Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1919-07-25 · Heft 20 (25.7.1919) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 20 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2621806-2622032-2622052--4027-2625282
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V «tut 2, ^Mische . 2V -יו ——--—— ־■■■« ■! W■■■". 'י —-*-!■■ ■-gL*■• «■'; ""-'יי---- ־-- -n->-1 *-—.... י ..■>.c י Partei, die ja in Wirklichkeit schon höchst nationalchaubinistisch geworden ist, vielleicht die einzigen, die noch international zu sein glauben. Sie haben gemeinsam mit den übrigen Führern der Sozialdemokratie dem Sozialismus dadurch sehr geschadet, daß sie an Marx's Lehre wie an einem Dogma festhieltey und nicht daran dachten, daß, wie alle anderen Bewegungen, auch der Sozialismus immer j erneuert und revidiert werden müsse. Sie haben alle ' neueren, freiheitlichen, antiautoritären Bestrebungen * nicht mit ehrlichen Waffen bekämpft, nein — totgeschwiegen, ebenso wie die liberalen Assimilanten den Sozialismus, so lange sie konnten, boykottiert hatten. In der letzten Zeit machen diese Assimilanten trotz ihrer geheuchelten Jnternationalität sogar den national-chauvinistischen Kurs der Sozialdemokratie bei den verschiedenen Völkern nicht nur mit, sondern sie gebärden stch nationaler als die nationalen Parteien mit ihren Führern selbst; sie haben im Verein mit den anderen sozialdemokratischen Führern das alte Oester-- reich-Ungarn, daS doch bei vernünftiger Auffassung und > Anwendung des Nationalitätensystems durch die verschiedenen Regierungen und Parteien das Ideal eines internationalen Staates hätte werden können, zertrümmert; die deutschösterreichische Sozialdemokratie mit ihren jüdischen Führern hat den Anschluß an Deutschland noch stärker gepredigt' als selbst die Deutschnationalen; auch die polnische Sozialdemokratie gebärdet sich im Kampfe gegen die Ukrainer höchst national-chauvinistisch^ ja, die jüdischen Assimilanten in dieser Partei treten vielfach direkt gegen die Interessen deS jüdischen Volkes auf: So die jüdischen assimilatorischen Führer in der Sozialdemokratie. Gehen wir zur anderen marxistischen Partei, zu den Kommunisten, über: Wieder sehen wir da, daß ein großer Teil der Führer aus jüdischen Assimikanten besteht und daß diese genau, dieselben Fehler begehen, wie ihre sozialdemokratischen Genossen. Wir brauchen nur den Blick nach Ungarn zu wenden, wo die Kommunisten ein blutiges Terrorregime führen und die Regierung zum großen Teil aus Juden besteht. Diese haben trotz ihrer verkündeten Jnternationalität den nationalen Chauvinismus der Massen aufgepeitscht und üben jetzt eine Schreckensregierung über DaS vollständig zu Grunde gerichtete Land aus. Natürlich trägt dies alles sehr zur Steigerung des AntisemitiSmus bei und' beginnt daher die gegenrevolutionäre Bewegung in Ungarn hauptsächlich unter antisemitischer Flagge. Daran,'׳ daß nach der jäh aufdämmernden Erkenntnis, daß die sozialdemokratische Partei ebensowenig wie alle bürgerlichen Parteien eine bessere und gerechtere Weltordnung bringen werde und daß die Kommunisten, wo immer sie als Bolschewisten, Spartakisten usw. ihre Diktatur aufgerichtet hatten, das Land zu Grunde gerichtet und unnötigerweise unschuldiges Blut vergossen haben, überall die Reaktion wieder einsetzt, sind ebenfalls die marxistischen Führer schuld, die das Volk nicht darüber aufgeklärt haben, daß es außer dem autoritören Sozialismus, dessen Vertreter die Marxisten sind, noch einen freien Sozialismus (vertreten durch Hertzka-Oppenheimer) gäbe, der