Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 19 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622051--4017-2625271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5T . XX. BeiMf Mtclfc; halbjährig.*tonnt 1250־ ganzjährig ........ Kronen 24׳— Deutschland, ganzjährig Mark 18 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12׳— Balkan, Frankreich , . . , , , . . Frank» 24׳— Nnmmer 19 Herausgeber: Max Hlckl. Redaktion und Administration: Brümi, Adler-rst^ G' Buchhändlerische Vertretung: Ott». Me»». Kgjßzjg Inserate: dev 6-spaltige Zentimotervcmm 2 K. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht «,ono. riert. — Manuskripten ist Rückport» beigusügen. Wien—Brünn. IS. lull ISIS. 2V. Iksmu8 887S Prag—Lemberg. M. Hickl'S Verlag, Brünn, Adlergaffe S, Wie«, 8. Bez., Lerchengaffe 6 a. Soeben erschienen:׳ «Hickl- Jüdischer Bolkskalendrr" AuS dem Inhalte: Preis 6 Kronen. . B e e rcm a n n, Dr.,' M.: Für stille Stunden. — Ein kleines philosophisches Märchen für große Kinder. Bialik CH. N.: Willst du wiffen. Blumemthal Hermann: Unter jüd. Landstreichern. Fahn Rüben: Auf fremder Erde. Frischmann D.: Die kupferne Schlange. Frug S.: Gimches toyre. Gelber, Dr., N. M.: AuS dem inneren Leben der jüd. Gemeinden in Polen um die Wende des 18. Jahrhunderts. * * ״ Israel Baal-Schem der Zweite und Dritte. Höflich Eugen: Der jüd. Volkssozialismus der Hapoel Hazair. Jehuda Halevi. Kanter, Dr., F.: Ein Rückblick auf das Jahr 6679. ״ Eine Unterredung mit Haman. König Td., Geheimrat; Die Kurrein, Dr.^ A., Prof.: Ein siebzehnhundertjähriger Gedenktag. Müller, Dr., Ernst: Psalmen. Müller E.: Aus jüdischem Geiste. Neuburger, Dr., Max., Univ.-Prof.: Medizinisches aus den Werken des Flavins Josefus. Reisen A.: In «.finsterer Nacht. Scherlag Lorenz: Der blühende Baum. Tartakower, Dr., CH.: Werden wir Palästina bekommen? , Wachstein ©., Dr.: Ein Regensburger Grabstein in Eferding. W e i n b a u m ®.: Jüdische Landtage. Zlocisti Lcheodor: Erwachte Lieder. _ Feuilleton. Die Bruthenne de- Genis. Von Frieda Eigenfeld. Beile Gitele war unter den Proletarierkindern des kleinen Städtchens das humorvollste Geschöpf. Wenn die Kinder im Cheder einen tollen Streich unternahmen und Beile Gitele fehlte, so wollte der Streich nie recht gelingen. Sie brachte in alles Lehen und Sonnenschein, Frijche und Lebendigkeit. , Im Gegensätze zu den meisten schwerfälligen Körperchen und Seelchen war Beile Gitele immer behende, kletterte, wie ein Äub, auf Bäumen und Planken herum, ritt Steckenpferde, spielte leidenschaftln Fangspiele, balgte, sich, spielte auch gerne den gestrengen Rebe, wobei sie die Kinder mit det Rute prügelte und gebärdete sich überhaupt wie ein Junge. Der Rebe bedauerte auch, daß sie kein Junge war, denn sie hatte so einen offenen Kopf, wie er sich ausdrückte, daß sie ein großer Tana geworden wäre. Dabei war sie geschwätzig wie ein echtes Marktweib. Sie spielte auch gerne Marktweib; wiegte sich so urkomisch in den Hüften und kopierte ihre Entrüstung, wenn ihnen die Kunden die Waren stehen ließen, so eigenartig, keifte so echte, so derb, so originell, so urwüchsig, daß sich die Kinder vor Ergötzen wälzten. Das Ministerium Tusar und die Nationaljuden. Der tschechoslovakische Staat tritt in eine neue Zeitepoche; denn an seine Spitze tritt ein neuer Kabinettchef, welcher mit allem radikal aufräumen will, was mit dem Grundsätze nationaler, religiöser und ökonomischer Unterdrückung unvereinbar ist. Man hat es sich allmählich abgewöhnt, von einem Ministerwechsel eine Aenderung des Systems zu erwarten. Speziell im alten Oesterreich-Ungarn sowie in den einzelnen Nationalstaaten, die an dessen Stelle traten, konnte man in Vergangenheit, wie in Gegenwart die traurige Tatsache konstatieren, daß im Wechsei der Regierung und Parteien die politische, sowie ökonomische Unfreiheit, die Unterdrückung von Rationen, Konfessionen und Klaffen der einzige fixe Pol in der Erscheinungen Flucht ist. Diesmal aber haben die Modernen nicht nur in Tschechoslovakien — das Gefühl, welches hoffentlich iei, ne«c im tschechoslowakischen Staate bedeute. Der jetzige tschechoslovakische KabinettSschef wird wohl für die Einheit und Integrität des Staates, den er regiert, mit aller Enschiedenheit eintreten; aber sicherlich nicht die Tatsache ignorieren, daß Tschechoslovakien nicht bloß von Tschechen und Slovaken, sondeizt auch von Deutschen, Juden, Polen, Ukrainern und Magyaren bewohnt ist, die nicht nur unter dem Gesichtspunkte demokratischer und sozialistischer Ideen, sondern auch unter dem der wohl> verftanbenen Lebensinterssen des Staates Anspruch auf nationale