Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1919-07-25 · Heft 20 (25.7.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 20 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2621806-2622032-2622052--4026-2625281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Jahrs. XX. Kammer 20 «,,«-»»reise: halbjährig ..Ihonen 12*50 ganzjährig Kronen 24 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 18׳— Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12׳— BaSan, Frankreich ........ Krank» 24׳— -4, Dolksjlimme. Redaktion und Administration: Brünn, Adle, Herausgeber: Max Hickl. Redaktion »ad Administration: Brünn, Adlergaffe L Buchbandlerische Vertretung: Ctir^ stemm. «,4 Inserate: der 6-spaltige gentimsLervaum 2 K Unoerlangre redaktwnelle Beiträge werden ntchr. jtu> rtert. — Manuskripten ist Rückporto deizufüge». Wien—Brünn. Hersch Ostropolski. Ein j«d. Tilleulenspiegel. ' Von Chaim Bloch. Hersch und der Geizhals. Einst ging Hersch eine Wette ein, er werde von einen Reichen, einen bekannten Geizhals, der niemals eine Almosen gab, eine Unterstützung bekommen. Er begab sich zu dem Manne, und trug sein Ver« langen vor. Dieser sprach verdrießlich: «Säst d gehört, daß ich keine Almosen gebe, weshalb bist d^n doch gekommen?* ^Hersch erwiderte: «Weil den Almosen, die ich von Euch jetzt verlange zu Eurem Vorteil ist.* «Wieso?* fragte -er Geizhals. Da hört mich zu. Ihr habt sicher gehört, daß die Hölle durch eine Lavine zerstört worden ist. Und nun wurde ich Hamit betraut, für den Wiederaufbau unter jene Personen, welche für die Hölle in Betracht kommen, Geld zu sammeln. Da Ihr als ein Kandidat für die Hölle in den Büchern verzeichnet sind, liegt eS in Eurem Interesse, den Wiederaufbau zu fördern. ,• «Wenn die Hölle zerstört ist, wo werden jetzt die Bösewichte gestraft?* fragte'der Geizhals ganz verlegen. «Vorläufig hat man bei einem Bauer einen großen Schweinestall gemietet und man hat sie in eine Sammelstelle für die neu hinzukommende Bösewick׳ eingerichtet. Und!nun frage ich Euch, wird es schön sein, . Venn so ein Reicher wie Ihr in einem Schweinestall untergebracht werden soll?- 25. Juli 1919. 27. Thamus 5679 Prag—Lemberg. M. Hickl'S »erlag, Brünn, «blergaffe v, Wien, 8. Bez., Lerchengasse K a. Soeben erschienen: »Hickls Jüdischer Volkskalender" AuS dem Inhalte: Preis K Kronen. Beermann, Dr., M.: Für stille Stunden. — Ein kleines philosophisches Märchen für große Kinder. Bialik CH. N.: Willst du wissen. Blumenthal Hermann: Unter jüd. Landstreichern. Fahn Rüben: Auf fremder Erde. Frischmann D.: Die kupferne Schlange. F r u g S.: SimcheS toyre. Gelber, Dr., R. M.: Aus dem inneren Leben der jüd. Gemeinden in Polen um die Wende des 18. Jahrhunderts. Günzig, Dr., I.: Israel Baal-Schem der Zweite u. Dritte. Höflich Eugen: Der jüd. Volkssozialismus der Hapoel Hazair. Jehud a Halevi. Kanter, Dr., F.: Ein Rückblick auf das Jahr 5679. Eine Unterredung mit Haman. KL N i g 6k, Geheimrat: Die Patriarchen und dieBielgötterei. > . Kur rein, Dr., Ä., Prof.:. Ein fiebzehnhundertjähriger Gedenktag. Müller, Dr.,. Ernst: Psalmen. Müller (§.: Aus jüdischem Geiste. Neuburger, Dr., Max., Nniv.