Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 19 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622051--4018-2625272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Orttt L. tschechischen Ausgleich-Verhandlungen unternehmen wird. « » Der Schreiber dieser -Zeilen, der länger als zwei Jahrzehnte in der ״Jüdischen Volksstimme" und anderen Blättern für den Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen und seine Förderung durch die Nationaljuden eingetreten ist, begrüßt diese Aktion des Ministerpräsideuten T u s a r. Das Gelingen der Aktion ist gleich notwendig für die Konsolidierung Tschechoslovakiens und Deutsch-Oesterreichs, wie für "die Neugestaltung der unhcMbar gewordenen sozialen Verhältnisse in beiden Staaten. An beiden find die Juden sowohl als Staatsbürger, wie als Juden gleich interessiert. Nur wenn dem nationalen Chauvinismus — so- Wohl in Tfechoslovakien, wie in Deutsch-Oesterreich — der Boden entzogen wird, da und dort das Recht aller Minderheiten, — also auch der'jüdischen Minorität — zum Durchbruche gelangt werden, dem Völkerausgleiche die Wege geebnet werden. Bloß auf diese Weise kann auch auf eine Zurückstauung der überall steigenden antisemitischen Flut gedacht werden. Ministerpräsident Tusar als Anhänger der nationalen, religiösen rmd wirtschaftlichen Gleichberechtigung kann aber die Perfektionierung des Völkeraus Solidarität mit unfern Ostbrüdern. Der Friedenssommer glänzt. Die Erye strahlt im Lichte. Die Bäume blühen. Und Bogellieder schallen: Wäre doch die göttliche Welt erfüllt mit Brudergeist. Die Menschheit muß des Hasses Gift entfernen. Sie muß die Nachsucht zügeln, sie muß den Brudergeist be flügeln, sie muß der Leidenschaften Feuer in sich ersticken durch BrüderlichkeüSgebot. Und das vielgc schmähte Judentum kennt ja keinen Haß gegen andere Völker, keinen Neid gegen andere Religionen, es lehrt nur die reinste Menschenliebe, den Glauben an den einzigen Gott und die Hoffnung auf die Einheit des ganzen Menschengeschlechtes. Also, sprich Israel, warum verzagst Du, warum verzweifelst Du? — Weil noch immer geht das Grauen im Osten um, Hatz.und Rachsucht wollen nicht sterben. Der Geist der Brüderlichkeit ringt mit deni Verderben und wir Westjuden sollen bleiben unbewegt und stumm? Der ZerfleischungSwahn im Osten, der mit blutigen Krallen unser Herz fehenweise zerreiht unb unsere _ __ unglücklichen OstVrüder niedermäht, betrübt Dich gleiches auch durch die staatliche Anerkennung der Ju-'^ael. Denn das Präludium zur neuen Freiheitsepoden als Nation mächtig fördern, (waren doch bisher die!^ hat uns grausam enttäuscht. Uralte Menschheitsassimilatorischen Juden infolge ihrer verkehrten Na» tionalitätenpolitik nicht nur Schädlinge des jüdischen, sondern auch des deutschen und tschechischen Volkes und ein Hindernis der nationalen Verständigung zwischen Deutschen, Tschechen und Juden). träüme sollen in Erfüllung gehen. Der Anbruch der äußeren, aber auch der inneren Freiheit der Menschheit soll beginnen.