Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 18 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622050--4012-2625265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 18 ^IMjche §Me & Aan4f4«tt. Eine neue antisemitische Zentralorganisation in Wien. Den ..Wiener Stimmen" wird geschrieben: Unter dem Namen »Antisemitenbund" wurde in Wien ein neuer deutscher Schuhverein gegründet, der sich unter Ausschluß politischer Fragen die Bekämpfung des jübu schen Einflusses auf wirtschaftlichem, völkischem und gesellschaftlichem Gebiete zum Zwecke gesetzt hat. Der Verein will durch mündliche und schriftliche Aufklärung, Belehrung und , Unterweisung auf die dem arischen Teile der deutschösterreichischen Staatsbürger von den nichtarischen, besonders den jüdischen Elementen drohenden Gefahr aufmerksam machen und Gegenmatzregeln beraten und durchführen. Demnächst soll in Wien in ׳ allen Bezirken mit der Werbearbeit in Versammlungen begonnen werden. Der Verein wird sich in -Ortsgruppen gliedern und soll ganz 'Deutschösterreich als Tätigkeitsgebiet umfassen. Beitrittserklärungen mögen vorläufig an den einstweiligen Obmann, Herrn Dr. Julius Räder, Wien, 18. Bezirk, Genhgasse 118, gerichtet werden. Im Herbste soll die Leitung des Ver- Lines neugewählt werden. Der MitgliedSbeitrag beträgt- 3 K im Jahre, eS wird aber Mehrzahlu^g mit Rücksicht auf die grotzen Kosten bei Auflegung der Werbedrucksachen und bei Durchführung der ganzen Werbearbeit erwartet. Die bisherigen Anmeldungen * geigen, daß der Plan, einen deutschen Schuhverein gegen Neberhebung und Anmaßungen des Judentums zu gründen, auf sehr fruchtbaren Boden gefallen ist. Ein talmubischeS Kapitalwerk. Der bekannte Talmudgelehrte und hebräische ׳Schriftsteller Dr. CH. Tschernowitz hat, wie das ״Kopenhagener Zionistische Büro" berichtet, soeben mit der Herausgabe eines talmudischen Kapitalwerkes begonnen. DaS Werk heißt Kizur Hatalmud und ist eine kurze Wiedergabe des Talmuds mit einem wissenschaftlichen Kommentar, um das Talmud-Studium im Judentum zu seiner früheren Popularität zurückznführen. Der gekürzte Talmud bezweckt nicht eine Einschränkung seines Inhaltes, sondern die Erleichterung seines Studiums und die leichtere Verbreitung seiner Schätze. Der Kommentar, der dem Werke angeschlossen ist, hat die bekannten talmudischen Kommentare zur Grundlage. Im Prospekt des Verlegers M. Roubine, Lausanne (1 Rue Pichard) heißt eS: ״Der Kizur Hatalmud soll ein Volksbuch werden und soll Eingang finden, sowohl in den Familien, wie in den Schulen. Er eröffnet allen Suchenden die Quellen des großen ■ DucheS, das nicht mehr ein verschlossenes Buch sein soll, in dem sich nur Einzelne und AuSerwählte zurecht finden, sondern Gemeingut des ganzen Volkes werden soll. Jeder, der lernen will, komme und lerne. Der Kizur Hatalmud bringt das verlorene Gut zurück. Der Talmud kam vom Volke und soll zum Volke zurückkehren." Bis jetzt ist Nur der erste Teil erschienen, enthaltend Berachoth, Rosch Haschanah und Joma. Der Preis des ersten Teiles beträgt 18 FrcS. ' lehnt, ihn in Beratung zu ziehen, trotzdem die Ver- Handlung über diesen Gegenstand vor einem Teil der Delegierten verlangt wurde. Wieder ein Beispiel, daß die Internationale die Judenfrage mit sich schleppt und sie nicht lösen kann. Wo der Judenpunkt zum Vorschein kommt, gibt es Verlegenheiten, sind Ausflüchte