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Jüdische Volksstimme · 1919-07-11 · Heft 18 (11.7.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 18 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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VM 4 Rot und Verzweiflung preisgegeben ist. ES handelt sich erster Reihe um Menschen, um Familienväter, um ganze Familien, die systematisch verelenden, weil sie bei niemandem Verständnis für ihre sie erdrückenden Leiden und Sorgen finden. An der Spitze der Regierung stehen ebenfalls nur Menschen; Menschen, die aus Erfahrung wiffen, welche Ansprüche das Leben an jeden stellt und daß jeder ein — Recht auf das Leben hat. Speziell an der Spitze des Ministeriums, das man im alten Oesterreich als das für Kultus und Unterricht bezeichnete, steht ein Mann, der. aus dem Volke hervorgegangen, auch Sinn und Verständnis für die Leiden und Sorgen der breiten Schichten des Volkes befitzt und der sicherlich schon aus rein menschlichen Gründen den Leiden und Sorgen der jüdischen Kultusbeamten das nötige Verständnis entgegenbringen wird. Und die Regierung, an die wir uns korporativ zu wenden haben, wird uns helfen und — sie kann uns auch helfen. Sie hat ein Mittel in der Hand, von dem sie jederzeit Gebrauch machen kann und von dem sie auch ohne Zweifel Gebrauch machen wird, sobald sie Einblick in das Elend der jüdischen Kultusbediensteten gewinnt. Dieses Mittel heißt: LandeSmaffafondS. Die Gelder des jüdischen LandeSmaffafondS in. Mähren sollen von der Regierung beschlagnahmt und gerecht und unparteiisch verwaltet werden. Dann hat das Elend der jüdischen Kultusbeamtenschaft mit einem Schlage ein Ende. Die bisherige Leitung des jüdischen LandeSmassafouds hat namentlich in den Kriegsjahren bewiesen, daß sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist. Es geht nicht an, Millionen zu häufen, um sie dann in übergroßem patriotischem Eifer in — wertlose Kriegsanleihe anzulegen; eS geht nicht an. Tausende jährlich zu sparen und jüdische Funktionäre darben zu lassen. Es geht auch nicht ay, daß Gemeinden unterstützt werden, während die Angestellten der Gemeinden am Hungertuche nagen und darben, und es geht nicht an, daß Gemeinden unterstützt werden, die, weil sie jahrelang keine Funktionäre haben (aus Kille-Sparsamkeit!), keiner Unterstützung bedürfen. Ueberhaupt muß mit dem ganzen System der Verwaltung des LandeSmaffafondS endlich gebrochen werden: mit der Geheimnistuerei der bezahlten (!) Kuratoren, mit der Komödie, die den Delegierten vorgeführt wird, die angeblich zu einer öffentlichen. Versammlung einberufen werden, in Wirklichkeit aber dabei nicht dreinzureden haben und jedes Jahr'immer von Neuem vor eine fertige Tatsache gestellt werden. Ein neuer Geist muß in die Berwaltung des LandeSmaffafondS einziehen, vor allem der Geist der Gerechtigkeit, der wahren Nächstenliede, der Menschen-, d. h. der Beamtenfreundlichkeit. Dann wird es nicht mehr Vorkommen, daß der Präsident des LandeSmaffafondS sich die Fr—eiheit herausnimmt, über den ganzen Stand der mährischen Rabbiner den Stab zu brechen und indirekt gegen sie, die Abwesenden, den Vorwurf zu erheben, daß sie an. dem — Maffenabfall vom Judentum schuld seien; ' dann wird es auch nicht Vorkommen, daß ein jüdischer Beam- 1er nach vierzigjähriger Dienstzeit bei vollständiger In- Validität eine Pension von sage und schreibe