Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 19 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr IS. 6Htt 3 feit die Gemeindewahlen vom 18. Juni einen Sieg des jüdisch-nationalen Gedankens, wie dies ja auch die assimilatorische bezw. nichtjüdische Presse unumwunden eingesteht. Ueberass, wo jüdische Listen ausgestellt wurden — und dies Wat ja in allen größeren Gcäteinden der Fall, drangen jüdische Kandidaten durch. Die Krone der Erfolge, die auf das Konto der Zionisten zu buchen sind, setzte die Friedenskonferenz auf, indem sie durch ihren Beschluß von'Anfangs Marz l. I. den Juden das Selbstbestimmungsrecht verlieh. Aber in den SiegeSbecher dieser Erfolge treufelte ein gewaltiger Mermuthstropfen: die Pogrome, die einen großen Teil unserer Glaubensbrüder ins größte Unglück stürzten. Ein großer Teil der Bahn, die zu beschreiten uns erst unser in Gott ruhende Führer Herzl gelehrt hat, ist schon durchmeffen, aber nichts destoweniger ist es jedem Kundigen klar, daß in den nächsten Monaten und Jahren noch sehr viel Arbeit, ja die meiste und das ׳ größte Stück Arbeit, zu leisten sein wird, wobei für jeden organisierten Zionisten das Kommando zu gelten hat: »Alle Mann an Bord." Dann werden wir erst die Früchte ernten, die unser unvergeßlicher Dr. Theodor Herzl gesät hat. Dann wird in Erfüllung gehen die Verheißung des Psalmisten: »Der Herr wird Dich aus Zion segnen, damit du das Glück Jerusalems sähest Dein Leben lang" (Psalm 127, B. 4), dann ehren wir so auf'S schönste Herzls unvergängliche Verdienste, dann werden wir die Gebeine unseres Heimgegangenen Führers in sein geliebtes Land Palästina überführen und dort zu ewiger Ruhe in die Heimatserde betten. Die Lage der Juden in Sowjetrußland. Aeßerungen eines sozialrevolutiönaren Führers. Ein Mitarbeiter des in Rom erscheinenden italienischen zionistischen Wochenblattes ״Israel" hatte eine Unterredung mit dem in Rom weilenden Führer der russischen sozialrevolutionären Partei Gregor Schneider, dem gewesenen Bürgermeister von Petersburg, über die Lage der Juden in Rußland. Es ist zweifellos, sagte der bekannte russische Politiker und genaue Kenner der gegenwärtigen Verhältnisse seiner -Heimat, daß sich der Antisemitismus in Rußland ausbreitet. Eine systematische Lügen- und Verleumdungstätigkeit. wird ins Werk gesetzt, welche im Osten Europas zu tragischen Konsequenzen führen kann. Die Antisemiten bedienen sich meistens des Schlagwortes vom jüdischen Bolschewismus. Dazu ist zu bemerken, daß die Juden, welche eine bedeutende Rolle in der russischen revolutionären und demokratischen Bewegung spielten, sich in allen Lagern befinden, und infolgedessen auch unter den Bolschewiken nicht fehlen. Jedoch sind die Juden unter den antibolschewikischen Strömungen viel stärker vertreten als im Bolschewismus. Während der er» sten Monate der Revolution waren die Juden sowohl in den städtischen Vertretungen als auch in dem Vor- Parlament, das mit aller Kraft gegen den Bolschewismus ankämpfte, verhältnismäßig zahlreicher als in den gegenwärtigen bolschewikischen Kommissariaten. Auch nachdem die Bolschewiken zur Macht gelangt sind, stellt sich die Mehrheit der Juden gegen die Diktatur des Proletariats und sie sind in großer Zahl in den demokratischen gegenbolschewitischen Regierungen, in den städtischen und den Semstwoorganisationen vertreten. Diese Haltung ist leicht erklärlich: Vor dem Krieg und der Revolution waren die Juden, die an der russischen Politik teilnahmen, revolutionäre Sozialisten, gemäßigte Sozialdenwkraten, eher Kadetten als Extremisten. Und dies sind sie bis heute geblieben. Auch trifft in Anbetracht der ökonomischen Lage der jüdischen Massen die soziale Politik der Bolschewiken die Juden viel härter als jeden anderen Teil der Bevölkerung. Ueberdies bringt sie das politische Chaos, her häufige Machtwechsel, wobei gewöhnlich die Situation vom Mob auSgebeutet wird, in> die ewige Gefahr von MassakerS, welche bereits, besonders in der Ukraine, schreckliche Dimensionen angenommen haben. Daß es eine stärkere Teilnahme der Juden am Bolschewismus geben soll, ist eine optische Täuschung, die daher stammt, daß die Juden aus dem antibolschewikischen Lager sich zur Zeit KerenSkis sowie gegenwärtig eher im Hintergrund halten, während die jüdischen Bolschewiken, die nichts zu riskieren haben, ohne weiteres