jede Diktatur, daß heißt schrankenlose durch Gewalt aüfrechterhaltene Herrschaft von Menschen über Menschen zurückweist und auf . Grundlage des Genossenschaftswesen mit freier und gleicher Konkurrenz eine gerechte und freie Weltordnung aufbauen will. Diesen großen Fehler haben diese starren Höogmatiker begangen und ihnen haben wir es zu danken, wenn für eine kürzere oder längere Zeit die Reaktion käme. Durch diese Assimilation wurde und wird also der Antisemitismus der Massen immer mehr gesteigert und bald werden sie nicht mehr ihn zügeln können. So muß das jüdische Volk teils einzelner Kapitülisten, teils dies Machenschaften einiger marxistischer Führer büßen; denn auf das gesamte Volk überträgt sich der Antisemitismus, da die großeMaffe nicht weiß, daß alle diese Marxisten und Kapitalisten nur einen sehr geringen Bruchteil der jüdischen Nation ausmachen und daß fast alle ihre Angehörigkeit zum Judentum verleugnen; , daher werden die -Juden zum Teil als Kapitalisten und Volksaussauger, zum anderen Teil als Demagogen und Volksverhetzer verschrieben, während in Wirklichkeit der größte Teil der Judenheit sich noch in furchtbarer politischer und wirtschaftlicher Knechtung und Unwissenheit befindet, daS jüdische Proletariat nebst den Leiden der Proletarier aller Länder noch die Qualen einer unterdrückten nationalen Minorität überall erdulden muß: So hat das Assimilantentum, statt die Lage der Juden zu verbessern, sie noch verschlechtert, den Antisemitismus in manchen Ländern sogar bis zu Pogromstimmung vergrößert. Doch wir Nationaljuden müssen uns dagegen wehren und laut verkünden, daß wir uns weder mit. Kapitalisten noch mit Demagogen identisch erklären und daß wir deren Tätigkeit genau so wie alle anderen besonnenen Menschen verdammen. Wir sind nicht so Wie die Assimilanten dadurch befriedigt, daß einige Juden zu Reichtümern gelangen, daß manche wieder bedeutende Stellen im Staate oder in den einzelnen marxistischen Parteien Führerrolle einnehmen; denn wir wissen, daß durch einige Kapitalisten, die mit Ausnähme weniger dem Judentum möglichst schnell den Rücken kehren, die ökonomische Lage der Juden nicht im geringsten gebessert wird, da nach wie vor der größte Teil des jüdischen Volkes״ in bitterer Not sein Leben fristet, und daß, wenn einige Assimilanten zu führenden Stellungen gelangen, sie nicht als Juden das erreicht haben,, sondern größtenteils durch Verleugnung ihrer Nationalität: diese sind daher nicht unsere Vertreter, da sie auf ihre Wähler, beziehungsweise Parteigenossen Rücksicht nehmen und in der Judenfrage wie die Katze um den heißen Brei herumgehen Müssen, um sich nicht bloßzustellen. Wenn sie irgendetwas Gutes tun, so kommt das ihren Parteigenossen zu Gute. Für ihre schlechten Taten müssen jedoch die von ihnen verleugneten Juden den Haß-der Unzufriedenen büßen. Wir national gesinnten Juden wollen auch nicht in irgendwelchen sozialistischen Fraktionen die Geschichte anderer Völker lenken« sondern nur das Recht haben, unsere nationale Eigenheit auch als Minorität voll enthalten zu können, und wollen ebenso wie alle andegestopftem Munde, «habt Ihr denn gar kein Einsehen, daß ich ein alter Mann bin und daher keinen Zahn mehr im Munde habe? Freilich Ihr jüngeren Leute vermögt mit die Palitschinkes schnell fertig zu wer- Len; nun geduldet eine Weile, bis auch ich den Bissen hinunterschlucke." Man kann sich vorstellen, welche .Heiterkeit der Vorfall erregte. Doch fanden sich ernste und fromme Leute, die den Mann belehrten, was man bei Korem tut. Und da wußte der Alte erst, daß Hersch seine Unwissenheit zu seinen Witzen benützte. 