zweitausendvierhundert Kronen jährlich als Maximum beziehe. Ist elp denn ein Wunder, wenn wir zum Minister Habermann mehr Vertrauen haben als zum Hofrat Spitzer, zum Juristen Raschin mehr älS zu den Mediginern, die im Kuratorium vertreten sind, zur tschechischen Sozialdemokratie als zur jüdischen RachmonuS? Im Uebrigen lautete mein Vorschlag, sich -er Sozialdemokratie anzuschließen, gleichviel ob der tschechischen oder der deutschen. Der^Standpunkt, den die Sozialdemokratie in der Glaubensfrage einnimmt, ist vollständig Nebensache. Hauptsache ist der menschlich e Standpunkt, den sie vertritt und den wir bei unsern Kehillomachern leider vermissen. Denn sonst könnte es nicht Vorkommen, daß in ihrem Amte ergraute ' Gemeindefunktionäre — ob Rabbiner, Kantor oder Schamesch ist höchst gleichgültig — auf ein Gehalt von weniger als drei hundert Kronen monatlich gesetzt wer- -en, darunter Männer, die eine zahlreiche , Familie zu ernähren haben. Der Mangel an innerer Organisation soll durch den Anschluß an die sozialdemokratische Partei ersetzt werden. Während des ganzen Krieges hat sich keiner um uns gekümmert; Dr. Freimann, der Präsident des Rabbinerverbandes, zog bei AuSbruch des Krieges nach Posen, der Verband löste sich von selbst' auf und fiel in sich selbst zusammen — mangels einer geeigneten Persönlichkeit, die imstande wäre, die Führerschaft zu übernehmen. Die andern Kultusbeayr׳ tat sind noch'weniger organisiert und diszipliniert als die Rabbiner. Diese Schwäche nützen die KultuSvorsteher aus und — lassen ihre Funktionär^ darben und schmachten. Und der neugegründete Gemeindebund- Er hat besseres zu tun als sich mit der Not der Gemeindebeamten zu befassen, er sammelt Gelder für — einen Herzlwald in Palästina! ,Zu helfen", schreibt das Organ de- Gemeindebundes, ,ist da nur auf die Weise, daß ein neuer, ein moderner Geist in die Kultusgemeinden einzieht. ^Und dies wird dann der Fall sein, wenn die moderne Richtung im Judentum, die nationale, siegt." (Bergl. Jüd. Volksblatt Nr. 61 vom 1. Juli.) WaS aber, fragen wir, geschieht mit den Beamten bis der moderne Geist in die Kultusgemeinden einzieht und bis die moderne Richtung' im Judentum siegt? Sollen fie weiter darben und schmachten, hungern und frieren, um sich dann mit desto größerem Eifer dem Dienste des modernen Judentums zu widmen? Da wir uns also auf niemanden verlassen können, müssen wir zur Selbsthilfe greifen und diese׳ besteht in erster Peche im engsten Anschluß an die Sozialdemokratie, ferner in der Entsendung einer Massendeputa« tion zur Zentralregieruüng nach Präg und in Berbreitung der schwarzen Listen — zur Schmach für diejenigen Gemeinden, die ihre Beamten zu diesem Schritte förmlich zwingen. (Ein Schlußartikel folgt.) UnuS pro multiS. נכןלות — I1«brllwta MMttMahrltt. ״Poale Zion". Der erste ReichSparteitag der jüdisch-sozialbemokratischen Arbeiterpartei ״Poale Zion" für die tschechoslovakische Republik. Vom 27.-29. Juni tagte in Prag der erste Reichs- Parteitag der ״Poäle Zion", der einberufen wurde, um dem Vertreter der tschechoslovakischen Reichsorganisation der »Poale Zion" am BerbandStag in Stockholm Direktiven geben zu können. Die VerbandStagung ver Weltorganisation beginnt am 10. Juli 1919. Am Reichsparteitag waren die LandeSorganisatio« nen Böhmen (Prag) und Mähren, Schlesien (Brünn); ferner die Lokalorganisationen Prag, Pilsen, Teplitz, Brünn, Mähr.