die sichtbarsten Posten in der gegenwärtigen Regierung einnehmen. Dieser Umstand wird von der russischen Reaktion geschickt ausgenützt, welche an der antisemitischen Hetze die direkte Verantwortung trägt. Da sie weder Wurzeln noch reale Grundlagen hat und wohl weiß, daß sie sich mit einer Methode des offenen, ehrlichen KampfeS nicht behaupten kann, versucht die Reaktion, die verlorene Partie zu gewinnen, indem sie das traditionelle Instrument der alten zaristischen Politik Hervorst zieht, den nationalen Haß, welcher von jenen Kreisen in immer akuterer Weise entflammt wird. Die separatistische ukrainische Bewegung, welche in den letzten Zeiten einen reaktionären Charakter angenommen und nicht mehr als eine gesunde nationale Bewegung angesehen werden kann, ist in eine Reihe grausamster Pogroms ' entartet. Ausgesprochen reaktionär ist auch die Bewegung des Generals Denikin und des Admirals Koltschak. ES bedeutet wenig, daß diese aus OpportunismuS ihre Armeen bis nun von antijüdischen Exzcssen zuruckhalten. Tatsächlich sind die Offiziere und zariftischen Funktionäre, welche den Kern der sibirischen Bewegung bilden, durchaus vom Antisemitismus beseelt und die zügelloseste antisemitische Propaganda, die durch Manifeste, Flugblätter, offiziöse und offizielle Zeitungen besorgt wird, bildet den organischen und hauptsächlichen Teil ihrer Tätigkeit. ES ist bezeichnend, daß in 8er Armee Denikins Juden den Offiziersgrad nicht erhalten können und in der letzten Zeit auch nicht als Soldaten zugelassen werden. Der Sieg dieser. Reaktion würde zweifellos für die Juden eine Aera der schwersten Verfolgungen und der schrecklichsten Pogroms bedeuten und ihre gegenwärtige tragische Situation in eine Katastrophe verwandeln. In den bolschewistischen Gegenden ist der Antise mitiSmuS fast unbekannt und es hat dort keinen Po grom gegeben. Dies ist der deutliche Beweis, daß de Ursprung des wiedererweckten Judenhasses nicht in de׳ Tatsache.zu suchen ist, daß einige Volkskommissare In den sind — denn in einem solchen Falle müßte de׳ Antisemitismus in Großrußland viel stärker fein — sondern in der böswilligen Propaganda der Reaktion, welche antijüdische Gefühle zu erwecken sucht in Gegenden, wo die Gewalt völlig in den Händen der 'Christen ist und die Juden nicht einmal einfache Soldaten sein können. Nicht einmal die Kommunisten nehmen besondere Rücksicht auf die antibolschewikischen Jude׳ — sie erschießen sie und setzen sie gefangen, ebenso, wi> sie es mit den Christen machen — aber sie verfolge,, sie als politische Gegner und nicht als Juden. Außerdem muß bemerkt werden, daß die russischen Arbeit termaffen in den Uebergangsperioden bewaffnete Al, teilungen gebildet haben, welche zusammen mit den jüdischen Abteilungen die jüdische Bevölkerung verteidigten. Um sich vor dem Bolschewismus und vor den .reaktionären Greueln zu schützen, gibt es für die Juden keinen anderen Weg als die Fortsetzung der Politik vom. März 1817: Gemeinsam mit allen demokratischen russischen Kräften gegen die äußerste Rechte und die äußerste Linke anzukämpfen, gegen die Gewalt Lenins und die Koltschaks. und für das demokratische Regime, welches ihnen Sicherheit und Freiheit verbürgt. Heimkehr. Laß dieses Tages Glanz entschweben Und Sterne über unfern Träumen steh'n. Laß uns die Hände still zusammengeben Und geh'n. Und mehr als auf das Rauschen in den Zweigen Hör', wie der Sturm durch unsre Herzen zieht. Wie unsre Seelen sich in Demut neigen Dem Lied, ׳ ״ .״ .T77r? v’’״^ Das wir geahnt in glückeshellen Tagen, Um das die Väter in der Nacht geweint Des Leids... Vom Traum zur Tat soll es uns tragen Vereint. Wie sollen wir das Hebräische in der Diaspora aussprechen? Mit diesen Zeilen strebe ich nicht an eine Entscheidüng in. dem langjährigen Streit der Gelehrten bezüglich der aschkenasischen und sfardischen Aussprache des Hebräischen zu treffen, sondern eine Mahnung ar die sg. ״Halbsfardisten" der Diaspora zu richten, welch» ^kaum einige Vo?ale der portugisischen Aussprache nach ן zuahmen vermögen und nicht einmal zu erstreben schei nen, auch die Konsonanten, welche im Sfardischen mi einer eigenartigen Aussprache ausgesprochen werden nachzuahmen, sich aber jedoch anmaßen, gegen dip asch kenasische Aussprache zu . entscheiden und sie Zu verwer fen und einer unvollständigen, halbsfardischen Aus spräche an ihrer