Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 18 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18» anläßlich der Organisationsdebatte -ulaffen muß; denn ein Organisationsstatut, daran zweifelt Dr. H. gewiß ebenso wenig wie alle anderen, ist kein willkürlich er. dachte« Gewand, welchem sich die Bewegung anzupassen hat, sondern kann nur dann von Nutzen sein, wenn es dem gangen Körper bequem׳ und zweckdienlich ange« paßt wird. Dazu bedarf es eines Maßes außer dem geschickten Meister, der ja ohne Zweifel zu haben sein wird. Dieses Matz zu finden, dazu genügt nicht ein vorgelegtes Statut, mit dem ein großer Teil des Z. K. nicht einverstanden ist, und das, — es ist ja bisher in den weitesten Kreisen unserer׳ Gesinnungsgenossen überhaupt nicht bekannt, — auf dem Zionistentag erst bekannt gegeben und gleich beschlossen werden soll. Ohne den vorher zu machenden Versuch, unter voller Erkenntnis und Berücksichtigung aller zionistischen Anschauungen und Bestrebungen eine entsprechende gemeinsame Platform herzustellen. Nie früher, auch nicht zur Zeit des OstafrikaprojekteS, gab eS eine lebhaftere, begründetere Bewegung in unserer Gesamtorganisation undintenfivere Bestrebungen zur Erfüllung hochgespannter Erwartungen, nicht nur unter den Zionisten übrigen-, sondern unter allen überhaupt noch jüdisch fühlenden Menschen. Wir wissen noch nicht, wie sich alles das endgiltig gestalten wird, denn das Meiste ist noch im Flusse. Da wäre es doch sehr vom Uebel, ohne die gründlichste Erwägung und ohne die Zustimmung weitester Kreise unserer Zionisten sich jetzt schon und in solcher Eile auf ein OrganisatioSstatut festzulegen. Das gilt bezüglich der Beratung des OrganisationSstatute6 überhaupt. Dr. H. und seinen Freunden ist eS aber eigentlich hauptsächlich um eine ganz bestimmte'\ Aenderung zu tun, nämlich um die Anerkennung der Ortsgruppe als Grundlage der Organisation, während der zionistische Verein, bisher die Organisationsgrund- . läge, ganz aus der Organisation auszuscheiden hätte. DaS und anderes — der Fortbestand der zionistischen Vereine müßte dann wohl duröh eine eigene Zusammenfassung gesichert werden — ließe sich aber ganz j gut im Wexie eines provisorischen Rahmenstatutes be- - stimmen, das den augenblicklichen Verhältnissen im . tschechoslovakischen Staate Rechnung tragen müßte,' ohne einer sich erst späterentwickelnden festen Organi-! sationSform vorzugreifen. Für dieses Provisorium, eS gibt nämlich auch politische Gründe m.' E., die nicht für eine derzeitige Festlegung sprechen, genügt cinj halbes Dutzend Punkte. Dazu käme noch die Bewilli-! gung des Budgets für ein halbes oder ein ganzes Jahr.! Damit wäre auf diesem Zionistentage der Punkt «Or-. ganisation" zu erledigen. Weitere OrganisationSändej rungen tvären dzt. nicht vorzunehmen. Sie?fenberun0j der Tätigkeit der DistriktSkomiteeS, die ganz gute Ar-׳ beit geleistet haben, wenn sie überhaupt arbeiteten, ist^ nicht so einfach und bedenkenlos durchzuführen, wie Dr.! H. meint, und ist, ebenso wie die Frage weiterer Zenj tralisation oder Dezentralisation und Arbeitsteilung Sache der zukünftigen Entwicklung unserer Bewegung, die allein für eine solche Aenderung maßgebend sein kann. Vorläufig ist unsere Organisation genügend beweglich und elastisch, um uns bei richtiger Arbeit zu befriedigen. f Haben wir aber nur eine kurze ^Organisationsdebatte, und ich wäre für äußerste Kürze, dann bleibt uns Zeit für andere wichtigere Fragen, so für die Beratung über unsere Galuthpolitit, da wir ja gemäß dem Kopenhagener Manifest verpflichtet sind, für den Aufbau jüdischen Lebens im Galuth zu sorgen, vor allem aber für unsere Stellungnahme zu den schwierigen und dringenden Palästinaproblemen, bei deren Erörterung, last not least, auch über die sozialistischen Strömungen im Zionismus eine ernste Aussprache, erfolgen müssen wird. Wir können uns ein Beispiel nehmen an dem Ernst und der Sachlichkeit, mit der diese Fragen auf dem deutschen Zionistentag, speziell, aus dem Pälästina-Delegiertentag, behandelt wurden. Allerdings, diese Tagungen waren gründlich vorbereitet, und eine monatelange ernste Arbeit in den einzelnen Ortsgruppen war ihnen vorausgegangen. Polen in der Borsriedenszeit. Bon Dr. I. Eisenberg. הנה ושלוסימר וימיו (Jesajas, Kap. 8817) Die Zeit, die -um Frieden führt, gestattet sich für mich bitter, ja sehr bitter! Das polnische Volk hat nun feine Selbständigkeit erlangt. Der Traum eine- Jahrhunderts hat durch den Weltkrieg seine Verwirklichung erfahren. Oft und oft habe» polmsche Freiheitshelden versucht, dazaristische Jochabzuschütteln und ihre nationale Freiheit wieder zu erlangen. Allein die schwersten Zwangsarbeiten auf den Eisfeldern Sibiriens, die drückendsten Frohndienste in den Kohlen, u. Erzgruben des fernsten Urals, bildeten die Strafen für solche Versucher. Dennoch hörte da- Volk nicht auf, in Wort und Lied seine Hoffnung zu verkünden, Polen sei noch nicht verloren und es werde noch zu neuem Leben erwachen. Nun brach der Weltkrieg aus. DaS polnische Volk schloß sich dem ersten Sieger an, stellte ihm Legionen bei und half mit, die Fesfei des. Zarismus zu sprengen. Ja, selbst jüdische Kämpfer wurden, in dieselben eingereiht, deren Verwundete auch in den hiesigen Lazaretten Heilung und Genesung suchten und fanden. Das polnische Volk begrüßte auch mit Freuden die Siege der Deutschen in den Masuren, bei Warschau,. ®otlice, am Dunajee usw. und sah seine alte Hoffnung der Verwirklichung immer näher rücken. Und als es in seiner Hauptstadt seine Universität einweihen durfte, da kannte seine' Freude keine Grenzen. Nichtsdestoweniger hörten die Führer seiner Geschicke nicht auf, auch nach dem westlichen Kriegsschauplätze hinzuhorchen, die Kriegsberichte der Entente fleißig zu studieren und so ihre Hoffnungen immer weiter zu spannen. DuobuS fatigantibuS tertiuS gaudetk Der Sturz des Zarismus trug ihnen die Befreiung Kongreßpolens ein, von einer Niederlage der Zentralmächte erhofften sie die Grenzen von 1772. Die Vorfriedenszeit sollte aber ihren ganzen TrauM der Verwirklichung zuführen. Mit Beginn der BorfriedenSzeit begann aber auch für die Juden ein entsetzliches Martyrium, welches vorher unter dem Schutze der Mittelmächte standen und schlecht und recht ein erträgliches Zusammenleben mit den Polen fristeten. Mit Beginn der Vorfriedenszeit wälzte sich 'eine entsetzliche Pogromwelle von Lemberg ausgehend über ganz Galizien, Bukovina, Rufstsch-Polen und gelangte endlich auch nach Litauen. Lemberg und Pinsk bilden zwei Hauptstationen auf der furchtbareg Blutstraßc, welche polnischer Wahnwitz und polnische Bosheit geschaffen haben. Die Männer aber, welche den Frieden Europas schmieden, lassen sich von den