-Ostrau, Göding, Olmütz, Proßnitz, Boskowitz. Oderberg, Jglau, Kremsier und Ung.-Bro- sowie die Vertrauensmannerstellen Policzka, Prerau, Lundenburg und Gaya vertreten. Es waren 39 Delegierte erschienen, die über 3700 Genossen repräsentieren. Auf der Tagesordnung der überaus arbeitsreichen Beratungen stand in erster Linie die Stellung der tschechoslovakischen ״Poale Zion" zu den beiden Internationalen. Der Parteitag sprach sich für die Zugehörigkeit zur zweiten Internationale aus.׳ In -er diesbezüglichen Resolution wurden unsere Forderungen bezüglich der sozialistischen Neuordnung der Jnternationale formuliert. Einen nicht minder wichtigen Punkt der Tagesordnung nahm das Verhältnis der ״Poale Zion" zur zionistischen Welwrgonisation und zum zionistischen Kongretz ein. Der Parteitag lehnt die Beschickung des ZionistenkongresseS in der Form eines organischen Teiles entschieden ab und stellte sich auf den Standpunkt, -ß es notwendig sei, eine Kommission aus den Vertretern der ״Poale Zion" und den Vertretern der bürgerlichen Zionisten zu buoen, damit in dieser Kommission die Einberufung eines Weltpalästinakongresses beraten werde. Dieser Kongreß, der keine Tagung erner Partei fein soll, sondern ein Parlament aller jener, die auf dem Palästinaprogramme stehen, wird alle Fragen des Aufbaus und der Kolonisation PalästinaS zu beraten" haben. Der Ausbau des jüdischen Genossenschaftswesens wird sofort in Angriff genommen werden, ebenso wird der Presse und der Jugendcganisation erhöhte« Augenmerk zugewendet werden. DaS Verhältnis der Partei zur internationalen Zentralgewerkschaft wurde geregelt und in einer Resolution niedergelegt. ES wurde ferner beschlossen, daß der Name der Partei fortan, ״Jüdisch sozialdemokratische Arbeiterpartei .״Poale Zion" zu lauten habe. In den Reichsparteivorstand wurden 17 Genossen delegiert. Zum Obmann wurde Genosse Rudolf Kohn, zum 1. Obmannstellvertreter Genosse Dr. Felix Loria gewählt. Bon mährischen Genossen wurden noch Ing. Sternlicht, Göding, Ing. Braunner, Olmütz, Keßler und Brunner, Brünn, delegiert. Am 29. Nachts wurden die ergebnisvollen Beratungen abgeschlossen. Bon jüdischer Kunst. Wenn wir an den Aufbau eines neuen, jüdischen Geisteszentrums in Erez Israel denken und uns jedes kleinen Schrittes freuen, den wir auf dem langen Wege , aus dem Dunkel heraus zu machen glauben, so geschieht Nr, 18. dies nicht nur in der Hoffnung, daß die Verwirklichung unserer Wünsche einem Teil Unseres Volles am eigeneck Leib zu gute kommen wird, sondern wir denken weiter. Wir galuben und vertrauen, daß unser jüdischeS Volk, wenn es sich einmal heimgefunden haben wird allmählich alles Fremde abzustreifen, sein eigenes Leben hervorkehre«, seiner eigenen Seele lauschen wird, statt sich an fremden Tischen als ungebetener Gast zu laben. — Für kein Gebiet kann man wohl einen ähnlichen Aufschwung mit Sicherheit Voraussagen, als in den Entwicklungsmöglichkeiten, die sich einer jüdischen Kunst bieten werden. ES besteht aber auch nirgends ein so auffallender Gegensatz zwischen der Um- Welt und der sie bewohnenden Judenheit, nirgends finden wir eine so minimale Leistung (wir sprechen natürlich nur von yualitätSletstung) wie in der künstlerischen Produktivität des Juden, gemessen an den anderen Völkern. Wir hatten in Zürich vor einigen Wochen bei einer ad hoc zufammengebrachten Aussiellung Gelegenheit, dies wiederum zu konstatieren, denn was