Steve den Vorzug einzuräumen. Js eS nicht viel richtiger ein korrektes aschkenisisches H< bräisch zu sprechen, wie eS hierzulande in Schule un Bethause üblich ist und welches das Gros des Jude! , tums sowohl der Diaspora als auch Palästinas kenn? zu sprechen, als ein falsches, nachgeahmtes, unnatürlic und fremdklingendeS Sfardisch? Glauben denn dir Reusfardisten der Diaspora wirklich, wenn sie anstatt Maüscheiß — ״Moscheh" und anstatt Israel — ״Israel" lesen, sie schon wenigstens den angeborenen palastinenfischen Sfardisten in der Aussprache gleichen? Da befinden sie sich auf dem Irrweg! Ist edoch noch höchst unklar, ob die Aussprache der türkischen Sfardi» sten, welche das: fl mit f, die totale «*I חולם וקפץ קפד »** »*. den עירה «*» e, den סגול mit 6 oddr e, den שורק וקברן mit a wiedergeden, die wirklich richtige^ist, der sie den Vorzug gehen untf als einzig richtige Aussprache anerkennen wollen. In׳ Palästina selbst gibt eS doch mehrere Aussprachen: 1. Die Marokkaner sprechen aus das: M wie das russische tsche, das ה «ie daß 18, zwischen *חולם שרוק וקבר unterscheiden sie überhaupt Nichts, - ebenso zwischen עירה וחיריק *) oft verwi chseln st sogar ׳פתח וסגל und vieler andere. 2. Die italienische» Sfardi st en verschlingen: . ->a» ה» und p sprechen sie durch die Nase aus, das ע nie ein 8, bas ה wie ein d. 8. Die Jemeniten sprechen die Konsonanten: •א׳ גי די וי חי ט׳ כ« עי עי ק« ת genau nach bm Arabischen ans. Das ב stets mit 2 ,siehe: Maltzau, Reise rach Süd-Arabien, 1, S. 177; nach dem Buche אבןספיס l, S. 54, sollen sie das 2' wie v ausfprechen. . Nach Saul TschernichowSkyis Aufsatz in der Zeitchrift ,ד,שפד herausgegeben von der "אגודת חובבי שפרדעבד" in Petersburg, Heft 1, soll in manchen Or- -en das ק gleich dem russischen g, das ופתה *>Vp nach dem Aschkenasischen, das °0) חולם nach dem polnischen, daS LS עיר nach dem obangeführten Jtalienisch-Sfardischen, das - סגל Wie das ä in der deut» scheu Sprache ausgesprochen werden. Jedes welches vor einem Consonanti Gutturali steht, wird mit dem nächstfolgenden Vocal ausgesprochen. Vor * mit Chirik wird es so wie i, an anderen Stellen, wie a ausgesprochen, -während פתח וסגל sich oft verwechseln. Im allgemeinen — meint der Autor — ist diese Aussprache viel näher der aschkenasischen als der sfardischen. - Nach Grünhut in dem Aufsätze ״Die jüdische Bevölkerung Palästinas״ (Palästina-Nummer Seite 1022) sind die nach' Palästina eingewanderten Dagistaner Juden, welche in allen Sitten und Gebräuchen den Sfardisten gleich sind, mit ihrer Aussprache des Hebräischen, mit Ausnahme des Buchstaben,יק., welchen sie ganz verschlingen und der Bocale סגל.ועירה welche sie wie ein הירק aussprechen, vollständig dem Aschkenasischen gleich. -- Ein neuer Beweis, daß die Aschkenasische Aussprache nicht so mir nichts dir nichts zu verwerfen ist. . > ES sei noch nebenbei bemerkt, daß die spägnolischen Juden, sowohl das ג als auch das ג Wie das j und so wie im Englischen (Strange), das Z wie das rufs tsch, das 2k mit s, das y wie im Arabischen, also mit g(ain), das ק, wie da« y, daS יה wie das th im engl. Worte ״thin" — die Vocale selbst aber, wie die italienischen Sfardisten aussprechen. Welche der obzitierten Aussprachen haben sich die gegenwärtigen Neusfardisten in der Diaspora als Basis gewählt? Nach meinem Empfinden sind sie unkonsequent geblieben und erschweren die Arbeit des Hebräischen, welches leichter in der bereits erlernten aschkenasischen Aussprache zu erlernen ist, als in der erst neu zu erlernenden fremden, für uns unnatürlichen Aussprache. Sie arbeiten gegen Schule und Gotteshaus, und versetzen die unerfahrene Jugend in Zweifel und Inkonsequenz. Einige Beispiele mögen hier beweisen, wie mangelhaft die Aussprache der ällerneuesten Sfardisten ist. TschernijchowSkhi bezeichnet sie mit Recht, als neue, fremde und eigenarftge Aussprache. Diese Tatsache wird besonders dadurch beleuchtet, wenn wir die Transcription der Septuaginta, die zu einer- Zeit angefertigt wurde, in der noch wenigstens alle gelehrten Juden hebräisch sprachen und schrieben und die eine *) Nach den Regeln der Gramatik sind das חל1ש »Ist* ״d קם** קפן y von שיצא חשפתים Lippenlaute, enso קבו״* ״או« שורדי »£“) und sollen auch dementsprechend ausgesprochen werden, was wir aber ei den Sfardisten ״sein" wollenden vermissen. ״Hickls Jüdischer Bolkskalender".