׳ Und diese neue Freiheitsepoche hat uns neue Bedrohungen und Verfolgungen, neue Sorgen und Leiden gebracht. Jammervoll ist der Einblick in die Diese Völkerverständigung und als weitere Kon-; Gegenwart und der Ausblick in die Zukunft. Geächtet sequenz die rascheste Beseitigung der unnatürlichen i und geknechtet, vernichtet und zermalmt wird die Ju- Absperrung der Donauvölker'von einander, sowie vor denheit. Die Welt ist von einem Blutrausch ergriffen, allem ihr wirtschaftlicher Zusammenschluß ist unerläß- Verwildert und verroht einer Bestie gleich ist die entlich, soll nicht ein Katachlysma der gesamten staatlichen' seelte Menschheit. Trotz des Völkerfriedens und der und gesellschaftlichen Verhältnisse der neuen National staaten im Donaubecken eintreten. . Dies zu verhüten ist. auch ein Lebensrnteresse des. jüdischen Volkes. Seine auf Grund eines national-jüdischen Programmes gewählten Mandatare für die verschiedenen Vertretungskörper Tschechoslovakiens, Deutsch - Oesterreichs, Polens und Ungarns, werden früher oder spä- — spätestens aber nach FriedenSschlutz — zusammentreten müssen, um über die Grundlinien eines den kulturellen und wirtschaftlichen Interessen ihres ganzen Volkes entsprechenden Programmes zu diskutieren, aber auch um ihre, Stellung zu den anderen Völkern zu formulieren. Eine neue Zeit naht heran, welche nationale Verständigung und Gesellschaftsreform, daher die Völkerföderation und den Genoffenschaftssozialismus erheischt. Ihr muß das Ministerium Tusar Rechnung tragen. Unsere neugewählten Mandatare aber — besonders die nationaljüdischen — in allen Ländern und ' Weltversöhnung hören wir das Wutgeschrei wahnbe törter, entmenschter Menschen, das Todesröcheln Gemordeter, den Wehmut Verwundeter, den -Notschrei geschändeter Frauen und Töchter Israels. Der Judenhaß hat im Osten unzählige, unschuldige Glaubensbrüder hingeschlachtet, viele müssen ihrem ungastlichen Vaterland den Rücken kehren. Wir sehen viele vom Unglück verfolgt, vom Hunger gequält, wir sehen viele leidend unter dem Fanatismus der betörten Menge, unter dem Zeichen mtitelalterlicher Wahngebilde und Trugmärchen. Judenheher haben die Leidenschaft des Pöbels entfacht, die Bestie im Menschen geweckt und die Beutinstinkte gewalttätiger Massen toben sich im Osten׳ in Judenpogrome aus. Und warum? Was haben diese Opfer der Kriegsfurie verbrochen? Haben sie das polnische Volk geschmäht und verhöhnt? Haben sie das Reich dem Feinde verraten? Nein, nur, weil sie Iuden sind. Sehr beklagenswert ist diese antisemitische Strömung, die eine Verrohung der Gefühle, eine Verwildeschen Volkes darzustellen und gegen alle Juden den Vernichtungskrieg zu predigen. Durch die lange Dauer der Welttragödie leidet manche- ManneS Moral, oft auch des besten. Und auch die Moral der AuderS« gläubigen hat stark gelitten in all ihren Schichten. Unsere Demagogen brauchen aber einen billigen Blitzableiter, da das Donnerrollen des enttäuschten Volkes Opfer finden muß. Und nur aus diesem Grunde werden tausende der Glaubensbrüder hingefchlachtet, tausende Witwen und Waisen in Not und Elend hinausgestoßen. In dieser düsteren Stunde, in diesem traurig« sten Abschnitt des Lebens unserer Ostbrüder, in dieser ernsten Epoche der Judentragödie erklären wir vor aller Welt und vor der Geschichte unsere Solidarität mit unseren Glaubensbrüdern im Osten. Denn ein Volk, das das Band der Einheit zerreißt, verdient das Schicksal des ehesten Unterganges. Ein Volk, das seine Solidarität aufgibt, muß aus dem Buche der Geschichte gestrichen werden. Die Not unserer Brüder im Osten verbietet uns fahnenfluchtartig uysere Nächstenliebe zu verabsäumen. Wir müssen nach Kräften den Opfern der Verfolgung, den