Autonomie und Gleichberechtigung besitzen. Die Erkenntnis von der absoluten Notwendigkeit der Verwirklichung Am liebsten erzählte sie etwas; entweder Selbsterdachtes, mitunter sogar aus dem Stegreif, oder ein erlauschtes Gespräch; dabei ahmte sie die Stimmen be kannter Personen in solch frappierender, wechselnder Tonart nach, daß den Kindern vor Lachen die Tränen in die Augen traten. Sie spielte auch gerne Schnorrerin, bettelte bei den Kindern und die demütig gebückte Haltung, der wHmütig rührende Blick, der schwache Ton, wenn sie die Hand bittend ausstreckte und die reckende, wachsende Gestalt, die dreisten, wilden Blitze der Augen, das kecke Maulen, wenn man sie, ohne ihr etwas zu schenken, abfertigte, die donnernden Flüche, wenn sie schon weg war, gelang ihr so vortrefflichdaß oft Erwachsene v?rdutzt stehen bliebey. Aber so überschäumend ihr Temperament war, so seht ihr Wesen von Witz und Heiterkeit sprudelte, so sehr sie von Lebensfülle strotzte, so sehr nagte etwas Unbestimmbares, Unheimliches an ihrer zarten Kinderseele. ES lag wie ein Stein auf dem Meeresgründe in ihrem Tiefinnersten, schwer und unheimlich. Oft beschlich sie eine solche' Aengstlichkeit, eine so tiefe Wehmut und Schwermut, daß sie unmittelbar zu weinen anfing. Aber das währte bei ihr nicht lange. Mit dem Instinkte gesunder Kinder übersprang sie mutig und energisch die gähnende Tiefe und begann ineiner Weise zu zanken, zu gestikulieren und die Kinder zu schlagen, daß es an ''Raserei grenzte. Es war — wie wenn sich etwas Heimliches gewaltsam Luft machen wollte. dieser Anschauungen beherrscht den neuen Premier Tusar und es wird alles bloß davon abhän. gen, ob die Energie, die er bei verschiedenen Gelegenheften und Zeiten an den Tag gelegt hat, sich auch dann geltend machen wird, wenn es gilt, die Interessen des tschechoflovakischen Staate» gegenüber den tschechischen Chauvinisten zum Durchbruch zu verhelfen, die die ökonomische Unzufriedenheit der Massen durch einen wüsten HurranationalismuS und periodisch auch durch antisemitische Exzesse von den wirklichen Ursachen des ökonomischen Elends ablenken wollen. Werin man den neuen tschechischen Ministerpräsidenten nach seiner Vergangenheit beurteilen darf, so muß in ihm der Dertreter der nationalen Verständigung,?iner wohlwollenden Neutralität ge>gen» über der nationaljüd. Bewegung und ein Vorkämpfer einer großzügigen sozialen Umgestaltung auf dem Wege etappenweiser Entwicklung erblickt werden. Ministerpräsident Tusar war schon im alten Oesterreich-Ungarn ein überzeugter Anhänger eines deutsch» tschechischen yu3fltö(§ei^^ fj, wie viele seiner Ministerkollogen, aus den verschiedenen sozialistischen, als auch auS dem national-sozialistischem Lager schon lange begreifen. Nach dem Ausscheiden, "der nationaldemokratischen Minister aus dem Kabinet T u s a r ist ein Haupthindernis auf tschechischer Seite entfallen, zumal auch die Neuwahlen für die tschechoslovakische Nationalversammlung eine Stärkung des ausgleichsfreundlichen sozialistischen Blockes im tschechischen — und Wohl auch im deutschen Lager — zu erwarten ist. Unter solchen Umständen wirkt die Nachricht nicht überraschend, daß Ministerpräsident Tusar im Ein- Verständnis mit dem Präsidenten Masaryk demnächst die ersten Schritte - zur Einleitung der d e u t s ch- Je älter Beile Gitele wurde, desto häufiger und quälender tauchte dieses Gefühl auf. Es war ein unbestimmtes Sehnen, nach einem Traumlande, das ihrer träumenden Seele, wie eit^e Fata Morgan«, borschwebte. Es nagte an ihr — wie Hunger und Durst; es derzehrte sie wie ein schleichendes Fieber. Sie nannte es einen Dibik, von dem ihr ihre Groß» mutter viel erzählte, der oft in die Menschen fährt undin ihnen rumort. Es war nichts von alldem — wonach sich ihre Freundinnen sehnten: Kleider, Schmuck, Bräutigam. Es war etwas, wqs, nach ihrer Behauptung, außerhalbdes Erdkreises liegen mußte. Vielleicht — im Himmel׳ reich, wo die innere Befriedigung wohnt. Sie konnte eS nicht bezeichnen. ' Stets befand sich ihre Seele auf der Suche. Ihr war wie einem Menschen, der eine größe Mission zu erfüllen hat. DaS Alltägliche ließ sie kalt, gleichgiltig. Das gewöhnliche Leven empfand sie wie ein Proviso» rium, etwa — wie ein Mensch auf der Reise. Sie lebte in steter Erwartung eines Wunders, das kam» men mußte. Eines TageS kam ein jüdisches Theater in da» Städtchen und versetzte das kleiye, elende Nest in Aufrühr. 1 Auch Beste Gitele hatte eS, mit schwerer Mühe, bei ihrem chaffidischen Vater durchgesetzt, einmal in» Theater gehen zu dürfen. ES wurde .Sulamith" aufgeführt. Uerbrcitet die Mdlrcbe OMrrlimmr". . \