geÜenden Wehklagen wehrloser Opfer, unschuldiger Greise und Kinder, Männer und Frauen, nicht stören und machen nicht einmal den Versuch, den Urhebern der Greueltaten ein tadelndes Wort zuzurufen. Das polnische Volk ist ja d'aS Schoßkind deS Westens und das unglückliche Litau^n wird ihm als Geschenk präsentiert. Die Unglückliche Bevölkerung Litauens, die in den letzten fünf Jahren so oft ihre Machthaber wechselte, hoffte gewiß, daß der Grundsatz WilsonS, Völker dürfen nicht wie Figuren am Schachbrett hin und her geschoben werden, auch ihr endlich Stabilität und Sicherheit bringen werde. Wie groß mag aber ihre Enttäuschung sein, daß auch sie, obwohl sie in in ihrer Mitte etwa 60—60 Prozent Juden, 20—40 Prozent Polen und Russen zählt, sich nun den polnischen Machthabern hingeworfen sieht. Dies alles als Lohn für ihre Kämpfe gegen die Bolschewiken! Die unglückliche Bevölkerung Litauens muh aber auch erfahren, wie der polnische Sieger den Schutz der Minoritäten, Welche ihm die Westmächte anvertrauten, auffaßt und verwirklicht. Sie ruft aber dem polnischen Unterdrücker die drohenden Worte des alten H illel zu, die er beim Anblick eines vom Rumpf getrennten Schädels sprach, welcher auf dem Wasserspiegel schwamm. ES ist ein kurzer in Hexameten abgefatz-' ter Satz, der jedem Uebeltäter als ״memento mori" dienen könnte. ״Al deateft atfuch, wesof metaifojich jetufun." (Sprüche der Väter, 2, 7) — Weil du Andere hast ertränkt. Ward dieses über dich verhängt. Doch auch wer dich versenkt. Dem wird eS nicht geschenkt! Andere Zeiten, andere politische Konstellationen und weltgeschichtliche Gestaltungen werden dereinst die Urheber der jetzigen Leiden der verdienten Strafe zuführen. Denn die furchtbare Vergangenheit und die noch schrecklichere Gegenwart lehren, daß der Zukunft der Menschheit keine sorgenfreie Prognose gestellt werden kann. Wahrlich, leicht ist eine Welt zu zerstören, aber schwer, sie von Neuem aufzubauen. In der Enge. ץ (Sei« Ha-Mezorim.) Bon Gerhard Kanter, Zwittau. Motto: Ach . . . daß meine Augen Tränenquellen wären, daß ich Tag und Nacht beweinen möchte die Erschla- > genen in meinem Volke. (Jer. Kap. v, V. 1.) Der K!ieg ist offiziell War beendet, allein wir sehen seine Früchte nicht, die Waffen ruhen zwar, doch die Völker kommen nicht -ur Ruhe. Und am allerweriig. * te S sten unser jüdisches Volk, dawirklich in der Enge ist. ES wird von Feinden sonder- Zahl bedrängt und namentlich unsere Glaubensbrüder im Osten werden gehetzt und verfolgt, wie man nicht ein Tier verfolgt. Unschuldige Greise und Kinder wurden hingemehelt, Mütter und Väter angesichts ihrer Kinder zu Tode gequält. Blühende Gemeinden versanken wie einst, der hl. Tempel in Jerusalem, in Schutt und Asche, Thorarollen wurden geschändet und Gottes- und Lehrhäufer verbrannt. Die armen Juden Litauens, Polens und GalizienS lebten in den vergangenen Monaten beständig in Angst und Sorge. Sie hangten und bangten um ihr Teuerstes, um ihr Leben. Lemberg, Wilna und Proskurow sind die Säulen, die aus diesem traurigen Bau hervorragen, hervorragen jetzt, im 20. Jahrhundert, zur Schmach und Schande der ganzen Kultur- Menschheit, während in Paris die hohe FriedenSkonfLrenz über das Schicksal der Völker berät. Am bedauerlichsten und traurigsten ist dabei aber die Tatsache, daß von einem solch' schrecklichen Unglück, wie es ein Po» grom