Witwen und Waisen der Glaubensmärtyrer zu Hilfe eilen. In der Zeit der bittersten Not unserer Ostbrüder darf keiner sein jüdisches Herz der Nächstenliebe vergessen. Mit der Nächstenliebe starken Waffen rühret Euch Ihr Brüder alle. Recht und Menschlichkeit wird siegen und der Judenhaß kommt zu Falle. Brüder in Westen, läßt Brüderlichkeit unsere Losung sein. Zusammenstehen einer zum anderen, in Menge verbunden sein, nicht einzeln gehen, das sei unser Lebensglück-und Lebensideal. Brüderlichkeit gibt unfern Ostbrüdern den Mut und die übernatürliche Kraft den Feinden zu trotzen, nicht zu klagen und nicht zu verzweifeln, denn der Tag der Rettung kommt den Ostbrüdern gewiß. Die Schandtaten, di.e man ihnen antut, wird einst auf die Urheber zurückfallen. Millionen Flüche, tausendstimmiger Jammer und der Empörungsruf aller Juden werden niemals die Schuld an diesem großen Verbrechen auslöschen. Beweise daher ein jeder Jude sein Solidaritätsgefühl mit den unschuldigen Pogromopfern und gebe nach Maßgabe seines Könnens eine edle Spende für diese Märtyrer in den herrlichen Tagen her Weltverbrüderung und Völ-׳ kerversöhnung, in den Sonnentagen des polnischen Volkes. Dr. E. Landau. speziell auch in der Tschechoslovakei werden ihr nur rung der Massen herbeiführt, die in unS eine staatsge gerecht werden, wenn sie die Vergangenheit liquidieren nichts Macht, — sondern Kultur« und Wirtschaftspolitik auf ihre Fahne schreiben. —schfährliche Horde und Verbrecherbande sieht. Gewiß, einzelne Juden haben gefehlt, und darum werden alle Juden gehaßt und geächtet. Es ist aber das größte Verbrechen, die Fehler Einzelner als Gebrechen des jüdi- Zu Herzls Todestag. Von Gerh. Kanter. ' Und ich will euch aus den Völkern führen, und aus den Ländern, dahin ihr verstreut seid, sammeln mit starker Hand und ausgestrecktem Arme.... (Hesekiel, Kap. 20, B. 84.) in das Gedankenreich. In dem seligsten Traume jenes Theaterabends verlebte sie ihre Flitterwochen. Sie war Als der Vorhang in die Höhe ging, da. war es Beile Gitelen mit einemmale — als ob ihre suchende Seele das gelobte Land gefunden hätte. Es kam ihr Sulamit und ihr Mann Awisalom. Der Alltyg ״ mit vor, daß sie so etwas schon einmal, irgendwo, im seinen großen und keinen Mühseligkeiten — ging über Traume, im Geiste, gesehen hätte. Alles schien ihr so ihren Traum seinen ehernen, wuchtigen Gang, wie ein bekannt, wie einem Menschen — der in die Heimat schweres Fuhrwerk über eine zarte Blume^ Aber in zurückkehrt. einem geheimen Fach ihrer Seele lagerten Samen auf- Eine ungewöhnliche Aufregung bemächtigte sich gespeichert, die'kein Riesenrad der Not zermalmen ihrer. Die Augen funkelten, die Wangen glühten, wie konnte. im Fieber, das Herz pochte, der Atem stockte. Ein inne-1 Oft und oft kehrten ihre Gedanken zu dem Einrer Aufruhr erhob sich in ihr, so rüttelnd und schütdrucke jenes Theaterabendezurück und da ging ein telnd, wie — ein Orkan. Seit diesem Tage wurde Beile. Gitele aus. dem Paradiese der Lebensfreudigkeit völlig verbannt. Eine Sturm von Weh und Seligkeit durch ihr Gemüt, der ihr ganzes Seelenleben erschütterte. _ __ v Aber) die Kinder, dje sich mehrten und die Sorgen tiefe Traurigkeit bemächtigte sich ihrer, dunkle und ( die sich häuften, wehten mit der Zeit, wie unausgesetz düstere Schatten umlagerten ihr Gemüt und sie verfiel in Brüten. Ja, sie