24. HerschS Gattin und die Rebizin. Einmal fühlte sich Hersch durch ein Wort der Rebezin, deS Rabbis Gattin, stark betroffen und er faßte in sich den Entschluß, sich an ihr zu rächen. Er ging diesmal aus dem Hause des Rabbi mit hungrigem Magen nach Hause, da ihm heute auch das tägliche Mittagmahl nicht verabreicht worden sei. Daheim, las ihm erst seine Gattin die Leviten, weil er ihr keinen Kopek brachte, daß sie für sich und die Kinder Nah- , rungSmittel kaufen könnte. Hersch schwor auch ihr Rache. Nach einer Stunde begab er sich wieder zur Rebizen, stellte sich so als wäre er von der ihm zuteil gewordenen Beleidigung nicht gerührt und kündigte ihr . für den nächsten Tag einen Besuch seines Weibes an. In ihr Bemühen, Hersch durch ein freundliches Wort für Pie Beleidigung Genugtuung zu verschaffen, sprach sie: »wie unendlich ich mich auf diesen seit langer Zeit ersehnten Belach freue.- Hersch machte die Re. bezin nur noch aufmerksam, daß seine Gattin taub ist und man mit ihr sehr laut sprechen muß. Freilich erhielt er von der Rebbezin nun auch einige Rubel »Verzeihungsgeld". Hersch kam nach Hause und als er seiner Gattin die erhaltene Summe überreichte, zeigte sich auch sie ganz versöhnt. Da sagte er: «Heute erst hat mir die Rebezin gesagt, wie sehr sie auf dich böse ist, daß du sie bis nun nicht besuchtest. Ich habe ihr daher versprochen, daß du morgen zu ihr kommen wirst." Sie fühlte sich davon ^überaus geschmeichelt und sagte, daß sie morgen zur Rebezin gehen würde. Hersch machte sie nun aufmerksam, daß die Rebizen schwerhörig ist, und daß man sie fast anschreien muß, daß sie ein Wort ,verstünde. Als daher tägsdarauf HerschS Gattin bei der Rebizen erschien, schrie sie. «Gitelf"') so laut, daß alle Anwesenden erschrocken. Die Rebizen allein wußte was ein BewandniS mit diesem Schreien eS habe und sie antwortete daher mit noch höherer Stimme ״GitSgotzel kimmt".') Und die beiden Weiber führten ihr Gespräch so laut, daß der Rabbi in seinem Gemache erschreckte. Zu spät erfuhren eS die beiden Weiber, daß sie von Hersch gefoppt worden sind. Aber seither hüttete sich die Rebizen mit Hersch den kleinsten Streit anzufangen. ren Burger rn den einzelnen Staaten behandelt* wer. den; wir wollen daher eigene Vertreter haben, die nur die Interessen deS Judentucks zu vertreten haben. Es. ist doch selbstverständlich, daß wir nicht nur Palästina — sondern auch Diasporapolitik betreiben müssen; denn ebenso, wie unser nationales Leben in der Diaspora ohne Rückhalt in einem jüdischen Palästina zu Grunde gehen müßte, würden wir durch bloße Palastinapolitik den größten Teil unserer Brüder aufgeben, die rettungskos der Assimilation verfallen wären, wenn man für sie nicht nationale Autonomie anstrebte. ES ist doch klar, daß der weitaus größere Teil der Juden in der Diaspora wird verbleiben müssen, da Palästina׳ selbst bei Hebung der Industrie nicht einmal ein Drittel aller Juden wird ernähren können. Da wir auch die in der Diaspora verbleibenden Juden, die sich so viele Jahrhunderte lang unbeeinflußt von äußeren Ereigniffen und trotz der furchtbaren Verfolgungen als ReligionS- und Dolksgemeinden erhalten, haben, doch nicht der Assimilation — wenn auch unter internationaler Flagge — preisgeben wollen, müssen wir auch höchst energisch Diasporapolitik betreiben, daß heißt nationale Autonomie in allen Staaten tunlichst anstreben. Ebenso aber, wie wir die Art von Internationalität, die von allen Völkern die Verlegung der ihnen innewohnenden Eigenheiten