da als ״AuSstellungswerk" eingesandt wurde, konnte nur deshalb Aufnahme finden, da es sich nicht um eine Kunstausstellung mit Minimalforderungen gewisser malerischer yualitäten, sondern um eine Veranstaltung im Rahmen eines Wohltätigkeitsfestes Handelte. Wir bemerken ausdrücklich, daß' das Gesamtbild durchaus annehmbar war, aber dies war den Leihgaaus Privatbesitz zuzuschreiben: den Pissarro und Sisley, den Monet und Renoir, den Liebe,rmann und Thoma und den Schweizern Koller, Anker, Buchser, Hodler usw. Nur wenige jüdische Künstler erregten dauerndes Interesse: Henri Glicenstein, den man ja längst als einen unserer Tüchtigsten kennt und schätzt, war mit kräftigen Aquarellen vertreten, Henri Bing sandte einige pastös hingesetzte Starndbilder voll tiefer Stimmung, JawlenSky (von dem zur Zeit der Salon Wolfsberg mehrere höchst interessante Bilder zeigt), wurde viel beachtet, aber wenig verstanden. Aus den Reihen der jüngeren Künstler nennen wir Henri Slodkh, einen feinsinnigen Graphiker, Arthur Bryks, der in glühenden Farben schwelgt und auch rein äußerlich sehr erfolgreich abschloß, und den noch ganz jungen Leo Weil, der mit einem sehr energisch behandelten Selbstporträt zum Aufmerken zwang. — Unter den Graphikern war neben Segal, der ja auch bereits bekannt ist, Hermann mit stillen Blättchen vertreten. Nicht zu vergessen ist Rabinowicz, der mit den kleinsten Mitteln eine Reihe von Radierungen zu einer harmanischen Mappe vereinigt, auSstellte. — Unter den ausgestellten Mappen sei hier auch der Sammlung ״Ostjude^" von Hermann Struck gedacht, die der Kunstler während seines Aufenthaltes in Polen'aus zahlreichen Charakterköpfen des Ostens zusammengestellt hat und die man bei dieser Gelegenheit auch bewundern konnte. — Neuerdings ist eine neue Folge von Radierungen erschienen, die ebenfalls an dieser Stelle erwähnt werden muß: Joseph Budkos ״Jahr der Juden". Wir kennen dieses neue Mappenwerk noch nicht, das jetzt in der jüngst eröffneten Ausstellung der Berliner Sezession an die Oeffentlichkeit getreten ist; wenn eS aber erlaubt ist, aus der unvergleichlich verinnerlichten Leistung in BudkoS ^.״Hagadah Illustrationen" einen Anhaltspunkt zu schöpfen, so dürfte eS sich hier um ein hervorragendes Kunstwerk handeln. Gerade unsere jüdischen Feste in ihrer Symbolik, die sich nicht nur an das Geschehen vor Jahrhunderten knüpft, sondern die alltäglich mitten in uns sich wieder, zu neuer Blüte erhebt, lassen sich in einem graphischen Werk hervorragend ausdeuten. Der JahreSreigen, angefangen beim Pessachfest, da wir noch kaum der Sklavenketten ledig, a7S ein irrend Volk inS Weite ziehen, vorüber am Berge der Erkenntnis und der Lehre, durch Trauer*. und Freudetage endlich zu des Jahres Ende gelangend, wo uns an jedem Tag mehr das Lichtchen her Ruhe und des inneren Friedens in mildem Glanze entgegenstrahlt, dieser Reigen ist ja in sich schon eine Symbolik des menschlichen Lebens — und wenn unser Boy, auf eigenem Boden stehend, wieder kräftig Wurzel schlagen 'wird in der heimatlichen Scholle, dann wird uns wohl auch ein Künstler erstehen für die lange Galuthnacht und die Aera einer echten, jüdischen Kunst wird anbrechen. '«lÄlDlDlDlDlGlSlDlS'KISITIBITITi«' Vertreter Wr vornehmes JOd. famtllenblatt gesucht Zuschriften unter: ״MHirbeKer“ an di« Admln. d. BL ISITISISISIDISISISISITISISISIS1SISI

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