nötig, wird die Aufregung über soziale Ungerechtigkeiten über die Unterdrückung von Menschenrechten plötzlich besänftigt, macht kühlerer Erwägung Platz — und die Judenfrage Wan« dert schamhaft in irgendeinen Ausschuß. Man atmet auf, die peinliche Angelegenheit ist erledigt und man kann wieder mit aufgestülpten Hemdärmeln darangehen, die Menschheit zu erlösen ... Tatsache ist, daß die Ausschließung einer ganz bestimmten BevölkerungSschichte vom Staatsbürgerrechte eine reaktionäre Verletzung der Gleichberechtigung war, die vom sozialistischen Standpunkt nicht geduldet werden durfte. Dennoch ist die Reichskonferenz der Arbeiterräte über dieses Gesetz zur Tagesordnung übergcgangen und das werden sich die jüdischen Proletarier merken müssen. Die unverantwortlichen Wiener Poale- Zionisten, die erst den deütschjüdischen Sozialdemokraten nachliefen und jetzt den Kommunisten nachlaufen, werden aus diesem Fußtritt wahrscheinlich keine Lehre ziehen. Die Poale-Zion auf Idem deutschen Sozialistentage. Auf dem deutschen Sozialistentage, der eine Einigung aller sozialistischen Parteien Deutschlands vorbereiten sollte, war auch die jüdische sozialdemokratische Arbeiterpartei Poale-Zion in Deutschland durch drei Delegierte vertreten. Die Delegation schloß sich keiner der beiden Fraktionen des Sozialistentages an und wurde als selbständige jüdische Partei anerkannt. In der Geschichte der Sozialdemokratie Deutschlands trat der jüdische Sozialismus hier zum ersten Male als eins-selbständige jüdische Partei auf. Der Trauerlag der Juden Polens und Litauens. Anläßlich der furchtbaren Pogrome, die unausgesetzt die Juden in Polen, Galizien und Litauen heimsuchen und die Existenz deS jüdischen Volkes bedrohen, wurde am 18. Juni ein allgemeiner jüdischer Trauertag in diesen Ländern veranstaltet. Der Trauert2g wurde hauptsächlich von der jüdischen Orthodoxie organisiert. Der 18. Juni wurde aus dem Grunde gewählt, weil er mit dem historischen Schreckenstage der Chmielnitzki-Zeit zusammenfällt. Ueberall wurden Sammlungen zugunsten -er Pogromopfer veranstaltet. Jubenhetze in Posen. Von zuverlässiger Seite wird dem ״Vorwärts" mitgeteilt: In der Provinz Posen haben die polnischen Behörden sämtliche jüdischen Rechtsanwälte als Geisein verhaftet, in der Stadt Posen selbst auch noch andere angesehene Juden. Man befürchtet, daß dies nur der Anfang einer allgemeinen Judenhetze jst, wie sie in ehemals Russisch-Polen, namentlich in Wilna,, gerast hat. Menschheit. All' diese revolutionären Geister Habs« nämlich nichts besseres zu tun gehabt, als sich mit dem Buche der Bücher zu befassen und sich strickte nach den Aussprüchen der Bibel, wie sie der Artikelfchreiber LeS Montagblattes ebenso falsch als ungeschickt zitiert, zu handeln. Da Gott dem Isaak verspricht (1. B. M. Lap. 26, 3, nicht aber wie der Verfasser falsch zitiert: 1. B. M. 22, 17), daß er mit ihm fein und ihn segnen werde, denn ihm und seine Nachkommen werde er diese Länder geben (gemeint ist das Land der Philister, Gerar, vergl. Cap. 26, 1), deshalb hat Bela Kun die Räteregierung in Budapest errichtet und deShalb ist Kurt EiSner in München — ermordet worden. Da Moses den aus der ägyptischen Knechtschaft befreiten nach Kanan wandernden Israeliten verheißt: Er wird dir geben große schöne Städte, die du nicht gebaut hast ufw., fragt das ״Brünner Montagsblatt" ebenso