-Prof.: Medizinisches aus den Werken des FlaviuS JosefuS. Reisen. A.: In a finsterer Nacht. Scherlag Lorenz: Der blühende Baum. Tqrtäkower, Dr., CH.: Werden wir Palästina /dekommen? Wachstein B., Dr.: Ein Regensburger Grabstein . in Eferding. Weinbaum D.: Jüdische Landtage. Zloeisti Theodor: Erwachte Lieder. Kapitalisten/Marxisten und Nationaljuden. Fr. Sch . . z. Viel Blut ist geflossen in diesem furchtbaren Weltkrieg, die Arbeit von Generationen ist verschleudert und zu Grunde gerichtet worden, fast alle Völker waren an diesem Morden beteiligt und haben riesige Verluste gehabt; besonders wir Juden aber haben in diesem Gigantenkampf furchtbares gelitten. Nicht nur, daß wir. einander in den Heeren der Zentralmächte und Alliierten feindlich gegenüberstanden, daß Bruder gegen Bruder kämpfen wußte, sondern auch tausende und abertausende jüdischer Familien in den Ländern der Zentralmächte mußten der Kricgsfurie entfliehen, mußten mit Zurücklassung ihrer ganzen im Schweiße ihres Angesichtes erworbenen Habe flüchten aus der ihnen liebgewordenen Heimat in andere Länder, andere Städte, wo sie anfangs zwar .nicht freundlich, so doch willig ausgenommen wurden. Einige unter ihnen, die Reichen, hatten Wohl einen Teil ihres Vermögens mitgenommen, sie praßten in den Städten und Kurorten,, sie trieben die Preise in die Höhe^MDMer^fl am Lande.ebenso wie ihre christlichen Genöflem diese vor Augen hatte — der größte Teil der Flüchtlinge, die Armen, waren ja-in den Jnterniertenlagern — hielt sie für die einzigen Schuldigen am Lebensmittelmangel und an der Preissteigerung und bedachte dabei nicht, daß durch die Blockade , eine Knappheit an Lebensmitteln eintreten, durch diese Knappheit wiederum eine ziemliche Steigerung der Preise erfolgen mußte, daß diese Preistreiberei ebenso durch "christliche wie durch jüdische Kaufleute betrieben wurde und daß vor allem die Zahl dieser reichen Flüchtlinge nicht einmal den hundertsten Teil der armen Flüchtlinge ausmache, die in den Jnterniertenlagern wie in Gefängnissen schmachteten, ungenügend zu essen bekamen und wie Gefangene gehalten wurden. , Der Geizhals mutzte diesmal von seinem Grundsatz abweichen, er gab Hersch einen namhaften Betrag zum Wiederaufbau der Hölle und erhielt von Hersch die Zusage einen Ehrenplatz zu erhalten. Eine Lüge an die Stelle. Hersch kam einmal in das Gemach des Rabbi und fand ihn in sehr düsterer Stimmung. Herrsch machte sich weinend. Da sprach der Rabbi: «Hersch, höre auf zu weinen, denn ich kann das nicht ertragen.* Hersch stellte sich so, als hätte er des Rabbis Worte nicht vernommen. Wieder sprach der Rabbi: Hersch, Du Weinst7 daß ich den Schmerz eines jeden Juden von einem Weltende bjS zum anderen Weltende mitleide, daher meine ewige Traurigkeit. Nun stehst Du in meiner Nähe und weinst, um noch meine Traurigkeit zu vergrößern? Sage mir warum du weiwt. und ich gib dir dafür zehn Rubel." Da erwiderte Hersch mit weinender Stimme: «Habt Ihr mir vor eines Weile 20 Rubel zugesagt, jetzt heißt es bloß zehn — darum weine ich.