brütete, diese treffliche Bruthenne, im vollter Sturmwinh, die heimatlichen Bilder und Gedanken weg. Sie versänken, wie Wiegenlieder und Kindermärchen, in die Tiefe, um dann wieder, bei neugeborenen sten, engsten und weitesten Sinne des Wortes. Sie! Menschenkindern, aufzutauchen. brütete ein im Aether schwebendes, werdendes Genie, dessen Empfängnis ihr jungfreulichey Geist — von diesem Zeitpunkte an — in heiligster Verzükung und unsäglichen Schmerzen — zu verzeichnen hatte. Beile Gitele heiratete. Als sich ihr der Mann, das erstemal, näherte, stieg ihr urplötzlich und unwillkürlich Sulamith und Awisalom, die Helden des Theaterstüikes, in den Sinn. Dann beschwor sie dieses Bild jedesmal herauf. Sie besaß überhaupt die Fähigkeit sich im Geiste vom wirklichen Leben abzusondern und ein Traumleben, -as Leben der Wunder, zu führen und gar oft flüchtete ihre Seele in dieses Gefühlsparadies, Ihrem ältesten Sobne wurde mit vierzehn Jahren in der Brust und im Städtchen zu enge. Der wild״ Geist, wie sie ihn nannten, sehnte sich hinaus — aus der drückend-n Sphäre des Krähwinkels und er floh nach England. Er wurde später ein weltberühmter Schauspiel r. Aber er entfernte sich vom Judentum und wurde als englischer Künstler gefeiert; während Beile Gitele, in einen׳, ostgalizischen Städ'tchen, dieses Genie, mit der Glut ihrer eigenen Sehnsucht, auSgebrütet hatte. Viele, viele Jahre sind vergangen,. seit, dem Tage, an dem, um mit dem Propheten Jesaicks zu sprechen, jedes Haupt gebeugt und jedes Herz siech war ob des Heimganges des, wie einer der berühmtesten Herzlbiographen (Vergl. Herzlbiographie von Friedemann) mit Recht meint, edelsten Sohnes unseres Volkes. Wenn wir nun den Jahrzeitstag dieses edlen Mannes feiern, so soll jeder, der, sei es an einer Trauerfrier in irgendeinem zionistischem Bqrein, oder an einem Trauergottcsdienst in irgendeinem Tempel teilnimmt den festen Entschluß fassen und sich im Stillen geloben, in Herzls Sinne zu wirken zum Heile und Wohle des Judentums. Eine Tragik liegt aber in dem Schicksal dieses Mannes, der ganz mit Herz und Hand fürs jüdische Vaterland war, dem für die Erreichung dieses Ideals kein Opfer, selbst das größte, zu groß gewesen, dessen Leben ganz und gar nur seinem Volke gewidmet war. Auch ihm schien Gott, wie einst unserem Lehrer Moses, die inhaltsreichen Worte zugerufen zu haben: ״ ... Ich will es (das Land) Deinem Samen geben. Du hast es mit Deinen Augen gesehen, sollst aber nicht hinübergehen." (5. B. M., Kap. 34, V. 4.) Nicht war es unserem in Gott ruhenden Führer vergönnt, die Krone seines Wirkens zu schauen und die Früchte seiner Arbeit und Mühe zu ernten und zu sehen. Welchen Fortschritt hat der Zionismus seit seinem Tode genommen! Damals zählten sich zu seinen Anhängern größtenteils idealistische Studenten und heute — soll ich einiges an dieser Stelle anführen, daß beweisen sollte, daß heute fast 80 Prozent der Juden Zionisten, mindestens aber bewußte Jüdischnationale sind?׳ Bei der letzten Volkszählung im tschechoslovakischen Staate hat der überwiegende Teil der Juden als ״narodnost" ״zidovSka" (als Nationalität ״jüdisch") angegeben. Allerdings sind wir uns keineswegs im Unklaren darüber, daß viele von ihnen nur 28״. Oktober"-Zionisten sind. Das ändert aber keineswegs am Faktum etwas. Vor allem bedeuverbreitet sie Jüdisch* lloiirrrtimme".