ist, gerade jener Teil des Judentums betroffen wurde, der auch in den vergangenen fünf Jahren am meisten unter dem Kriege und seinen Folgeerscheinuu» gen zu leiden hatten: durch die FeindeSinwasion bezw. die Flucht. Diese Ereignisse, zu , denen sich noch die furchtbaren Pogrome gesellten, haben der jüdischen Bevölkerung im Osten ein Verweilen in den dortigen Gegenden direkt unmöglich gemacht. WaS soll man mit diesen armen, unglücklichen Menschen, die der bittersten Not und dem größten Elend preisgegeben sind, tunk Wiederum sind wir in der Enge, in den Tagen, die schon unsere Alten als Tage «in der Enge"*) bezeichnen. Es gibt aber einen Weg, der aus der Enge, der ans Licht und zum Ziel führt. Dieser Ausweg heißt:' Palästina. Palästina ist - für uns Juden das Land unserer Zukunft, denn die Friedenskonferenz hat ja bekanntlich uns dieses Land als öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte gegeben, uns somit das vollste Selbstbestimmungsrecht verliehen. Vor allem bedarf es dort Arbeiter, der Chaluzim. Und wo gibt es bessere Arbeiter als die jüdischen? Und wenn man nur diese armen verfolgten Ostjuden nach Palästina gebracht haben wird, dann haben wir zwei gute Taten vollbracht: Wir haben Juden vor dem sicheren Untergang bewahrt und andererseits helfen wir, Palästina in einen blühenden Garten verwandeln. So erweisen wir׳ unseren Glaubensbrüdern und unserem Stammland Palästina einen großen Dienst. Der Wunsch jedes guten Juden kann, soll und muß es sein, daß dies recht bald in Erfüllung gehen möge zum Heile und Wohle unseres׳ Volkes. Möge schon bald der Tag kommen, da für diese armen GlaubenSbrüder im Osten die Sonne des Glückes zu leuchten beginnen wird, ,dahcsm im Lande der Väter, und in Erfüllung gehen die Worte des Psalmisten: ״Der Herr hauet Jerusalem auf und führet die Verstreuten zusammen." (Psalm 147, B. 2.) •) Die Tage vom 14. ThamuS bis 9. Ab. Anmerkdes Verfassers. Nochmals die Notlage der Rabbiner.*) Mit meinem Artikel in Nr. 16 dieses Blattes überobiges Thema scheine ich in ein Wespennest gestochen zu haben. Dies beweisen zur Genüge die vielen Zuschriften und Zustimmungen, die täglich eintreffen, dies bestätigen auch die verschiedenen Erwiderungen in Nr^ 17 dieser Wochenschrift, wie auch die Stellungnahme des ״Jüdischen Volksblattes" in Mähr.-Ostrau zu meineu Ausführungen in Nr. 61 vom 1. ׳Juli. Es hieße die Gastfreundschaft der ״Jüdischen Volksstimme" mißbrauchen, wollte ich^es versuchen, auf jede öffentliche und. private Erwiderung und Entgegnung so einzugehen, wie es im Interesse der Sache zu wünschen wäre. Und so sehe ich mich genötigt, mich heute möglichst kurz zu fassen, um mich auf diese Weise allen verständlich zu machen. Bor allem sei bemerkt, daß mir der Standpunkt der tschechoslovakischen Regierung betreffs Trennung, der Kirche vom Staate sehr wohl bekannt ist, ebenso der Standpunkt der Sozialdemokratie, daß die Religion nur Privatsache sei. Trotzdem bin ich vollständig überzeugt, daß eine Massendeputation bei der Zentralrcgierung in Prag zum Erfolge führen wird. Denn in diesem Falle handelt eS sich gar nicht um die Religion, ihre Vertreter, Bedienstete und Angestellte, sondern um einen ganzen Stand, der, weil unorganisiert und undiszipliniert, jahrelang dem bittersten Elend, der •) Die Redaktion ist mit einzelnen Punkten des Autors nicht einverstanden.