verlangt, ablehnen, sind wir auch Gegner jedes nationalen Chauvinismus bei allen Völkern und auch bei uns selbst. Wenn man annimmt, daß die Nation des Bindeglied zwischen Einzelindividuum und der Gesamtheit ist, so ergibt sich daraus die Schlußfolgerung, daß die einzelnen Individuen ebenso an der Hebung der eigenen Nation arbeiten sollen, wie die verschiedenen Nationen am Gedeihen der Gesamtmenschheit. Nach dieser furchtbaren Wirtfchastliöhen Katastrophe, die der Weltkrieg gebracht' hat, müssen daher nicht nur alle Menschen am Wiederaufbau ihres Volkes arbeiten, sondern auch alle Nationen gemeinsam zur Hebung der Kultur und des Wohlstandes für alle. Wir Nationaljuden sollen daher in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht Anhänger der genossenschaftlichen Zusammenarbeit der Jndividuen und der Föderation der Volker sein; denn nur die vereinten Bemühungen aller Menschen, gesammelt in Produktiv- und Konsumgenossenschaften und daS föderative Zusammenwirken aller Völker, von denen die meisten jetzt noch wirtschaftlich im Kriege liegen, können die ökonomische Lage der Menschen langsam bessern. Aber auch in politischer Hinsicht ist besonders die Föderation der Völker Mitteleuropas und des BakkanS eine Lebensnotwendigkeit sowohl für sie als auch für uns Juden. AuS den Ländern, die ethnographisch fast überall national gemischt sind und in denen die Juden überall als Minorität leben, ist eS unmöglich, künstlich Nationalstaaten zu schaffen, da in jedem dieser Staaten ein oder mehrere Völker unterdrückt würden. Fast alle diese Staaten liegen jetzt in einem furchtbaren Kampf gegeneinander, in einem Kampf, der durch Sieg und Niederlagen nicht beendigt werden kann, weil dann immer einige Minoritäten bedrückt ׳) Ostiüdische Begrüßung. des Eintretenden, heißt; «Gott helfe". י— ן j *) Ostjüdischer Willkommengruß an den Eintreten-' den: »Gottes Wille kommt". - ׳lie sich Hersch ein Mitagmahl b eschaffte.. Einst kam Hersch in ein Dorf. Da er Hunger hatte, ging er in ein jüdisches Haus und bat um ein Mittagmahl. Doch die Hausfrau beteuerte sie habe nichts im Hause um seinen Hunger stillen zu können. Hersch setzte sich nun beim Ofen, um sich zu erwärmen, denn draußen war es entsetzlich kalt. Bald darauf kam der Hausherr aus der Stadt und seine Gattin drang an ihn, unversäumt das Mittagmahl an sich zu nehmen. Sie stellte vor ihm am Tische ein hübsches frisches Brot und eine volle Schüssel heißer Milch. Hersch ver» droß es nun, daß die Frau, als er vorgab von einen schrecklichen Hunger gequält zu sein, kein .Erbarmen mit ihm hatte. Was tat Hersch? Als der Hausherr sich die Hände wusch und die Formet sprach, stellte sich Hersch beim Tisch und rüttelte ihn, so, daß sich die Milch ein wenig ausschüttete. Der Hausherr schrie auf Hersch «Nu, tut" — dürfte er ja zwischen dem Waschen und dem Brotsegen nichts reden — d. h. daß sich Hersch in Acht nehme, um die Milch nicht auszuschütten. Hersch aber legte dieses «Nu, nu" so aus, als hätte ihn der Hausherr zum Essen eingeladen. Er setzte sich gleich zu Tisch und aß vom Brot und trank die Milch. Die Hausfrau War nun doch nicht so unverschämt um ihn daran zu stören- und sie gab ihrem Manne anderes Essen. Hersch aber bedankte sich sehr bei dem Haus- Herrn für seine freundliche Einladung. Als aber Hersch nochmals durch das Dorf kommend in dieses HauS kam, gab ihm die Hausfrau das Mittagmahl ohne die Ans kunft ihres Gatten abzuwarten. Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Volkskalender".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.