* Dem Rabbi gefiel der Lüge-Witz sehr und er gab Hersch zwanzig Rubel. - Hersch und der Dorfjude. Sin alter Dorfsmann richtete einmal an Hersch die Frage, was denn die Leute am Jom-Kipur hei Korem») tun. So mußte die große Masse der jüdischen Flüchtlin? ge für die Fehler einzelner Kapitalisten büßen, so mußten die Armen, die ihre Heimat verloren und nur. das nackte Leben gerettet hatten, unter dem immer größer werdenden, durch viele gewissenlose Politiker und einige nationale׳ und konfessionelle Parteien geschürten Antisemitismus leiden. . . ׳ Einerseits wird also die antisemitische Bewegung, wie wir gesehen haben, durch jüdische Kapitalisten, die ja größtenteils Assimilanten sind, vergrößert, andererseitS aber besonders durch die vielen assimilatorischen, jüdischen Führer fast aller sozialistischer Partein der Gegenwart. Wenn wir da von den Sozialdemokraten ausgehen, kann man gleich betonen, daß ein großer Teil der Theoretiker und Parteiführer aus Juden besteht, die aber nicht als Juden auftreten, sondern unter dem Mantel eines extrem aufgefaßten und schlecht verstandenen Internationalismus die große Menge zu/täuschen und unter ihre Führung zu bringen versuchen. Es läßt sich unbedingt nicht leugnen, daß die jüdischen Assimilanten die marxistische Lehre — Marx war ja selbst ein Judenstämmling — sehr gefördert haben und daß die Sozialdemokratie einen großen Teil ihrer Erfolge den Juden schulde; trotzdem sehen wir aber besonders in der letzten 'Zeit, daß sie StamMeSverwandWäft verleugnet,, viele. vM.Mest haben sich taufen lassen, die meisten sind aus dem religiösen Verbände der Juden ausgetreten und konfessi- . onsloS geworden,alles dies, um' ihre Position zu fertigen, und jetzt, wo sie so viel für die marxistische Idee getan haben, werden sie vielfach überall zurückgedrängt, es bilden sich neue nationalsozialistische Gruppen, die als Zugkraft auf ihrem Programm den — AntisemitiSmuS haben und immer weitere Verbreitung finden. Und noch immer bemüht sich ein Teil dieser Affimilanten, die ihren Brüdern viel geschadet, sich selbst aber nicht genützt haben, die im Programm stehende Internatiynalität ausrechtzuerhalten, uni nicht als Juden verschrieen zu werden, und sie sind in der ganzen «Habt Ihr denn nicht gesehen*, erwiderte' Hersch, «daß die meisten Leute Kinder mit sich in die Shnagoge nehmen und jedes Kind ein Pakerl in der Hand trägt? Wisset Ihr, die Leute, nehmen Paletinkes») mit sich und die werden während sie niederknien und sich bücken, gegessen.* ' Der Dorfjude war ob dieser Antwort sehr zuf.rieden. Er fuhr nach Hause und erzählte seinem -Weibe, daß er nunmehr das Geheimnis kenne und befahl ihr für den herannahenden Jom-Kipür Paletinkes zu bereiten, um sie in die Synagoge mitzunehmen. Als es zu Korem kam, aß er die Paletinkes. Der gute Geruck׳ ‘ wurde in der ganzen Synagoge fühlbar, aber kein Mensch ahnte woher dieser cm einem Fasttage noch rr^ehr wohltuende Geruch kam. Als sie sich schon erhoben, sahen sie den alten Dorfsmann noch Immer zu Boden liegen und, daß er was esse. «Reb TodreS", schrieen sie ihn an, «ist ja heute Jom-Kipur?* «Räuberbande*, schrie der Dörfsmann, aus voll- *) Wörtlich: «niederknien*. Beim Muffafgebet am Versöhnungstage fällt, mehrmals auf das Angesicht, wobei man Stücke ausder «Dienstordnung* (Äwoda) des HohepriesterS am Versöhnungstage als der heilige Tempel stand, rezitiert. ,) Tascherl mit Käse, Butter und Zwiebel gefüllt, ein Lieblingsessen bei den Ostjuden. In mancher Gegend nennt man sie «Knisches" (Gefaltete), sie geben einen angenehmen kräftigen Geruch von sich. Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Volkskalender".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.