gelehrt als geistreich: ״wer denkt da nicht an PeterSbürg, Budapest und München?" Nun darauf sind wir in der angenehmen Lage, der Redaktion des ״Brünner Montagsblatt" die beruhigende Antwort zu geben, daß Moses an Petersburg, Budapest und München tatsächlich nicht gedacht hat, ebenso wenig wie es ihm je in den Sinn gekommen wäre, darum zu denken, vom ״Brünner Montagsblatt" als ersten Bolschewiken erklärt und gebrandmarkt zu werden. Oder ist vielleicht Gott selbst der erste Bolschewist, weil eS im 6. Buche MoseS heißt: Und Gott wird ihre Könige in deine Hand geben usw.? Nun, nach dieser eigentümlichen Logik war der größte Bolschewist der Gegenwart kein geringerer als — der ehemalige Kaiser Wilhelm H. von Deutschland. Denn auch er zog vor 6 Jahren inden Krieg mit der festen Absicht, Königreiche zu erobern und Könige zu besiegen. Und weil vom ehemaligen deutschen Kaiser schon die Rede ist — vielleicht erinnert sich der Verfasser des Artikels an die kerndeutschen Aussprüche Wilhelms von Hohenzollern vor und während deS Krieges, die fast wörtlich lauten mit der Stelle im. 5. B. M. 7, 16, auf die er sich beruft (z. B. der vielzitierte Aksspruch ״Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht" u. a. m.). WaS also dev ehemalige deutsche Kaiser für das deutsche Volk erstrebte, WaS das deutsche. Volk vor und nach Ausbruch des Krieges so heiß ersehnte, worauf namentlich die gut deutsch Gesinnten, die Parteigenossen des «Brünner Montagsblatt", die Deutschnationalen mit aller .Entschiedenheit bestanden, nämlich nur einen S;egfrieden zu schließen, einen solchen Frieden, der den Gegner niederschmettert und dem Sieger eine möglichst reiche Beute einbringt, dies upd nichts anderes versprach auch Moses dem in den Krieg gegen die heidnischen Völker ziehenden Jsraelitenvolke. Daß gegen MoseS deshalb der Vorwurf des Bolschewismus einmal erhoben werden wird, war ebenso wenig vorauszusehen, wie die Tatsache, daß aus dem Aufrufe des ehemaligen deutschen Kaisers an Volk, Heer und Flotte während des Krieges eine furchtbare Anklage gegen ihn werde geschmiedet werden. Und nun zu Jesajas, den der Verfasser zu einem Oberbolschewisten stempelt. Nach Ansicht aller deutschevangelischen Theologie-Professoren gilt. Jesaja als Vorläufer deS Stifters der christlichen Religion und Kirche. In Jesaja Kapitel 11, 1—11, erblickt die christliche Theologie die Verheißung des Christentums, ebenso Jesaja Kap. 82, 13—18 und das ganze Kap. 53. Wenn aber dieser selbe Jesaja sein bedrängtes und bedrückteS Volk zu trösten und aufzurichten sucht und sich dabei solcher Ausdrücke bedient, wie sie damals üblich waren, dann hat er Schuld, daß — die Juden in Polen, Litauen und in der Ukraine massakriert werden, daß polnische Juden jahrelang von HauS und Heim Vertrieben wurden, daß sie in ihrem eigenen Vaterlande alS Fremdlinge betrachtet und behandelt werden, daß sich deutsche Männer finden, die sich nicht entblöden, durch falsche Zitate und falsche Behauptungen die urteilslose Masse gegen ihre jüdische Mitbürger aufzuhetzen und aufzuwiegeln. Heißt es doch in Jesaja: ״Und die Könige sollen deine Pfleger und die. Fürstinnen deine Säugeammen sein. Sie werden vor dir niederfallen und den Staub von deinen Füßen lecken." AuS dieser kleinen Leseprobe kann jeder Vorurteilsloser ersehen, mit welch häßlichen Mitteln gegen Juden und Judentum