinde. Nach vielen Jahren fand am 22. d. eine öffentliche Sitzung deS Vorstandes unserer Gemeinde statt. Leider wurde die Tagung vor der Qeffentlichkeit formlich geheim gehalten. Eine Stunde vor der Sitzung konnten wir auf unsere telephonische Anfrage, erst die Mitteilung erhalten, datz angeblich die konstituierende Sitzung stattfindev werde. Wir wollen hoffen, daß diese nackte Konstatierung genügen wird, das neue Präfidium zu bewegen, die Redaktion einer jüdischen Zeitung rechtzeitig von den öffentlichen Sitzungen zu verständigen. Der Verlauf der Sitzung zeichnete sich von den bisherigen in jeder Beziehung aus. An die Spitze unserer Gemeinde wurde Herr S. Beran ״gewählt. Herr Beran hat sich bis nun am öffentlichen jüdischen Leben nicht beteiligt. Wir wünschen, datz der neue Präsident oberhalb den Parteien stehen und sich allen Richtungen in unserer Gemeinde objektiv gegenüberstellen wird. Möge unter seiner Aegide die Kuttusgemeinde eine wirkliche jüdische Gemeinde werden. Bericht der Sitzung. Namens des abtretenden Vorstandes begrüßte- Herr Gustav Tandler die erschienenen Vorstandsmitglieder, gab seiner besonderen Freude Ausdruck, daß sämtliche 18 Herren die Wahl angenommen. Er hielt einen Rückblick auf die bisherige Tätigkeit des Vorstandes und gab dem neuen Vorstande Richtlinien in bezug auf die Friedhofsfrage, Beamtengehaltregulierung und Ver- Wallung der Gemeinde. In bewegten Worten nahm Herr Tandler von d'em Vorstände Abschied. Herr Dr. Brunner dankte namens des neuen Vorstandes Herrn Tandler für seine bisherige Tätigkeit. Herr Dr. Brunner hob hervor, daß Herr Tandler der' einzige Präsident der Brünner Gemeinde war, der sein Amt als Arbeitsamt betrachtete. (Lebhafter Beifall folgte den Ausführungen.) Zum Alterspräsidenten wurde Herr Dr. Brunner gewählt. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl wurde Herr Samuel Beran zum Präsidenten, Herr Dr. Schreier zum Vizepräsidenten gewählt. Herr Beran dankte für die auf ihn gefallene Wahl, gab die Erklärung die Gemeinde in objektiver Weise zu leiten und sein MöglichsteS zur Hebung des Judentums beizutragen. JnSbesondere werde er sich bemühen, allen Parteien gerecht zu werden. Zu diesem Behufs erbat sich auch der Präsident die Unterstützung aller Vorstandsmitglieder. Dr. Schreier dankte gleichfalls für die auf ihn gefallene Wahl, hob hervor, daß wir Juden schweren Zeiten entgegengehen, auS welchem Grunde es notwendig sei, nicht mehr die ausgetretenen Wege weiterzugehen, sondern den Zeiten entsprechend die Kuttusgemeinde im Sinne einer jüdischen Bolksgemeinde zu verwalten und zu leiten, insbesondere müsse die Kuttusgemeinde zu allen großen Fragen des Tages Stellung nehmen. Es erfolgt hierauf die Wahl ist die einzelnen Sektionen. Kultussektion: Vorsitzender B. Rischaw y, Stellvertreter Dr. Schreier, Beisitzer Dr. Th. HaaS, Schüller, Dr. Schreier, Dr. Brunner. Finanzsektion: Vorsitzender Direktor Dlu» menthal, Stellvertreter S. Hirschmänn, Beisitzer' Patak, Dr. Sonneyfeld, Nischawh, Dr.' Brück, Dr. Schreier. Unterrichtssektion: Vorsitzender I. Schull er, Stellvertreter Dr. Hermann, Dr. Brunner, Dr. Sonnenfeld, Schnierer, Herschmann, Rischawy. Friedhofssektion: Vorsitzender Schnierer, Stellvertreter Dr. Sonnenfeld, Herschmann, Rischawy, Patak. Armensektion: Vorsitzender Dr. Brunner, Stellvertreter Patak, Dr. Sonnenfeld, BluMenthal, Dr. Hermann, Rischawy. Hierauf gab Dr. Sonnenfeld namens der Jüdischnationalen eine Erklärung ab, in der er die Umwandlung der Kultusgemeinde in eine Bolksgemeinde forderte. Weiters beantragte Dr. Sonnenfeld die Einsetzung einer 5gliedrigen Kommission zur Ausarbeitung eines Wahlreformentwurfes. Dieser Antrag hatte eine lebhafte Debatte losgelöst, an der die Herren Schüller, Dr. Hermann, Dr. Brick, Hirschmann, Schreier sich beteiligten. ES wurde, der Beschluß gefaßt innerhalb 8 Tagen eine VorstandSfitzung mit der ׳ Tagesordnung ״Aenderung der Statuten" einzuberufen. Hierauf schloß der Präsident die konstituierende Versammlung. ־־־ גבולות ^ebrllseVie Monatsschrift. (Sine Vereinigung für den religiösen Zusammenschluß der Archen י ist in Bildung begriffen. Sie bezweckt die Wahrüng und Neubelebung des Bewußtseins der religiösen Bedürfnisse deS jüdischen Volkes. Ein vorbereitender AuSschuß hiefür hat fich in Brünn gebildet. Die Bildüng von Ortsgruppen, zunächst im Lande Mähren, dann aber auch in der ganzen heimatlichen RepubM, ist in Aussicht genommen. Jedermann, der dieser Vereinigung ein freundliches Interesse entgegenzubringen gewillt ist, ist gebeten, seine Adresse der Redaktion die* seS Plattes «itzuteilen. Ebendahin find Anfragen zu richten, die vom vorbereitenden Ausschüsse bereitwilligst schriftlich gegeben Verden. grrdreltel die ..Wlrcbe Uolkssllmm«״.

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