gekämpft , wird. Auf die weitere Anwürfe und ״Urkunden" des Verfassers näher einzugehen, glauben wir die Mühe ersparen, zu können, zumal die ״Entdeckung" deS ״Brunner Montagblatt" auf Originalität keinen Anspruch erheben kann, weil es nur das wiederholt, was in ähnlichen antisemitischen Blättern, namentlich in der ״Ostdeutschen Rundschau" schon längst zu lesen war. Und darüber hat man sich in anständigen Kreisen längst ein Urteil gebildet. Der Nestor der Wiener Laryngologen gestorben. Donnerstag, den 26. Juni, nachts, ist in seiner Wiener Wohnung, 1. Bezirk, Neutorgaffe 18, der Nestör der Wiener Laryngologen Universitätsprofeffor Dr. Wilhelm Roth nach langem qualvollen Leiden gestorben. Er hat ein Alter von 70 Jahren erreicht. Präsessor Roth war in Fachkreisen als Autorität außerordentlich geschätzt und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. DaS hohe Ansehen, das er bei seinen Kollegen genoß, zeigte sich auch darin, daß er nach dem Tode Professor ׳ ChiariSzum Präsidenten der larhngologischen Gefellschaft gewählt wurde, an deren Spitze er bis zu seinem jetzt erfolgten Tode stand. Professor.Roth widmete sich auch mit'Eifer seinem Lehramts. Seine die Erkrankungen der Atmungsorgane behandelnden Vorlesungen, die er bis in das letzte Semester hineinhielt, erweckten allgemeines Interesse. Die Arbeiterräte und (die Judenfrage. Der ReichSkonferenz der Arbeiterräte lag ein Antrag vor, gegen daS Ausnahmsrecht zu protestieren, un- 1er welchem eine gewisse Zahl jüdischer Proletarier in Deutschösterreich stehen, von dessen Staatsbürgerschaft sie die provisorische Nationalversammlung auSgeschlossen hat. Gemeint sind jene Ostjuden, die während des Krieges nach Deutfchösterreich kamen und dank der Haltung der sozialdemokratischen Nationalräte hei der seinerzeitigen Abstimmung hier kein Staatsbürgerrecht. - erlanMn können. Die ReichSkonferenz hat sich gegenüber diesem Antrage ganz merkwürdig verhalten. Sie hat eS abge-! .,Das Montagsblatt" und das Judentum. Von Dr. F. Kanter, Zwittau. Die von der Kriegsfurie jahrelang gequälte und gepeinigte Menschheit kann jetzt freier aufatmen und beruhigt in die Zukunft blicken. Dem «Brünner MontagSblatt" ist eS gelungen, den Erreger der Revolution und deS, Bolschewismus zu entdecken. Dieser ist — das Judentum. Unter der Ueberschrift ״Revolution, BolschewiSmuS und das Judentum" schreibt daS genannte Blatt (Nr. 363 vom 7. Juli) wörtlich: ״Von Trotzki und Bela Kun bis Luxenburg und Kurt EiSner sind die führenden Umstürzler der Gegenwart alle eines StammeS. DaS kann kein bloßer Zufall, sein, daß gerade immer wieder Juden daS verheerende Feuer der Revolution anfachen. DaS muß offenbar irgend einen tieferen Sinn haben". Diesen ״tieferen Sinn" hat nun daS ״Brünner Montagsblatt" in seiner großen Weisheit entdeckt und in seiner grenzenlosen arisch-germanischen Gutmütigkeit der leidenden Menschheit mitgeteilt. Dieser ״tiefe Sinn" besteht darin, daß der Keim dieses UebelS im jüdischen Schrifttum zu suchen sei. DaS ״Brünner Montagsblatt" verspricht, ״dabei ganz fachlich zu verfahren und einfach Urkunde an Urkunde zu reihen". Also jetzt haben wir es: Trotzki, Bela Kun, Rosa Luxenburg und Kurt . EiSner waren leider allzu bibelfest und im höchsten Grade talmudkundig, und daS war ihr Verderben und zugleich dctS Verderben der ganzen ״Hickls Jüdischer Volkskalender".